Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Daniel Jesch © woyzeckburg

WOYZECK Büchners Fragment neu fragmentiert

Woyzeck Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

Der Unbedeutende gibt Rätsel auf...

Es steht nirgends geschrieben, dass man das Stück von Georg Büchner zu erwarten hat, wenn Woyzeck auf dem Spielplan steht. Im Akademietheater jedenfalls war man mit der Suche nach dem Original vollauf beschäftigt und fand es in einzelnen Wortfetzen und in den groben Umrissen, die eine Handlung andeuteten. Johan Simons ist offenbar der Meinung, dass Büchner in seinem in der Literaturgeschichte einzigartigen und genialen Fragment die ganze Problematik um einen vom Leben und seiner Freundin Betrogenen nicht genug herausgearbeitet hätte, und hat in seiner Inszenierung die eigene Interpretation vom kleinen Würschtel als expressionistische Zirkusshow in eine am Schluss vom Regenwasser getränkte Manege gestellt. Statt der gewohnten Uniformen, von denen auch Pfeifendeckel Woyzeck eine tragen muss, setzt er auf nackte Körper. Nix ist´s mit Feschsein für den Tambourmajor (Guy Clemens), statt dessen läuft er meiste Zeit in roten Unterhosen herum und das Trommeln der von ihm per Stab kommandierten Musikbanda wird von ihm durch Schmeißen eines Steinblocks ersetzt.

Steven Scharf © Reinhard Werner/Burgtheater

Viel Phantasie ist gefragt, wenn man glauben will, dass sich die Marie (Anna Drexler) in diesen Kerl verliebt, weil er um so viel männlicher ist als ihr Franz. Das Kind, für das ihr der Füsilier Woyzeck seinen Sold zusteckt, wurde aus Draht geflochten, wodurch es die einzige wirklich durchschaubare Gestalt wird. Der Hauptmann ist mit Daniel Jesch ein lockerer Typ, der nur wenig Militärisches an sich hat und eher wie ein Bodenartist auftritt, wenn er feststellt, dass schon lang niemand mehr ertrunken ist. Als einziger erscheint Falk Rockstroh als Doctor glaubwürdig, wenn er stereotyp immer wieder fragt, woher dieser Woyzeck nur solche Gedanken haben könnte. Immerhin ist er derjenige, der das philosophische Potential seines Patienten erkennt, aber nicht bereit ist, die Notbremse zu ziehen, wenn es um die Ermordung von Marie geht. Die Märchen erzählende Großmutter und Käthe werden von Martin Vischer mit kleinen Änderungen im Kostüm unterschieden.

 

Der großgewachsene Steven Scharf ist an sich das körperliche Gegenteil des von ihm verkörperten kleinen Soldaten. Es beginnt damit, dass er energisch das Zirkuszelt einreißt, auf dem bis zu diesem Vandalenakt Artisten, Tiere und Attraktionen in Schwarzweißprojektion fröhliche Urständ feiern. Das Stammeln des von Verfolgungswahn geplagten wird eher zum selbstbewussten Manifest eines Unverstandenen. Wenn Steven Scharf nackt und wild ein in die Szene hängendes Gestänge wie im Geschlechtsverkehr bearbeitet, hat das nicht viel mit der Armseligkeit eines Unterdrückten zu tun.

Einem solchen Berserker ist durchaus ein Eifersuchtsmord zuzutrauen, wenn er hinter das Verhältnis seiner Marie kommt; allerdings nicht mit dem harmlosen Bühnenmesser, das ihm dafür von der Requisite sicherheitshalber zur Verfügung gestellt wird. Dahinter steht wohl die Überlegung, das Publikum nicht zu schockieren. Es soll schließlich wissen, dass Marie nicht wirklich umgebracht wird. Es ist ja alles nur Theater, das in diesem Fall entfernt an Georg Büchners Woyzeck erinnert.

Anna Drexler, Guy Clemens © Reinhard Werner/Burgtheater

Aenne Schwarz als Mauersegler © Reinhard Werner/Burgtheater

IN EWIGKEIT AMEISEN Ein heiter-böser Blick auf das Ende der Menschheit

In Ewigkeit Ameisen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Wenn der Atomkrieg dem Jüngsten Gericht zuvor kommt...

Der gute Erzengel Michael weiß leider nicht, dass es am Jüngsten Tag nicht nur sein Flammenschwert gibt, sondern auch Posaunen, mit denen die Toten aus ihren Gräbern gerufen werden. Was die Auferstandenen dann erwartet, steht auf einem anderen Blatt. Zuvor müssen allerdings noch die letzten Lebenden beseitigt werden. Dass man den hochrangigen Himmelsgeist ausgerechnet auf das Kaff Iflingen ansetzt, um dort die Bevölkerung durch Schwertstreich umzubringen, empfindet er zu Recht als Zumutung. Sein Begleiter Ludwig ist der Posaunist, der sein Instrument, eine sogenannte Aida-Fanfare, erforderlichenfalls auch als Stethoskop einsetzt. Während die beiden Himmelsboten vergeblich nach Opfern suchen und dabei einem reizenden, aber aufmüpfigen, durchs Laub wühlenden Igel begegnen, lässt sich der Ameisenforscher Schneling-Göbelitz von seinem Adlatus Müller mit dem Rollstuhl vorbei an allerlei Widrigkeiten dieser Expedition durch den afrikanischen Busch schieben. Der Wissenschaftler sucht seine Unsterblichkeit in der Entdeckung einer blauen Ameisenart.

In Ewigkeit Ameisen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Er findet sie und bestätigt damit seine Theorie, dass Ameisen auch eine nukleare Katastrophe überleben werden. Er und Müller werden nämlich selbst zu diesen widerstandsfähigen Insekten, die Menschen, einem aufs Schlachten erpichten Schwein und dem verzweifelt im Kreis gleitenden Mauersegler diesbezüglich einiges voraus haben.

In Ewigkeit Ameisen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Wolfram Lotz hat diese Gedanken zu den letzten Dingen in eine amüsante Satire auf himmlische Offenbarung und menschlichem Wahnsinn verpackt. Die alles vernichtende Bombe kommt in seiner Lesart dem Racheengel frech zuvor. Diese erfrischend rotzige Blasphemie ist für das Ensemble unter der Leitung von Regisseur Jan Bosse eine großartige Gelegenheit, sich in vielerlei Rollen über so bierernste Themen wie ungebrochenen Forschergeist in scheinbar unnötigem Gefilde lustig zu machen.

Genauso nehmen sie die biblisch verordnete Brutalität eines Lieben Gottes aufs Korn und machen sie hemmungslos lächerlich. Die Bühne (Stéphane Laimé) ist in weichem Staubgrau gehalten und zeitweise vom Atompilz vernebelt. Dazwischen werden die Darsteller vom Scheinwerfer in Szene gesetzt. Klaus Brömmelmeier, Peter Knaack, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Aenne Schwarz spielen alle die Rollen, die der Autor für diese Endzeitprophezeiung erdacht hat, und zwar ständig abwechselnd, als spielten sie sich Bälle zu, fang! und schupf´ wieder z´ruck!

Aber erkennbar sind sie auf der Stelle, und seien es nur die schwarzen und weißen Flügel zu den blauen Overalls (Kostüme: Kathrin Plath), mit denen sich der Erzengel vom englischen Gehilfen abgrenzt. Eins mag das Stück „In Ewigkeit Ameisen“ auch bei allem Unernst bewirken: Sollten das nächste Mal die kleine Krabbler in Ihre Süßigkeiten einfallen, denken Sie daran, die Tierchen sind Ihnen weit überlegen und werden auch die schrecklichen Posaunenrufe des Jüngsten Tags schadlos überstehen.

In Ewigkeit Ameisen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Gregor Bloéb © Georg Soulek/Burgtheater

DER KANDIDAT Bizarre Wahlwerbung auf dem Rouletttisch

Der Kandidat Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

Sogar ein steinreicher Privatier wie Russek lässt sich zum Politiker ummodeln

Gustave Flaubert, in der Übersetzung von Carl Sternheim, gibt nicht wirklich schlüssig bekannt, warum eine der Parteien auf die Idee kommt, als Kandidaten den Privatier Russek (Gregor Bloéb) aufzustellen. Ist es das Geld, das er besitzt oder die unglückliche Idee seines Möchtegern-Schwiegersohnes Grübel (Florian Teichtmeister), einem Meister der Intrige, pardon Vernetzung. Was im Moment nach einem glatten Sieg ausschaut, wird durch die Gegenkandidatur eines windigen Fotografen namens Seidenschnur (Dietmar König) plötzlich zur Zitterpartie. Russek hat vom gängigen Politsprech nicht die geringste Ahnung und muss sich von seiner Rechtsanwältin Evelyn (Sabine Haupt) im Floskeln trainieren lassen. Geheimnisvolle Gestalten umschwirren den Neopolitiker wie Redakteur Bach (Sebastian Wendelin), der alte Graf Rheydt (Bernd Birkhahn) und dessen Sohn (Valentin Postlmayr), der auch als Moderator eine Konfronation der Kandidaten streng parteiisch, wie´s sich eben gehört, für Seidenschnur und gegen Russek lenkt.

Der Kandidat Ensemble Georg Soulek/Burgtheater

Die von Grübl begehrte Luise (Christina Cervenka) und Frau Russek (Petra Morzé) sind die nicht lebensunlustigen Damen im Haushalt des Kandidaten. Luise wird ganz sinnlich, wenn sie Seidenschnur ablichtet und Frau Russek möchte dem Drängen des jungen Journalisten Bach allzu gern nachgeben. Die Gesellschaft ist also durchaus einer Politsatire würdig und damit zeitlos, wenngleich das Stück bereits 1848 geschrieben und die Übertragung ins Deutsche Anfang des 20. Jahrhunderts angefertigt wurde.

Sebastian Wendelin, Petra Morzé Georg Soulek/Burgtheater

Georg Schmiedleitner hat diese Farce in ein Casino, besser gesagt, auf den Rouletttisch selbst verlegt. Wenn es heißt „Faites vos jeux!“, beginnt die Kugel zu rollen bis „Rien ne va plus“ um dann klappernd in einer der Zahlen liegen zu bleiben. Das Spiel wird nur angedeutet und zwingt die Darsteller zu halsbrecherischem Auf- und Abspringen von der Glücksscheibe. Die Beteiligten haben sichtlich Spaß an diesen Übungen, die ihre körperliche Fitness eindrucksvoll unter Beweis stellen.

An Gags wird nicht gespart. So verteilt Seidenschnur während der Konfrontation mit Russek kleine Geschenke im Publikum und sorgt mit Hilfe des Moderators, dass sein Kontrahent mit Sicherheit nicht zu Wort kommt. Am Ende des Tages wird einer der beiden gewonnen haben. Wer es ist, verschweigt uns Flaubert. Aber er schenkt dem alten Russek einen großen Monolog.

Darin zieht Bloéb alle Register nichtssagender Phrasen und legt souverän wie ein ausgezeichneter Absolvent der Parteischule rhetorische Meisterschaft im Schwafeln an den Tag. Bei genauem Hinsehen würde man aber keinem der auftretenden Stimmenfänger, so nach amerikanischem Anforderungsprofil, einen Gebrauchtwagen abkaufen, respektive das Kreuzerl vor seinen Namen malen, aber eben nur bei genauem Hinsehen, und wer macht das schon in einem Wahlkampf?

Der Kandidat Ensemble Georg Soulek/Burgtheater

Samuel Finzi, Mavie Hörbiger © Bernd Uhlig

KOMMT EIN PFERD IN DIE BAR und wird depressiv...

Samuel Finzi in Videoprojektion © Bernd Uhlig

Beinharte Abrechung eines jüdischen Stand Up Comedian mit seinem Leben

David Grossman war sichtlich gerührt, als er beim Schlussapplaus auf die Bühne des Akademietheaters gebeten wurde und dort allein den Beifall entgegennehmen dufte. Er ist der Verfasser des Romans, den Dušan David Pařízek zu einem Zweipersonenstück dramatisiert hat. Es handelt sich dabei um eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und dem Deutschen Theater in Berlin. „Kommt ein Pferd in die Bar“ könnte der Anfang eines Witzes sein, dessen Pointe man aber nie erfährt. Er ist einer von den Kalauern, die der Fahrer eines Militärfahrzeuges dem kleinen Dovele erzählt, um ihm die Fahrzeit zum Begräbnis seiner Mutter zu verkürzen und ihn eventuell auch aufzuheitern. Der längst in die Jahre gekommene Dov Grinstein erinnert sich daran just während eines Abends, an dem er sein Publikum in einer kleinen israelischen Stadt am Lachen halten soll. Dov schießt zuerst einen Gag nach dem anderen ab, bewahrt nicht einmal die Shoa und erschossene Araber vor seinen Späßen und greift dabei kräftig in die untersten Laden. Dafür ist er ja bekannt und engagiert, dass er keine Geschmacklosigkeit auslässt.

Samuel Finzi, Mavie Hörbiger © Bernd Uhlig

Dabei unternimmt er Ausflüge in die Zuschauerreihen. Ganz zufällig sitzt dort eine junge Frau, die den Stand Up Comedian noch als jungen Burschen gekannt hat. Er hat sie nie irgendwo nach hinten ziehen wollen, hat sich nicht über ihre Statur lustig gemacht, sondern sie liebevoll Pitz, die Kleine, genannt, und ist die meiste Zeit auf seinen Händen gelaufen. Sie kommt zu ihm auf die Bühne, wird zum Korrektiv seines Selbstmitleids und verhehlt nicht ihre Zuneigung zu diesem verrückten Kerl. Ihre schüchternen Eingriffe erlauben Dov eine beinharte Abrechung mit seinem Leben, das er mit dem zotigen Ausdruck „Hurensohn“ bilanziert.

 

Im Akademietheater sind Samuel Finzi Dov Grinstein und Pitz Mavie Hörbiger. Dušan David Pařízek führt Regie und baut mit einer Live-Kamera, die auf den Hintergrund projiziert wird, spannende weitere Ebenen ins Geschehen ein. Es liegt einzig und allein an einem grandiosen Samuel Finzi, dass bei diesem Lebensbericht seines Helden die Zuschauer bei der Stange gehalten werden.

Er spielt überzeugend den jüdischen Komiker, dem nach und nach die Heiterkeit abhanden kommt und die Verachtung vor sich selbst anwächst. Mavie Hörbiger umwebt ihn wie ein hilfsbereiter Engel, der jedoch erfolglos bleibt, wenn es darum geht, aus diesem Gov einen Menschen mit Gefühlen für andere als seine verstorbenen Eltern zu machen, auch nicht das Close up auf sein mit Blut verschmiertes Gesicht oder ihr reizendes Lachen über einen kindlichen Witz mit einer Schnecke.

Samuel Finzi als Gov Grinstein © Bern Uhlig

Link zum Akademie- & Burgtheater, Foto © Georg Soulek Burgtheater

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