Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Szenenfotos © Werner Kmetitsch / www.photowerk.at

Keine Oper für Prüde, „Anständige“ und Zartbesaitete:

A Harlot´s Progress

oder die verhängnisvolle Karriere einer Hure

1731/32 schuf der britische Maler und Kupferstecher William Hogarth eine Bilderfolge, die ganz im Sinne der „Modern Moral Subjects“ den fatalen Abstieg einer jungen Frau im London des 18. Jahrhunderts anschaulich macht. Diese Geschichte mag sich also vor Zeiten zugetragen haben, ist aber erschreckend aktuell geblieben und dürfte sich in ähnlicher Form in Bordells, oder wie man heute so nett sagt, Laufhäusern und im Straßenstrich nicht viel anders abspielen. Geschlechtsverkehr im Vorbeigehen, keine Spur von Gefühl und dahinter die vernichtende Ausbeutung von Menschen. Eine Vorstellung, die betroffen und nachdenklich machen sollte.

 

Der Inhalt ist rasch erzählt: Das unschuldige Mädchen namens Moll Hackabout kommt nach London, wird von einer vermeintlichen Cousine, in Wirklichkeit der Zuhälterin Needham, empfangen und für käufliche Liebe eingesetzt. Weil Moll vor dem geilen alten Stammkunden St. John Lovelace graust, will sie ausgerechnet mit dem Dieb und Nichtsnutz James Dalton ein schöneres Leben beginnen, vergebens.

Kitty, eine pragmatische junge Frau, der die Ausweglosigkeit ihrer Situation im Grunde egal ist. Molly wird schwanger, verfällt aber nach der Geburt im Gefängnis in Wahnsinn und stirbt an Syphilis. Hoffnung auf ein gutes Ende gibt es nicht. Im letzten Bild kommt ihre Tochter Nelly als Kind auf die Bühne, genauso gekleidet wie einst ihre Mutter, als sie nach London kam, und alles, der ganze Jammer, wird sich endlos wiederholen.

Das Theater an der Wien hat mit der Wahl dieses Stoffes einmal mehr spannende Oper auf die Bühne gestellt. Peter Ackroyd hat das Libretto verfasst, der Text wird also in Englisch gesungen. Auch wenn man sich im Englischen an sich recht passabel zurechtfindet, sind die deutschen Untertiteln doch eine große Hilfe, um der Handlung folgen zu können. Die meisten der verwendeten Ausdrücke lernt man nicht im Kurs English for Business. Es fetzt nur so von obszönen Verbalinjurien.

Klar! Im Hurenmilieu wird kein Oxford gesprochen. Ficken ist noch harmlos, deftiger wird´s schon bei der Hundsfotze, der Schlampe und der Wichserin. Pocken über die Hure ist noch der frömmste Wunsch, den man einem anderen mitzugeben hat.

 

Komponist ist der junge Brite Iain Bell. Ihm wurde der Auftrag zu dieser Oper erteilt, und er hat daraus ein Tongemälde geschaffen, das in einem weiten Spektrum von Stimmungen das dreckige London und die Befindlichkeit des Abschaums hörbar macht. Seine Musik packt einen vom ersten Moment. Kontrabässe und Tuba erzeugen den Nebel über London, aus dem nach und nach dunkle Gestalten auftauchen, die sich im Licht des anbrechenden Tages zu einer gierigen Horde von Markthändlern formen, die Fisch und Fleisch, vermischt mit Dreck und Fett verkaufen

Bell hat zugunsten einer durchgehend klaren Harmonie auf atonale Experimente und ähnliches verzichtet. Trotzdem klingt seine Musik in jedem Moment neu und ist in ihrer Melodik punktgenau auf die Sänger zugeschnitten. Mit der Erklärung der Handlung nimmt sie sich wesentlich mehr Zeit, als alle die beteiligten Herren jemals für die Benutzung einer Hure aufwenden.

Der alte Hurenbock St. John Lovelace wird von Christopher Gillet gesungen und so unangenehm gespielt, dass man ihn von der zwangsläufig grinsenden Molly herabprügeln möchte. Er kommt zwar außer Atem, wenn sie ihn reitet, krepieren will er aber nicht. James Dalton (Nathan Gunn) hätte das Zeug zum Sympathieträger, verspielt aber jede Zuneigung, wenn er so überhaupt kein Gefühl für Molly aufbringt, sondern sie kurzerhand vergewaltigt, wenn sie nicht so will, wie ihn gerade die Hormone treiben, und sie am Ende gänzlich im Stich lässt. Kitty (Tara Erraught) ist ruhender Pol im wirren Geschehen und gerät zum Ende hin in schroffen Gegensatz zu Mother Needham. Marie McLaughlin ist für eine Puffmutter fast zu attraktiv. Man nimmt ihr trotzdem die Profession ab, vor allem aber die Kälte, mit der sie ihr Geschäft betreibt.

Die große Sopranistin Diana Damrau ist Moll Hackabout. Sie schafft die Wandlung vom unberührten Jungfräulein vom Lande in die erfolgreiche Hure, zieht das Publikum in die billige Absteige mit hinab, wo fette, tranige Typen auf einen Hupfer vorbeischauen und sie recht und schlecht damit ernähren, und erschüttert es mit ihrem Verfall und Wahnsinn. Es wird beinahe unerträglich, wenn sie in Fieberträumen den mittlerweile erhängten James bei sich sieht und sich von ihm Trost erwartet.

Erst als sich die anfängliche Zuneigung dieser Erscheinung letztlich wieder in die ursprüngliche Ablehnung wandelt und sich damit Molls letzter Trost verflüchtigt, darf sie sterben.

 

Das Orchester im Graben sind übrigens die Wiener Symphoniker, das singende Volk auf der Bühne der Arnold Schönberg Chor neben der Statisterie des Theater an der Wien. Souverän am Pult: Mikko Franck. Inszenierung: Jens-Daniel Herzog, der mit Bühnenbildner Mathis Neidhardt aus ein paar verschiebbaren Lattenwänden und karger Ausstattung – es gibt eigentlich nur ein paar Betten – der zeitlos modernen Geschichte von der verhängnisvollen Karriere einer Hure auf der Bühne des Theater an der Wien den Schauplatz aufbereitet.

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