Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

MEPHISTO Der Geist, der sich dem Bösen nicht verneinte

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Nicholas Ofczarek als Hendrik Höfgen in der Wiederauferstehung von Gustaf Gründgens

Sie waren über lange Jahre Freunde, der Schriftsteller Sebastian Bruckner und der Schauspieler Hendrik Höfgen. So lange nur die Kunst zählte, schrieb der eine, Sohn eines berühmten Literaten, die Stücke, die vom anderen auf kleinen Bühnen irgendwo in Deutschland umgesetzt wurden. Man feierte den wieder gewonnenen Frieden und vergaß über ausschweifendem Amüsement die wirtschaftliche Notlage und die daraus resultierenden politischen Tendenzen der 1920er-Jahre. Was gehen einen Mimen, der nur das Theater kennt, die mehr und mehr erstarkenden Nationalsozialisten an? Anders der Schreiber. Er spürte bald die Gefährlichkeit der Situation, die sich nicht nur gegen Juden richtete, sondern für jedes andere Denken den sicheren Untergang bedeutete. Freilich war er, als es um die Flucht aus Nazideutschland ging, in der besseren Lage. In die Schriebmaschine tippen konnte er überall. Aber auf der Bühne stehen, das erfordert eine Sprache, die eben nur in deutschen Landen gesprochen wird. Also entschied sich Hendrik Höfgen für den Kniefall vor den Schergen.

Nicholas Ofczarek  © Reinhard Werner/Burgtheater

Sie jubelten den Komödianten nach oben. Man verzieh ihm seine Homosexualität, das Verstecken eines Juden sowie seine ehemalige linke Einstellung und machte ihn zum Intendanten des Preußischen Staatstheaters in Berlin. Er behielt seine Rolle als Mephistopheles in Goethes Faust, wurde aber aus dem Geist, der stets verneint, ein unterwürfiger Ja-Sager, der sich seine Ausreden in der Ausübung der Kunst suchte, die schamlos von den Nazibonzen für ihre grausame Ideologie und Propaganda eingespannt wurde.

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Hinter „Mephisto“ steckt ein Roman von Klaus Mann, der von Regisseur Bastian Kraft für das Burgtheater in beeindruckender Weise dramatisiert wurde. Klaus Mann, im Stück Sebastian Bruckner, wird in aller Verwirrtheit, die aus dem Zerbrechen dieser ursprünglichen Männerfreundschaft resultiert, so umgesetzt, wie es eben nur ein Fabian Krüger schafft. Ihm zur Seite steht Dörte Lyssewski als seine Schwester Barbara Bruckner, die ihn inspiriert, das Leben seines Freundes aufzuschreiben.

Im ursprünglichen Schmierenensemble stehen einander der kämpferische Kommunist (Peter Knaak) und der Jungnazi Hans Miklas (Martin Vischer) gegenüber. Sie treffen wieder in dem Theater, in dem ihr einstmaliger erster Darsteller bereits Karriere gemacht hat, zusammen. Der eine fällt aber seiner Überzeugung zum Opfer, der andere verliert eben diese und wird von seinen „Kameraden“ erschossen. Erschreckend authentisch gibt Petra Morzé die gnadenlos deutsche Oberschauspielerin Lotte Lindenthal, die sich sicherheitshalber den Ministerpräsidenten (Martin Reinke) als Gatten geangelt hat. Diesbezüglich war sie vorausblickender als Nicoletta von Niebur (Sabine Haupt), die kurz dem Irrtum verfallen war, reich heiraten zu müssen, aber bald wieder reumütig auf die Bühne zurückkehrt. Dora Martin (Sylvie Rohrer), im Provinztheater noch der Star, muss ebenfalls davonrennen. Sie kann zwar umwerfend schön singen, ist aber Jüdin. Die Musikerin Judith Schwarz untermalt den Todesritt der apokalyptischen Reiter mit erstaunlich vielen Klangfarben ihres Schlagzeugs und schafft damit ein akustisches Bühnenbild, in dem sich auch die Tragödie einer großen Liebe abspielt. Julien (Simon Jensen) ist ein Stricher, in den Höfgen vernarrt ist, er kann aber nichts anderes für sein Herzblatt erwirken, als ihm das nackte Leben zu retten.

Seiner Karriere opfert dieser Mann alles, was ihm je etwas bedeutet hat. Meiste Zeit agiert er vor sich selbst versteckt hinter einer weißen Gesichtsmaske mit grell geschminkten Lippen. Nicholas Ofczarek lässt den eigentlichen Protagonisten in gespenstischer Realität wiederauferstehen. Gemeint ist Gustaf Gründgens, der damals wie viele Schauspieler nur zwei Möglichkeiten hatte: Entweder gehen und nicht spielen oder sich mit dem Bösen per se arrangieren und damit den Menschen dienen.

Fabian Krüger © Reinhard Werner/Burgtheater

Andrea Wenzl mit Statisten © Reinhard Werner/Burgtheater

GLAUBE LIEBE HOFFNUNG von Horváth interpretiert

Andrea Wenzl © Reinhard Werner/Burgtheater

Ein Spotlight auf alles Elend dieser Welt

„Bei uns liegen die Finger und Gurgeln nur so herum, dass es eine Freude ist“, sagt der Oberpräparator (Branko Samarowski) im Leichenschauhaus zum Präparator (Falk Rockstroh), als er diesen beim Taubenfüttern erwischt. Das ist einer dieser Sätze, die nur Ödön von Horváth so bitter treffend formulieren konnte. Er hat in seinen Dramen den Status quo seiner Zeit geschildert, also die wirtschaftliche Not vermengt mit menschlicher Unzulänglichkeit auf die Bühne gestellt, und hat damit dennoch das Publikum unterhalten, wie man in diesem Business über ein ansprechendes Theaterstück sagt. Das im Jahr 1932 erschienene „Glaube Liebe Hoffnung“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Gerichtsreporter Lukas Kristl und wurde von Horvàth selbst als „Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“ ausgepreist. Wie in den meisten seiner anderen Stücke steht eine junge Frau im Mittelpunkt. Sie heißt schlicht Elisabeth und beschreibt gleich am Beginn im grellen Spotlight eines Deckenscheinwerfers in einem ergreifenden Monolog die Situation, der sie gnadenlos ausgeliefert ist.

Irina Sulaver, Robert Reinagl © Reinhard Werner/Burgtheater

Sie hat keinen Job, damit kein Geld und ebenso wenig eine Wohnung wie ein paar Bissen zum Essen. Andrea Wenzl mit ihrer für diese Rolle idealen leicht heiseren Stimme ist in die Person dieser armen Haut geschlüpft. Sie lässt ihre Heldin anfangs tatsächlich daran glauben, dass alles wieder gut werden könnte. Elisabeth will den Kopf nicht hängen lassen, wird dabei aber zur Puppe, die wie an den Fäden einer Marionette durch ein Kaleidoskop mieser, schwacher, schräger und hilfloser Typen tanzt, um schlussendlich ins Wasser zu stolpern und nach einem Rettungsversuch Erlösung im Sterben zu finden. Sie hat den mit so vielen Hoffnungen angegangenen Kampf um eine eigene Existenz verloren.

Merlin Sandmeyer, Andrea Wenzl © Reinhard Werner/Burgtheater

Michael Thalheimer hat das Theaterstück gekonnt entdramatisiert. Abgesehen vom besagten Scheinwerfer gibt es kein Bühnenbild. In diesem leeren Raum agieren die auftretenden Personen scheinbar nur für sich allein, es kommt kaum zu Interaktionen mit den anderen Beteiligten, wenn es sich nicht gerade um eine drastisch ausgespielte Vergewaltigung seitens eines Herrn namens Eltz (Daniel Jesch) handelt. Gedrängt wie eine Schafherde steht das Ensemble im Licht gegenüber von Elisabeth.

Deren Arbeitgeberin Irene Prantl (Christiane von Poelnitz) unterhält sich zwar angeregt mit Frau Amtsgerichtsrat (Alexandra Henkel), alteriert sich aber dem Publikum gegenüber über den mangelnden Umsatz der jungen Vertreterin. Herr Amtsgerichtsrat himself ist Peter Matić, der Elisabeth herzlos zu zwei Wochen Arrest verurteilt, aber darüber nicht einmal mit seiner Gattin sprechen will. Immerhin war sie vorbestraft, da sie ohne Wandergewerbeschein gearbeitet und nun in offensichtlich betrügerischer Absicht den Präparator dazu verleitet hat, ihr das Geld für einen solchen vorzustrecken, obwohl sie damit die ausstehende Strafe bezahlen wollte. Hätte sie nur rechtzeitig den Mund aufgemacht und dem Mann, der sie unter Umständen sogar geheiratet hätte, nämlich der Schupo Alfons (Merlin Sandmeyer), die Wahrheit gesagt, vielleicht?

Aber Horváth lässt ihr keine Chance. Sie muss sich vom Oberinspektor (Michael Masula) begrapschen und vom tollkühnen Lebensretter (Tino Hillebrand) aus dem Wasser ziehen lassen. Sie alle, auch der Invalide (Hermann Scheidleder) und der feiste Baron mit dem Trauerflor (Robert Reinagl) haben eine Menge guter Ratschläge für die Sterbende, helfen kann und will aber keiner. Im finsteren Raum stehen bleibt das ewig gültige Credo der Pessimisten, dass es ein Jammer ist, in einer solchen Zeit leben zu müssen.

Christiane von Poelnitz, Alexandra Henkel © Reinhard Werner/Burgtheater

Besuch der alten Dame Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

DER BESUCH DER ALTEN DAME Maria Happel, wer sonst?!

Besuch der alten Dame Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Anständig ist nur, wer zahlt

Anfangs geht die Bahnhofsuhr zurück. Claire Zachanassian ist so reich, dass sie sogar die Zeit zurückdrehen kann. Regisseur Frank Hoffmann macht mit diesem unscheinbaren Zeichen die ganze Tragödie, die sich in den Bewohnern der Kleinstadt Güllen seit dem Besuch der alten Dame abspielt, auf raffinierte Weise sichtbar gemacht. Geld vermag alles! Wahrscheinlich auch die Quadratur des Kreises. Mit Maria Happel hat diese Figur endlich ihre Darstellerin gefunden, wie sie von Friedrich Dürrenmatt wohl gedacht war. Obwohl nur mehr aus Prothesen zusammengesetzt, strahlt Claire noch immer die Sinnlichkeit des Mädchens aus, das mit dem Burschen Alfred (Burghart Klaußner) einst eine heiße Affäre hatte und von ihm geschwängert wurde. Dass er Claire sitzen gelassen und die Kaufmannstochter Mathilde (Petra Morzé) geheiratet hat, ist für ihn nichts als eine Jugendsünde, ein Blödheit, wie man sie eben in diesem Alter begeht, und wenn es dazu zwei bestochene Zeugen braucht. Als diese blind und kastriert auftauchen, ist die Erkenntnis der Schwere seiner Tat bereits zu spät.

Besuch der alten Dame Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Die ehemalige Geliebte hat ein unermessliches Vermögen geerbt und kann sich nun Gerechtigkeit kaufen. Eine Milliarde auf den Kopf des Hallodris! Dürrenmatt lässt von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Honoratioren des Städtchens ihrem Willen nachkommen werden. Spannend ist nur, wie sie sich, angefangen vom Bürgermeister über den Lehrer (Dietmar König), den Arzt (Marcus Kiepe), Pfarrer (Michael Abendroth) und dem sportlichen Polizisten (Daniel Jesch), für das Geld und damit für die Ermordung von Alfred entschließen.

 

Der Vollmond hat seine besondere Rolle und er scheint auch in der Nacht, als die üppig bezahlten Henker brav das von Claire gesprochene Urteil vollziehen. Zur Seite hat sie nicht nur eine Armee von Rechtsanwälten, sondern auch den Butler (Hans Dieter Knebel), der vor seiner Anstellung Richter in Güllen war. Er lässt seine mittlerweile brach liegende Autorität noch einmal aufblitzen, wenn er Alfred den Prozess macht. Dass die durch eine sagenhafte Erbschaft unermesslich reich gewordene Claire die Männer öfter wie andere die Hemden wechselt, tut ihrem moralischen Anspruch auf bittere Vergeltung keinen Abbruch. Schließlich gibt es Rolf Mautz, der ihre Gatten stets deutlich voneinander unterschieden in seiner Person vereinigt und dazu noch vom Zuschauerraum aus als Pressemann seine Interviews führt.

Wenn es auch ein Offenbarungseid der Menschlichkeit ist, in dem Dürrenmatt die allseitige Schwäche von geldgierigen Güllenern und einer des Verzeihens nicht mächtigen Claire ins fahle Mondlicht reißt, so hat der Dichter trotzdem nicht auf das Augenzwinkern vergessen. In einer Rede, in der sich der Bürgermeister an Unterwürfigkeit gegenüber dem Vermögen der alten Dame überschlägt, hat er Roland Koch postum einen Szenenapplaus beschwert.

Maria Happel © Reinhard Werner/Burgtheater

Eines langen Tages Reise in die Nacht Ensemble © Bernd Uhlig

EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT braucht eben seine Zeit

Eines langen Tages Reise in die Nacht Szenenfoto © Bernd Uhlig

Vier Menschen, in Hassliebe aneinander gekettet, haben sich gründlich verloren

Eugene O´Neill hat seine eigene Kindheit in ein Drama verpackt. Es ist die Erinnerung an eine Jugend, besser gesagt eine Kindheit, die er nie gehabt hat (I had no childhood). Das Stück sollte aber erst 25 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden. Seine Witwe setzte sich über das Verbot hinweg und gab 1953 das Stück für die Bühne frei. Der Erfolg dieser bitteren Auseinandersetzung von vier Menschen, die alle an ihrem Leben gescheitert sind, ist schwer zu erklären. Trotz der Unfähigkeit gemeinsamer Kommunikation, die auch in seiner Familie geherrscht hat, wird geredet und geredet, immer wieder um dasselbe, ohne je zu einem Ergebnis zu kommen, oder wie es der an Schwindsucht leidende Edmund seiner Rauschgift süchtigen Mutter gegenüber ausdrückt: „Du redest wie ein Wasserfall.“ Der Vater ist Schauspieler, Ire von Geburt, Säufer und von einem Geiz besessen, der sich über die Gesundheit seiner Angehörigen hinwegsetzt. Seine beiden Söhne sind längst erwachsen, hängen aber immer noch am mager eingestellten Geldtropf des nicht unvermögenden Familienoberhaupts.

Eines langen Tages Reise in die Nacht Szenenfoto © Bernd Uhlig

O´Neill hat viel zu sagen und hat mit dem Text ganze vier Stunden gefüllt. Er nahm dabei keine Rücksicht auf Zuseher, die von den ständigen Wiederholungen von Vorwürfen und immer gleichen Andeutungen bald ermüdet sein dürften. An diesem Tag, der mit dem Frühstück beginnt und um Mitternacht endet, passiert nichts andres als an allen den Tagen davor und danach. Man macht sich gegenseitig fertig und geht dabei selbst vor die Hunde. Nebel, der des Nachts regelmäßig einfällt, und die enervierenden Nebelhörner der Schiffe tragen das ihre zur Tristesse bei. Vier Menschen, die ohne einander nicht leben können, haben sich gründlich verloren, ohne die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Eines langen Tages Reise in die Nacht Szenenfoto © Bernd Uhlig

Regisseurin Andrea Breth hat wohl aus Respekt vor dem Autor das Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ in seiner ganzen Breite ohne irgendwelche Striche inszeniert. Ausschließlich den Schauspielern ist es zu verdanken, dass das Publikum ob der nicht enden wollenden Streitereien nicht in Depressionen verfällt. Das düstere Bühnenbild von Martin Zehetgruber mit grauen Steinen, einem Saurierskelett im Hintergrund und sonst auch wenig Freundlichkeit unterstreicht eher die Bedrückung.

Andrea Wenzl ist ein erdiges Hausmädchen, das einen Hauch von Normalität in diese Ansammlung von Neurosen bringt. Alexander Fehling ist der zynische Sohn James Tyrone Junior. Er hat es selbst zwar auch noch nicht zu etwas gebracht außer zum Säufer, ist sich aber seiner Wichtigkeit bewusst, wenn es darum geht, die anderen zu maßregeln. Sein jüngerer Bruder Edmund ist mit August Diehl die sympathische Verkörperung des Autors, der zwischen der Angst vor der eigenen Krankheit und der Sorge um seine Mutter pendelt. Sven-Eric Bechtolf ist als Vater James Tyron der Patriarch, der den Söhnen und der Gattin unbedingten Gehorsam und Bewunderung abverlangt.

Dass sich diese darum wenig pfeifen, scheint ihn nicht zu stören. Volle Bewunderung für Corinna Kirchhoff! Sie lässt ihre Mary Caven in der Sorge um die Söhne, in der Liebe zu ihrem Mann und der eigenen Morphium-Sucht zur Nerv tötenden Mutter werden, die virtuos ihre eigenen Probleme zu ignorieren imstande ist. Sie alle halten die Spannung aufrecht, damit auch Unbeteiligte eine solche Familie unverdrossen einen wahrhaft langen Tag bis in die finstere Nacht begleiten.

Eines langen Tages Reise in die Nacht Szenenfoto © Bernd Uhlig

Jedermann (stirbt) Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

Jedermann (stirbt) in einem mehr oder weniger lustigen Totentanz

Jedermann (stirbt) Szenenfoto © Georg Soulek/Burgtheater

Das Mysterienspiel, das nicht weiß, ob es moralisieren soll oder nicht

Direktorin Karin Bergmann ist ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Sie ist mit einem neuen „Jedermann“ in die Annalen des Burgtheaters eingegangen. Beauftragt wurde dazu ein Shooting Star der Bühnenautoren: Ferdinand Schmalz. Was man von ihm bisher gesehen hat, ließ Hoffungen auf ein völlig neues Erlebnis dieses doch über viele Jahrzehnte abgespielten Klassikers von Hugo von Hofmannsthal berechtigt erscheinen. Ob sie erfüllt wurden? Theoretisch gesehen kann man nur sagen: teils, teils. Die gewohnt frömmelnden Verse wurden wie Versatzstücke der Salzburger Festspiele in einen zeitgemäßen Text hineingeschnitten, aus dem reichen Mann ein Finanzmagnat gemacht und das Fest in einen umzäunten Garten verlegt, dessen sicheres Gehege zu vielerlei aktueller Symbolik Anlass gibt. Wenn es um die eigentliche Botschaft geht, merkt man die Unsicherheit des Autors leider sehr deutlich. Es wird moralisiert auf Teufel komm raus, in dessen nackten Pelz das Ensemble schlüpft, um sich gleich darauf darüber lustig zu machen. Es ist schwer, daraus klug zu werden.

Jedermann (stirbt) Szenenfoto © Georg Soulek/Burgtheater

So ein übler Kerl ist dieser Jedermann nämlich gar nicht, dass er eine solche Behandlung im Falle seines Ablebens verdient hätte. Er ist einfach ein taffer Bursch, der mit Milliarden virtuos umgehen kann, um diese in seinen Sack umzuleiten. Was ist daran so verwerflich? Das würde doch ein jeder gern tun, wenn er nur die Möglichkeit dazu hätte. Außerdem kennt dieser Jedermann die Menschen und legt ihnen gegenüber die entsprechende Verachtung an den Tag, was ihm durchaus Sympathiepunkte beschert.

Markus Hering im Laufrad © Georg Soulek/Burgtheater

Was die praktische Ausführung anbelangt, kann man die Erwartungen an Neues absolut als erfüllt betrachten. Stefan Bachmann hat diesen Jedermann auf eine von Olaf Altmann gestaltete Bühne gestellt. Eine Wand mit einer kreisrunden Öffnung in der Mitte, aus dem sich die runderneuerte Handlung entwickelt. Markus Hering als Jedermann wird in dem im Loch versteckten Laufrad zum Artisten, der während halsbrecherischer Überschläge einem schlicht betuchten Menschen seinen Charakter verleiht.

Die Bandbreite geht vom getriebenen Gewinnler bis zum armseligen Nackten, als der er am Schluss ins Jenseits geholt wird. Seine Frau ist Katharina Lorenz, eine nette junge Dame, die anfangs das Leben an der Seite eines Millionärs genießt, aber verständlicherweise nicht mit ihm in den Tod gehen will. Die Mutter hat mit Elisabeth Augustin die betuhliche Mahnerin gefunden, die zwar nicht ganz genau weiß, wovor sie ihren Sohn warnen soll, aber es in aller Liebe doch tut. Buhlschaft und Tod wurden in der Person von Barbara Petritsch zusammengefasst.

Das Kostüm der Verführerin passt ihr jedoch bei weitem besser als der schwarze Kittel und die etwas kindische Sense, mit der sie später den Jedermann bedroht. Die beiden Vettern, der überhaupt nicht dicke Markus Meyer und der ebenso wenig dünne Sebastian Wendelin sind ein Komikerduo, auf das man sich zurecht freuen darf. Mavie Hörbiger verteilt als Mammon Geldscheine im Publikum und zählt als hinreißende Charity die guten Werke Jedermanns auf. Mit endlosem Bart kenntlich gemacht ist Oliver Stokowski in seiner Funktion als der liebe Gott, der inkognito als armer Nachbar bei Jedermann vorstellig wird, um ihn um eine nicht unbeträchtliche Summe für ein nebuloses Sanierungsprojekt anzuschnorren. Dass er damit bei einem rationalen Geschäftsmann kaum Erfolg haben kann, ist eigentlich selbstverständlich. Keiner von uns, auch nicht Jedermann, wirft sein Geld für so was Unsicheres zum Fenster raus. Das Premierenpublikum hat es sowohl dem Ensemble als auch dem Autor Ferdinand Schmalz mit großem Applaus gedankt, dass es wieder einmal ohne persönlich berührt zu werden, davon gekommen ist.

Markus Hering, Barbara Petritsch © Georg Soulek/Burgtheater

Philipp Hauß © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

RADETZKYMARSCH Joseph Roths Roman eigenwillig dramatisiert

Radetzkymarsch Szenenfoto © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Das Ende der Monarchie schwebt wie bunte Ballons durchs Theater

Es ist von Vorteil, wenn man keine Version von „Radetzkymarsch“ kennt, bevor man die Inszenierung von Johan Simons im Burgtheater erlebt hat; weder den Fernseh-Mehrteiler von Axel Corti noch diverse Bearbeitungen für die Bühne, am wenigsten das Original, also das Buch selbst. Man würde vergeblich nach Joseph Roth suchen, nach seiner unvergleichlichen Art, die Gefühlslandschaften derer zu beschreiben, die am Ende der Habsburger Monarchie zerbrechen. Die Melancholie, die über drei Generationen zur Verzweiflung wächst, der differenzierte Umgang mit dem „feschen“ Militär, mit dem auseinanderstrebende Völker zusammengehalten werden sollten, die Verehrung eines Monarchen, dessen größte Sünde es war, zu lange gelebt zu haben, und die Gewissheit eines Krieges, den so viele wollten und von dem aber jeder wusste, dass er nur verloren gehen kann, das alles wird von Joseph Roth so eindringlich beschrieben, dass es bis heute das Herz des Lesers ergreift, der nach wie vor beim Neujahrskonzert den Rhythmus des Radetzkymarsches begeistert mitklatscht.

Andreas Wenzl © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

In seltsamer Form schwingt dabei der Stolz auf etwas mit, das es schon lange nicht mehr gibt, nämlich Gott und Kaiser, die alles schon zum Guten wenden werden, solange nur die schwarz-gelbe Fahne vor den Kasernen weht. Roth hat damit bereits selbst hart abgerechnet, als er seine Protagonisten dem unausweichlichen Untergang ihrer Welt zutreibt.

Johann Adam Oest © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Das Burgtheater setzt auf diese ohnehin triste Stimmung noch eins drauf. Auf der Bühne (Katrin Brack) lauern verschieden große Luftballons, durchaus bunt und fröhlich, die nach und nach Eigenleben entwickeln. Sie schweben über die Köpfe des Publikums, werden von diesem zurück gestoßen und sind dennoch auf wundersame Weise stets dort, wo sie die jeweiligen Akteure auf der Bühne brauchen, um damit zu balgen, sich lasziv zu räkeln oder sie mit einem ordentlichen Knall zu zerreißen.

 

Das Personal wie Arbeiter, Diener, Kutscher und Soldaten wartet im Hintergrund auf seine Auftritte. Die stattliche Anzahl von Hauptfiguren, die ein solcher Roman verlangt, ist mit einer Handvoll Schauspielern besetzt. Johann Adam Oest beweist, dass nicht unbedingt lautes Schreien Qualität ausmacht. Er ist Moser, der Maler, der den Held von Solferino als Jugendlicher gemalt hat, aber auch Kaiser Franz Joseph I., der flüsternd und doch bis in die letzte Reihe verständlich die Botschaft des Kriegsausbruchs „An meine Völker“ richtet.

Daniel Jesch, schneidig trotz der kurzen Hosen, ist in diversen Uniformjacken Kapellmeister Slama (im Roman ist Slama ein Gendarm), Major Zoglauer und Rittmeister Tattenbach. Steven Scharf schafft den Spagat zwischen dem grüblerischen Max Demant, dem jüdischen Regimentsarzt, und dem unendlich reichen Graf Chojnicki, der aufgrund geistiger Zerrüttung am Schluss jedoch im Narrenhaus Steinhof landet. Jacques, der uralte Diener der Trotta, ist mit Merlin Sandmeyer sehr jung besetzt, ebenso wie Skowronnek, der Arzt und Schachpartner des Bezirkshauptmannes Trotta. Die Frauen im kurzen Leben des Leutnants Carl Joseph von Trotta sind allesamt Andrea Wenzl, die bereits den Fünfzehnjährigen als Katharina Slama verführt, als Valérie von Taußig, die trotz ihrer Liaison mit Chojnicki sich ein Gspusi mit Carl Joseph anfängt, und als Eva, die Frau von Demant, des einzigen Freundes von Leutnant Trotta.

 

Als Bezirkshauptmann Baron Franz von Trotta und Sipolje bringt Falk Rockstroh viel von Joseph Roth ins Geschehen ein. Er spricht, wie es der Romanautor geschrieben hat, und er handelt auch wie ein wahrer Monarchist, der mit einem Kaiser alt geworden ist und diesem immer ähnlicher wird.

Ganz anders sein Sohn Carl Joseph (Philipp Hauß), der offenbar mit seiner Weigerung, lange Hosen anzuziehen, seine Abneigung gegen die ihm aufgedrängte Karriere als Leutnant ausdrückt. Ein Kommandeur in Unterhosen ist nicht unbedingt lächerlich, aber doch kaum als Offizier der so hoch gerühmten kaiserlich-königlichen Armee anzusehen, zumal er seine Verzweiflung über die verfehlte Berufswahl dem mit den Ballons spielenden Zuschauern mit großem Einsatz seiner Stimme mitteilt.

Radetzkymarsch Szenenfoto © Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater
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