Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Michael Mischinsky, Claudio Falvay, Andras Sosko © Erich Wolf

EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT voll düsterem Nebel

Eines langen TAges Reise in die Nacht Ensemble © Erich Wolf

Vier Menschen, gefangen in verzweifelter Hassliebe zueinander

„Blut und Tränen, geboren aus frühem Schmerz“, sagte Eugene O´Neill über seine Tragödie „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Sie ist, so liest man in den Einführungen zum Stück, eine Aufarbeitung von Miseren seines eigenen Lebens, vor allem seiner Kindheit, die er nach eigener Aussage nie gehabt hat (I had no childhood) und einer Jugend in einer desolaten Familie, deren Mitglieder dennoch in Hassliebe aneinander gekettet waren. O´Neill (geb. 1888) rechnet schonungslos damit ab.

Dagmar Truxa, Michael Mischinsky © Erich Wolf

Als Schriftsteller hat er bereits 1920 den Pulitzer-Preis erhalten und wurde 1936 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Seine als Drama aufgearbeitete Selbstbiografie wurde 1941 vollendet, sollte aber erst 25 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1953 veröffentlicht werden. Seine Witwe setzte sich über das Verbot hinweg und gab das Stück für die Bühne frei. Der Erfolg dieser bitteren Auseinandersetzung von vier Menschen, die alle an ihrem Leben gescheitert sind, ist schwer zu erklären. Es sind wohl die dichten Dialoge, die aufbrausenden Emotionen, die bis zu körperlicher Aggression reichen, und die der Handlung innewohnende Wahrhaftigkeit, von denen das Publikum seither mitgerissen wird. Es ist kein angenehmes Erlebnis, zuschauen zu müssen, wenn die Mutter dem Morphium verfallen ist, der ältere Sohn dem Suff, dessen Bruder an Schwindsucht leidet und der Vater krankhaft geizig ist und sich den Vorwurf anhören muss, an dem Dilemma deswegen schuld zu sein. Aber man setzt sich dennoch mit an masochistische Lust grenzendem Vergnügen diesem auf der Bühne ausgetragenen Kampf um die seelische Existenz aus.

Beate Gramer, Claudio Falvay © Erich Wolf

Erich Martin Wolf hat das Wagnis unternommen, diesen dramatischen Gewaltakt auf die kleine Bühne des theater experiment zu stellen. Und er hat gewonnen. Neben dem tapferen Ensemble hat bestimmt auch der spiritus loci dieses engagierten Kellertheaters in der Liechtensteinstraße 132 in 1090 Wien zum Gelingen dieses Unternehmens beigetragen. Man braucht dazu nur die Plakate der vergangenen Jahre, die im engen Gang zum Theaterraum aufgehängt sind, anzuschauen.

Die Stücke, die dort gespielt werden, haben durchwegs außergewöhnlichen Tiefgang. Hier gibt es kein Schielen auf den Erfolg leichten Boulevards. Die Betreiber Fritz Holy und Erwin Bail sind Connaisseure bezüglich anspruchsvollem Theater, das sich durch ihren Einsatz auch auf kleinstem Raum und mit einfachsten Mitteln entfalten kann. So besehen ist das „experiment“ der passende Schauplatz auch für einen riesigen Brocken wie dieses Stück von Eugene O´Neill.

Michael Mischinksy, Andras Sosko © Erich Wolf

Michael Mischinsky gibt dem von ihm dargestellten Familienoberhaupt James Tyrone die Bestimmtheit eines Mannes, der es zu etwas gebracht hat, und der deswegen der Meinung ist, dass er das Sagen hätte und seine Überzeugung auch durchzusetzen versucht. Er macht aber auch die eigene Hilflosigkeit, die sich in überhöhtem Konsum von Whisky ausdrückt, und die Ohnmacht gegenüber den Schwächen der Angehörigen seiner Familie deutlich. James Tyron Junior ist der ältere Sohn (Andras Sosko).

Er bringt nicht wirklich was zuwege, kann aber die Goschen ordentlich aufreißen und das Unvermögen eines versoffenen und verhurten Losers selbstbewusst die anderen teils sogar schmerzlich spüren lassen. Claudio Falvay ist als der jüngere Bruder Edmund derjenige, den Sensibilität, Gedankentiefe und nicht zuletzt schmerzhafte Hustenanfälle von den anderen Angehörigen trennen. Eine der berührendsten Szenen ist das Gespräch zwischen der leicht betrunkenen Cathleen, dem Hausmädchen (Beater Gramer), und Mary Tyrone, der Frau von James. Seit der Geburt von Edmund ist sie abhängig vom Morphium, spricht durchaus aber auch harten Getränken zu. Sie ist sich des Problems bewusst, kann aber nicht anders, als sich regelmäßig das Gift zu injizieren, um mit der sie umgebenden Welt einigermaßen fertig zu werden, wenngleich sie diese ihrerseits auch gehörig quält. Dagmar Truxa zieht in dieser Rolle alle Register ihres Könnens.

Sie erscheint als fröhliche Gattin und Mutter, die ihre Sucht angeblich überwunden hat, um im nächsten Moment mit panischem Flackern ihrer Augen eine Möglichkeit für eine erlösende Spritze zu suchen. Das alle verbindende Element ist die Hoffnungslosigkeit, die in dieser Inszenierung bis zum Schluss bestimmend bleibt, unterstrichen von den Nebelhörnern der Schiffe, die irgendwo draußen ertönen, bedrohlich und Angst einflößend wie der undurchdringlich düstere Nebel selbst, der diese Reise eines langen Tages in die Nacht begleitet.

Dagmar Truxa, Claudio Falvay © Erich Wolf
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