Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Vulgär? Ausstellungsansicht © Belvedere, Wien, 2017

Modenschau von einst und jetzt – wirklich VULGÄR?

Dior by John Galliano, Ensemble, Spring/Summer 2003, Haute Couture © Belvedere Wien

Dior, Lagerfeld, Prada und Blümchen auf barocken Miedern

Wenn es darum ging, Mode zu schaffen, waren die diesbezüglichen Künstler seit jeher grenzenlos in ihren Fantasien. Frauen- und fallweise auch Männerkörper möglichst ausgefallen zu verhüllen geht weit über das Grundbedürfnis nach Kleidung hinaus. Wenn man Hunger hat, isst man eine Wurstsemmel, wenn man dinieren will, verzehrt man die verspielten Kreationen der Haute cuisine. Mag sein, dass sich in dieser Schere zwischen Notwenigkeit und dem Luxus die Unmoral verbirgt. Aber wer es sich leisten kann, seinem Körper Unnötiges zuzufügen, ist deswegen noch lange kein Sünder. Körperform und Fülle des Geldbeutels sollten einigermaßen stimmen, um sich eine Modewelt zu öffnen, in der Frau bewundert wird, wohl wegen ihres Mutes, sich abenteuerliche Fetzen überzuziehen und damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie ist dann alles andere als vulgär in des Wortes vielschichtiger Bedeutung. Sie ist entweder Spitzenmodel oder Modeikone, der Mann zu Füßen liegt, auf jeden Fall aber etwas Besonderes.

Fashion Redefined © Guy Marineau Dior by John Galliano Haute Couture autumn/winter 1998 –1999

Im Winterpalais des Prinzen Eugen wird aber ausgerechnet das Wort VULGÄR in den Vordergrund gerückt, allerdings nicht, ohne es durch ein ? in Frage zu stellen, und sicherheitshalber wurde das englische „Fashion Redefined“ dahinter gestellt. Was würde sich besser für eine Gegenüberstellung von Modetorheiten von einst und jetzt eignen, als die im üppigen Barock erstrahlenden Prunkräume.

Courtesy Fashion Museum Bath Eighteenth Century Court Mantua (Robe and Petticoat),1748–1750

Die Schau, die den Hang zum Barock seitens eines Karl Lagerfeld, eines Christian Dior, eines Prada und einer Vivienne Westwood mit den Originalschöpfungen von Meistern aus dem 18. Jahrhundert verbindet, wird damit zu einem ungemein unterhaltsamen Gang durch zwei Epochen, die sich frappierend gleichen. Die Dinge, die als en vogie gelten, waren und sind kaum tragbar. Man muss sich nur vorstellen, wie sich der Galan einer Dame im erschreckend breiten Rock des Mantuakleides aus 1750 gefahrlos zum Handkuss genähert hätte.

Nicht anders jetzt: Knapp 250 Jahre später stellt der Hut aus Alice im Wunderland, 2010 entworfen von Stephen Jones, für die Trägerin eine Herausforderung an ihr Balancegefühl. Ganz offen zu seinem Hang für Geschichte steht John Galliano, der für Christian Dior einen Hermelinmantel erdacht hat, der mit den Stiefeln von Manolo Blahnik und einem Hut von Stephen Jones auf dem Body eines Mannequins eine spätmittelalterliche Kaiserfigur wieder zum Leben erweckt.

Wie schlicht und praktisch nimmt sich dagegen das Cocktailkleid aus, das Yves Saint Laurent 1965 dem Maler Piet Mondrian nachempfunden hat. Und es wäre ganz falsch, von vulgär zu reden, wenn man sich vorstellt, welch ein Vergnügen es einem Herrn seinerzeit gemacht haben muss, bis zu dem mit zarten Blümchen bestickten Mieder auf einer Wespentaille vorzudringen, auf die Gefahr hin, dass ihm dieses nach dem Öffnen eine überraschend neue Form seiner Angebeteten beschert haben könnte.

Vulgär? Ausstellungsansicht © Belvedere Wien 2017
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