Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Besuch der alten Dame Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

DER BESUCH DER ALTEN DAME Maria Happel, wer sonst?!

Besuch der alten Dame Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Anständig ist nur, wer zahlt

Anfangs geht die Bahnhofsuhr zurück. Claire Zachanassian ist so reich, dass sie sogar die Zeit zurückdrehen kann. Regisseur Frank Hoffmann macht mit diesem unscheinbaren Zeichen die ganze Tragödie, die sich in den Bewohnern der Kleinstadt Güllen seit dem Besuch der alten Dame abspielt, auf raffinierte Weise sichtbar gemacht. Geld vermag alles! Wahrscheinlich auch die Quadratur des Kreises. Mit Maria Happel hat diese Figur endlich ihre Darstellerin gefunden, wie sie von Friedrich Dürrenmatt wohl gedacht war. Obwohl nur mehr aus Prothesen zusammengesetzt, strahlt Claire noch immer die Sinnlichkeit des Mädchens aus, das mit dem Burschen Alfred (Burghart Klaußner) einst eine heiße Affäre hatte und von ihm geschwängert wurde. Dass er Claire sitzen gelassen und die Kaufmannstochter Mathilde (Petra Morzé) geheiratet hat, ist für ihn nichts als eine Jugendsünde, ein Blödheit, wie man sie eben in diesem Alter begeht, und wenn es dazu zwei bestochene Zeugen braucht. Als diese blind und kastriert auftauchen, ist die Erkenntnis der Schwere seiner Tat bereits zu spät.

Besuch der alten Dame Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Die ehemalige Geliebte hat ein unermessliches Vermögen geerbt und kann sich nun Gerechtigkeit kaufen. Eine Milliarde auf den Kopf des Hallodris! Dürrenmatt lässt von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Honoratioren des Städtchens ihrem Willen nachkommen werden. Spannend ist nur, wie sie sich, angefangen vom Bürgermeister über den Lehrer (Dietmar König), den Arzt (Marcus Kiepe), Pfarrer (Michael Abendroth) und dem sportlichen Polizisten (Daniel Jesch), für das Geld und damit für die Ermordung von Alfred entschließen.

 

Der Vollmond hat seine besondere Rolle und er scheint auch in der Nacht, als die üppig bezahlten Henker brav das von Claire gesprochene Urteil vollziehen. Zur Seite hat sie nicht nur eine Armee von Rechtsanwälten, sondern auch den Butler (Hans Dieter Knebel), der vor seiner Anstellung Richter in Güllen war. Er lässt seine mittlerweile brach liegende Autorität noch einmal aufblitzen, wenn er Alfred den Prozess macht. Dass die durch eine sagenhafte Erbschaft unermesslich reich gewordene Claire die Männer öfter wie andere die Hemden wechselt, tut ihrem moralischen Anspruch auf bittere Vergeltung keinen Abbruch. Schließlich gibt es Rolf Mautz, der ihre Gatten stets deutlich voneinander unterschieden in seiner Person vereinigt und dazu noch vom Zuschauerraum aus als Pressemann seine Interviews führt.

Wenn es auch ein Offenbarungseid der Menschlichkeit ist, in dem Dürrenmatt die allseitige Schwäche von geldgierigen Güllenern und einer des Verzeihens nicht mächtigen Claire ins fahle Mondlicht reißt, so hat der Dichter trotzdem nicht auf das Augenzwinkern vergessen. In einer Rede, in der sich der Bürgermeister an Unterwürfigkeit gegenüber dem Vermögen der alten Dame überschlägt, hat er Roland Koch postum einen Szenenapplaus beschwert.

Maria Happel © Reinhard Werner/Burgtheater

Eines langen Tages Reise in die Nacht Ensemble © Bernd Uhlig

EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT braucht eben seine Zeit

Eines langen Tages Reise in die Nacht Szenenfoto © Bernd Uhlig

Vier Menschen, in Hassliebe aneinander gekettet, haben sich gründlich verloren

Eugene O´Neill hat seine eigene Kindheit in ein Drama verpackt. Es ist die Erinnerung an eine Jugend, besser gesagt eine Kindheit, die er nie gehabt hat (I had no childhood). Das Stück sollte aber erst 25 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden. Seine Witwe setzte sich über das Verbot hinweg und gab 1953 das Stück für die Bühne frei. Der Erfolg dieser bitteren Auseinandersetzung von vier Menschen, die alle an ihrem Leben gescheitert sind, ist schwer zu erklären. Trotz der Unfähigkeit gemeinsamer Kommunikation, die auch in seiner Familie geherrscht hat, wird geredet und geredet, immer wieder um dasselbe, ohne je zu einem Ergebnis zu kommen, oder wie es der an Schwindsucht leidende Edmund seiner Rauschgift süchtigen Mutter gegenüber ausdrückt: „Du redest wie ein Wasserfall.“ Der Vater ist Schauspieler, Ire von Geburt, Säufer und von einem Geiz besessen, der sich über die Gesundheit seiner Angehörigen hinwegsetzt. Seine beiden Söhne sind längst erwachsen, hängen aber immer noch am mager eingestellten Geldtropf des nicht unvermögenden Familienoberhaupts.

Eines langen Tages Reise in die Nacht Szenenfoto © Bernd Uhlig

O´Neill hat viel zu sagen und hat mit dem Text ganze vier Stunden gefüllt. Er nahm dabei keine Rücksicht auf Zuseher, die von den ständigen Wiederholungen von Vorwürfen und immer gleichen Andeutungen bald ermüdet sein dürften. An diesem Tag, der mit dem Frühstück beginnt und um Mitternacht endet, passiert nichts andres als an allen den Tagen davor und danach. Man macht sich gegenseitig fertig und geht dabei selbst vor die Hunde. Nebel, der des Nachts regelmäßig einfällt, und die enervierenden Nebelhörner der Schiffe tragen das ihre zur Tristesse bei. Vier Menschen, die ohne einander nicht leben können, haben sich gründlich verloren, ohne die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Eines langen Tages Reise in die Nacht Szenenfoto © Bernd Uhlig

Regisseurin Andrea Breth hat wohl aus Respekt vor dem Autor das Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ in seiner ganzen Breite ohne irgendwelche Striche inszeniert. Ausschließlich den Schauspielern ist es zu verdanken, dass das Publikum ob der nicht enden wollenden Streitereien nicht in Depressionen verfällt. Das düstere Bühnenbild von Martin Zehetgruber mit grauen Steinen, einem Saurierskelett im Hintergrund und sonst auch wenig Freundlichkeit unterstreicht eher die Bedrückung.

Andrea Wenzl ist ein erdiges Hausmädchen, das einen Hauch von Normalität in diese Ansammlung von Neurosen bringt. Alexander Fehling ist der zynische Sohn James Tyrone Junior. Er hat es selbst zwar auch noch nicht zu etwas gebracht außer zum Säufer, ist sich aber seiner Wichtigkeit bewusst, wenn es darum geht, die anderen zu maßregeln. Sein jüngerer Bruder Edmund ist mit August Diehl die sympathische Verkörperung des Autors, der zwischen der Angst vor der eigenen Krankheit und der Sorge um seine Mutter pendelt. Sven-Eric Bechtolf ist als Vater James Tyron der Patriarch, der den Söhnen und der Gattin unbedingten Gehorsam und Bewunderung abverlangt.

Dass sich diese darum wenig pfeifen, scheint ihn nicht zu stören. Volle Bewunderung für Corinna Kirchhoff! Sie lässt ihre Mary Caven in der Sorge um die Söhne, in der Liebe zu ihrem Mann und der eigenen Morphium-Sucht zur Nerv tötenden Mutter werden, die virtuos ihre eigenen Probleme zu ignorieren imstande ist. Sie alle halten die Spannung aufrecht, damit auch Unbeteiligte eine solche Familie unverdrossen einen wahrhaft langen Tag bis in die finstere Nacht begleiten.

Eines langen Tages Reise in die Nacht Szenenfoto © Bernd Uhlig

Jedermann (stirbt) Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

Jedermann (stirbt) in einem mehr oder weniger lustigen Totentanz

Jedermann (stirbt) Szenenfoto © Georg Soulek/Burgtheater

Das Mysterienspiel, das nicht weiß, ob es moralisieren soll oder nicht

Direktorin Karin Bergmann ist ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Sie ist mit einem neuen „Jedermann“ in die Annalen des Burgtheaters eingegangen. Beauftragt wurde dazu ein Shooting Star der Bühnenautoren: Ferdinand Schmalz. Was man von ihm bisher gesehen hat, ließ Hoffungen auf ein völlig neues Erlebnis dieses doch über viele Jahrzehnte abgespielten Klassikers von Hugo von Hofmannsthal berechtigt erscheinen. Ob sie erfüllt wurden? Theoretisch gesehen kann man nur sagen: teils, teils. Die gewohnt frömmelnden Verse wurden wie Versatzstücke der Salzburger Festspiele in einen zeitgemäßen Text hineingeschnitten, aus dem reichen Mann ein Finanzmagnat gemacht und das Fest in einen umzäunten Garten verlegt, dessen sicheres Gehege zu vielerlei aktueller Symbolik Anlass gibt. Wenn es um die eigentliche Botschaft geht, merkt man die Unsicherheit des Autors leider sehr deutlich. Es wird moralisiert auf Teufel komm raus, in dessen nackten Pelz das Ensemble schlüpft, um sich gleich darauf darüber lustig zu machen. Es ist schwer, daraus klug zu werden.

Jedermann (stirbt) Szenenfoto © Georg Soulek/Burgtheater

So ein übler Kerl ist dieser Jedermann nämlich gar nicht, dass er eine solche Behandlung im Falle seines Ablebens verdient hätte. Er ist einfach ein taffer Bursch, der mit Milliarden virtuos umgehen kann, um diese in seinen Sack umzuleiten. Was ist daran so verwerflich? Das würde doch ein jeder gern tun, wenn er nur die Möglichkeit dazu hätte. Außerdem kennt dieser Jedermann die Menschen und legt ihnen gegenüber die entsprechende Verachtung an den Tag, was ihm durchaus Sympathiepunkte beschert.

Markus Hering im Laufrad © Georg Soulek/Burgtheater

Was die praktische Ausführung anbelangt, kann man die Erwartungen an Neues absolut als erfüllt betrachten. Stefan Bachmann hat diesen Jedermann auf eine von Olaf Altmann gestaltete Bühne gestellt. Eine Wand mit einer kreisrunden Öffnung in der Mitte, aus dem sich die runderneuerte Handlung entwickelt. Markus Hering als Jedermann wird in dem im Loch versteckten Laufrad zum Artisten, der während halsbrecherischer Überschläge einem schlicht betuchten Menschen seinen Charakter verleiht.

Die Bandbreite geht vom getriebenen Gewinnler bis zum armseligen Nackten, als der er am Schluss ins Jenseits geholt wird. Seine Frau ist Katharina Lorenz, eine nette junge Dame, die anfangs das Leben an der Seite eines Millionärs genießt, aber verständlicherweise nicht mit ihm in den Tod gehen will. Die Mutter hat mit Elisabeth Augustin die betuhliche Mahnerin gefunden, die zwar nicht ganz genau weiß, wovor sie ihren Sohn warnen soll, aber es in aller Liebe doch tut. Buhlschaft und Tod wurden in der Person von Barbara Petritsch zusammengefasst.

Das Kostüm der Verführerin passt ihr jedoch bei weitem besser als der schwarze Kittel und die etwas kindische Sense, mit der sie später den Jedermann bedroht. Die beiden Vettern, der überhaupt nicht dicke Markus Meyer und der ebenso wenig dünne Sebastian Wendelin sind ein Komikerduo, auf das man sich zurecht freuen darf. Mavie Hörbiger verteilt als Mammon Geldscheine im Publikum und zählt als hinreißende Charity die guten Werke Jedermanns auf. Mit endlosem Bart kenntlich gemacht ist Oliver Stokowski in seiner Funktion als der liebe Gott, der inkognito als armer Nachbar bei Jedermann vorstellig wird, um ihn um eine nicht unbeträchtliche Summe für ein nebuloses Sanierungsprojekt anzuschnorren. Dass er damit bei einem rationalen Geschäftsmann kaum Erfolg haben kann, ist eigentlich selbstverständlich. Keiner von uns, auch nicht Jedermann, wirft sein Geld für so was Unsicheres zum Fenster raus. Das Premierenpublikum hat es sowohl dem Ensemble als auch dem Autor Ferdinand Schmalz mit großem Applaus gedankt, dass es wieder einmal ohne persönlich berührt zu werden, davon gekommen ist.

Markus Hering, Barbara Petritsch © Georg Soulek/Burgtheater

Philipp Hauß © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

RADETZKYMARSCH Joseph Roths Roman eigenwillig dramatisiert

Radetzkymarsch Szenenfoto © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Das Ende der Monarchie schwebt wie bunte Ballons durchs Theater

Es ist von Vorteil, wenn man keine Version von „Radetzkymarsch“ kennt, bevor man die Inszenierung von Johan Simons im Burgtheater erlebt hat; weder den Fernseh-Mehrteiler von Axel Corti noch diverse Bearbeitungen für die Bühne, am wenigsten das Original, also das Buch selbst. Man würde vergeblich nach Joseph Roth suchen, nach seiner unvergleichlichen Art, die Gefühlslandschaften derer zu beschreiben, die am Ende der Habsburger Monarchie zerbrechen. Die Melancholie, die über drei Generationen zur Verzweiflung wächst, der differenzierte Umgang mit dem „feschen“ Militär, mit dem auseinanderstrebende Völker zusammengehalten werden sollten, die Verehrung eines Monarchen, dessen größte Sünde es war, zu lange gelebt zu haben, und die Gewissheit eines Krieges, den so viele wollten und von dem aber jeder wusste, dass er nur verloren gehen kann, das alles wird von Joseph Roth so eindringlich beschrieben, dass es bis heute das Herz des Lesers ergreift, der nach wie vor beim Neujahrskonzert den Rhythmus des Radetzkymarsches begeistert mitklatscht.

Andreas Wenzl © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

In seltsamer Form schwingt dabei der Stolz auf etwas mit, das es schon lange nicht mehr gibt, nämlich Gott und Kaiser, die alles schon zum Guten wenden werden, solange nur die schwarz-gelbe Fahne vor den Kasernen weht. Roth hat damit bereits selbst hart abgerechnet, als er seine Protagonisten dem unausweichlichen Untergang ihrer Welt zutreibt.

Johann Adam Oest © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Das Burgtheater setzt auf diese ohnehin triste Stimmung noch eins drauf. Auf der Bühne (Katrin Brack) lauern verschieden große Luftballons, durchaus bunt und fröhlich, die nach und nach Eigenleben entwickeln. Sie schweben über die Köpfe des Publikums, werden von diesem zurück gestoßen und sind dennoch auf wundersame Weise stets dort, wo sie die jeweiligen Akteure auf der Bühne brauchen, um damit zu balgen, sich lasziv zu räkeln oder sie mit einem ordentlichen Knall zu zerreißen.

 

Das Personal wie Arbeiter, Diener, Kutscher und Soldaten wartet im Hintergrund auf seine Auftritte. Die stattliche Anzahl von Hauptfiguren, die ein solcher Roman verlangt, ist mit einer Handvoll Schauspielern besetzt. Johann Adam Oest beweist, dass nicht unbedingt lautes Schreien Qualität ausmacht. Er ist Moser, der Maler, der den Held von Solferino als Jugendlicher gemalt hat, aber auch Kaiser Franz Joseph I., der flüsternd und doch bis in die letzte Reihe verständlich die Botschaft des Kriegsausbruchs „An meine Völker“ richtet.

Daniel Jesch, schneidig trotz der kurzen Hosen, ist in diversen Uniformjacken Kapellmeister Slama (im Roman ist Slama ein Gendarm), Major Zoglauer und Rittmeister Tattenbach. Steven Scharf schafft den Spagat zwischen dem grüblerischen Max Demant, dem jüdischen Regimentsarzt, und dem unendlich reichen Graf Chojnicki, der aufgrund geistiger Zerrüttung am Schluss jedoch im Narrenhaus Steinhof landet. Jacques, der uralte Diener der Trotta, ist mit Merlin Sandmeyer sehr jung besetzt, ebenso wie Skowronnek, der Arzt und Schachpartner des Bezirkshauptmannes Trotta. Die Frauen im kurzen Leben des Leutnants Carl Joseph von Trotta sind allesamt Andrea Wenzl, die bereits den Fünfzehnjährigen als Katharina Slama verführt, als Valérie von Taußig, die trotz ihrer Liaison mit Chojnicki sich ein Gspusi mit Carl Joseph anfängt, und als Eva, die Frau von Demant, des einzigen Freundes von Leutnant Trotta.

 

Als Bezirkshauptmann Baron Franz von Trotta und Sipolje bringt Falk Rockstroh viel von Joseph Roth ins Geschehen ein. Er spricht, wie es der Romanautor geschrieben hat, und er handelt auch wie ein wahrer Monarchist, der mit einem Kaiser alt geworden ist und diesem immer ähnlicher wird.

Ganz anders sein Sohn Carl Joseph (Philipp Hauß), der offenbar mit seiner Weigerung, lange Hosen anzuziehen, seine Abneigung gegen die ihm aufgedrängte Karriere als Leutnant ausdrückt. Ein Kommandeur in Unterhosen ist nicht unbedingt lächerlich, aber doch kaum als Offizier der so hoch gerühmten kaiserlich-königlichen Armee anzusehen, zumal er seine Verzweiflung über die verfehlte Berufswahl dem mit den Ballons spielenden Zuschauern mit großem Einsatz seiner Stimme mitteilt.

Radetzkymarsch Szenenfoto © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Ein Volksfeind Szenenfoto © Georg Soulek/Burgtheater

EIN VOLKSFEIND als Märchen, pompös und moralisierend

Joachim Meyerhoff mit Megaphon und die Gartenzwerge © Georg Soulek/Burgtheater

Politiker und Kapitalisten sind korrupt, Redakteure nervös und nur der Arzt ist der Gute

Der Norweger Henrik Ibsen hat mit „En folkefiende“ eine Abrechung mit der öffentlichen Meinung ins Auge gefasst, vor allem mit der, die seine zwei Stücke „ Et dukkehjem“ (Nora oder Ein Puppenheim) und „ Gengangere. Et familjedrama i tre akter“ (Gespenster) als skandalös empfunden haben. Dazu eignet sich natürlich großartig ein von den Mächtigen vertuschter Skandal, in diesem Fall das von einer Lederproduktion verseuchte Heilwasser eines Badeortes. Der Kurarzt kommt aufgrund eines Gutachtens seiner Universität dahinter und will die Anstalt sofort schließen. Ihm entgegen steht sein Bruder, der Bürgermeister dieser Kleinstadt. Als Politiker kann und will er keinen Schatten auf seinen Ort werfen lassen. Die im Unwissen gehaltene Bevölkerung steht selbstverständlich auf Seiten des Politikers und betrachtet den Arzt bald als Volksfeind, der den endlich angelaufenen Fremdenverkehr beeinträchtigen könnte. Die örtliche Presse, die zu Beginn den Arzt zu unterstützen gedenkt, fällt ebenfalls um und hilft mit, die Angelegenheit geflissentlich unter den Teppich zu kehren.

Joachim Meyerhoff © Georg Soulek/Burgtheater

Ihr Motto: Wir schreiben nichts und damit lügen wir nicht. Ibsen hat damit nicht sein stärkstes Drama geschaffen. Zu eindeutig sind die Rollen in Gut, Böse und Rückgratlos verteilt. Es ist und bleibt eine persönliche Revanche an all denjenigen, die er nicht mochte und die ihn nicht wollten. Da hilft auch jede Beschwörung von Wahrheit und Freiheit nichts, mit der Ibsen nicht gerade sparsam umgeht. „Ein Volksfeind“ wird den Ruch der beleidigten Leberwurscht nicht los, so sehr man sich auch bemühen mag, ihn zum Klassiker der nordischen Theaterliteratur zu erklären.

Eisrevue am Burgtheater © Georg Soulek/Burgtheater

Die Regisseurin Jette Steckel scheint Herrn Ibsen aber auf den Leim gegangen zu sein. Sie hat für das Burgtheater die (sehr) deutsche Fassung ihres Vaters Frank-Patrick Steckel herangezogen. Aus dem aussichtslosen Kampf des Widerständlers wird ein Märchen, in dem ein Deus ex machina letztlich alles zum Guten für den Guten wendet. Warum die Inszenierung zu einer Eisrevue wird, erschließt sich nicht so einfach, aber es hat Wirkung, wenn alles so schön dahingleitet, außer dem Hauptdarsteller, der zu Fuß gehen muss.

Überlagert werden die Auseinandersetzungen mit emotional aufwühlender Stimmungsmusik (Friederike Bernhardt oder Martin Mader). Monströse Gartenzwerge sind das Volk, das von Haus aus dumm ist. Zu allem Überfluss wird zuletzt noch ein Video mit Katastrophen eingespielt, dem ein in seinem Pathos bereits kitschiger Monolog noch drauf gesetzt wird. Aus „Ein Volksfeind“ wird damit ein Märchen, pompös und vor allem bis zur Unerträglichkeit moralisierend.

Friederike Bernhardt, Mirco Kreibich © Georg Soulek/Burgtheater

Dennoch kann sich die Burg auf ihre Schauspieler verlassen. Sie erledigen alles, was von ihnen verlangt wird, verlässlich mit Bravour. Dr. Tomas Stockmann ist Joachim Meyerhoff, der als verantwortungsvoller Badearzt ebenso glänzt wie als vorbildlicher Familienvater und nicht zuletzt als Prediger, der lediglich am Phlegma der Gartenzwerge scheitert. Sein jüngerer Bruder Peter Stockmann ist nicht nur beredter Bürgermeister, sondern auch ein eleganter Eisläufer.

Mirco Kreibich legt eine sensationelle Kür hin, wenn es darum geht, die Redaktion des Volksboten von seiner Realpolitik zu überzeugen. Zu dieser zählen der dumme Billing (Matthias Mosbach), der nervöse Herausgeber Aslaksen (Peter Knaack) und der junge Idealist und Chefredakteur Erik Hovstad (Ole Lagerpusch). Dessen Freundin ist Petra (Irina Sulaver), Tochter von Dr. Stockmann, die zu ihrem Vater hält und dem jungen Mann damit das Leben nicht gerade leichter macht.

Ihre Mutter, die Kinderärztin Kathrin, ist Dorothee Hartinger und die beiden Buben Eilif und Morten jeweils drei Darsteller alternierend. Was immer er auch spielt, er ist ein Erlebnis. Ignaz Kirchner gibt nachvollziehbar den anfangs verstockten, später ungemein jovialen Lederfabrikanten Morten Kiil, der seiner Familie in gutem Gedächtnis bleiben will und sich deswegen vom rücksichtslosen Kapitalisten in einen Großvater verwandelt, der seinen Enkeln eine heile Welt hinterlassen will.

Irina Sulaver, Ole Lagerpusch © Georg Soulek/Burgtheater

Schlechte Partie Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

SCHLECHTE PARTIE Komödie mit tragischem Ende

Marie-Luise Stockinger, Nicholas Ofczarek @ Reinhard Werner/Burgtheater

Wenn so unpassende Sachen wie die Wahrheit gesagt werden

Alexander Ostrowskij (1823 bis 1886) gilt als Dichter von Komödien. Er hat seine Landsleute bestens damit unterhalten, indem er ihnen in seinen Stücken einen Spiegel vorgehalten hat. Er hat sie – wie jeder andere gute Komödiendichter auch – schonungslos porträtiert, die einzelnen Typen bis ins Extrem verzerrt und damit genau diejenigen zum Lachen gebracht, die damit gemeint waren. Die russische Gesellschaft der Zarenzeit wurde zu seinem Spielplatz, auf dem er genügend Stoff gefunden hat, um seine Zeitgenossen in pointierter Weise lächerlich zu machen, ohne sie ihrer Würde zu berauben.

 

„Schlechte Partie“ wurde von Alexander Nitzberg aus dem Russischen übersetzt und von Alvis Hermanis am Burgtheater inszeniert. Man kennt freilich das Original nicht, um sagen zu können, wie sich diese Komödie mit traurigem Ausgang beispielsweise auf einem Moskauer Theater ausnimmt. Deutlich zu spüren ist aber die russische Breite, in der die an sich schnell erzählte Handlung zu einem Kuchenteig mit süßen bunten Streuseln ausgewalzt wird.

Michael Maertens, Nicholas Ofczarek © Reinhard Werner/Burgtheater

Ein hübsches Mädchen verliebt sich in einen windigen Wolgaschiffer, der sich aus Geldnöten aber anderweitig verlobt. Es dauert ein ganzes Jahr, bis diese Wahrheit ans Licht kommt. Inzwischen hat sich das Mädchen aus Angst sitzenzubleiben einem patscherten Postbeamten versprochen. Es kommt zum finalen Showdown, der einige Tote hinterlässt. Das ganze spielt sich in der Gesellschaft eines betuchten Kaufmanns und eines noch reicheren älteren Herrn ab, die als treue Gäste im Hause der Mutter des Mädchens regelmäßig verkehren.

Witzige Wendungen in der Konversation und komische Figuren wie der Robinson oder die trockenen Kommentare des Kellners Gawrilo machen dem Zuschauer das Epische des Geschehens durchaus erträglich. Man darf sich getrost in die mehr als dreistündige Abhandlung einer an sich wenig aufregenden Geschichte fallen lassen, weil diese erstens sehr stimmig dargeboten wird und zweitens aufgrund einer Bombenbesetzung ein mehr als kurzweiliges Vergnügen darstellt.

Dörte Lyssewski, Peter Simonischek © Reinhard Werner/Burgtheater

Dörte Lyssewski ist das „Tantchen“ Charita Ignatjewna Ogudalowa, das geschickt die Herren um einige Hunderter erleichtert, um sich ihren für ihre Verhältnisse etwas zu aufwändigen Haushalt leisten zu können. Ihr Kapital ist Larissa, die schöne Tochter, der die Männerwelt zu Füßen liegt.

Martin Reinke, Fabian Krüger, Nicholas Ofczarek © Reinhard Werner/Burgtheater

Marie-Luise Stockinger ist tatsächlich eine Augenweide, die tanzen kann und damit die Träume dieses Mädchens sichtbar macht. Außerdem sagt sie so unpassende Sachen wie die Wahrheit, die nicht jedem schmeckt, der sich in ihrem Dunstkreis bewegt. Dem reichen älteren Herrn namens Mokij Parmenowitsch Knurow hat man einen mächtigen Backenbart verpasst und damit den großen Peter Simonischek nahezu unkenntlich gemacht. Martin Reinke als Wassilij Danilowitsch tritt mit Augenbinde auf.

Er hält sich kaltherzig an das Wort eines Kaufmanns, nachdem er den Besitz an Larissa an Knurow beim Münzwerfen verspielt hat. Fabian Krüger lässt seinen Robinson versoffen über die Bühne wanken, jede nur erreichbare Flasche ergreifen und unvergleichlich jämmerlich kotzen, nachdem er sich mit schlechtem Burgunder über die Maßen abgefüllt hat. Stille Beobachter des Ganzen sind Gawrilo (Hermann Scheidleder) und Iwan (Hans Dieter Knebel), die als Kellner in ihrem Lokal Zeugen der Männergespräche werden, während sie Champagner in Teegläsern für je 15 Rubel servieren. Dem abgewrackten Wolgaschiffer Sergej Sergejewitsch Paratow gibt Nicholas Ofczarek die Faszination, die ihn für ein junges Ding wie Larissa ungeheuer anziehend macht.

Larissas Appetit ist so groß, dass ihre Mutter feststellen muss, dass sie allein im Gedanken mit ihm auf seinem Schiff zu sein, bereits sabbert. Gegen ihn hat der kleine Beamte Julij Kapitonowitsch Karandyschew von Haus aus keine Chance. Trotzdem hält er um die Hand von Larissa an... Michael Maertens balanciert diesen Versager zwischen stiller Komik und der Rührung, die er durch seine Unbeholfenheit erweckt, bis zum bitteren Ende dieses Lustspiels, das vollkommen humorlos den Tod von Larissa und Sergeij vorgesehen hat.

Peter Simonischek, Hermann Scheidleder, Michael Martens, Marie-Luise Stockinger © Reinhard Wernerr
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