Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Foto © Peter Achhorner

Im Höllentempo durch die Abgründe unserer Schlechtigkeit:

„Der Revisor“ in der Unterwäsche

Der Dreck, den alle am Stecken haben, ist den Schauspielern ins Gesicht geschmiert. In ihren schäbigen Unterhosen schauen sie ganz anders aus wie die Personen, die sie spielen, zum Beispiel den Bürgermeister einer Kreisstadt (Günter Franzmeier). Er hat Honoratioren wie den Kreisrichter (Erwin Ebenbauer), den Schulinspektor (Alexander Lhotzky) und den Hospitalverwalter (Thomas Kamper) zur Krisensitzung einberufen. Es herrscht Panik in der korrupten Runde. Ein Revisor wurde angekündigt. Inkognito soll er kommen oder bereits da sein. Verdächtig ist jeder Fremde im Ort. Hilfe bietet sich in der Person des Postmeisters (Rainer Frieb). Durch sein Amt hat er die Möglichkeit zum Amtsmissbrauch. Er kann Briefe öffnen und erforderlichenfalls Alarm schlagen.

Szenenfotos © Lalo Jodlbauer

Tatsächlich bietet sich ein Unbekannter als Zielscheibe der gemeinsamen Ängste. Der Zuschauer weiß natürlich, dass der kleine Petersburger Beamte Iwan Alexandrowitsch Chlestakow (Marcello de Nardo) nie und nimmer der Revisor ist. Auf dem besten Wege, zum Zechpreller zu werden, versuchen er und sein Diener (Till Firit) dem ruppigen Kellner (Jan Sabo) zumindest brauchbares Essen abzuschwindeln. Umso mehr gönnt man diesem Schlawiner sowohl die Bestechungsgelder, mit denen er später großzügig überhäuft wird, als auch die Gunst von Bürgermeistergattin (Susa Meyer) und deren Tochter (Andrea Bröderbauer). Er flieht rechtzeitig, bevor der Polizist (Christoph F. Krutzler) die Schreckensbotschaft vom Eintreffen des wahren Revisors verkündet.

 

Nikolaj Gogol hat mit dieser bösen Komödie ein zeitloses Spiegelbild unserer Gesellschaft geschaffen. Möglicherweise war er von einem ähnlichen Vorfall inspiriert worden und hat diese Quelle in das Stück eingebaut. Chlestakow beschreibt nämlich in einem Brief an einen Freund, einem Verfasser von Satiren, seine Erlebnisse, damit dieser ein „Artikelchen“ daraus mache und alle „im Feuilleton unterbringen“ könne. Der Brief wird selbstverständlich vom Postmeister abgefangen. Damit kommt die Wahrheit ans Licht, vor allem auch eine ausgezeichnete, wenn auch wenig schmeichelhafte Beschreibung der einzelnen Charaktere, die der Bürgermeister allerdings en passant ans Publikum weiterreicht: „Worüber lacht ihr dort? Ihr lacht über euch selber!“

 

Neben dem Lachen über einen selbst ist man jedoch mit dem Bangen um die körperliche Unversehrtheit der Darsteller beschäftigt. Den Zuschauerrängen gegenüber steht eine steile Treppe, über die in teils halsbrecherischen Aktionen hinauf und hinunter gelaufen wird, beschleunigt von den hektischen Bassbeats einer Hintergrundmusik, die knapp an der Hörschwelle diese Inszenierung (Regie und Bühne: Thomas Schulte-Michels) in ein höllisches Tempo treibt. Der Atem stockt, wenn in einer Szene der Gutsbesitzer Iwan Iwanowitsch Bobtschinskij (Günther Wiederschwinger) in einer artistischen Einlage am zweiten Gutsbesitzer namens Iwan Iwanowitsch Dobtschinskij (Matthias Mamedof) in Querlage die Treppe herab kollert und dennoch nahezu unverletzt die Bühne verlässt.

Warum der an sich clevere Chlestakow als armselig wirkender Clown ausstaffiert und geschminkt ist, wird nicht ganz klar. Aber man gewöhnt sich an dieses Spannungselement wie an einen weiteren schrägen Ton in einem an sich bereits schrägen Akkord. Absolut stimmig hingegen ist die Gattin des Schulinspektors, die das ganze Theater schon von vornherein durchschaut haben dürfte. Claudia Sabitzer tritt mit einem Kaktus bewaffnet auf und gratuliert mit sehenswerter Verschlagenheit der Tochter des Bürgermeisters zu einer Verlobung, die niemals stattfinden wird. Sie ist auch die einzige, die noch satt grinst, wenn alle anderen bereits erstarrt sind, getreu dem Motto, das Gogol dem Revisor vorangesetzt hat: „Man soll den Spiegel nicht schelten, wenn er eine schiefe Fratze zeigt.

 

Ein Ratgeber..., der vielerlei Ratlosigkeit hinterlässt.

Allein mein Traum hielt mich am Leben

Nicht nur Erich Schleyer ist ein guter Grund, sich doch mit diesem Stück des Amerikaners Tony Kushner einzulassen, mit den Hysterien einer hochintellektuellen Familie, mit dieser Konzentration allen Drecks in deren Leben und Beziehungen, mit der keiner ihrer Mitglieder zurechtkommt. Die anderen Gründe für eine Auseinandersetzung mit dem gescheiterten Kommunismus und einem ihm offenbar logisch gefolgten linksliberalen Mix aus Homo, Spaßtheologie und Handy, das ist das übrige Ensemble des Volkstheaters. Einzig den Schauspielern ist es zu verdanken, dass trotz endlos hochgestochenem Diskutieren und zeitweise unnötig lauten Streitereien die Zuschauer doch bis zum Ende bei der Stange gehalten werden.

Szenenfotos © Armin Bardel

„Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ ist der nicht gerade einfache Titel sowohl des Stücks, als auch der einer Dissertation, an der Pill (Hans Piesbergen) seit 35 Jahren arbeitet. Er, der mit Paul (Ronald Kuste) verheiratet ist und seine sexuelle Erfüllung mit dem Stricher Eli (Robert Prinzler) findet, hadert ebenso wie seine Schwester Empty (Claudia Sabitzer) mit dem Vater. Sie hat nach einer gescheiterten Ehe mit dem Rechtsanwalt Adam (Patrick O. Beck) die Seite gewechselt und erwartet nun mit ihrer Partnerin Maeve (Martina Stilp) ein Kind, das deren Bruder Vito (Roman Schmelzer), ein stinknormaler Hetero, ganz einfach in den Bauch von Maeve gefickt hat. Nicht zu vergessen, auch die Schwester des alten Herrn, Clio, eine gewesene Nonne mit marxistischem Herz (Inge Maux) hat so ihre Probleme mit dem Bruder.

 

Gus, eben dieser Vater, war einst gewerkschaftlicher Kämpfer an der harten kommunistischen Front Amerikas. Er hat einen gescheiterten Selbstmordversuch hinter sich und will sich partout von seinem Nachwuchs nicht davon abbringen lassen, dieses Vorhaben in einem zweiten Anlauf erfolgreich durchzuführen. Schleyer verleiht dieser Figur die Größe eines Philosophen. Ihm glaubt man, dass der ehemalige Hafenarbeiter Horaz übersetzt und darin die Begründung für sein freiwilliges Abtreten findet: Der Tod als einzig gangbaren Ausweg aus einem sinnlosen Leben. Dass es dabei auch um die Erbschaft und damit um eine Menge Geld und die leidvoll bekannte Immobilienblase geht, verleiht dem Ganzen lediglich eine zusätzliche Portion Kapitalisten-Witz.

Genauso wie das Ende der Geschichte offen bleibt – Gus steht zuletzt allein dem Stricher gegenüber, fragt diesen, was eine Stunde bei ihm kostet und denkt nach... – bleibt auch unbeantwortet, ob uns der gesellschaftliche Wandel irgendwas gebracht hat. Die Homos in diesem Stück leiden wie die Hunde, die lesbische Empty schläft mit dem Ex, das Handy läutet immer dann, wenn ein Gespräch sich endlich zu einem gedeihlichen Punkt entwickelt hätte, und die Theologen (Paul und Maeve) können mit ihrem Wissen so gar nicht Erbauliches in das Geschehen einbringen. Lediglich Michelle (Nanette Waidmann), eine junge Witwe, schafft Beruhigung. Sie weiß, wie man sich gekonnt das Leben nimmt und wird so zur einzig wahren Ratgeberin in dieser bitterbösen Satire auf zeitloses Scheitern.

 

Das Weiße Rössl als Zugpferd einer erfrischend finsteren Parodie

Everyman and Horsequeen

Es fehlt an nichts. Beinhart wird die z´widersüße Liebesgeschichte zwischen Oberkellner und Hotelbesitzerin aus dem Salzkammergut der 1930er Jahre durchgezogen. Zu hören sind alle die Schlager, die von einem Robert Stolz oder einem Bruno Granichstaedten einst der Musik von Ralph Benatzky hinzugefügt wurden. Liebeslieder müssen im „Weißen Rössl“ einfach Walzer sein, auch für einen Sigismund, der nichts dafür kann, dass er so schön ist, geradeso wie der penetrante Schnürlregen in dieser angeblich himmelblauen Welt, in der man bekanntlich so hemmungslos lustig sein kann.

Szenenfotos © Lalo Jodlbauer

Aber bereits die erste Szene macht klar: Hier wird nicht gratis gelacht und mitgeklatscht. Kaum hat sich die nostalgische Postkarte mit dem Vorhang gehoben, holt sich Christoph F. Krutzler als Piccolo erste Lacher mit ein paar alltäglichen Fäkalausdrücken. Unvermittelt befindet man sich auf der anderen, auf der nicht angenehmen Seite des Tourismus und wird zum wenig amüsierten Beobachter einer amerikanischen Reisegruppe (Chorvereinigung Wien Neubau), die in aller Herrgottsfrüh in die uncharmante Gaststube des Weißen Rössls eindringt und vom unfreundlichen Kellnergehilfen „Coffey“ fordert.

 

Man könnte ja selber einer derjenigen sein, die einen Haufen Geld für die Reise in ein Disneyland der Volkstümlichkeit im Reiche des „Everyman“ (Jedermann) ausgegeben haben und nun bei der „Horsequeen“ mit einer aufdringlichen Werbeshow für Rheumadecken belästigt werden. Ab nun überlegt man sich gut jedes Lachen und Applaudieren. Man kann sich nie ganz sicher sein, wird man unterhalten oder ist man unfreiwillig als Mitspieler in dieser vielbödigen Parodie engagiert worden. Aber was sonst hätte man sich von Direktor Michael Schottenberg erwarten sollen, der ausgerechnet das Singspiel „Im Weißen Rössl" auf den Spielplan gesetzt und nach seinem Gusto bearbeitet hat.

 

Zurück zur Musik, zu den Hits der Zwischenkriegszeit! Patrick Lammer (Dr. Siedler) hat die Musik in unsere Zeit geholt. Die (leider zu gut auf der Bühne versteckten) Musiker dürfen richtig „weggrooven“, mit Reeds, Keyboard, Strings, Bass & Drums. Maria Bill als Josepha Vogelhuber, Matthias Mamedof als Sigismund oder Nanette Waidmann als Ottilie Giesecke zeigen eindrucksvoll, was sie stimmlich und rhythmisch drauf haben und machen einmal mehr das Volkstheater zur ernsthaften Musikbühne. Die außergewöhnliche Musikalität nahezu aller Darsteller ist an sich eine der Stärken dieses Hauses, die solche Experimente überhaupt erst möglich machen.

Günter Franzmeier setzt als verliebter Oberkellner Leopold Brandmeyer in der von ihm gewohnt ruppigen Weise seine Ansprüche auf die Chefin durch. Erwin Ebenbauer (Wilhelm Giesecke) und Thomas Kamper (Prof. Hinzelmann) sind die beiden Deutschen, die sich mit den Hiesigen Sprachduelle in Piefke contra G´schert liefern. Aber nicht einmal diese teils aus dem Original übernommenen Witzchen darf man wirklich belächeln. Sie gehören zwar nach wie vor zur österreichischen Folklore, waren seinerzeit aber ein nicht zu überhörender Hinweis auf den erwarteten Anschluss.

 

Das Lachen bleibt einem also immer wieder im Halse stecken und Sentimentalität mutet eher peinlich an. Es gibt nur wenige Szenen mit scheinbar harmloser Gaudi. Dass das charmant lispelnde Klärchen (Andrea Bröderbauer) in einer Sauna den Sigismund als angeberischen Glatzkopf überführt, ist nicht mehr als ein ironischer Seitenhieb auf heutige Tourismusbräuche und dass die Amis dem Kaiser ihre Aufwartung machen, in diesem Fall dem Feuerwehrmann Emperer Franz (sprich Emperor Franz), ist ein toller Einfall von Dramaturgie (Hans Mrak) und Regie (Michael Schottenberg) zu dieser Parodie, für die das „Weiße Rössl“ als eines unserer kitschigsten Bühnenstücke gekonnt eingespannt wurde.

Tolstojs Anna Karenina von Armin Petras dramatisch ins Heute gekürzt:

Vom Ringen um Sinn und Unsinn der Liebe

Anna Karenina gilt als eines von Leo Tolstojs besten Werken und hat seit seiner Entstehung Generationen von Lesern allein wegen seines enormen Umfangs wochenlang in seinem Bann gehalten. So besehen ist die Kurzform, die der deutsche Dramatiker Armin Petras für die Bühne geschaffen hat, eine praktische Möglichkeit, sich mit diesem Stoff an einem einzigen Theaterabend einigermaßen vertraut zu machen. Petras hat die Essenz von Anna Karenina aus den vielen, vielen Seiten extrahiert und die mehr als hundert Jahre alte Geschichte aktuell aufbereitet. Das Fazit: Liebe, besser, das Ringen um die Liebe ist eine zeitlose, zumeist von wenig Erfolg gekrönte menschliche Übung.

 

Das Volkstheater erscheint für solche Experimente die geeignete Bühne. Man hat Erfahrung mit Ur- und Erstaufführungen und darf auf ein Publikum zählen, das auch gewagten Neuproduktionen mit Aufgeschlossenheit und Wohlwollen gegenübersitzt und diese trotz üblicher Vorbehalte und notwendiger Raunzereien in der Pause letztendlich doch begeistert beklatscht. Der Applaus gilt dann in erster Linie dem engagierten Ensemble, das Gegenwartstheater verinnerlichen und überzeugend vermitteln kann. Anna Karenina von Armin Petras war also in besten Händen.

 

Martina Stilp schafft eine Anna Karenina mit zwei Gesichtern. Im ersten Teil ist sie überzeugend die Frau, die für ihre Liebe alles aufgibt, nicht nur das wirtschaftlich gesicherte Dasein, sondern auch ihren eigenen Sohn (hinreißend Alexander Mayer und Samuel Jung, die abwechselnd den Serjoscha spielen). Dass sie das für Wronski tut, einem Rittmeister und Grafen, wird in der Person von Roman Schmelzer eher nicht verständlich. Der große junge Mann ist die ideale Besetzung für den Riesen vom Steinfeld, den draufgängerischen Offizier glaubt man ihm nicht so ganz. Im zweiten Teil ist Anna nur mehr ein Schatten ihrer selbst und ebenso glaubwürdig die Selbstmordkandidatin, die sich zuletzt vor den Zug wirft.

Szenefotos © Christoph Sebastian

Michael Wenninger als Karenin erinnert ein wenig an Putin. Mit seiner Rolle als abweisend kühler Gatte und kalter Minister liegt er gar nicht so weit daneben. Petras hat mit acht Personen das Auslangen gefunden. So gibt es noch Stefan, Annas Bruder, dem Patrick O. Beck sehenswerten Zynismus verleiht, dessen Frau Dascha (Susa Meyer) und deren Schwester Kitty. Weil sie Wronski nicht bekommt, aber geheiratet werden will, nimmt sich dieses bildschöne Mädchen (Hanna Binder) ohne wirkliche Zuneigung, aber mit nachvollziehbaren Argumenten den unbeholfenen Gutsbesitzer Lewin (Till Firit), der darob sein Glück nicht fassen kann und daran zerbricht.

 

Dass alle zusammen wunderbar mit kleinen Gesten und leisen Tönen zu spielen vermögen, wissen wir, wird leider durch die Regie von Stephan Müller verdeckt. Der ganze Herzschmerz muss – zumeist unmotiviert – in den Zuschauerraum hinaus oder dem anderen ins Gesicht gebrüllt werden. Ruhiger und damit weit angenehmer wird es nur, wenn die Darsteller aus ihren Rollen steigen und den Originaltext von Leo Tolstoj erzählen. Dann lassen sie genau die Stimmung spüren, die Anna Karenina zu einem der meistgelesenen Romane der Weltliteratur gemacht hat.

 

Wer nach der Vorstellung von Anna Karenina eine Weile gegen das Wort Liebe allergisch ist, braucht sich keine Sorgen zu machen. Er wird damit einfach überfüttert. Wenn das Drumherum der Handlung fehlt und nur ständige Beteuerungen und Zweifel am Lieben und Geliebt werden zu sehen und zu hören sind, dann wird man irgendwann dagegen immun oder fängt über die eigene Liebes- und Lebenssituation zu grübeln an, bis man dahinterkommt, dass es keinem von uns besser geht als den Damen und Herren der russischen Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts – womit wir wieder glücklich im Gegenwartsbezug gelandet wären.

 

Der Urfaust, mehr als die ursprüngliche Fassung eines Klassikers

Mein schönes Fräulein, darf ichs wagen? – Nein!

Kaum hat der gute Dr. Faust die berühmte Frage gestellt, gibt´s schon eine Ohrfeige. In seiner Studierkammer ist ein Chor nackter Frauen aufgetaucht, und alle geben ihm sehr handgreiflich einen Korb. Mit seiner Nerd-Brille sieht er tatsächlich nicht nach Womanizer aus. Erst als Mephisto, sein weltgewandtes Alterego, die Brille aus seinem Gesicht zieht und ihm die Sinnlosigkeit seines bisherigen Tuns vor Augen führt (Grau, theurer Freund, ist alle Theorie. Und Grün des Lebens goldner Baum), kann sich Faust zum leidenschaftlichen Mann aufschwingen. Die Tragödie nimmt ihren bekannten Lauf, um in einem wahren Blutbad zu enden.

 

Das Volkstheater hat sich in der Regie des jungen Enrico Lübbe der Urfassung von Goethes Faust angenommen. In knapp einer Stunde werden die entscheidenden Szenen abgewickelt, aufgereiht auf der Musik von Deep Purple (Child in Time), und erhalten damit erstaunliche Aktualität. Die karge Bühne als Rahmen lässt die Kunstsprache des Sturm- und Drangdichters Johann Wolfgang Goethe nicht nur erträglich, sondern sogar verständlich werden, ähnlich einer barocken Statue, die in modernem Ambiente weit stärker zu Geltung kommt als am Seitenaltar einer mit Stuck überladenen Kirche.

Szenenfotos © Christoph Sebastian

Denis Petković ist der weltverlorene Faust, ausnehmend patschert, vielleicht ein wenig zu unbeholfen, wenn er abseits seiner Bücher mit der Realität konfrontiert ist. Ihm zur Seite steht Mephisto, der im Volkstheater einfach irgendwann da ist und sich weder als des Pudels Kern entpuppen muss, noch wie im Urfaust beschworen wird. Wenn Günter Franzmeier mit Marthe (ebenfalls erfrischend heutig: Heike Kretschmer) Schmäh führt, vergisst man, dass Goethe in Versen und Reimen geschrieben hat. Sein Mephisto trifft trotz akribischer Texttreue die Diktion eines modernen Lebemannes, der nichts und niemanden ernst nehmen will.

 

Faust ist in dieser Fassung allerdings nicht die Hauptperson. Es geht um Margarete und ihre Verwirrungen. Nanette Waidmann darf sich zieren und sagen: „Bin weder Fräulein, weder schön. Kann ohngeleit nach Hause gehen“, um kurz darauf von Faust zu schwärmen: „Er sah gewiss recht wacker aus. Und ist aus einem edlen Haus. Das konnt ich ihm an der Stirne lesen. Er wär auch sonst nicht so keck gewesen.“ Anbetracht der Erscheinung Fausts in dieser Inszenierung ist der Satz zwar nicht logisch, erklärt sich aber möglicherweise aus der Unschuld Gretchens. Als solche kann die junge Schauspielerin Waidmann ihre Stärken voll ausspielen und schafft den tiefsten Eindruck, wenn sie mit langem, langem Schweigen dem Publikum Zeit zum Nachdenken lässt.

Die Comedian Harmonists, eine Produktion mit dem Zeug zum Kult

Fröhliche Musik im ernsten Arrangement

„Die Comedian Harmonists“ sind viel mehr als ein Theaterstück, auch mehr als ein Musical! Im Grunde erzählen sie Geschichte. Entlang dem Entstehen, dem Aufstieg und dem Ende dieser unsterblich gewordenen Gesangsgruppe läuft sie ab wie ein unangenehmer Film, mit der tragischen Aussage, dass auch die fröhlichste Kunst nicht imstande ist, sich gegen gefährlich dumme Ideologien durchzusetzen. Die Nazis sind am Schluss die stärkeren, so stark, dass sie letztendlich sogar die Gruppe von innen her auseinander zu reißen vermögen.

Szenenfotos © Lalo Jodlbauer

Man wird Zeuge, wie sich die Sänger musikalisch, teils sehr handgreiflich, zusammenraufen und nach und nach zu Stars werden. Die Freundschaft, mit der sie einander beschwören, zerbricht aber an der Diskrepanz, dass drei der Harmonists Juden sind, einer Bulgare und zwei Deutsche.

 

Trotzdem singen sie gemeinsam und begeistern das Publikum, sowohl das von der Regie eingespielte als auch das echte, das auch dann applaudiert, wenn es unpassend ist, zum Beispiel an der Stelle, wenn der Conférencier die Ehrengäste aus dem Führerhauptquartier begrüßt. Lähmende Stille wäre angebracht gewesen. Aber was soll´s, man erlebt backstage ein Konzert der Comedian Harmonists und vergisst beinahe den düsteren Hintergrund, in den seinerzeit mit dieser Musik ein wenig Helligkeit gesungen wurde.

Das Buch stammt von Gottfried Greiffenhagen, die musikalische Einrichtung von Franz Wittenbrink. Gedacht kann es nur für ein derart vielseitiges Ensemble wie das Volkstheater sein. Es braucht sechs Darsteller, die erstklassig singen und musizieren können, plus einen äußerst wandlungsfähigen Schauspieler, der alle anderen Rollen übernimmt, vom Conférencier über die Frau Jenschke, den guten Bruno Levy bis zum bösen Parteigenossen. Alexander Lhotzky hat sich allein schon aufgrund des Tempos, mit dem er Rollen und Kostüme wechselt, den Sonderapplaus verdient.

 

Die Gesangstruppe selbst ist kultverdächtig. Direktor Michael Schottenberg sollte auf der Hut sein, dass ihm die sechs Herren (Patrick O. Beck, Thomas Kamper, Patrick Lammer, Alexander Lutz, Matthias Mamedof und Marcello de Nardo) nicht abhanden kommen, weil sie als Revival der Comedian Harmonists erfolgreich auf Tournee gehen. Wäre vielleicht gar keine so schlechte Idee, diese Produktion mitsamt dem Ensemble auf Reisen zu schicken. Der Aufwand ist gering. Das Bühnenbild ist praktisch und effizient, zwei Klaviere finden sich in jedem Theater, alles andere erledigen ohnehin die Akteure.

 

Mit Wonne lauscht man den Schlagern, deren Wortwitz bis heute seinen Platz in unserer Sprache hat. „Der kleine grüne Kaktus“ ist ebenso populär geblieben wie „Veronika, der Lenz ist da“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“.

 

Der Riese vom Steinfeld: Turrinis Warnung vor dem Anderssein

Am schönsten ist das Leben, wenn es vorbei ist

Riesen sind meistens die Verlierer. Sie können gar nicht groß und stark genug sein, um nicht von einem Zwerg aufs Kreuz gelegt zu werden; siehe Wagner, siehe tapferes Schneiderlein, siehe Odysseus. Unser Mitgefühl mit dem Großen hält sich dabei in Grenzen, weil man dem Schwachen, Kleinen den Sieg gönnt. Wenn aber der Riese selber schwach ist, ein bemitleidenswertes Monster, das wegen seiner unnatürlichen Länge ausgelacht wird und bestenfalls zur Attraktion einer Schaubude taugt, was dann? Dann nimmt Peter Turrini sich seiner an und macht die Freak-Show zum ergreifenden Bühnenstück.

Szenenfotos © Klaus Lefebvre

Es hat den Riesen vom Steinfeld tatsächlich gegeben. Der junge Bursch, der aus einer bösen Laune der Natur heraus einfach nicht mit dem Wachsen aufhörte (2,58 m.), bleibt bei Turrini ohne Namen. Roman Schmelzer, trotz beachtlicher Körpergröße auf Kothurn gestellt, gibt ihm die traurige Persönlichkeit. Zwei Frauen begleiten sein kurzes Leben (er wurde nur 27 Jahre alt): Anja, seine Mutter (Claudia Sabitzer) und ChrisTine Urspruch, die kleine Frau, selber angestarrte Kreatur in einem Wanderzirkus. Wenn Menschlichkeit spürbar wird, dann mit diesen drei Personen und mit dem versoffenen Musikzauberer (Erwin Ebenauer).

 

Der Riese vom Steinfeld wird von einem zweifelhaften Impressario (Der Klammerschneider ist Ronald Kuste) zuerst nach Ried, dann über den Umweg von Berlin, London und Paris nicht in das versprochene New York gebracht, sondern an billigste Varietés verscherbelt, nachdem er gesundheitlich nicht mehr entspricht. Letztendlich landet der unglückliche Riese wieder zuhause und stirbt dort an Lungenentzündung. Weil er für einen billigen Sarg zu lang ist, will man aus Kostengründen dem Toten die Beine absägen. Erst als vom englischen Hof Interesse an diesem Körper gezeigt wird, erkennt man seinen Nutzen. Er wird lebensgroß nachgebildet und die Figur als Fremdenverkehrsattraktion am „Wirtshaus zum Riesen“ angebracht.

 

Das Ensemble des Volkstheaters ist mit seiner Vielseitigkeit für dieses Vielpersonen-Stück prädestiniert. Abgesehen vom Riesen und der kleinen Frau bewältigt jeder der Darsteller drei bis vier Rollen. Regisseurin Stephanie Mohr hält sich dabei an den Zirkus an, lässt ihn auf der Bühne im Kreis fahren, blendet grell die Zuschauer mit den Scheinwerfern und wirbelt fahrendes Volk, Ortsbevölkerung und Publikum vielsagend durcheinander. Lediglich der Chor (Mitglieder der Chorvereinigung Neubau) bleibt als Schicksalskünder draußen in der Loge.

 

Maxim Gorkijs Kinder der Sonne, verheutigt von Nurkan Erpulat

Wandel der Zeiten als intellektueller Albtraum

Maxim Gorkij (1868-1936) hatte die Zeichen erkannt. Er war im Gegensatz zu den meisten anderen berühmten russischen Dichtern seiner Zeit von unten gekommen, geboren in einer „grauen Vorstadtgasse in Nishni Nowgorod“ (Stefan Zweig), heute Gorkij. Zwischen seinem Blick auf die da oben, auf die Gesellschaft der Reichen und Intellektuellen, stehen die Menschen, die den Luxus der frei schwebenden Gedanken zu tragen haben, die sich nicht gegen Krankheiten wehren können und deren Murren von der Armee des Zaren mit Gewalt unterdrückt wurde.

 

Im Volkstheater, das sich in der Regie von Nurkan Erpulat über Gorkijs Drama „Kinder der Sonne“ gewagt hat, werden die Arbeiter und die Diener tatsächlich zu Tragenden. Mit bewundernswerter Ausdauer halten sie beispielsweise die Tischplatte und lassen diese auch dann nicht fallen, als die Hausfrau Jelena Nikolajewna aufspringt und von dort oben, vom Wodka schwankend, ihre Ideale ausbreitet – aber nur so lange, bis einer der Träger das Kommando zum Absetzen gibt, und dann wird eben abgesetzt – das g´scheite Reden der Herrschaften hat für die Dauer der Ruhepause zu verstummen.

 

Die Handlung spielt im Jahr 1892. Der Biochemiker Pawel Fjodorowitsch Protassow (Patrick O. Beck) umgibt sich mit Menschen, die seine hochfliegenden Gedanken teilen oder zumindest teilen wollen. Simon Mantei ist der Tierarzt Boris Tschepurnoj, der berauscht war von den Gesprächen in diesem Haus und nebenbei auch – wie übrigens fast alle Beteiligten – vom Saufen. Er liebt Lisa, die kranke und hysterische Schwester von Protassow (Nanette Waidmann). Hinter Jelena Nikolajewna, der Frau des Biochemikers, ist der Maler Dmitrij Wagin (Günter Franzmeier) her und in lächerlicher Weise verfolgt Claudia Sabitzer als Melanija, die Schwester von Boris, den Hausherren mit ihrer Zudringlichkeit.

Fotos © Klaus Lefebvre

 

l.o.: v.l.: Günter Franzmeier, Statist, Simon Mantei, Heike Kretschmer, Statist, Patrick O. Beck, Nanette Waidmann

l.u.: v.l.: Günter Franzmeier, Heike Kretschmer

r.o.: v.l.: Claudia Sabitzer, Patrick O. Beck

Leiste: v.l.: Heike Kretschmer, Günter Franzmeier

Titel: Heike Kretschmer


 

Es ginge alles gut, wäre da nicht das Wetterleuchten der Revolution. Man weiß, wie das Gewitter geendet hat. Russland war für fast ein Jahrhundert kommunistisch. Gorkij konnte es damals noch nicht wissen, als er dieses Stück verfasste. Es entstand in der Haft nach dem Aufstand von 1905. Es ist keine Hasstirade auf Menschen, denen es besser geht. Es ist vielmehr der bittere Vorwurf, dass es diejenigen, die das intellektuelle Potential zur Verbesserung gehabt hätten, dieses nicht genützt haben. Vielmehr haben sie sich im Spintisieren verfangen.

 

Pawel Potassow arbeitet, ganz banal ausgedrückt, an der Entwicklung von Pflanzen, mit denen die Ernährung gesichert werden könnte. Zu diesen einfachen Worten findet er aber erst, als er vom Schlosser Jegor (Alexander Lhotzky) beinahe erwürgt wird. Davor sind es lediglich poetische Luftschlösser, denen er nachträumt, von glücklichen und edlen Menschen, die zum harmonischer Körper werden, aufsteigen zum Licht, bis sie Kindern der Sonne sind.

 

Nurkan Erpulat hat die Geschichte in eine unangenehme Umgebung gestellt, stinkend „als hätte jemand Gummistiefel in Öl angebraten“ und vor allem in das Heute der Festung Europa. In deren sicheren Mauern, die den Blick auf andrängende Massen verdecken, lässt sich noch fein über Müßigkeiten debattieren. Auf die Frage, ob auch unsere bürgerliche Welt an der Schwelle zum Abgrund steht, antwortet er: „Afrika ist vor der Tür, mehr kann man in der Hinsicht nicht sagen.“ Hoffentlich hört ihn jemand.

 

Ein Roman von Joseph Roth auf die Bühne konzentriert

Brandgeruch im

Hotel Savoy

Der Vorhang öffnet sich vor eine Brandstätte, vor schwarzen Fensterhöhlen, im Hintergrund mit einem geheimnisvollen Gang irgendwohin. Nur der Aufzug funktioniert noch. Aus ihm steigt der Hotelboy Ignatz (Marcello de Nardo), eine bedrückend gespenstische Erscheinung wie das gesamte Haus, in dem sich die Zeiten umkehren. Sie beginnen mit Gabriel Dan (Dominik Warta), einem Kriegsheimkehrer, der in das Hotel Savoy für ein paar Tage einziehen will, um sich für die Weiterreise in den Westen mit Geld bei seinem betuchten Onkel Phöbus Böhlaug (Rainer Frieb) einzudecken.

Fotos (© Christoph Sebastian) zum Vergrößern anklicken


r.o.: Mit einem ohrenbetäubenden Knall endet das Hotel Savoy

r.u.: Der Clown Santschin stirbt (Dominik Warta, Susa Meyer, Thomas Kamper)

r.g.u.: Rainer Frieb als Onkel Phöbus mit Ignatz (Marcello de Narda)

l.o.: Zarte Lebesbande zwischen Gabriel Dan (Dominik Warta) und Stasia (Andrea Bröderbauer im Hintergrund am Akkordeon.

l.u.: Susa Meyer als Sängerin Jetty Kupfer

Leiste, Titel: Marcello de Narda als bedrückend gespenstischer Hotelboy Ignatz

Für Joseph Roth lag die Hoffnung in einem wohl auch von ihm nur erträumten Amerika. Dort ist alles besser, bestens, eben Amerika, wie der marktschreierische Revolutionär aus Opportunität, Zwonimir Pansin (Christoph F. Krutzler), überzeugt ist und indirekt von Henry Bloomfield (Rainer Frieb) bestätigt wird. Bloomfield ist der einzige wahre Millionär, der im Savoy absteigt, und er kehrt wirklich heim, wenn er das Grab seines Vaters Blumenfeld besucht: „Wir haben unsere Heimat, wo wir unsere Toten haben.“

 

Das Volkstheater hat diese von Koen Tachelet für die Bühne verdichtete Romanvorlage beeindruckend inszeniert (Regie: Ingo Berk). Die Darsteller, von denen etliche mehrere Rollen übernehmen (Mamedof beweist nach der Doppelrolle im Färber und seinem Zwillingsbruder hier in sogar sage und schreibe sieben Rollen geniale Wandlungsfähigkeit), lassen in der Brandruine das Grand Hotel wieder erstehen. Sie spielen auf Musikinstrumenten, als ob es selbstverständlich sei, dass Schauspieler singen können (Susa Meyer als großartige Sängerin Jetti Kupfer), das Klavier beherrschen oder auf der Tuba eine melancholische Melodie zu blasen imstande sind; unbeeindruckt von unangenehmen Gerüchen wie Zigaretten- und Zigarrenrauch und beißendem Dampf einer Waschküche, die mangels wechselnder Kulissen der Szenenwechsel anzeigen; und von einem ohrenbetäubenden Knall, mit dem der Untergang des Hotels Savoy unwiderruflich gemacht wird.

Die Geschichte spielt unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Das einst fashionable Grand Hotel (bei Roth in Lodz, Polen, gelegen) dürfte die einzige mögliche Bleibe sein, sowohl für die mittellose Tänzerin Stasia (Andrea Bröderbauer), zu der Gabriel zarte Liebesbande knüpft, wie für den hundsarmen Clown Santschin (Thomas Kamper) oder skrupellosen Geldleuten wie Streimer (Rainer Frieb) oder Neuner (Thomas Bauer), die in der Bar wie eh und je die Puppen tanzen lassen. Zwischen ihnen treibt sich der Sonderling Hirsch Fisch (Matthias Mamedof) herum. Für sein Auskommen träumt er wohlfeile Lottozahlen und damit für die anderen das große Vermögen. Alle zusammen versuchen auf ihre Weise zu Geld zu kommen, zumeist mit windigen Geschäften, die nicht mehr gehen, „in diesen Zeiten“.

 

Wie vertraut dieser Satz klingt, mit dem Böhlaug das Ansinnen seines Neffen abschmettert; vertraut wie die Heimatlosigkeit all jener, die in diesem Hotel „wie bestimmte Fische zu bestimmten Jahreszeiten“ angespült werden: „Man ist da, ohne wirklich angekommen zu sein.“ Warten in nicht eingestandener Hoffnungslosigkeit, die aufkeimende Revolution, Bankrotteure, Finanzjongleure und gnadenlose Ausbeuter im Namen des Profits, das alles hat sich nicht nur damals abgespielt, es markiert auch unsere Tage und führt den Zuschauer in ein Hotel Savoy von beängstigender Aktualität.

 

Jagdszenen aus Niederbayern – ein Stück für starke Magennerven

Die Schwachen jagen den Schwachen

Zorn, Geilheit, Gewalt, Denunziation, Schande, ein Mord und eine kaltblütige Hinrichtung, das sind die Elemente, aus denen Martin Sperr sein „sozialkritische Volksstück“ zusammengesetzt hat. 1965 sind die „Jagdszenen aus Niederbayern“ entstanden und haben für den Autor den Durchbruch auf deutschsprachigen Bühnen gebracht. Zeitlich angesiedelt sind sie in der Nachkriegszeit. Durch die Radikalität, mit der sie einer ganzen Gesellschaft die freundlich-verlogene Maske vom Gesicht reißen, sind sie heute aktueller denn je.

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1974 wurde das Stück schon im Volkstheater aufgeführt und nun unter der Regie von Schirin Khodadadian neu inszeniert. Schonungslos wird die Grausamkeit des Geschehens herausgestrichen. Keiner soll wegschauen können. Blutverschmierte Wände und Körper, abstoßende Ärmlichkeit der Keuschen, ein schwarzer Hintergrund, das Auge kann sich während dieser eineinhalb Stunden nirgends auch nur ein wenig ausruhen. Dazwischen lassen die Beteiligten ihren bitteren Emotionen freien Lauf, steigern sie bis zur Unerträglichkeit – und hinterlassen einen zutiefst betroffenen Zuschauer.

Von gemütlicher dörflicher Idylle ist keine Rede mehr, wenn der homosexuelle Abram (Simon Mantei) aus dem Gefängnis nach Hause kommt. Seine Mutter Barbara (Claudia Sabitzer), eine Tagelöhnerin, will nichts mehr mit ihm zu tun haben und denkt, dass sie damit die „Schand´“ von sich fernhalten kann, obwohl sie von ihr umzingelt ist, in Gestalt der Bäuerin Maria (Martina Stilp), die mit ihrem Knecht Volker (Günter Franzmeier) zusammenlebt, obwohl ihr vermisster Mann noch nicht für tot erklärt ist.


Von gemütlicher dörflicher Idylle ist keine Rede mehr...


 

Volker wiederum will nichts anderes als das Dienstmädchen Tonka (Nanette Waidmann) von hinten packen und all die anderen, Bürgermeister (Erwin Ebenbauer), Knocherl, der Totengräber (Günther Wiederschwinger), oder Paula, die Bürogehilfin (Nina Horváth), und die Metzgerin (Heike Kretschmer) haben ebenfalls genug Dreck am Stecken.

Tonka ist von Abram schwanger. Er hat sich mit ihr eingelassen, um seinen Ruf als „Homo“ loszuwerden. Als sie einsehen muss, dass er sie nicht heiraten wird, versucht sie ihn zu erpressen. In blinder Wut ersticht er sie und wird nun selbst zum Freiwild; weniger wegen des Mordes, sondern viel mehr deswegen, weil er sich angeblich am geistig behinderten Sohn der Bäuerin, Rovo (Robert Prinzler), vergangen hätte. Auf seinen Kopf wird eine Prämie ausgesetzt, und es wird erfolgreich auf ihn Jagd gemacht.

 

Eiskalt aktuell: Bertolt Brecht und die Dreigroschenoper

Das ist doch nicht nett,

du Sau!

Das ist Kunst!

Am 31. August 1928 wurde die Dreigroschenoper uraufgeführt, 200 Jahre nach der Beggar´s Opera von John Gay, die Bertolt Brecht den Stoff dafür lieferte. Wieder ein knappes Jahrhundert später hat sich im Wesentlichen wenig an der gesellschaftlichen Situation geändert: „Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht.“ Nach wie vor gibt es organisierte Kriminalität, eine florierende Rotlichtszene, blühende Korruption und eine in den letzten Jahrzehnten wiedererwachte gewerbsmäßige Bettelei.

Bilder (Fotos © Lalo Jodlbauer) zum Vergrößern anklicken!

 

r.g.o.: Patrick Lammer , Ensemble

l.o.: Johanna Withalm, Marcello de Nardo, Maria Bill, Luisa Lindenbauer

l.u.: Susa Meyer, Arne Gottschling

r.o.: Katharina Straßer, Andy Hallwaxx, M. de Nardo, Patrick Lammer

r.u.: Katharina Strasser

r.g.u.: Patrick O. Beck, Johanna Withalm, Elisabeth Weninger, Maria Bill, Luisa Lindenbauer, Verena Sigl

Leiste: Marcello de Nardo

Die Dreigroschenoper spielt heute und nicht zu irgendeiner Zeit, auf die man entspannt zurückblicken dürfte. Dass dabei im Outfit des Mackie Messer – knallrotes Lederhöschen, Gilet ohne Hemd und blonder struppiger Bubenschopf – etwas übertrieben wurde, lässt sich angesichts der darstellerischen Leistung von Marcello de Nardo in Kauf nehmen. Der Bursche ist knallhart brutal, wenn er einem Bandenmitglied mit der Schere den Daumen abschneidet und das Blut auf der Bühne herumspitzt. Groß und zeitlos ist Maria Bill. Ihre alternde Hure Jenny lässt sogar für Augenblicke einen Schimmer des Guten durch den dichten Schirm des Bösen leuchten.

 

Was ist nun für den anhaltenden Erfolg dieser Armeleut´-Oper verantwortlich? Ist es die Auseinandersetzung von Brecht mit der Moral, besser gesagt, mit der Unmoral und seine vor Pointen strotzende Kritik am Kapitalismus? Dafür sprechen die zahllosen Zitate, an denen sich die Gesellschaft seit Generationen bedient. Oder ist es die Musik von Kurt Weill? Wahrscheinlich ist es beides zusammen; Moralisieren bis zum Ohrwurm. In einprägsame Melodien verpackt lassen sich Sätze wie „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ ganz einfach leichter mit nach Hause summen.

Daraus lässt sich doch was machen, eine Handlung beispielsweise, die davon lebt, dass ein Ganove dreist das Töchterlein sowohl des Polizeichefs als auch das des Bettlerkönigs bummst. Er halst sich dadurch enorme Schwierigkeiten auf, die beinahe zu seiner Hinrichtung führen. Nur mehr der „reitende Bote“ kann ihn vor dem Strick bewahren.

 

Der Inhalt des Stücks entspricht also vollends dem Genre Oper. Er ist unlogisch und lebt trotz herber Moral von den Leidenschaften der Hauptpersonen. Dass sich der gewiefte Boss einer Bande zweimal im selben Etablissement festnehmen lässt, ist ausgesprochen patschert und passt überhaupt nicht zum Haifisch und dessen Zähnen, als der er vom Moritatensänger Patrick Lammer eingangs eindrucksvoll vorgestellt wird.

Wäre da nicht Bertold Brecht, der Macheath einen „Mitarbeiter“ anbrüllen lässt: „Das ist doch nicht nett, du Sau! Das ist Kunst!“ Vielleicht hat gerade deswegen Hausherr Michael Schottenberg selbst inszeniert. Die Bühne, egal ob Wohnung des Bettlerkönigs, Pferdestall, Gefängnis, Puff oder Todeszelle, ist ein kühler Seminarraum, der sich jeder Szene anpasst, genauso wie die Businessanzüge der Bandenmitglieder oder die blanke, im Grunde unerotische Nacktheit der Huren.

Nestroys verrückteste Posse: Der Färber und sein Zwillingsbruder

Mitreißendes Doppel

Man wird zurückversetzt in die Zeit Nestroys, als das Publikum schon ungeduldig nach dem nächsten Schwank des bissigen Satirikers gierte. Wer sonst als er konnte es der Obrigkeit so richtig hineinsagen, konnte seine Formulierungen so geschickt durch die Zensur schwindeln und ihnen auf der Bühne extempore noch eins drauf setzen. Als am 15. Jänner 1840 „Der Färber und sein Zwillingsbruder“ erstmals auf die Bühne kam, wurden die Erwartungen nicht enttäuscht. Sein neuer Schwank wurde enthusiastisch aufgenommen.

Szenenfotos (© Lalo Jodlbauer) zum Vergrößern anklicken

Es geht durch lebensbedrohliche Szenen wie die Forderung zum Duell, die Erschießung als Deserteur, den Einsatz im Kampf gegen gefährliche Räuberbanden und die Heirat der Braut des Bruders. Das Ende ist, wie bei Nestroy an sich üblich, ein gutes. Jeder bekommt seine Dame des Herzens, und man gönnt sie beiden.

 

Der eine hat sein Reserl (Andrea Bröderbauer), die ihrem etwas tollpatschigen Kilian gewiss eine resche und tüchtige Ehefrau sein wird. Hermann heiratet Cordelia (Nina Horváth), die Schwester des sächsischen Oberforstmeisters Löwenschlucht (der Sachse Thomas Kamper). Dem Schwerenöter gönnt man von Herzen diese resolute Dame zur Ehe, ganz nach Nestroy als wechselseitige Lebensverbitterungsanstalt: „Die Wahrheit ist ja weltbekannt, Krieg und Eh´stand, die sind blutsverwandt.“

Ebensolche Begeisterung hat sich die Inszenierung im Volkstheater verdient. Es wird nicht herum experimentiert und modernisiert (Regie: Vicki Schubert), sondern einfach nur großartig Nestroy gespielt. Bei Matthias Mamedof, in Gestalt von Hermann und Kilian Blau mit zwei Rollen bedacht, denkt man unwillkürlich immer wieder, wie es seinerzeit auf der Bühne hergegangen sein könnte, als Nestroy selbst von einem Augenblick auf den anderen Charaktere und Kostüme wechselte.

 

Die Leute konnten lachen, einfach lachen, damals wie heute, z. B. über das gnadenlose „Jawohl, Herr General!“ Dem Angesprochenen schenkt Harald Serafin seine ganze Routine. Er stellt einen vertrottelten General auf die Bühne, der kaum mehr zu überbieten sein wird. Er darf und vor allem er kann singen; das Lied vom General, Text Georg Kreisler (*18. Juli 1922, +23. November 2011), behutsam begleitet von einem feinen Bühnen-Ensemble.

 

Kurz zum Inhalt: Kilian und Hermann sind Zwillingsbrüder. Der eine ist biederer Färber, der andere schneidiger Grenzgendarm. Kilian bezog schon als Kind für seinen Bruder die Prügel und kommt auch in diesem Stück ordentlich zum Handkuss. Hermann verschwindet aufgrund eines amourösen Abenteuers von der Bildfläche. Sein Bruder muss für ihn einspringen und spielt den Sergeanten, wie eben ein vollkommen unmilitärischer Mensch einen Soldaten spielt.

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