Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der gute Mensch von Sezuan Ensemble © Bettina Frenzel

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN als beste Gelegenheit zu einem guten Brecht

Johanna Elisabeth Rehm und Ensemble © Bettina Frenzel

Was tun, wenn zu viele Versinkende nach einem Rettungsboot greifen?

Bertolt Brecht hat seine Suche nach den Grundlagen der Moral in spannende Theaterstücke verpackt. Er kommt damit den Menschen zweifellos näher als jeder Philosoph (wer kennt schon die diesbezüglichen Schriften von Arthur Schopenhauer?) oder religiöser Ethiker, von denen bestenfalls Zitate zum Aufputzen herangezogen werden. Von Politikern ganz zu schweigen. Diese Damen und Herren triefen vor Mitgefühl und Menschenliebe, wenn es im Sinne der Optimierung von Wählerstimmen dienlich ist und der Einsatz für Verfolgte und Unterdrückte der Parteilinie entspricht. Brecht versucht ehrlich zu sein. Er überträgt seine Maximen auf die Darsteller seiner Rollen und macht sie damit direkt miterlebbar für das Publikum. „Der gute Mensch von Sezuan“ ist eine solche Parabel. Brecht hat sich dazu in der Antike bedient, bei Philemon und Baucis, und er hat auch den Blick in die Bibel, in das Alte Testament, nicht gescheut und Sodom und Gomorra beschworen. Der Mensch, so sein Statement, ist schlecht. Er schickt drei Götter auf die Erde, die zumindest einen guten Menschen ausfindig machen sollen.

Hans Steunzer, Johanna Elisabeth Rehm © Bettina Frenzel

Fündig werden sie bei der Prostituierten Shen Te. Sie wird mit Geld belohnt, kann aber in ihrer hilflosen Güte damit nichts anfangen. Ihre Mitmenschen, egal ob arm oder reich, überrennen sie so lange, bis sie ein ungnädiges Alter Ego erfindet. Als ihr Vetter Shui Ta hat sie den Durchblick, wird zum Geschäftsmann und ist tüchtig genug, als Arbeitgeber sogar ihren Blutsaugern ein durchaus erträgliches Leben zu sichern. Brechts Schlussfolgerung ist ernüchternd. Statt Dankbarkeit erntet sie Hass. Die Armen in seinem Stück wollen alles geschenkt haben, die Reichen versuchen sowohl mit ihr (Shen Te) als auch mit ihm (Shui Ta) ihre selbstsüchtigen Interessen durchzusetzen. Der Wahrheitsfanatiker Brecht lässt am Schluss offen, ob es überhaupt möglich ist, gut zu sein.

Bernie Feit © Bettina Frenzel

Bruno Max hat für sein Theater zum Fürchten diesen Brecht erstens mutig ins Programm genommen, zweitens diesen beeindruckend inszeniert. Auf krampfhafte Modernismen oder unverständlichen Schnickschnack wurde verzichtet. Die Bühne (Marcus Ganser) ist eine triste Gegend in der Stadt Sezuan. Ölfässer prägen das Ambiente, in dem sich im Handumdrehen eine Trafik, eine Tabakfabrik oder ein Gerichtssaal aufbauen lassen. An der Seite oben ist die Musikantenbudel eingerichtet.

Auf ihr begleiten alternierend Andreas Brencic/Frizz Fischer und Fritz Rainer/ Daniel Klemmer die Chansons mit der Musik von Paul Dessau am Keyboard und am Schlagzeug.

 

Über eine Gangway steigen smart aus außerirdischem Blau die in strahlendes Weiß gehüllten Götter Hans Steunzer, Sonja Sutor und Hermann J. Kogler zur Erde herab, wo sie auf Bernie Feit als netten Kerl Wang, einen Wasserverkäufer treffen. Allein der doppelte Boden in seinem Häferl schließt ihn jedoch als guten Menschen aus. Erst Johanna Elisabeth Rehm als Shen Te kommt dafür in Frage.

Einem so zarten Geschöpf möchte man nicht zutrauen, dass sie sich in Männerhosen und mit dem Namen Shui Ta gegen eine Bagage unverschämter Bittsteller durchsetzen kann. Zu der zählen in diversen irdischen Rollen die bereits erwähnten Steunzer, Sutor und Kogler. Dazu kommen Régis Mainka, der egoistische Flieger, der Shen Te ein Kind anhängt, Tobias Eiselt, der den Neffen, einen bestechlichen Polizisten und den Vorarbeiter bestreitet und Christoph Prückner als herabgekommener gewester Trafikant. Robert Stuc ist der überteuerte Schreiner und verblödete Großvater, Marion Rottenhofer Schwägerin sowie Prostituierte und Die Shin Claudia Marold. Abgesehen davon, dass trotz der atemberaubend schnellen Wechsel die Kostüme (Alexandra Fitzinger) und die Maske (Gerda Fischer) stets dem jeweiligen Auftritt entsprechen, legen sich die Herrschaften des Ensembles derart ambitioniert ins Zeug, dass man überzeugt ist, es muss doch gute Menschen geben, auch wenn Brecht selbst nicht so recht daran geglaubt hat.

Johanna Elisabeth Rehm, Régis Mainka © Bettina Frenzel

Der Herr der Zwiebelringe Ensemble © Bettina Frenzel

DER HERR DER ZWIEBELRINGE Kulinarischer Spaß sehr frei nach J. R. R. Tolkien

Thomas Marchart mit schwarzen Drachenreitern © Bettina Frenzel

Ein Dinner mit Wobbits, Elben und Orks

Als Aperitif ein Becher Met und zum Hauptgang gebratene Ente, Rotkraut und gebackene Zwiebelringe, so verlockend sieht der Menüplan im Theater zum Fürchten aus, wenn es darum geht, mit den Wesen von Oberuntererde vergnügliche Abenteuer zu erleben. Wie schon bei J. R. R. Tolkien soll ein ganz bestimmter Ring um keinen Preis dem bösen Zauberer Sagrotan (bedrohlicher Donner!), äh! dem, dessen Name nicht genannt werden darf, in die Hände fallen. Wenngleich das Buch zu dieser „gastronomisch epischen Parodie auf die endlosen Waldspaziergänge durch magische Welten“ von Bruno Max stammt, wird doch Randolf Destaller zum Gamemaster, der die an sich in sechs dicken Büchern mit ausführlicher Vorgeschichte ausgebreitete Handlung in erfreulicher Kürze dem Publikum näher bringt. Per acclamationem wird die Hauptgestalt erwählt, dann der weitere Verlauf mittels eines 20äugigen Würfels gelenkt. Hinter jeder gefallenen Zahl verbirgt sich eine neue Wendung des Geschehens. Auskunft gibt darüber ein Skript mit Anweisungen, denen gehorsam zu folgen ist.

Anna Sagaischek im Kostüm des Synonym, Hans-Jürgen Bertram © Bettina Frenzel

Während die Zuschauer mit Gabel und Messer im Dunkel des Zuschauerraumes nach einem Stück Entebrust tasten, breitet sich vor ihnen eine fantastische Welt aus, bevölkert mit Wobbits, Zauberern, Elben, schwarzen Drachen-Reitern und Zwergen. Der Fantasie helfen eine ungemein aufwändige Bühne (Bruno Max) und Kostüme von Alexandra Fitzinger, bei denen sich die Macher des Films „Herr der Ringe“ einiges abschauen hätten können, auf die Sprünge. Die Gespräche der Herrschaften aus Oberunterwelt sind Kabarett vom Feinsten. Werbeslogans und Markennamen lassen grüßen.

Hendrik Winkler, Anna Sagaischek © Bettina FRenzel

An Banalitäten und abgedroschenen Redensarten wird ebenso wenig gespart wie an gezielten Wuchteln und Pointen. Das holt die hehren Formulierungen des Romans in witziger Weise auf den Boden von Mittelerde, wo sich Menschen über dieses Treiben über und unter ihrer Welt amüsieren können. Lachen ist erwünscht und fällt leicht, wenngleich das Thema eines magischen Rings durchaus ernst sein könnte, aber nicht ist, weil es eben ein Spaß mit Zwiebelringen und nichts anderes sein soll.

Bingo Windbeutel (Thomas Marchart) ist ein Wobbit, der von seinem Onkel Dildo (Peter Fuchs) den Auftrag erhält, den bewussten Ring, der seinem Träger Macht verleiht, in einem Krater zu versenken. Begleitet wird Bingo von Spam Semmelschmarrn (Robert Elsinger).

Mit von der Partie sind der etwas senile Zauberer Glamrock (Hans-Jürgen Bertram), Lemongrass, ein sehr reizvoller Elb (Hendrik Winkler), der mieselsüchtige Zwerg Perlon (Eva-Maria Scholz) und die WaldläuferInnen W-Lana (Samantha Steppan) und Amalgan (Benjamin Ulbrich). Auf ihrer fantastischen Reise begegnen sie bei der Wirtin im Grindigen Eber zum ersten Mal den unglaublich hässlichen Orks, grünen Monstern, die ihnen in der Folge das Leben ebenso schwer machen wie die schwarzen Reiter oder Synonym, der Thesaurus, in dessen schuppigem Drachenpanzer Anna Sagaischek beim besten Willen nicht zu erkennen ist. Dralon, der Zwergenschmied (Helmut Frauenlob) versteht es, für W-Lana eine sexy Rüstung zu fertigen. Der, dessen Name nicht genannt werden darf, ist Jackie Rehak, deren Sagrotan weniger ein mächtiger Zauberer, denn der CEO eines Ober- und Untererde umspannenden Konzerns ist. Freilich käme ihm in dieser Position der besagte Ring fürbass, aber der wird gemeinsam mit Schmierkas (Peter Fuchs als gefallener Elb) für alle Ewigkeit in einem Vulkan versenkt.

Der Herr der Zwiebelringe Ensemble © Bettina Frenzel
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