Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Großkopfade und Sacklpicka Ensemble © Josef Vonblon

Wiener Kriminalgeschichte als spannendes Stationentheater

Claudia Hisberger, Peter Bohr (Puppe), Eva Billisich © Bernadette Kizik

Großkopfade, Sacklpicka und a Einedrahra, der nach Mauer kommt

Keine Angst, perfekt Wienerisch zu sprechen ist kein Muss, wenn man dem theaterfink in die Abgründe der Wiener Seele folgen will, aber doch recht hilfreich. Wieder einmal öffnet dieses kleine, aber ungemein engagierte Ensemble einen uralten Kriminalfall und holt diesen Cold Case herauf in die Gegenwart. Theater pur wird geboten, mit einer durchaus spannenden Handlung, mit Gesang, raffinierten „Kulissenkostümen“ und faszinierend gutem Puppenspiel. Ort des Geschehens ist dieses Mal der Weinort Mauer im Süden von Wien. Von Station zu Station nähert man sich einer Aufklärung, was es mit dieser geheimnisvollen Leiche auf sich hat, die bestens mumifiziert in einem Keller, versteckt in einem Weinfass, gefunden wurde, und landet – keine Überraschung! – bei einem Heurigen.

 

Hauptfigur ist eine schillernde Gestalt namens Peter Bohr, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch diverse Geschäfte und gesellschaftlich bestens vernetzt zu einem Vermögen kam, dieses aber wieder verspielte und darob sein Heil im Geldfälschen suchte.

Walter Soyka, Rudolf Edler von Felsenthal (Puppe) © Josef Vonbon

Bohr war ein exzellenter Kupferstecher, der sogar an der Entwicklung der Guillochen (Sicherheitsmerkmale auf Banknoten) mitarbeitete, und ein Finanzgenie, unter anderem war er Mitbegründer der Ersten Österreichischen Spar-Casse. Trotz dieser einschlägigen Talente ließ es sich jedoch nicht verhindern, dass er den letzten Teil seines Lebensabends im Gefängnis verbrachte. Der Großkopfade, der es sogar zum Ritter von Bohr gebracht hatte, wurde zum Sacklpicka. Dass er als Häftling tatsächlich Sackerl geklebt hat, ist nicht anzunehmen. Er war wohl einer derjenigen, die auch in dieser misslichen Situation Privilegien genossen haben – was man ja aus unseren Tagen bestens kennt, in denen ebenfalls Promis und höher gestellte Personen hinter Gittern landeten, um bald darauf als Freigänger oder mit Fußfessel wieder ihrem gewohnten Leben nachgehen zu können.

Ensemble in den originellen Kulissenmasken © Josef Vonbon

Diese Verbindung zur Gegenwart wird in diesem Stück nach einer Idee von Gabriele Müller-Klomfar & Susita Fink deutlich herausgearbeitet. Es gab und gibt immer diejenigen da oben, die es sich stets richten können, und die vielen anderen, denen Geld fallweise zum Fremdwort wird. So treffen sich die sowohl arbeitslose wie abgebrannte Gerichtsmedizinerin Edith (Eva Billisich) und deren Freundin Hannelore, Beamtin im Bundesdenkmalamt (Claudia Hisberger) und verheiratet mit einem Geschäftemacher, weil in einem Abbruchhaus die erwähnte Leiche gefunden wurde und Hannelore ein privates Gutachten braucht. Die Leiche gab es übrigens tatsächlich. 1906 berichtet das Deutsche Volksblatt von einem Skelettfund im Banknotenhäusl. Einer der Mieter war seinerzeit dieser Peter Ritter von Bohr.

 

Damit geht das Spiel über die Ebenen der Zeiten hinweg los und wird zu einer – allerdings recht sanften – Abrechnung mit der Ungerechtigkeit, die alle diejenigen empfinden, denen die Gabe ungeniert Geld zu machen fehlt.

Susita Fink und Walter Kukla verkörpern mit vollem Einsatz die Vergangenheit, angefangen vom Peter Ritter von Bohr über Mathilde Gräfin Christalnigg bis zu den damaligen Größen aus Politik und Wirtschaft. Auch das Publikum spielt mit, zumindest wird es zu Hilfsorganen wie Agenten und Konfidenten des Polizeikommisärs Rudolf Edler von Felsental (eine Puppe) ernannt und mit Falschgeld ausgestattet.

Dem Zug voran marschiert Walter Soyka mit der Knopfharmonika, damit es in den Straßen von Mauer zwischen den feinen Villen rezenter Großkopfada kein Verirren gibt und die Gesellschaft sicher dort landet, wo nach Enthüllung der Leiche bei einem Glas Wein darüber nachgedacht werden kann, wie wenig sich an der alten Weisheit seit damals geändert hat: „Die Kleinen werden gehängt und die Großen lässt man laufen.“

Endstation Heuriger, Ensemble © Josef Vonbon
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Weitere Vorstellungen (jeweils 19.30 Uhr): 27., 28., 29. August 2015 2., 3., 5., 9., 10., 11., 12. September 2015

 

Treffpunkt: 1230 Wien; Maurer Hauptplatz 9 (vor dem Kriegerdenkmal)

Dauer: ca. 100 Minuten, Kartenpreis: € 20,- Ermäßigt: € 16,- Kartenreservierungen unter: Tel. 0680/126 53 86 und auf www.theaterfink.at/kartenbestellung

 

Anmeldung unbedingt notwendig!!!!!

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