Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Philippe Spiegel, Beppo Binder, Ensemble © Christian Husar

FIDELIO O welche Lust in großer Oper zu baden

Magdalena Renwart, Chor der Gefangenen © Christian Husar

Beethovens Musik als Dur-strahlendes Selbstbewusstsein der Freiheit

Der Bühne Baden kann man eins nicht nachsagen, nämlich dass sie keinen Mut hätte. Unter Direktor Michael Lakner konnte das an sich der Operette verschriebene Haus mit Fidelio bereits die zweite Oper erfolgreich zur Premiere bringen. Beethoven hat so seine Tücken, vor allem meint jeder, über dieses Werk viel mehr als alle anderen, vor allem mehr als Dirigenten und Regisseure zu wissen. Es gibt etliche Fassungen und mit keiner kann man´s solcherlei kritischen Meckerern wirklich recht machen. Warum man beispielsweise die dritte, die „Große Leonoren-Ouvertüre“ vor dem Finale nicht gespielt hat, wenn der Vorhang schon einmal für den Umbau herunten ist? Franz Josef Breznik, souveräner Dirigent des Orchesters der Bühne Baden, und Regie führender Intendant Lakner werden es schon wissen und ihre guten Gründe dafür haben. Denn abgesehen davon haben sie diese Oper erfreulich unprätentiös in die Gegenwart gesetzt. Vor einer Wand mit geschwärzten Grundrechten klingeln in den Taschen der Aufseher Handys und von den befreiten Gefangenen in ihren orangen Overalls werden Selfies gemacht.

Reinhard Alessandri © Christian Husar

Der Sprung ins Heute liegt auf der Hand, wenn politische Gegner in einigen Weltgegenden im günstigsten Fall weggesperrt, heutzutage aber nicht selten einfach weggeräumt, wenn nicht gar zerstückelt werden. Man braucht nicht allzu viel Fantasie, um diese Intention im Fidelio zu erkennen. Dass Beethoven den Sieg des Rechts mit fanfarenartigen Klängen erstrahlen lässt, alles in hellstem Dur, ist das wahre Vermächtnis des Meisters und die wirkliche Bedrohung für düstere Finsterlinge, die sich auch in unseren Tagen nicht erblöden, seine Musik ängstlich zu verbieten.

Magdalena Renwart, Erik Rousi, Claudia Goebl © Christian Husar

In erster Linie geht es wie in jeder Oper jedoch um den Gesang der Solisten. Mit Magdalena Renwart als Leonore bzw. Fidelio wurde eine sowohl schauspielerisch als auch stimmlich ausgezeichnete Sporanistin engagiert. Sie lässt die arme Marzelline (Claudia Goebl), die Tochter des Direktors, tatsächlich glauben, dass sie ein junger Mann sei und die Umarmungen und Küsse echt seien. Bei der virilen Verkleidung als Gefängniswärter handelt es sich lediglich um eine Befreiungsaktion des Gatten.

Wenn sich die unglücklich Verliebte am Ende mit dem Langzeitverehrer Jaquino (Ricardo Frenzel Baudisch) begnügen muss, kann dies angesichts des Ausgangs der Unternehmung als amouröser Kollateralschaden abgetan werden. Der Möchtegern-Schwiegervater von Fidelio, Rocco, wird mit Erik Rousi zum gutmütigen Bärchen, dem man kaum zutrauen möchte, dass er mit Eifer an der Zisterne gräbt, in der Florestan verschwinden soll. Aber leider sieht das Libretto für ihn auch die Feigheit vor der Obrigkeit in Gestalt von Don Pizarro (Sébastien Soulès als durchsetzungsfähiger Bariton) vor. Wenn Jaquino, Fidelio, Mazellina und Rocco im Quartett gemeinsam singen, dann ist das schon ein Grund, einmal die Luft anzuhalten, so schön und gefühlvoll entwickelt sich dieses Quartett. Im zweiten Akt geht es endlich hinab unter die Erde, wo Florestan in der Finsternis schmachtet. Der Tenor Reinhard Alessandri überwindet trotz gefesselter Hände das in Schauder erregendem Moll eingeleitete Hochgebirge, mit dem Beethoven seinen Gefangenen den Jammer besingen lässt, der ihn so tief fallen ließ. Irgendwann ertönt aber die befreiende Trompete, Leonore zieht gegen Pizarro die Pistole und aus der Loge ertönt der Bariton von Don Fernando (Thomas Zisterer). Er ist der Freund von Florestan, der sich ehrlich über dessen Rettung freut.

Dann allerdings geht die Post ab. Vergnügt tanzt das Ballett und der Chor, der bei seinem großen Auftritt mit „O welche Lust“ noch mit zurückhaltender Freude das Sonnenlicht begrüßt hat, darf ungehemmt jubeln und Florestan mit seiner mehr als tapferen Leonore hochleben lassen. Das Happy End wird derart ausgelassen gefeiert, als ob es keine Erdoğans, Putins oder Trumps und damit auch keine Staatsgefängnisse, sibirische Lager und keine Folter in Guantanamo mehr gäbe.

Thomas Zisterer © Christian Husar

Dorina Garuci, Mark Seibert © www.christian-husar.com

BONNIE & CLYDE Zwei Kriminelle fast zum Liebhaben

Mark Seibert, Dorina Garuci © www.christian-husar.com

Ein Musicalmonument für das legendäre Gangsterduo

Die beiden jungen Leute haben ja viel an sich, was sie unsterblich macht, auch wenn sie im Kugelhagel der Polizei ihr Leben gelassen haben. In einem Amerika der Wirtschaftskrise waren sie Outlaws wie Robin Hood, denen die Herzen all derer zugeflogen sind, die wie der draufgängerische Clyde Champion Barrow und die attraktive Bonnie Elizabeth Parker vom Wohlstand nur träumen konnten. Allein, dass Bonnie und Clyde versucht haben, sich die Mittel für ein Leben in Saus und Braus mit Gewalt zu organisieren, unterschied sie von anderen Zeitgenossen. Das trauten sich die wenigsten und haben es bei grenzenloser Bewunderung für dieses Gangsterpärchen belassen. Dass es sich in Wirklichkeit um Loser handelte, um Kleinkriminelle, die rein durch Ungeschicklichkeit ins große Verbrechen gerutscht sind, ist unter den jubelnden Zeitungsberichten über jede neue Untat übersehen worden. Der sogenannte Bau war noch lange kein Hochsicherheitsgefängnis und ließ bei einigem Geschick einen Ausbruch zu, was auch eifrig für kurze Ausflüge genützt wurde.

Michaela Christl, Reinwald Kranner © www.christian-husar.com

Dazu kam eine damals nicht gerade zimperliche Ordnungsmacht, die sich wenig um das Recht kümmerte, wenn es galt, dieses durchzusetzen. Sie beschützte die Besitzenden und ging gegen jeden Hendldieb mit gnadenloser Brutalität vor. Kein Wunder also, dass die Sympathien den beiden gehörten, die sich dagegen eine Zeit lang sogar erfolgreich auflehnten.

Bonnie & Clyde Ensemble © Christian Husar

Ivan Menchell (*1961) hat das Leben von Bonnie & Clyde in einem Buch für ein Musical zusammengefasst. Don Black hat dazu Liedtexte verfasst und Frank Wildhorn die Musik geschrieben. Das Stück begeistert durch seinen Schwung, der vor allem in der zweiten Hälfte, wenn es also kriminell so richtig zur Sache geht, das Publikum mitreißt. Man ist sich nie ganz sicher, soll jetzt mit einem Heldenmythos aufgeräumt werden oder ist es doch eine Verherrlichung zweier charmanter Verbrecher.

Für das eine spricht die Szene, in der eine Bank überfallen wird und dort nicht ein Cent zu holen ist, während sich die wartenden Gläubiger Autogramme von Bonnie & Clyde geben lassen. Dann kommen aber wieder Gesangsnummern, die den Traum vom unrechtmäßigen Erwerb zur einzigen Wahrheit dieses Lebens hochstilisieren. Im Großen und Ganzen ist es aber eine unterhaltsame Geschichtsstunde, untermalt mit Melodien, die, solange man sie hört, ungemein ins Gemüt gehen, aber nicht die anhängliche Qualität eines Ohrwurms haben.

Mark Seibert, Gabriele Kridl, Franz Josef Koepp © Christian Husar

Leonard Prinsloo hat das Musical für die Bühne Baden stimmungsvoll umgesetzt. Monika Biegler setzt in der Ausstattung der jeweils kurzen Szenen auf einfach zu wechselnde Kulissen und auf viel Video (von einem Kameramann nach dem Konzept von Aron Kitzig live auf der Bühne gefilmt). Sie schafft damit kurzweiligen Schaugenuss, bei dem man sich stets im Klaren ist, was gerade läuft. Denn sowohl die gesprochenen als auch die gesungenen Texte sind eher nicht immer gut verständlich.

Die Ausnahme ist Martin Berger, der als Priester mit wohl artikulierten Predigten Gospelstimmung verbreitet. Carin Filipčić rührt als Mutter von Bonnie die Herzen mit ihrem Jammer, dass der Teufel ihr kleines Mädchen fortgenommen hat und zeigt dabei mächtig Stimme, ebenso wie Blanche Barrow. Michaela Christl will als bigotte Gattin des Marvin „Buck“ Barrow (Reinwald Kranner) diesen mit schauspielerisch beeindruckender Leistung davon abhalten, mit seinem Bruder Clyde auf die schiefe Bahn zu geraten. Auch Gabriele Kridl zeigt als Cumie Barrow, was eine Mutter stimmlich drauf hat, wenn es darum geht, die Söhne vor dem Abrutschen in die Gesetzlosigkeit zu bewahren. Clyde hat mit Mark Seibert eine emphatische Verkörperung gefunden.

Man nimmt ihm auf der Stelle ab, dass ihm der erste Mord noch gröbere Gewissensbisse verursacht. Und man glaubt ihm gern, dass er in seine Bonnie vernarrt ist. Dorina Garuci ist die Frau, der man Juwelen um den Hals legen will, auch wenn man dafür einen ganzen Schwarm Polizisten auf sich hetzt. Mit ihrem rührenden Bekenntnis „So weiß ich doch: Ich hab´ gelebt“ rechtfertig sie ihr kurzes, aber erfülltes Dasein so schön, dass man den Atem anhält, um ihr besser beim Singen zuhören zu können.

Bonnie & Clyde Ensemble © Christian Husar
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