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Salon Pitzelberger Ensemble © www.christian-husar.com

SALON PITZELBERGER Ein Offenbach, der sich selbst nicht ernst nimmt

Helmut Wallner, Alice Waginger © www.christian-husar.com

Wenn dem Badener Publikum eine musikalische Augenweide präservertiert wird

Bei genauem Hinschauen in die Archive finden sich immer wieder erstaunliche Kleinode, die man dem jeweiligen Komponisten gar nicht zugetraut hätte. Nicht weil er dazu nicht imstande gewesen wäre, sondern weil diese Fundstücke nur schwer mit dessen übrigem Werk in Übereinstimmung zu bringen sind. Bei Jacques Offenbach verraten einige Melodien und die Art der Orchestrierung, dass er auch für absolut unernste Projekte zu haben war. „Salon Pitzelberger“ ist eines dieser reizenden Beispiele, die in ihrer Handlung und den darin auftretenden Figuren sehr an die Commedia dell´Arte erinnern. Schließlich geht es um einen reichen Alten, einem der Vecchi, der partout als Kulturmäzen Ansehen erhalten will, aber keine Ahnung davon hat. Fremdwörter verwendet er liebend gern, die Trefferquote ist allerdings mehr als gering. Colombina ist mit seiner Nichte vertreten und deren Geliebter ist eindeutig als Arlecchino auszumachen. Brighella und Pagliaccio sind die beiden Angestellten und der bekannte Musikkritiker niemand anderer als Scaramouche, der Aufschneider und Angeber.

Alice Waginger, Mahdi Niakan © www.christian-husar.com

Aber die Musik, die unterschiedet sich grundlegend vom italienischen Theater des 16. und 17. Jahrhunderts. Offenbach lässt darin alles anklingen, was nur irgendwie zum Spaß eines einigermaßen Kundigen in der Opernwelt des 19. Jahrhunderts beiträgt. Zu seinen eigenen Schöpfungen wie dem Cancan aus Orpheus in der Unterwelt erklingt feinster Belcanto, mit denen er Zeitgenossen wie Vincenzo Bellini oder Gaetano Donizetti virtuos verarscht. Wie weit das Nestroyische Couplet und die Ballade vom Havlicek original sind, wissen nur Martin Gesslbauer und Robert Kolar, die für die Bühne Baden das Libretto neu gefasst haben.

Helmut Wallner, Conny Boes, Robert Kolar © www.christian-husar.com

Oliver Ostermann am Pult leitete bei diesem köstlichen Schwank das Orchester der Bühne Baden, das einige Male sogar lautstark seinen eigenen Willen Richtung Bühne hinauf rief. Der Alte war bei diesen lediglich zwei Aufführungen Helmut Wallner, der als von Pitzelberger erstaunlich schnell singen lernt und das Blödeln genießt, das ihm seine Rolle als neureicher Dummkopf ermöglicht. Gegen das Werben der Freifrau Colonia auf und zu Spittelau und Flötz (Sylvia Rieser) scheint er immun zu sein.

Auch bei der Auswahl seines Personals zeigte er nicht gerade eine gute Hand. Carl Brösel (Robert Kolar) und Marie Besendorfer (Conny Boes) erledigen so ziemlich nichts von dem, was er ihnen aufträgt. Der Kammerdiener ist – noch harmlos ausgedrückt – ein fauler Kerl, den der Salon, den sein Herr von Pitzelberger der feinen Gesellschaft geben will, nichts anzugehen scheint und die Arbeit gerne seiner Kollegin überlässt. Die wiederum ist zumindest hübsch genug, um den gefürchteten Kritiker Oscar Kerber-Ross (Jan Walter) mit ihren Reizen von der Operneinlage abzulenken, die mangels ausgebliebener professioneller Sänger improvisiert werden muss.

Pitzelberger, seine Nichte Ernestine (Alice Wagner) und deren Herzblatt, der erfolglose Komponist Casimir Canefas (Mahdi Niakan) geben die Ersatzvorstellung. Bei allem Unernst lässt Alice Wagner die Koloraturen nur so perlen und ermuntert dabei ihren Partner, zumindest in die Nähe eines Tenors dieser Zeit zu singen. Dass dahinter auf Full-HD-Großbildschirm das Homeprogramm des Hauses läuft, ist wohl ein Versuch, der Inszenierung von Karina Fibich ein wenig Zeitlosigkeit zu verleihen.

Jan Walter, Conny Boes © www.christian-husar.com

Benjamin Plautz, Verena Barth-Jurca, Ensemble © www.christian-husar.com

SHOW BOAT Cotton Blossom blüht in Schwarz und Weiß

Show Boat Ensemble © www.christian-husar.com

Frag doch den Fluss nach einem zu Herzen gehenden amerikanischen Märchen!

Die Story spielt vor hundert Jahren. Sie beginnt 1880 an Deck der Cotton Blossom, einem Theaterschiff, und endet 47 Jahre später eben dort. Der einzige, der nicht älter wird, ist der Missisippi, auf dem das Show Boat unterwegs ist. Damals war es noch strafbar, wenn ein Weißer eine Schwarze heiratete, und eine Schauspielertruppe, die sich nicht streng an Rassentrennung hielt, wurde weggewiesen. Was sich in diesem Jahrhundert in den Südstaaten diesbezüglich gewandelt hat? Erschreckend wenig. Auf einem Raddampfer feierte vor gar nicht langer Zeit eine Yankee-Gesellschaft einen Polterabend. Die Band bestand aus Schwarzen, durchwegs Kapazunder auf ihren Instrumenten. Als es ans Buffet ging, hatte der Schlagzeuger seinen Teller auf der Trommel stehen. Er war auch durch gutes Zureden nicht zu bewegen, sich unter die Leute zu mischen und blickte nur scheu, fast ängstlich um sich. Es könnte ja irgendwo ein Aufpasser stehen, der ihn wieder an seinen Platz zurückverweisen würde. Das 1927 uraufgeführte Stück erweckt derlei Reminiszenzen an die jüngste Vergangenheit.

Thomas Weinhappel, Valerie Luksch © www.christian-husar.com

Zugrunde liegt der Handlung von Show Boat ein Roman von Edna Ferber. Die Autorin war angeblich erst von einer Umsetzung als Musical zu überzeugen, als sie den Song „Ol´ Man River“ hörte und davon tief berührt war. So ließ sie es zu, dass das Libretto von Oscar Hammerstein durch ernst und komisch treibt, zwischen Unterhaltung und Nachdenklichkeit, vom Kitsch zur Tragödie pendelt, was von der sowohl weißen wie schwarzen Musik eines Jerome Kern genial unterstrichen wird. Theater im Theater wechselt mit realen Szenen ab. Es fehlt nicht an der großen Liebesgeschichte, an mitreißenden Tanzszenen und operettenhaft schönen Melodien. Show Boat ist mehr als ein Musical, es ist ein großes amerikanisches Märchen, das man sich wie ein Kind immer wieder erzählen lassen will.

Zelotes Edmund Toliver, Ensemble © www.christian-husar.com

Für die Bühne Baden hat der Chef persönlich die Regie übernommen. Michael Lakner mit Monika Biegler als Ausstatterin schaffte es, dieses Werk wunderbar amerikanisch umzusetzen. Das Orchester unter der Leitung von Franz Josef Breznik entwickelt einen derart mächtigen Sound, dass man das Gefühl hat, im Graben sitzen 100 Musiker. Es swingt und jazzt, dass es ein Vergnügen ist, und begleitet dabei eine Schar außergewöhnlicher Solisten mit toll singendem und fetzig tanzendem Ensemble.

Beppo Binder ist Kapitän Andy Hawkes. In dieser Rolle hat er beste Gelegenheit, als ernsthaft agierender Komiker die Aufführung zu tragen. Er ist umsichtiger Prinzipal des Theaterschiffs und leidgeprüfter Ehemann von Parthy Ann (Uschi Plautz), einer Frau mit dominanter Veranlagung, wie er es zärtlich ausdrückt. Deren reizende Tochter Magnolia spielt und singt Valerie Luksch. Man nimmt es ihr gerne ab, dass sich der fesche Gaylord Ravenal auf der Stelle in sie verliebt. Thomas Weinhappel ist ein Bariton, der so gut aussieht, wie seine Stimme klingt. Man könnte es ihm übel nehmen, das er dem Spiel verfallen ist und seine Familie verlässt. Aber wäre es anders, gäbe es keinen zweiten Akt und kein ergreifendes Wiedersehen mit Frau und Kind nach 40 Jahren.

Wie gute Geister huschen dazwischen Ellie May Chipley (Verena Barth-Jurca) und Steve Baker (Thomas Weissengruber) durch diverse Kalamitäten und verdienen nebenbei fröhlich steppend ihr Geld in der Bar Trocadero. Mit einem Bass, breit und tief wie der Missisippi, greift Zelotes Edmund Toliver als Schiffsarbeiter Joe in die Gemüter des Publikums. Sein „Ol´ Man River“ erzeugt Gänsehaut, wenn nicht gar ein paar verschämte Tränen, wenn er sich sowohl vorm Tod wie auch vorm Leben fürchtet.

Uschi Plautz, Beppo Binder © www.christian-husar.com
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