Kultur und Wein

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Festspiele Stockerau: Rückkehr zum Sprechtheater mit Friedrich Dürrenmatt

Das grausame Märchen vom Besuch der reichen alten Dame

Züge donnern durch den Zuschauerraum, und wenn einmal einer anhält, dann bedeutet das nichts Gutes – vor allem dann, wenn es einer der Schnellzüge ist, die längst die Kleinstadt Güllen ignorieren. Claire Zachanassian hat die Notbremse gezogen. Diese Frau kann es sich spielend leisten, jeden Unmut mit Geld zu beseitigen. Sie ist Erbin eines gewaltig großen Vermögens und ist in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Hergeführt hat sie ihr Rachebedürfnis, das in einem bizarren Geschäft mit den Bewohnern von Güllen mündet. Mit einer unvorstellbar hohen Geldsumme erkauft sie den Tod ihres Geliebten, der sie einst mit einem Kind im Leib sitzen gelassen hat.

r.o.: Charly Rabanser & Anne Bennent als Ill und Claire Zachanassian © Leighton Woodward - Festspiele Stockerau

l.o.: Anne Bennent als „Alte Dame" © Leighton Woodward - Festspiele Stockerau

l.u.: Chiamaka Chiedum (Die Vertraute) und Anne Bennent © Leighton Woodward - Festspiele Stockerau

Friedrich Dürrenmatt hat mit dieser im Grunde ausweglosen Situation die Basis für eine schonungslose Abrechnung mit der Menschheit an sich, mit deren Geldgier, aber auch mit den Schwächen unserer abendländischen Kultur geschaffen. Allein die Handlung garantiert Spannung bis zur letzten Szene. Diese wird durch eine Reihe großartiger Einfälle verstärkt. So untermalt der Musiker Karl Ritter mit Gitarrensound die Handlung, schräg klingende Blasmusik ertönt, um Feierlaune zu verzerren. Nach der Pause zieht Anne Bennent als Claire von draußen zur Bühne. Den Weg durch die tratschenden und Sekt trinkenden Zuschauer bahnt sie sich mit gespenstischen Saxophontönen und holt damit das Publikum zurück in den Saal. 

 

Mit dem Besuch der alten Dame ist das Sprechtheater wieder zu den Festspielen Stockerau zurückgekehrt. Der neue Intendant und gleichzeitig Regisseur Zeno Stanek hat sich „ganz bewusst für einen Klassiker der Moderne entschieden, der in einem urbanen Umfeld spielt.“ Stockerau statt Güllen, darauf spielen bei Aufführungen im Freien die im Bühnenbild wiederkehrenden Elemente wie Treppen und Häuserfassaden an. In der Auswahl der zahlreichen Darsteller hat Stanek eine ausgesprochen gute Hand bewiesen. Die einzelnen Charaktere, ob Alfred Ill (Charly Rabanser), Bürgermeister (Robert Reinagl), oder die beiden Blinden Koby und Toby (Paola Aguilera, Rebecca Döltl) sind genau die Typen, die auch Dürrenmatt vorgeschwebt sein müssen.

 

Anne Bennent ist Claire Zachanassian. Mit Ehrgeiz ist sie böse und lässt doch immer wieder völlig andere Seiten dieser reichen alten Dame durchschimmern, zum Beispiel Liebe, die über die Enttäuschung hinweg gehalten hat, als eine Erinnerung, die allerdings nur mit dem Tod ihres Geliebten gelöscht werden kann. Mit dem Gelingen ihres Vorhabens wurde ein für alle Mal außer Zweifel gestellt, dass mit Geld alles möglich ist, auch die Pervertierung der Gerechtigkeit, wenn diese mit tödlicher Brutalität durchgesetzt wird. Es stockt einem am Ende der Atem – und man erholt sich erst wieder, wenn sich Güllen, pardon, Stockerau nach der Vorstellung mit Nach(t)konzerten als freundliche Heimstatt junger talentierter Musiker in gastlichen Lokalen empfiehlt.

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