Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Orthogonalansicht des neuen Hofburgtheaters  Gottfried Semper und Carl von Hasenauer

ARCHITEKTUR-ZEICHNUNG erstmals in diesem Umfang zu sehen

Orthogonalansicht des Hofpavillons der Stadtbahn in Wien-Hietzing  Joseph Maria Olbrich

Meisterwerke oder Kunstwerke? Eine an sich unnötige Unterscheidung

Der Architekt hat eine Idee, ein Konzept. Er skizziert spontan und freihändig mit ein paar lockeren Strichen das geplante Gebäude. In seiner Ausbildung hat er das Zeichnen gelernt. Dazu kommt nicht selten das künstlerische Vermögen, damit den Blick des Betrachters zu fesseln. Er braucht sich in diesem Moment noch nicht an eine grafische Kodifizierung oder Normierung zu halten. Derlei Einschränkungen beginnen erst mit der Studie, in der eine konkrete stereometrische Form, Bauweise, Größe, Proportion und Gestaltung sichtbar werden müssen. Im nächsten Schritt kommen Reißbrett und Lineal zum Einsatz. Der Planzeichner fertigt den Grundriss an, als die waagrechte Schnittfläche eines Bauwerks. Es folgt der Querschnitt, um das innere Gefüge deutlich zu machen. Er vermittelt Ansichten von Raum-, Geschoß- oder Gebäudehöhen und gleichzeitig das Aussehen die Gliederung der hinter der Schnittebene liegenden Wände.

Ehrenpforte für Kaiser Franz I. Stephan und Kaiserin Maria Theresia  Franz Anton Danne

Diese werden im Aufriss oder der Orthogonalansicht wiedergegeben. Zuletzt, und das ist eine der jüngsten Entwicklungen in der Architekturzeichnung, entsteht die Perspektivansicht. Sie gibt dem Betrachter, also dem Bauherrn oder dem Laien, Gelegenheit, sich das Gebäude räumlich in seiner Umgebung vorzustellen. Erforderlich ist dabei die Dreidimensionalität der Malerei, das Vermögen, Perspektive richtig anzuwenden bzw. den Perspektivpunkt dort anzusetzen, von dem aus das Objekt nach Meinung des Auftraggebers gesehen werden soll.

A Dagger into the Heart of the City  Hans Hollein

Die Ausstellung „Meisterwerke der Architekturzeichnung aus der Albertina“ (der erste Teil ist bis 25. Februar 2018 zu sehen) wird mit diesen Grundkenntnissen eingeleitet. Unter den Stichworten „Brücken-Architektur“, „Zierbrunnen“, „Residenz“, „Villa“ oder „Gartengebäude“ werden die einzelnen Gebiete der Anwendung vorgestellt. So erfährt man im Abschnitt „Bau-Dekoration“, dass dekorative Elemente an Bauwerken keinerlei örtlichen oder sachlichen Beschränkungen unterliegen und sowohl formell wie materiell dem Stilwandel unterworfen sind. Auch die Farbe spielt eine wesentliche Rolle.

Polychromie stellt eine primär ästhetische Komponente dar, die Räume strukturiert oder unterschiedliche Bauteile akzentuiert. „Die Kuppel“ und der „Turm“ sind sowohl in ihrer Konstruktion als auch in ihrer Bedeutung Ausnahmen den anderen Gebäuden gegenüber, da sie von weitem zu sehen sind und in ihrer Form und Gestaltung eine besondere Botschaft vermitteln wollen. Dem nicht zuletzt Wiens Stadtbild prägenden Historismus ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

 

Die „Schulung“ des Besuchers ist freilich mit einer Reihe beeindruckender Beispiele illustriert und damit bereits ein Kunsterlebnis der besonderen Art. Die gezeigten Werke stammen aus der 40.000 Blätter umfassenden Sammlung von Architektzurzeichnungen.

Darunter finden sich Skizzen, Studien und Entwürfe von Gian Lorenzo Bernini, Francesco Borromini, Gottfried Semper, Theophil Hansen, Otto Wagner, Adolf Loos, Clemens Holzmeister, Hans Hollein u. a. Ergänzt werden sie von Zeichnungen mit architektonischem Inhalt und Panoramen, Veduten oder Architekturcapriccios von Pisanello, Canaletto, Francois Boucher, Hubert Robert, Maarten van Heemskerk, Carl Schütz oder Franz Alt aus der Grafischen Sammlung. Der Bogen spannt sich von der Spätgotik und Renaissance über Barock und Klassizismus, Historismus und Jugendstil bis zur Architektur der Gegenwart.

Vogelperspektive und Lageplan zum Projekt Slum Clearance in Manhattan, New York  Josef Frank
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