Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Benjamin Plautz, Verena Barth-Jurca, Ensemble © www.christian-husar.com

SHOW BOAT Cotton Blossom blüht in Schwarz und Weiß

Show Boat Ensemble © www.christian-husar.com

Frag doch den Fluss nach einem zu Herzen gehenden amerikanischen Märchen!

Die Story spielt vor hundert Jahren. Sie beginnt 1880 an Deck der Cotton Blossom, einem Theaterschiff, und endet 47 Jahre später eben dort. Der einzige, der nicht älter wird, ist der Missisippi, auf dem das Show Boat unterwegs ist. Damals war es noch strafbar, wenn ein Weißer eine Schwarze heiratete, und eine Schauspielertruppe, die sich nicht streng an Rassentrennung hielt, wurde weggewiesen. Was sich in diesem Jahrhundert in den Südstaaten diesbezüglich gewandelt hat? Erschreckend wenig. Auf einem Raddampfer feierte vor gar nicht langer Zeit eine Yankee-Gesellschaft einen Polterabend. Die Band bestand aus Schwarzen, durchwegs Kapazunder auf ihren Instrumenten. Als es ans Buffet ging, hatte der Schlagzeuger seinen Teller auf der Trommel stehen. Er war auch durch gutes Zureden nicht zu bewegen, sich unter die Leute zu mischen und blickte nur scheu, fast ängstlich um sich. Es könnte ja irgendwo ein Aufpasser stehen, der ihn wieder an seinen Platz zurückverweisen würde. Das 1927 uraufgeführte Stück erweckt derlei Reminiszenzen an die jüngste Vergangenheit.

Thomas Weinhappel, Valerie Luksch © www.christian-husar.com

Zugrunde liegt der Handlung von Show Boat ein Roman von Edna Ferber. Die Autorin war angeblich erst von einer Umsetzung als Musical zu überzeugen, als sie den Song „Ol´ Man River“ hörte und davon tief berührt war. So ließ sie es zu, dass das Libretto von Oscar Hammerstein durch ernst und komisch treibt, zwischen Unterhaltung und Nachdenklichkeit, vom Kitsch zur Tragödie pendelt, was von der sowohl weißen wie schwarzen Musik eines Jerome Kern genial unterstrichen wird. Theater im Theater wechselt mit realen Szenen ab. Es fehlt nicht an der großen Liebesgeschichte, an mitreißenden Tanzszenen und operettenhaft schönen Melodien. Show Boat ist mehr als ein Musical, es ist ein großes amerikanisches Märchen, das man sich wie ein Kind immer wieder erzählen lassen will.

Zelotes Edmund Toliver, Ensemble © www.christian-husar.com

Für die Bühne Baden hat der Chef persönlich die Regie übernommen. Michael Lakner mit Monika Biegler als Ausstatterin schaffte es, dieses Werk wunderbar amerikanisch umzusetzen. Das Orchester unter der Leitung von Franz Josef Breznik entwickelt einen derart mächtigen Sound, dass man das Gefühl hat, im Graben sitzen 100 Musiker. Es swingt und jazzt, dass es ein Vergnügen ist, und begleitet dabei eine Schar außergewöhnlicher Solisten mit toll singendem und fetzig tanzendem Ensemble.

Beppo Binder ist Kapitän Andy Hawkes. In dieser Rolle hat er beste Gelegenheit, als ernsthaft agierender Komiker die Aufführung zu tragen. Er ist umsichtiger Prinzipal des Theaterschiffs und leidgeprüfter Ehemann von Parthy Ann (Uschi Plautz), einer Frau mit dominanter Veranlagung, wie er es zärtlich ausdrückt. Deren reizende Tochter Magnolia spielt und singt Valerie Luksch. Man nimmt es ihr gerne ab, dass sich der fesche Gaylord Ravenal auf der Stelle in sie verliebt. Thomas Weinhappel ist ein Bariton, der so gut aussieht, wie seine Stimme klingt. Man könnte es ihm übel nehmen, das er dem Spiel verfallen ist und seine Familie verlässt. Aber wäre es anders, gäbe es keinen zweiten Akt und kein ergreifendes Wiedersehen mit Frau und Kind nach 40 Jahren.

Wie gute Geister huschen dazwischen Ellie May Chipley (Verena Barth-Jurca) und Steve Baker (Thomas Weissengruber) durch diverse Kalamitäten und verdienen nebenbei fröhlich steppend ihr Geld in der Bar Trocadero. Mit einem Bass, breit und tief wie der Missisippi, greift Zelotes Edmund Toliver als Schiffsarbeiter Joe in die Gemüter des Publikums. Sein „Ol´ Man River“ erzeugt Gänsehaut, wenn nicht gar ein paar verschämte Tränen, wenn er sich sowohl vorm Tod wie auch vorm Leben fürchtet.

Uschi Plautz, Beppo Binder © www.christian-husar.com

Die geschiedene Frau Ensemble © www.christian-husar.com

DIE GESCHIEDENE FRAU „Moderne“ Operette von Leo Fall

Die geschiedene Frau Ensemble © www.christian-husar.com

Der musikalische Beweis, dass man auch ein bisserl verheiratet sein kann

Was tut ein galanter Mann, an den sich eine ausnehmend attraktive Frau wendet, um mit ihm im Nachtzug von Nizza nach Amsterdam ein Schlafwagenabteil mitbenutzen zu dürfen. Selbstverständlich bietet er ihr seine Dienste an, natürlich nachdem er beschlossen hat, die Nacht im Speisewagen zu verbringen. Aufgrund eines Defekts lässt sich das Coupe aber nicht mehr öffnen und die beiden sind Gefangene seiner Großzügigkeit. Das Ganze kommt umgehend der jungen Ehefrau des hilfsbereiten Ritters zu Ohren und, Honi soit qui mal y pense, vermutet diese Sodom und Gomorra und strengt die Scheidung an. An dieser Stelle setzt das von Victor Léon gefertigte Libretto „Die geschiedene Frau“ ein, das Leo Fall zu einer Operette vertont hat. Sie beginnt mit der launigen Darstellung des Gerichtsverfahrens, im Zuge dessen sich der Gerichtspräsident in die „Schlafwagensünderin“ verliebt. Es ist also alles gegeben, um noch zwei weitere Akte mit emotionalem Chaos und vor allem mit einer Reihe sehr willkürlich diesem Inhalt zugeordneter Musiknummern zu füllen.

Maya Boog (Jana), Matjaž Stopinšek (Karel von Lyssweghe) © www.christian-husar.com

Melodien wie „Kind, du kannst tanzen wie meine Frau“, „Sir Roger“, „Ich und du, Müllers Kuh“ oder „Man steigt nach“ haben zu ihrer Zeit gewaltig eingeschlagen und dieses von seiner Story her doch etwas seltsame Stück zu einem viel gespielten Schlager gemacht. Vielleicht war es das offene Bekenntnis zu freien Liebe, dem die verführerische Gonda van der Loo anhängt, oder der spielerische Umgang mit dem Ehestand, der damals nur in den Niederlanden möglich war. So fleht der charmante „Missetäter“ Karel von Lyssweghe die von ihm keineswegs geliebte Nachtgefährtin Gonda an, ihn zumindest ein bisserl zu heiraten, um damit seine Ex eifersüchtig zu machen und zu bewegen, zu ihm zurückzukehren. Die Musik von Leo Fall mit durchsichtiger Instrumentation, flotten Rhythmen und für diese Zeit gewagten Akkorden trägt das ihre zur Leichtigkeit dieser Operette bei.

Robert R. Herzl (Scrop), Gabriele Kridl (Adeline) © www.christian-husar.com

Schön, dass die Bühne Baden diesen musikalischen Schwank ausgegraben und in einer tollen Besetzung unter der Leitung von Oliver Ostermann ins Programm genommen hat. Die beiden Damen Jana (Maya Boog) und Gonda van der Loo (Martha Hirschmann) können sich in jeder Beziehung sehen und hören lassen. Sie sind hübsch und singen grandios. Kein Wunder, dass Matjaž Stopinšek als abgestoßener Gatte Karel trotz seines wunderbar schmelzenden Tenors wie ein Hund leidet.

Bis knapp vor Ende kann er sich des Verdachts nicht erwehren, die Ehe gebrochen zu haben. Ganz Gerichtspräsident und im Bemühen, den Justizirrtum mit der Scheidung gutzumachen, bemüht sich der fesche Artur Ortens als Lucas van Deesteldonck erstens darum, Gonda selbst zu ehelichen und zweitens das gestörte Eheglück wieder einzurenken. Als holländisches Lokalkolorit werden das Fischerpärchen Martje (Sylvia Rieser) mit Holzschuhen und Häubchen und der rotbärtige Willem Krouwevliet (Thomas Malik) eingeführt, die allerliebst ihre von derartigen Verwirrungen verschonte Beziehung feiern. Ein besonderes Stück an innerer Zerrissenheit ist Janas Vater Pieter te Bakkenskjil (Peter Horak). Seiner Tochter gegenüber geriert er sich als strenger Hüter der Moral, um bald darauf zugeben zu müssen, dass es eigentlich seine Idee war, die Abteiltür zu verschließen. Er selbst wollte mit der ungemein komischen, aber doch reizenden Adeline (Gabriele Kridl) ungestört eine Nacht im Zuge genießen, schließlich ist er ja noch nicht so alt, wie man annehmen möchte. Dass er ausgerechnet die Braut seines Schlafwagensschaffners Scrop verführt, gibt Robert R. Herzl Gelegenheit, seine Komik voll auszuspielen; bis zum Kotzen ins Klavier.

Dabei handelt es sich wohl um die Idee von Regisseur Leonard Prinsloo, die dem Ganzen einen gesunden Touch Derbheit verleiht. Denn der Rest ist künstlerische Feinheit, die über japanische Schminke bis zu Kulissen nach Bildern von futuristischen Malern reicht. Es macht also Spaß, sowohl den Ohren wie den Augen, dabei zu sein, wenn das heute so großartig umgesetzt wird, was Leo Fall als „moderne“ Operette 1908 im Carltheater in Wien erfolgreich uraufführen ließ.

Artur Ortens (Gerichtspräsident), Martha Hirschmann (Gonda van der Loo) © www.christian-husar.com

Bea Robein (Czipra) © www.christian-husar.com

DER ZIGEUNERBARON Politisch absolut korrekter Melodienrausch

Der Zigeunerbaron Ensemble © www.christian-husar.com

Neue Gedanken aktualisieren behutsam eine romantische Operette

Während das Orchester der Bühne Baden unter Franz Josef Breznik in der Ouvertüre eine Vorahnung von den zu erwartenden Genussmelodien gibt, erzählt ein Schattenballett die wissenswerte Vorgeschichte, die zu dieser doch einigermaßen verwickelten Handlung geführt hat. Es geht dabei um das Jahr 1717 und um die Schlacht von Belgrad. Der letzte Pascha im Ungarland übergibt vor dem Rückzug sein Kind einer Zigeunerin und verrät ihr gleichzeitig, wo er und sein Verbündeter Barinkay einen Schatz vergraben haben. Zur selben Zeit wird eine gewisse Mirabella von Conte Carnero, der später im Dienst von Maria Theresia Karriere macht, schwanger. Mit dem Sieg Österreichs verschlägt es Mirabella ins feindliche Lager und die beiden Liebenden verlieren sich aus den Augen. 24 Jahre später kehrt Sándor, der Sohn von Barinkay, zurück und erhält die verwahrlosten Besitzungen von höchster Stelle übertragen. Damit setzt auch die Operette „Der Zigeunerbaron“ ein, für die Ignaz Schnitzer aus dem Stoff der Novelle Sáffi von Mór Jókai das Libretto für Johann Strauß geschrieben hat.

Sebastian Reinthaller (Sandór Barinkay), Regina Riel (Saffi) © Sebastian Reinthaller, Regina Riel

Es sollte eine Verbeugung des längst international anerkannten Walzerkönigs vor der ungarischen Reichshälfte sein, was wohl auch bei Hofe gerne so gesehen wurde, als 1885 die Uraufführung im Theater an der Wien stattgefunden hat. Zu lesen sind derlei gescheite Sachen im Programmheft, das zur Produktion der Bühne Baden erschienen ist. Weiters hat das Regieduo Michaela Ronzoni und Volker Wahl dort angemerkt, dass die Zigeuner weiter so genannt werden, „weil der Begriff zur Entstehungszeit noch nicht politisch unkorrekt war“ und deren Volk in dieser Operette ausgesprochen gut wegkommt.

Dere Zigeunerbaron Ensemble © www.christian-husar.com

Trotz oder eher wegen der vielen tiefen Überlegungen, die hinter dieser Inszenierung stehen, vermisst die – sagen wir so – Straußsche Kleinoper auch heutzutage nichts von ihrem Charme. Husaren tragen unter ihren Gewändern Leiberln mit aufgedruckten Rippen und die hübschen Beine der Marketenderinnen zieren die Knochen eines Skeletts. In Verbindung mit der berauschenden Musik wird aus der ernsthaften Mahnung jedoch beinah´ ein Zitat aus dem Badener „Orpheus in der Unterwelt“.

Auch dort hat das Ballett als eine Schar von heiteren Gerippen getanzt. Dazu kommt eine famose Bühne (Ausstattung: Stefanie Stuhldreier). Sie erzielt beim Fund des Schatzes einen ordentlichen Wow-Effekt, wenn sich in der rechten hinteren Ecke ein Felsen öffnet und das Auge mit vergoldeten Wänden blendet. Dazwischen hat eine stattliche Schar von Bauersleuten auf Seiten des Kálmán Zsupán (Sébastien Soulés) und von Zigeunern Platz, um sich am Ende des ersten Teiles sich kräftig in die Haare zu geraten, dazwischen aber als ein bestens einstudierter Chor (Michael Zehetner) für beeindruckende Einlagen zu sorgen.

 

Neben dem bereits erwähnten Schweinefürst lässt dessen Tochter Arsena (Alice Waginger) mit der witzigen Zickigkeit einer anderweitig Verliebten und mit einem feinen Sopran aufhorchen.

Thomas Zisterer macht als Conte Carnero, seines Zeichens königlicher Kommissär und happig auf eine Sittenkommission, gute Figur, ebenso wie Ottokar (Mahdi Niakan), der heimliche Geliebte von Arsena. Selbstlos in ihrer Komik ist Regina Schörg, die ihrer Mirabella nichts schenkt, wenn es um Lacher im Publikum geht. An der Stelle, an der sich die beiden Parteien um den Schatz zanken, schlichtet diesen Thomas Weinhappel, der energisch dazwischen fährt und als Graf Homonay mit der Durchsetzungskraft seines Baritons und dem berühmten Werberlied die Männer zu den Husaren vergattert. Sándor Barinkay ist Sebastian Reinthaller und damit kein Unbekannter auf dieser Bühne. Seine Saffi (Regina Riel) wird nach Überwindung anfänglich hörbarer Nervosität zur (vermeintlichen) Zigeunerin, die mit sicherer Höhe und intensivem Timbre souverän für Gänsehaut sorgt. Ihr zur Seite steht die alte Czipra (Bea Robein), die alle Geheimnisse dieser Welt zu kennen scheint, Träume deutet und mit ihrem dunklen Mezzosopran alle Zigeuner dieser Welt zu mehr als Baronen adelt.

Regina Schörg (Mirabella), Thomas Zisterer (Conte Carnero) © www.christian-husar.com
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