Im Nordosten des indischen Subkontinents leben die Naga. Es handelt sich dabei um einen Sammelbegriff für über 30 Volksgruppen. Sie galten als Kopfjäger und waren von ihren Nachbarn darob gefürchtet und gemieden. Es wäre aber zu vordergründig, die Naga auf diese Initiationsriten zu reduzieren.
r.o.: Brustschmuck (alle Konyak Naga Slg. Christoph Fürer-Haimendorf, 1937)
l.o.: Ohrschmuck Konyak-Naga
l.: Körpertuch
l.u.: Zeremonialkorb
r.: Hüftschmuck
Leiste: Brustschmuck
Das Museum für Völkerkunde hat den Nagas eine umfangreiche Ausstellung gewidmet. Der größte Teil der Exponate fand sich im eigenen Haus in einer der weltweit spektakulärsten Sammlungen. Angelegt wurde sie vom Wiener Ethnologen Christoph Fürer-Haimendorf im Zuge einer 13-monatigen Feldforschung in den Jahren 1936-1937. Er bemühte sich, den vorgefundenen Status quo ins Museum zu transferieren, sozusagen sicherzustellen, wobei die meisten Objekte, wie Nagas bestätigen, zu „sehr guten Preisen“ angekauft wurden.
In der Abgeschiedenheit ihrer voneinander unabhängigen Bergdörfer ohne eigentliches politisches Zentrum entwickelten sie eine einzigartige materielle Kultur, die sich erst mit der Ankunft der Briten und den christlichen Missionaren in deren Windschatten zu wandeln begann.
Ihre ästhetisch hochstehenden Handwerkerzeugnisse – der Schmuck – waren mehr als Gebrauchs- oder Ziergegenstände. Textilmuster beispielsweise berichteten über Idealvorstellungen der Gesellschaft, Ornamente über die soziale Stellung von Frauen und Männern und Figuren aus Holz ließen Verstorbene im Andenken weiterleben. Allein, das Wissen um die Bedeutung derselben ist beinahe verloren gegangen. Nur mehr wenige Alte können die Zeichen ihrer Vorväter lesen, aber vielleicht mit diesem Rest von Wissen der jungen Generation wieder ein Gefühl von Eigenständigkeit geben.
„NAGA – Schmuck und Asche“ (bis 11. Juni 2012) ist der Titel der Ausstellung, die eine den meisten von uns bislang absolut fremde Kultur zum fälligen Kennenlernen aufbereitet. Der Schmuck, also die Grabfiguren, Zeremonialgegenstände, tatsächliche Schmuckstücke und Textilien, ist, so das Fazit, zu Asche zerfallen. Die Naga leben im Spannungsfeld zwischen den Normen und Tabus der Kultur ihrer Ahnen und einer völlig veränderten Gesellschaft, deren Identität von außen mehrfach gebrochen wurde. Auch die Ausstellung lässt die Frage offen, wie weit heutige Bemühungen um ein Aufleben der wahren Naga-Kultur ein Stück Weltkulturerbe zurück zu bringen imstande sind.
Internationales Jahr des Waldes im Völkerkunde Museum Wien
Wälder für Menschen
Das Thema Wald ist freilich unerschöpflich. Allein die völkerkundliche Perspektive füllt bereits eine umfangreiche Ausstellung (900 m²). Das Völkerkundemuseum kann dabei seine ganze Stärke ausspielen und tatsächlich jeden aufgenommenen Gedanken eingehend mit spannenden Objekten (über 600) zum guten Teil aus den eigenen Sammlungen illustrieren.
Dazu kommen erfahrene Mitarbeiter des Museums wie Gerard van Bussel und Axel Steinmann als Kuratoren. Sie verstehen es, Geschichten zu erzählen, wie diejenige vom Grundbedürfnis der Menschen nach der Geborgenheit des Waldes. Sie spiegelt sich in der Anlage künstlicher Wälder, in den Parks und in manch´ gepflegter Wildnis unserer Gärten wider.
Miniaturen hinduistischer Götter zeigen den jugendlichen und liebestollen Krishna, der mit den betörenden Klängen seines Flötenspiels verheiratete Hirtenmädchen in den nächtlichen Wald lockt, oder den vielarmigen Shiva, der sich unter einem Baum strenger Askese unterzieht. Furchteinflößende Tiere, Nymphen, Geister, Hexen und Trolle, sie alle bevölkern den Wald ebenso wie die Tiere, die schließlich als Jagdbeute dienen.
Selbstverständlich ist auch der Wald als Wirtschaftsraum ein Thema. Ob nachhaltig genutzt oder rücksichtslos vernichtet, die ökonomische Bandbreite unseres menschlichen Zugangs ist groß. Mit Beispielen aus aller Welt, von den (beinahe verschwundenen) biblischen Zedern des Libanon bis zu den Monokulturen an Ölpalmen, macht die Ausstellung bis 28. Mai 2012 deutlich, wie eng „Wald/Baum/Mensch“ zu allen Zeiten verquickt waren und sein werden.
Etta Becker-Donner: Abenteurerin, Wissenschaftlerin und Museumsdirektorin
Erinnerungen an eine Pionierin
Als die 22jährige Etta Becker-Donner (1911-1975) Mitte der 1930er Jahre zu ihrer ersten Liberia-Expedition aufbrach, war ein solches Unternehmen für eine junge Frau keineswegs selbstverständlich. Forschungsreisen dieser Art waren und sind nach wie vor ein Abenteuer. Nach ihrer Rückkehr wurde sie am Museum für Völkerkunde angestellt, was ihrer regen Reisetätigkeit im Namen der Wissenschaft allerdings keinen Abbruch tat.
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r.g.o.: Etta Donner, Mitglied des Schlangenbundes 1934 Foto Etta Donner 1934 Fotoarchiv
1955 wurde sie zur Leiterin des Museums für Völkerkunde in Wien bestellt, als erste (und lange Zeit einzige) Direktorin eines Bundesmuseums. Becker-Donner legte den Grundstein für die
heutige Struktur des Museums, mit einer Erhöhung der Zahl der Kuratoren, mit einem Ausbau der Werkstätten und Ausstattung des Museums mit damals modernen Medien. Sie unterstützte Forschungsprojekte der Kuratoren und animierte sie nach der Devise „raus aus dem Elfenbeinturm!“ nach eigenem Beispiel zu Sammlungen im Feld.
Aus Anlass des 100. Geburtstages dieser Pionierin auf wissenschaftlichem geradeso wie auf gesellschaftlichem Terrain gibt es im Völkerkundemuseum die Sonderausstellung „Abenteuer Wissenschaft“. Gezeigt wird eine Auswahl ihrer Sammlungen aus Liberia, Brasilien und Mittelamerika unter dem Titel „Etta Becker-Donner in Afrika und Lateinamerika“ (bis 19. März 2012).