Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Alexander Nowotny, Rafael Witak

DRAUSSEN VOR DER TÜR wird der Gemordete zum Mörder

Stefanie Gmachl, Rafael Witak

Nach dem Krieg ist ein zeitloses Elend

1000 Tage war Beckmann in Gefangenschaft in Sibirien. Er hat eine Kniescheibe verloren und das Bein ist steif. Aufgrund seiner Kurzsichtigkeit muss er Augengläser tragen, besitzt aber nur die Gasmaskenbrille, die wie die Facettenaugen einer Stubenfliege an seinem Kopf sitzt, aber recht gut zu seiner zerrissenen Uniform und zu seinem Häftlingshaarschnitt passt. Als er endlich frei ist und nach Hamburg zurückkommt, sind ihm alle Türen verschlossen. Seine Frau lebt mittlerweile mit einem anderen Mann. Er will ins Wasser gehen, aber die Elbe ist gnadenlos und schmeißt ihn ins Leben zurück. Die junge Frau, die ihn gerettet hat, muss er wieder verlassen, weil ihr Mann, ebenfalls ein Krüppel, plötzlich mit Krücken in der Tür steht. Unwirkliche Gestalten beginnen ihn zu umkreisen. Der Andere, ein Ja-Sager, die Andere, die jeder kennt, der Tod als Straßenkehrer und selbst der Liebe Gott werden zu seinen Gesprächspartnern. Sie treiben ihn zu seinem ehemaligen Oberst, dem Beckmann die Verantwortung für elf unter seinem Kommando gefallene Soldaten zurückgeben will.

Rafael Witak als Beckmann, einer von denen

Der findet Beckmanns Aufzug allzu drollig und schickt ihn, bevor er ihn vor die Tür setzt, zu einem Kabarettdirektor. Auch der kann sich mit dem Anfänger Beckmann wenig anfangen, mit dem Ergebnis, dass auch diese Tür zugeschlagen wird. Von der Tür der Wohnung seiner Eltern weist ihn die neue Bewohnerin weg. Er landet auf der Straße und findet dort die einzige Tür, die für ihn offen steht, den Tod, der nach dem Krieg vom General zum Straßenkehrer degradiert wurde. Trotz guten Zuredens des Anderen will er dort durchgehen, nicht ohne eine bittere Abrechung mit den Menschen, die ihn mit jedem Abweisen ermordet haben, und mit dem Lieben Gott, der sich die Frage gefallen lassen muss, wo er denn war, als Tausende im Krieg gefallen sind. Aber auch Beckmann ist ein Mörder, denn der Mann mit den Krücken hat sich aufgrund seiner Anwesenheit ebenfalls in der Elbe ertränkt.

Manuel Girisch, Rafael Witak, Andrea Schwent

Wolfgang Borchert hat „Draußen vor der Tür“ innerhalb von acht Tagen niedergeschrieben. Er starb am 20. November 1947, einen Tag vor der Uraufführung. Das Stück ist eine Anklage gegen den Krieg, der Borchert die Gestalt von Beckmann gegeben hat. Das Elend einer Nachkriegszeit, auch wenn es uns derzeit nur am Rande betrifft, ist ein zeitloses Phänomen und der Satz, dass jemand kommen könnte, der einen ganzen Erdteil in die Luft sprengt, ist von beängstigender Aktualität.

Überzeugen sollte man sich davon im Theater experiment, wo derzeit dieses Stück auf dem Programm steht. Fritz Holy zeichnet als Regisseur, der die Düsternis des Geschehens auf der von Erwin Bail gestalteten Bühne bis zur Beklemmung umgesetzt hat, aufgehängt an das Lied Tapfere kleine Soldatenfrau, das sich in dieser Situation wie böser Hohn ausnimmt. Stefanie Gmachl, Manuel Girisch, Andrea Schwendt, Erwin Bail und Alexander Nowotny bestreiten alle die „Nebenrollen“, angefangen von den realen Menschen wie dem Mädchen, dessen Mann auf einem Bein nach Hause kam, dem Oberst, der lustig ist, oder der biestigen Frau Kramer bis zu den Unwirklichen, unter denen der alte Mann, an den keiner mehr glaubt, oder der Andere, den jeder kennt.

Sie alle tragen ihren Teil zur Misere des verhinderten Heimkehrers bei. Rafael Witak ist der mit seinem Dasein hadernde Beckmann. In ergreifender Intensität zieht er die Verzweiflung eines im Krieg schwer Verwundeten und darob hoffnungslos Ausgestoßenen durch. Obwohl der 25jährige Mann für das Sterben viel zu jung ist, bemerkt man als Zuschauer mit Erschrecken, dass man ihm nichts mehr wünscht, als baldigst durch die einzige offene Tür, die der Tod für ihn aufgemacht hat, durchgehen zu können.

Erwin Bail, Rafael Witak
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