Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Bea Robein (Czipra) © www.christian-husar.com

DER ZIGEUNERBARON Politisch absolut korrekter Melodienrausch

Der Zigeunerbaron Ensemble © www.christian-husar.com

Neue Gedanken aktualisieren behutsam eine romantische Operette

Während das Orchester der Bühne Baden unter Franz Josef Breznik in der Ouvertüre eine Vorahnung von den zu erwartenden Genussmelodien gibt, erzählt ein Schattenballett die wissenswerte Vorgeschichte, die zu dieser doch einigermaßen verwickelten Handlung geführt hat. Es geht dabei um das Jahr 1717 und um die Schlacht von Belgrad. Der letzte Pascha im Ungarland übergibt vor dem Rückzug sein Kind einer Zigeunerin und verrät ihr gleichzeitig, wo er und sein Verbündeter Barinkay einen Schatz vergraben haben. Zur selben Zeit wird eine gewisse Mirabella von Conte Carnero, der später im Dienst von Maria Theresia Karriere macht, schwanger. Mit dem Sieg Österreichs verschlägt es Mirabella ins feindliche Lager und die beiden Liebenden verlieren sich aus den Augen. 24 Jahre später kehrt Sándor, der Sohn von Barinkay, zurück und erhält die verwahrlosten Besitzungen von höchster Stelle übertragen. Damit setzt auch die Operette „Der Zigeunerbaron“ ein, für die Ignaz Schnitzer aus dem Stoff der Novelle Sáffi von Mór Jókai das Libretto für Johann Strauß geschrieben hat.

Sebastian Reinthaller (Sandór Barinkay), Regina Riel (Saffi) © Sebastian Reinthaller, Regina Riel

Es sollte eine Verbeugung des längst international anerkannten Walzerkönigs vor der ungarischen Reichshälfte sein, was wohl auch bei Hofe gerne so gesehen wurde, als 1885 die Uraufführung im Theater an der Wien stattgefunden hat. Zu lesen sind derlei gescheite Sachen im Programmheft, das zur Produktion der Bühne Baden erschienen ist. Weiters hat das Regieduo Michaela Ronzoni und Volker Wahl dort angemerkt, dass die Zigeuner weiter so genannt werden, „weil der Begriff zur Entstehungszeit noch nicht politisch unkorrekt war“ und deren Volk in dieser Operette ausgesprochen gut wegkommt.

Dere Zigeunerbaron Ensemble © www.christian-husar.com

Trotz oder eher wegen der vielen tiefen Überlegungen, die hinter dieser Inszenierung stehen, vermisst die – sagen wir so – Straußsche Kleinoper auch heutzutage nichts von ihrem Charme. Husaren tragen unter ihren Gewändern Leiberln mit aufgedruckten Rippen und die hübschen Beine der Marketenderinnen zieren die Knochen eines Skeletts. In Verbindung mit der berauschenden Musik wird aus der ernsthaften Mahnung jedoch beinah´ ein Zitat aus dem Badener „Orpheus in der Unterwelt“.

Auch dort hat das Ballett als eine Schar von heiteren Gerippen getanzt. Dazu kommt eine famose Bühne (Ausstattung: Stefanie Stuhldreier). Sie erzielt beim Fund des Schatzes einen ordentlichen Wow-Effekt, wenn sich in der rechten hinteren Ecke ein Felsen öffnet und das Auge mit vergoldeten Wänden blendet. Dazwischen hat eine stattliche Schar von Bauersleuten auf Seiten des Kálmán Zsupán (Sébastien Soulés) und von Zigeunern Platz, um sich am Ende des ersten Teiles sich kräftig in die Haare zu geraten, dazwischen aber als ein bestens einstudierter Chor (Michael Zehetner) für beeindruckende Einlagen zu sorgen.

 

Neben dem bereits erwähnten Schweinefürst lässt dessen Tochter Arsena (Alice Waginger) mit der witzigen Zickigkeit einer anderweitig Verliebten und mit einem feinen Sopran aufhorchen.

Thomas Zisterer macht als Conte Carnero, seines Zeichens königlicher Kommissär und happig auf eine Sittenkommission, gute Figur, ebenso wie Ottokar (Mahdi Niakan), der heimliche Geliebte von Arsena. Selbstlos in ihrer Komik ist Regina Schörg, die ihrer Mirabella nichts schenkt, wenn es um Lacher im Publikum geht. An der Stelle, an der sich die beiden Parteien um den Schatz zanken, schlichtet diesen Thomas Weinhappel, der energisch dazwischen fährt und als Graf Homonay mit der Durchsetzungskraft seines Baritons und dem berühmten Werberlied die Männer zu den Husaren vergattert. Sándor Barinkay ist Sebastian Reinthaller und damit kein Unbekannter auf dieser Bühne. Seine Saffi (Regina Riel) wird nach Überwindung anfänglich hörbarer Nervosität zur (vermeintlichen) Zigeunerin, die mit sicherer Höhe und intensivem Timbre souverän für Gänsehaut sorgt. Ihr zur Seite steht die alte Czipra (Bea Robein), die alle Geheimnisse dieser Welt zu kennen scheint, Träume deutet und mit ihrem dunklen Mezzosopran alle Zigeuner dieser Welt zu mehr als Baronen adelt.

Regina Schörg (Mirabella), Thomas Zisterer (Conte Carnero) © www.christian-husar.com

Philippe Spiegel, Beppo Binder, Ensemble © Christian Husar

FIDELIO O welche Lust in großer Oper zu baden

Magdalena Renwart, Chor der Gefangenen © Christian Husar

Beethovens Musik als Dur-strahlendes Selbstbewusstsein der Freiheit

Der Bühne Baden kann man eins nicht nachsagen, nämlich dass sie keinen Mut hätte. Unter Direktor Michael Lakner konnte das an sich der Operette verschriebene Haus mit Fidelio bereits die zweite Oper erfolgreich zur Premiere bringen. Beethoven hat so seine Tücken, vor allem meint jeder, über dieses Werk viel mehr als alle anderen, vor allem mehr als Dirigenten und Regisseure zu wissen. Es gibt etliche Fassungen und mit keiner kann man´s solcherlei kritischen Meckerern wirklich recht machen. Warum man beispielsweise die dritte, die „Große Leonoren-Ouvertüre“ vor dem Finale nicht gespielt hat, wenn der Vorhang schon einmal für den Umbau herunten ist? Franz Josef Breznik, souveräner Dirigent des Orchesters der Bühne Baden, und Regie führender Intendant Lakner werden es schon wissen und ihre guten Gründe dafür haben. Denn abgesehen davon haben sie diese Oper erfreulich unprätentiös in die Gegenwart gesetzt. Vor einer Wand mit geschwärzten Grundrechten klingeln in den Taschen der Aufseher Handys und von den befreiten Gefangenen in ihren orangen Overalls werden Selfies gemacht.

Reinhard Alessandri © Christian Husar

Der Sprung ins Heute liegt auf der Hand, wenn politische Gegner in einigen Weltgegenden im günstigsten Fall weggesperrt, heutzutage aber nicht selten einfach weggeräumt, wenn nicht gar zerstückelt werden. Man braucht nicht allzu viel Fantasie, um diese Intention im Fidelio zu erkennen. Dass Beethoven den Sieg des Rechts mit fanfarenartigen Klängen erstrahlen lässt, alles in hellstem Dur, ist das wahre Vermächtnis des Meisters und die wirkliche Bedrohung für düstere Finsterlinge, die sich auch in unseren Tagen nicht erblöden, seine Musik ängstlich zu verbieten.

Magdalena Renwart, Erik Rousi, Claudia Goebl © Christian Husar

In erster Linie geht es wie in jeder Oper jedoch um den Gesang der Solisten. Mit Magdalena Renwart als Leonore bzw. Fidelio wurde eine sowohl schauspielerisch als auch stimmlich ausgezeichnete Sporanistin engagiert. Sie lässt die arme Marzelline (Claudia Goebl), die Tochter des Direktors, tatsächlich glauben, dass sie ein junger Mann sei und die Umarmungen und Küsse echt seien. Bei der virilen Verkleidung als Gefängniswärter handelt es sich lediglich um eine Befreiungsaktion des Gatten.

Wenn sich die unglücklich Verliebte am Ende mit dem Langzeitverehrer Jaquino (Ricardo Frenzel Baudisch) begnügen muss, kann dies angesichts des Ausgangs der Unternehmung als amouröser Kollateralschaden abgetan werden. Der Möchtegern-Schwiegervater von Fidelio, Rocco, wird mit Erik Rousi zum gutmütigen Bärchen, dem man kaum zutrauen möchte, dass er mit Eifer an der Zisterne gräbt, in der Florestan verschwinden soll. Aber leider sieht das Libretto für ihn auch die Feigheit vor der Obrigkeit in Gestalt von Don Pizarro (Sébastien Soulès als durchsetzungsfähiger Bariton) vor. Wenn Jaquino, Fidelio, Mazellina und Rocco im Quartett gemeinsam singen, dann ist das schon ein Grund, einmal die Luft anzuhalten, so schön und gefühlvoll entwickelt sich dieses Quartett. Im zweiten Akt geht es endlich hinab unter die Erde, wo Florestan in der Finsternis schmachtet. Der Tenor Reinhard Alessandri überwindet trotz gefesselter Hände das in Schauder erregendem Moll eingeleitete Hochgebirge, mit dem Beethoven seinen Gefangenen den Jammer besingen lässt, der ihn so tief fallen ließ. Irgendwann ertönt aber die befreiende Trompete, Leonore zieht gegen Pizarro die Pistole und aus der Loge ertönt der Bariton von Don Fernando (Thomas Zisterer). Er ist der Freund von Florestan, der sich ehrlich über dessen Rettung freut.

Dann allerdings geht die Post ab. Vergnügt tanzt das Ballett und der Chor, der bei seinem großen Auftritt mit „O welche Lust“ noch mit zurückhaltender Freude das Sonnenlicht begrüßt hat, darf ungehemmt jubeln und Florestan mit seiner mehr als tapferen Leonore hochleben lassen. Das Happy End wird derart ausgelassen gefeiert, als ob es keine Erdoğans, Putins oder Trumps und damit auch keine Staatsgefängnisse, sibirische Lager und keine Folter in Guantanamo mehr gäbe.

Thomas Zisterer © Christian Husar
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