Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Stadtmuseum am Karlsplatz, Perspektive, 1907  Otto Wagner © Wien Museum

OTTO WAGNER Visionär einer funktionierenden Stadt

Otto Wagner Pavillon Karlsplatz  Foto: Hertha Hurnaus © Wien Museum

Seine Ideen schmücken bis heute das Bild von Wien

Wenn anderswo auf schwarzen Schienensträngen und hässlichen Brücken Bahnen durch abgewohnte Viertel sausen, ist es in Wien anders. Hier wird eine Fahrt mit den beiden Linien U6 und U4 zum Kunsterlebnis. Egal ob unter oder über der Erde, ob auf den Überführungen oder in den Stationen, Otto Wagner ist präsent. Für ihn war die Stadtbahn nicht nur Beförderungsmittel. Der Fahrgast sollte die imperiale Größe der Stadt empfinden, durch die er sich bewegte. Wien war das Zentrum der Donaumonarchie, Sitz des Kaiserhauses und magischer Anziehungspunkt der Menschen aus den verschiedensten Teilen dieses Vielvölkerstaates. Dass gerade diese so gewürdigten Habsburger den hochfliegenden Plänen dieses Architekten hilflos gegenüberstanden, erscheint uns heute wie ein Treppenwitz der Geschichte. So wagte Wagner einmal pointiert dem Kornprinzen Franz Ferdinand zu widersprechen, um als Folge vom Hof keine Aufträge mehr zu bekommen. Zugetragen hat sich die Geschichte bei der Einweihung einer der schönsten Kirchen Wiens. Auf dem Steinhofareal war mit Bauten von Otto Wagner zu einer modernen psychiatrischen Krankenanstalt geschaffen worden.

Porträt Otto Wagner, 1896  Gottlieb Theodor Kempf von Hartenkampf © Wien Museum

Als Krönung steht am höchsten Punkt eine Kirche, die nicht nur unglaublich kunstvoll ausgestaltet, sondern bis ins kleinste Detail den Ansprüchen eines Gotteshauses in einer Irrenanstalt angepasst ist. Der designierte Thronfolger soll dennoch süffisant bemerkt haben, dass im Barock die Kirchen prächtiger waren. Worauf Wagner keck antwortete, dass damals auch die Kanonen schöner gewesen wären, aber mit den heutigen ließe sich besser schießen. Verfolgt man in der Jetztzeit die Querelen um Steinhof, scheint sich an dieser Einstellung der Obrigkeit nur wenig geändert zu haben. Anstatt eines Weltkulturerbes sieht man günstige Gründe für Gemeindebauten, die anstelle der Pavillons auf dem Gelände errichtet werden könnten. Dass damit ein Juwel des Jugendstils, ein weltweit einzigartiges Gesamtkunstwerk, unwiederbringlich dahin wäre, ist den Mächtigen der Stadt offenbar vollkommen wurscht.

Idealentwurf des 22. Bezirks für die Studie „Die Großstadt“, 1911  Otto Wagner © Wien Museum

Vielleicht sollte man den Besuch der aktuellen Ausstellung im Wien Museum zum Pflichtprogramm für die Mitglieder des Wiener Gemeinderates machen, um sie von der Größe und Bedeutung eines OTTO WAGNER (bis 7. Oktober 2018) zu überzeugen?! Die Kuratoren Andreas Nierhaus und Eva-Maria Orosz haben auf 1000 m2 das Lebenswerk dieses vor hundert Jahren verstorbenen Architekten in beeindruckender Vollständigkeit aufbereitet. Direktor Matti Bunzl nannte ihn bei der Eröffnung den größten Optimisten der Moderne.

Wien war für Otto Wagner eine funktionierende Stadt, eine Maschine, der er sein Design angedeihen ließ. Seine Schöpfungen sind tatsächlich unvergleichlich in ihrer Mischung aus Dekor, das sich bei ihm entweder in praktischer Verkleidung von notwendigen Bauelementen oder im allgegenwärtigen Siegeskranz als Zeichen des Triumphs der Moderne manifestiert, und aus logischer Funktionalität, die sich allerdings hinter der wuchtigen Ästhetik des Äußeren fast bescheiden ausnimmt.

 

Zu sehen sind neben Porträts, Fotos von Zeitgenossen und Modellen auch etliche Projekte, die nicht verwirklicht wurden. Eines davon ist das Gebäude eines Vorgängers des heutigen Wien Museums, des Stadtmuseums auf dem Karlsplatz.

Auf einer Karikatur tröstet Fischer von Erlach Otto Wagner, dass zweihundert Jahre vorher die Leute über seine Kirche geschimpft hätten, hundert Jahre später würde ihnen auch Wagners Bau gefallen. Otto Wagner selbst schrieb dazu: Mir ging es nicht um das Museum, mir ging es um den Karlsplatz. Was die anderen von seinen Bauten hielten, dürfte ihn wenig berührt haben. Sein Anliegen war, wie er es formuliert hat, eine mehrwertige Minderheit und nicht um eine minderwertige Mehrheit. So haben wir ihm ein Wien zu verdanken, das an vielen Stellen unsere Augen erfreut, egal ob wir an einem Jugendstilhaus im Wiental vorbeifahren, auf der Donau in Nussdorf von mächtigen Löwen begrüßt werden oder an der ehemaligen Wiener Postsparkasse unserem dort hinterlegten Geld nachtrauern.

Kirche St. Leopold am Steinhof, Perspektive, 1902/03  Otto Wagner © Wien Museum
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