Hat Völkerkunde in einer Welt voll Bewegung ausgedient?
Ein Kosmischer Eröffnungstanz dem Weltmuseum Wien
Die sogenannte Weltstadt Wien hat sich in aller Bescheidenheit ein Weltmuseum zugelegt. Auf den ersten Blick unterscheidet sich dieses nur wenig vom guten alten Völkerkundemuseum im Bereich der imperialen Hofburg. Zu Kaisers Zeiten wurden Forscher und selbst Angehörige der Herrscherfamilie in die Welt hinaus verschickt, um sich dort umzusehen, wo der Kolonialismus möglicherweise noch nicht die letzten Spuren alter Kulturen vernichtet hatte. Sie sammelten, was sie kriegen konnten, und füllten damit die Depots dieses Museums mit völkerkundlichen Objekten von höchstem wissenschaftlichem Wert.
Nach eher stillen Jahren wurde am Abend des 16. Aprils 2013 wieder groß gefeiert. Gemeinsam haben Generaldirektorin Sabine Haag und Direktor Steven Engelsman ein seidenes Band durchgeschnitten – und mit großen Worten eine neue Ära beschworen. Die Bezeichnung Weltmuseum Wien, wie die Sammlung nunmehr genannt wird, soll publikumswirksam sein, so Engelsman, und Bedürfnisse von Besuchern erfüllen, konzentriert in drei Begriffen: WOW! wie Begeisterung, Faszination, AHA! wie Erkenntnis über Menschen und Kulturen und MMH! Gemeint sind damit Genuss und Inspiration für alle Sinne.
Abgesehen davon, dass in dieser Neukonzeption das zunehmend verstaubende Wort Museum nicht vermieden wurde, stellt sich die Frage nach dem tatsächlichen Bedarf ethnologischer Schausammlungen. Fremde Länder sind passé. Die Menschen bewegen sich. Die einen, die pauschalreisenden Touristen werden freilich schwer echte Volkskunde finden, noch weniger werden sie diese aber suchen, wenn sie von ihrem Badeaufenthalt wieder zuhause sind. Die anderen Menschen wiederum, die ihr ganzes Leben von dort in unser Land her bewegt haben, dürften für derartige Ausstellungen eher nur ein müdes Lächeln übrig haben.
Und es bewegen sich die Kulturen. Die Eröffnungsausstellung „Getanzte Schöpfung. Asien zwischen den Welten“ (bis 30. September 2013) macht diese Reiselust mehr als deutlich. Fremde Kulturen kommen uns entgegen, zum Beispiel in Ethno-Tanztruppen, die längst ins internationale Kulturbusiness als fixer Bestandteil eingebaut sind. Ein Blick auf die Spielpläne der großen Tanzfestivals Europas genügt, um die Dichte dieses kulturellen Austausches zu registrieren, der uns spannendende Gegenwart erleben lässt.
Die Ausstellung selbst liefert dazu die museale Theorie. Es geht es um die verschiedenen Aspekte des asiatischen Tanzes. Mit einer interaktiven Herangehensweise sollen sowohl historische als auch zeitgenössische Besonderheiten der diversen Tanztraditionen vermittelt werden. Wenn wir auch niemals ganz verstehen werden, was uns die kuriosen Masken, bewegt in fremden Rhythmen, erzählen wollen, gewähren sie doch einen Eindruck von einer faszinierenden Tradition, die sich auf nicht weniger als den kosmischen Tanz des Gottes Shiva gründet.
„Moctezumas Federkrone“ – erforscht und präsentiert
Penacho,
Mythos und Wahrheit
In seinem Roman „Die dritte Kugel“ beschreibt Leo Perutz 1915 mit großer dichterischer Freiheit die Eroberung des Aztekenreiches durch Hernán Cortés. Seine bildhafte Darstellung der Geschehnisse mag die Fantasie seiner Zeitgenossen angeregt haben, eine altmexikanische Federkrone dem legendären Aztekenherrscher Moctezuma (Montezuma) II. zuzuschreiben; möglicherweise angeregt durch die Wissenschaft, die sich kurz vor Erscheinung dieses Romans überhaupt erst darauf geeinigt hatte, dass es sich bei diesem zwar prächtigen, aber längst äußerst restaurierungsbedürftigen Artefakt um einen Kopfschmuck handelte (1908).
Wer tatsächlich den „Penacho“, so die mexikanische Bezeichnung, getragen hat, weiß man nicht. Man kennt aber zumindest einige Stationen, die er aus Mexiko auf seinem Weg ins Museum für Völkerkunde durchgemacht hat. 1596 wird er im Nachlassinventar zu den Rüstkammern und der Kunstkammer des Tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinand II. auf Schloss Ambras (nahe Innsbruck) als „ain mörischer Huet“ erwähnt. Während der Napoleonischen Kriege gelangte er nach Wien, wo er 1878 von Ferdinand von Hochstetter entdeckt und nach einer Restaurierung im k. k. Naturhistorischen Hofmuseum öffentlich gezeigt wurde.
Im Rahmen eines Kooperationsprojektes untersuchte nun 2010-2012 eine österreichisch-mexikanische Expertenkommission den gegenwärtigen Zustand und widmete sich seiner historischen Bedeutung. Diese breite Basis der Zusammenarbeit erklärt sich im Fall des „Penacho“ mit der Einzigartigkeit des Objektes. Er ist der letzte seiner Art, in seiner Pracht absolut einmalig und aufgrund der hauptsächlich verwendeten organischen Materialien konservatorisch äußerst anspruchsvoll. Zudem erfordert gerade dieser Kopfschmuck aufgrund seiner „politischen“ Bedeutung ein äußerst sensibles Vorgehen aller Beteiligten.
l.o.& Titelseite: Federkopfschmuck Mexiko, Azteken, frühes 16. Jahrhundert, Museum für Völkerkunde, Wien, Inv. Nr. 10.402
r.o.: Der Quetzalvogel (Pharomachrus mocinno) lebt in den oberen Baumbereichen der Nebelwaldgebiete Mittelamerikas. Durch Vernichtung der Wälder und die Jagd ist der Quetzal heutzutage stark bedroht.
Leiste: Abzeichen oder Fächer Zentralmexiko, 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts, Museum für Völkerkunde, Wien, Inv. Nr. 43.381
Die Ergebnisse werden nun in einer umfassenden Publikation und einer Ausstellung präsentiert. Durch schmale Gänge mit eingezogenem Licht auf die einzelnen Schauobjekte wird der Besucher auf die unmittelbare Begegnung mit dem Penacho vorbereitet. Wenn man ihm schließlich ehrfürchtig gegenübersteht, sollte man bereits wissen, dass seine prächtigen Federn vom Quetzal stammen, einem nicht zuletzt wegen seiner Schwanzfedern in seiner Art bedrohten Vogel, dass der Kopfschmuck im Laufe seines Aufenthaltes in der Alten Welt als Schürze oder als Standarte angesehen worden war und dass zu seiner Zeit kunstvoller Federschmuck an sich als Zeichen von Hoheit und Würde angesehen wurde.
Das Buch zur Ausstellung:
Sabine Haag, Alfonso de Maria y Campos, Lilia Rivero Weber, Christian Feest (Hg.)
Eine Ausstellung über kreative Schöpfungsprozesse außerhalb Europas
Modernität als Fetisch des Westens
Der Sarg, gestaltet als Mobiltelefon, macht es mehr als deutlich. Die rasende technische und gesellschaftliche Entwicklung hat an den Grenzen Europas und der USA, kurz, des Westens, nicht Halt gemacht. Geschaffen wurde der Sarg von Erik Kpakpo, einem Künstler aus Ghana, und soll den sozialen Status, den Beruf oder die Anliegen des Verstorbenen repräsentieren. Das Handy als das Symbol des Fortschritts schlechthin wurde damit, trotz der offensichtlichen Verbindung zu hergebrachter Ordnung, auch das untrügliche Zeichen des Ausbruchs aus bisher gültigen Strukturen.
Der Sarg wurde 2010 gefertigt, vor extrem kurzer Zeit, trotzdem sieht er längst nicht mehr momentan gängigen Handys ähnlich. Heute, 2012, hätte er vielleicht die Form eines iPhones. Wie er in einem halben Jahr aussehen müsste, weiß man nicht. Mit einem Wort, er ist nicht mehr modern. Oder kann man sagen, der Kultgegenstand wurde ein Opfer der wilden Jagd nach Modernität, die längst nicht nur unsere wie immer zu definierende „zivilisierte“ Gesellschaft erfasst hat, sondern über Zivilisationen fegt, die der Westen bestenfalls aus TV-Dokus oder von längst zu Schleuderpreisen angebotenen Fernreisen zu kennen glaubt.
Hrg. Anne-Marie Bouttiaux und Anna Seiderer, Partner des EU-RIME-Projektes, Englisch
Preis € 24,90
Nicht zuletzt aufgrund dieses verzerrten Bildes wähnt sich der Westen im Alleinbesitz der Modernität. Dieser sich überschlagende Wandel von Aufnahme und Abwendung ist zum Fetisch seiner Gesellschaft geworden, die damit, verbunden mit wirtschaftlicher Protzerei, eher ungewollt eine mörderische Anziehungskraft auf die Menschen außerhalb seines Kreises geschaffen hat. Die fatale Konsequenz aus diesem Irrtum sind die Festungen, zu denen Europa und Nordamerika derzeit ausgebaut werden, und die Ströme von Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens mit allen Mitteln diese Mauern zu überwinden versuchen.
Dieses komplexe Bündel an Irrtümern lässt sich kaum mehr entwirren. Man kann es aber beleuchten und dadurch ins Bewusstsein rücken. Einer dieser Versuche ist die Ausstellung FETISH MODERNITY – IMMER UND ÜBERALL (bis 4. März 2013 im Museum für Völkerkunde Wien). Sie wurde im Rahmen des mehrjährigen EU-Projekts RIME „Ethnografische Museen und die Kulturen der Welt“ von mehreren ethnografischen Museen in Zusammenarbeit konzipiert (Tervuren/Brüssel, Prag, Wien, Leiden und Göteborg). Mit ihren Exponaten soll gezeigt werden, „dass ein Verständnis von Moderne nicht auf Industrialisierung und technischen Fortschritt begrenzt werden kann, sondern dass Modernität vielmehr als kreativ-dynamischer Prozess in allen Gesellschaften zu begreifen ist, der auch zu allen Zeiten wirksam wurde und wird.“
Bei genauem Hinschauen wird aus dieser Ausstellung eine weit tiefere Auseinandersetzung, als es im oben zitierten Anliegen der Gestalter ausgedrückt wird. Vertraute Museumsobjekte wie Tanzmasken, Federschmuck oder eine Buddhastatue nehmen sich plötzlich seltsam uninteressant und alt aus, wenn sie in Kontext gesetzt werden mit Fotos von afrikanischen Bergwerken, von jungen Männern auf selbstgemachten Leitern an der Wand zwischen Mexiko und den USA oder einem Souvenir aus Vietnam, das einen Bauern zeigt, der seinen Wasserbüffel vor den geborstenen Rumpf eines abgeschossenen amerikanischen Jagdbombers gespannt hat.