Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Hallo, Dolly! Ensemble © Robert Eipeldauer

Hallo, Dolly! Ensemble © Robert Eipeldauer

HELLO, DOLLY! Heitere Romantik aus NY um 1900

Andreas Steppan, Patricia Nessy © Christian Husar

Andreas Steppan, Patricia Nessy © Christian Husar

Eine swingende Hymne auf Liebe im zweiten Anlauf

Einen Jux will er sich machen, der Kommis in Vandergelders Laden und weil er es sich nicht allein traut, nimmt er den Lehrbuben mit auf Lepschi. Darüber hat sich doch schon ein gewisser Johann Nestroy in einer Posse lustig gemacht. Für den amerikanischen Schriftsteller Thornton Wilder war dieser Stoff jedoch Inspiration, ihn mit einer zweiten, besser gesagt, der ersten Handlung seiner Komödie „The Matchmaker“ zu verquicken. Eine attraktive Witwe schlägt sich geschickt durchs Leben, verdient großartig als Chefin einer florierenden Partnerbörse, um dann doch auf die Idee zu kommen, auch sich selbst noch einmal unter die Haube zu bringen. Das angepeilte „Opfer“ ist ausgerechnet ein alter Griesgram (Molière, schau owa!), der geizige Horace Vandergelder, ebenfalls Witwer, dessen gesellschaftliches Engagement darin besteht, bei der Parade die Rührtrommel zu schlagen. Das Erbauliche an der ganzen Sache ist die listige Vorgehensweise der bindungswilligen Dame. Sie schickt zwei Konkurrentinnen ins Rennen um den Alten, von denen sie mit Sicherheit annehmen kann, dass er sie ablehnt. Die eine, ebenfalls Witwe, könnte ihren Gatten mit Krebssuppe vergiftet haben, die andere ist derart überdreht, dass sie Horace nach wenigen Minuten in die Wüste schickt. Als gewiefte Heiratsvermittlerin schafft sie es, dass toutes final vier Paare in einem rekordverdächtigen Happy End zueinander finden. Mit dem Libretto von Michael Stewart und Musik und Gesangstexten von Jerry Herman wurde daraus eines der erfolgreichsten Musicals, eben „Hello, Dolly!“ (uraufgeführt 1964), das seinen Reiz bis heute bewahren konnte.

Hallo, Dolly! Ensemble © Christian Husar

Hallo, Dolly! Ensemble © Christian Husar

Zeit des amourösen Verwirrspiels ist 1900, Schauplätze sind u. a. der Heu-, Futter- und Lebensmittelladen in Yonkers, die 14. Straße in New York und das luxuriöse Restaurant Harmonia Garden. Michael Lakner, Leiter der Bühne Baden und in diesem Fall Regisseur, hat gemeinsam mit Manfred Waba als Schöpfer eines raffinierten Bühnenbilds exakt diese Zeit und ihre Stimmung in seiner Produktion eingefangen. Zu den jazzig symphonischen Klängen des Orchesters mit Franz Josef Breznik am Pult kann man sich also gut 120 Jahre zurückfallen lassen. Es genügt, sich einfach zu amüsieren, wenn zwei arme Teufel nicht wissen, wie sie für ihre hungrigen Damen die geschmalzene Zeche zahlen sollen oder ein grantiger Onkel seine Nichte kujoniert und dennoch der Heldin auf den Leim geht. Das Ballett wird unter dem Chef de Rang (Artur Ortens) zu einem artistischen Serviceteam, das mit gebratenen Fasanen und anderen Köstlichkeiten nur so jongliert, und der wohl einstudierte Chor zu einer wunderbar eingebauten Staffage im hörens- und sehenswerten Treiben von Dolly Callagher Levi (Patricia Nessy). Valerie Luksch darf sich im Hutladen ihrer Irene Molloy in Cornelius Hackl (Ricardo Frenzel Baudisch) und ihre Angestellte Minnie Fay (Iva Schell) in den noch jugendlichen Barnaby Tucker (Martin Fischerauer) verlieben. Für die exaltierte Ernestine Money muss Natalia Bezak ihren Kehlkopf mit einer durchdringenden Piepsstimme vergewaltigen und hat dennoch kein Glück beim angepeilten Manne. Matthias Trattner wirbt als erfolgloser Künstler Ambrose Kemper um Caroline Zins als Ermengarde, die in allen möglichen Tonstufen steinerweichend heulen kann, und das nicht ganz zu Unrecht. Ihr Onkel Horace Vandergelder (mit gewohnt subtiler Komik:; Andreas Steppan) will nicht einsehen, dass sie erwachsen wird. Den Ausschlag, ihn zum guten Menschen und brauchbaren Eheanwärter zu wandeln, gibt schließlich ein Richter (Franz Josef Koepp), der ihn zum Gaudium aller Beteiligten mit strengem Spruch zum Alleinschuldigen an der ganze Misere verurteilt.

LA TRAVIATA Wo von Liebe viel gesungen wird...

Jay Yang, Sebastian Reinthaller © Christian Husar

Jay Yang, Sebastian Reinthaller © Christian Husar

Nüchterne Sparversion großer Oper in schwierigen Zeiten

Die Blüte einer Kamelie verheißt Liebesglück, aber erst wenn sie verwelkt ist. Sie wird damit zum tragischen Symbol der Beziehung einer todkranken Lebedame und einem in sie rettungslos verknallten jungen Mann aus besseren Kreisen. Alexandre Dumas wusste, wie er die Herzen der Franzosen rühren konnte. Als Guiseppe Verdi den Stoff entdeckte, erkannte er sofort das emotionale Potenzial dieser Geschichte. Er war längst ein Star des Musiktheaters und konnte das Wagnis eingehen, eine Affäre aus seiner Gegenwart zum Libretto einer der bis heute beliebtesten Opern zu wählen. Ein kalter Eisbrocken, wer da nicht weint, wenn genau in dem Moment, als einem glücklichen Zusammenleben der beiden Protagonisten nichts mehr im Wege stünde, die Frau nach einem Jubelschrei umfällt und stirbt.

La traviata Ensemble © Christian Husar

La traviata, Ensemble © Christian Husar

Jay Yang, Sebastian Reinthaller © Christian Husar

Jay Yang, Sebastian Reinthaller © Christian Husar

Die drei Damen Isabella Gregor (Inszenierung), Tanja Hofmann (Ausstattung) und Anna Vita (Choreografie) beweisen, dass man dabei trotzdem jeglicher Gefühlsduselei und der mit diesem Thema verbundenen Erotik ausweichen kann. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass die Umstände, unter denen La traviata auf der Bühne Baden am 29. Jänner 2022 (mit deutschen Texten) eine bejubelte Premiere feierte, alles andere als einfach waren. Umbesetzungen, Streichung von Chor und Ballett und halbszenisch angelegte Passagen haben viel von der dieser Oper immanenten Romantik weggenommen. Das Bühnenbild ist eine von Gazevorhängen umgebene Stocktorte, die sehr wirtschaftlich und praktisch mit unbedeutenden Umbauten für die drei Schauplätze Salon, Landhaus und Zimmer eingerichtet werden kann. Dazu kommt eine Personenführung, die, abgesehen von Violetta, den Akteuren nur ein distanziertes Dabeistehen erlaubt.

Jay Yang, Bea Robein © Christian Husar

Jay Yang, Bea Robein © Christian Husar

Mit den Nebenrollen sind unter anderem Thomas Zisterer als Baron Douphoi und Doktor Grenvil (als Einspringer), als Marquis von Obigny Vladimir Polovinchik und als Gaston Beppo Binder betraut. Mit seltsam billig lasziven Kostümen aufgeputzt wird Bea Robein, wenn sie die Freundin Flora Bervoix gibt, um als Annina bescheiden gewandet ihrer Signora treu zu Diensten zu sein. Vor einem grauen Vorhang übernehmen diese Solisten tapfer den Chorpart des Festes, auf dem Alfredo Germont die von ihm schon lang verehrte Violetta trifft. Üblicherweise heißt es zur Besetzung einer solchen Oper, dass sich Sopran und Tenor verlieben, der Bariton aber etwas dagegen hat. In Baden ist Vater Giorgio Germont jedoch der Tenor Reinhard Alessandri, dem es sichtlich peinlich ist, das Verhältnis seines Sohnes zu stören. Hände angelegt und meist abseits stehend wird er zum Bösen, der sich am Ende geläutert zeigen darf. Ein stimmlich routinierter Sebastian Reinthaller ist Alfredo. Große Gefühlsausbrüche sind seine Sache nicht. Viel mehr schlenzt er durch das Geschehen, um sich halbherzig seinem Herzblatt mit der Absicht einer Umarmung zu nähern, muss von diesem aber auf der Stelle wieder zurück gestoßen werden, ganz gegen den Eindruck, den Jay Yangs Violetta Valéry vermittelt. Ihr Sopran geht direkt ins Gemüt. Sie meistert die schwierigsten Passagen so scheinbar leicht, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt als weiche, klangvolle Spitzentöne. In ihrem reizend einfachen roten Kleid ist sie alles andere als der Vamp, das It-Girl im leichtlebigen Paris des 19. Jahrhunderts. Wohl auch deswegen hat sie das Publikum erobert, das sich für ihre Arien mit kräftigen Bravorufen bedankte.

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