Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Antons KUHlinarium Ensemble © Rolf Bock

Antons KUHlinarium Ein Abend für einen vergessenen Literaten

Antons KUHlinarium Ensemble © Rolf Bock

Szenen und Texte aus einer Zeit, als Herr Index noch einen Vornamen hatte

Um diese seltsame Gleichung, also Melange = Milch + Kaffee, ausrechnen zu können, muss man sich mit Anton Kuh (1890 in Wien geboren, 1941 in New York verstorben) einlassen. Kurt Tucholsky nannte diesen geistreich witzigen Kaffeehaus-Literaten respektlos einen „Sprechsteller“, weil er angeblich seine Bonmots der Bequemlichkeit halber der ihn umgebenden Runde bei eben dieser Melange mündlich weitergegeben haben soll. Trotz der überlieferten Schreibfaulheit hat Anton Kuh jedoch ein beachtliches Œuvre an gedruckten Satiren und Prosastücken hinterlassen. Er hat einfach seine Umwelt vom Kaffeehaustisch aus beobachtet, hat die Gespräche der anderen Gäste mitgehört und dazu seine Gedanken zu messerscharfen Pointen geschliffen. Er hat miterlebt, wie 1918 das Abwandern aus dem Stammlokal Österreich eingesetzt hat, er beschreibt die Herren Lederer und Spitzer, die sich um den Vornamen eines ihnen nicht näher bekannten Herrn Index fragen, erzählt die Geschichte vom mehr oder weniger menschlichen Schöffen und lässt im Schuhgeschäft einen Kunden schlicht aber vergeblich Kultur begehren.

Stefanie Gmachl, Alexander Nowotny © Rolf Bock

Vielleicht hat auch ihn einst die Biene gestochen, die einen Zeitgenossen im wildesten Trubel zum Sitzenbleiben zwingt und diesen damit in den Ruch, ein Philosoph zu sein, bringt. Dass der – verbotene – Adel in den 1920er-Jahren noch Ansehen verschaffen konnte, will Kuh mit der Reaktion eines Wachmannes beweisen, der einen vermeintlichen Blaublütigen nächtens beim Wildpinkeln betritt und anstatt zwei Schilling Strafe zu kassieren untertänig vor ihm salutiert. „Der Sohn des Zimmermanns“ ist ein Sketch, der die Gestalt von Jesus in die Nähe des Bolschewismus rückt, während das Räsonieren über einen hingekritzelten Brief die Gewissheit schafft, dass Unleserlichkeit Unvergänglichkeit beschert.

Andrea Schwent, Stefanie Gmachl, Erwin Bail und Alexander Nowotny schlüpfen für „Melange = Milch + Kaffee. Antons KUHlinarium“ behände in alle diese Rollen, die ein Österreich vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Einmarsch des Führers aus der Sicht dieses kritischen Geistes lebendig machen. Der feine Nebeneffekt ist die Bekanntschaft mit einem der vergessenen Genies der Kaffeehausliteratur, in dessen Gesellschaft man selbst gerne einmal bei Melange und Wuchteln gesessen wäre.

Andrea Schwent, Alexander Nowotny, Stefanie GMachl © Rolf Bock

Gespielt wird Melange=Milch+Kaffee Antons KUHlinarium bis 3. März 2018.

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