Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Schöne Bescherungen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

SCHÖNE BESCHERUNGEN allein mit einer solchen Besetzung

Marie-Luise Stockinger, Dörte Lyssewski, Fabian Krüger © Reinhard Werner/Burgtheater

Die Feiertage müssen nicht, aber sie können „amüsant“ verlaufen

Weihnachten hat es verdient, verarscht zu werden. Was hat uns dieses Lichterlfest nicht schon alles angetan? Die Selbstmordrate schnalzt an Heiligabend in einsame Höhen, Ehekrisen wachsen sich vor der Bescherung zur Scheidungsreife aus und statt leuchtender Kinderaugen gibt´s angefressene G´frieser, weil das Handy nur Samsung und nicht iPhone ist. Insofern ist die Komödie „Schöne Bescherungen“ von Alan Ayckborn nichts anderes als ein ganz klein wenig überzogener Abriss der Wirklichkeit. Drei Ehepaare, ein fernsehsüchtiger Onkel und ein Buchautor, der von der überstandigen Schwester der Hausfrau als Weihnachtsmann und eventuell mehr eingeladen wurde, versuchen, die Feiertage gemeinsam zu verbringen. Man lacht, wenn nichts funktioniert, so auch gleich drei Verführungsversuche am ledigen Literaten und die Erfindungen des Hausherren, der mit einer raffinierten Fernsteuerung den Christbaum illuminiert, dabei aber laute Musik aufdreht und zum Leidwesen des Alten den Sender verstellt. Zum Desaster wird auch das Puppenspiel.

MARIA HAPPEL © Reinhard Werner/Burgtheater

Der kinderlose Arzt und Schwager des Hausherrn langweilt Jahr für Jahr die Gesellschaft und eine Schar von Kindern mit dürftigen Einfällen. Seine Frau besäuft sich bei der Herstellung des Lammbratens und bei einem der Gäste kommt zutage, dass er in seiner Selbständigkeit gescheitert ist. Dass sich die Dame des Hauses in den fremden Gast verliebt, ist in diesem ruinösen Umfeld nichts als eine erotische Auflockerung. Kurz, das Christkind meint es nicht gut mit diesen Leuten, die nichts anderes wollen, als sein Geburtsfest würdig zu begehen.

Scyhöne Bescherungen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Die Burg hat ihrem Publikum mit der Inszenierung von Barbara Frey bereits eine wahrhaft schöne Bescherung geliefert; und zwar im besten Winn des Wortes. Man darf sich beschenkt fühlen, wenn Nicholas Ofczarek den Neville, also den Hausherrn gibt und am liebsten mit Werkzeugtaschen gegürtet an kaputt gegangenen Spielzeugautos schraubt. Dessen Frau Belinda (Katharina Lorenz) bindet diesem Packerl sozusagen das hübsche Mascherl um, wenn sie virtuos den Weihnachtbaum schmückt.

Maria Happel als Phyllis, Schwester von Neville, zieht alle Register ihrer unvergleichlichen Komik, der Michael Mertens als ihr Mann um nichts nachsteht. Der alte Harvey, der vor der Glotze nicht gestört werden will, ist Falk Rockstroh, vor dem man sich in Acht nehmen und auf keinen Fall den Verdacht eines Diebstahls mit möglicher Todesfolge erregen sollte. Die bemitleidenswerte Rachel, die so gerne täte, aber auch dieses Mal nicht zum Zug kommt, weil ihr ihre Schwester Belinda zuvorkommt, erhält von Dörte Lyssewski selbstlose Altjungfernschaft als Präsent.

Eddie (Tino Hillebrand) und Pattie (Marie-Luise Stockinger) sind ein reizendes Paar, die so fleißig am Kindermachen sind, dass sie auch bei diesem Fest einen stattliche Babybauch gekonnt durch das Geschehen wuchtet. Das Ziel weiblicher Begehrlichkeit ist und bleibt aber Clive, der als Schriftsteller magisch auf die Frauen wirkt. Wenn ihn Fabian Krüger darstellt, wird daraus jedoch ein hinreißend zögerlicher Mann, der am wenigsten mit sich selbst im Klaren ist, ob er nun will oder nicht.

Schöne Bescherungen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

MEPHISTO Der Geist, der sich dem Bösen nicht verneinte

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Nicholas Ofczarek als Hendrik Höfgen in der Wiederauferstehung von Gustaf Gründgens

Sie waren über lange Jahre Freunde, der Schriftsteller Sebastian Bruckner und der Schauspieler Hendrik Höfgen. So lange nur die Kunst zählte, schrieb der eine, Sohn eines berühmten Literaten, die Stücke, die vom anderen auf kleinen Bühnen irgendwo in Deutschland umgesetzt wurden. Man feierte den wieder gewonnenen Frieden und vergaß über ausschweifendem Amüsement die wirtschaftliche Notlage und die daraus resultierenden politischen Tendenzen der 1920er-Jahre. Was gehen einen Mimen, der nur das Theater kennt, die mehr und mehr erstarkenden Nationalsozialisten an? Anders der Schreiber. Er spürte bald die Gefährlichkeit der Situation, die sich nicht nur gegen Juden richtete, sondern für jedes andere Denken den sicheren Untergang bedeutete. Freilich war er, als es um die Flucht aus Nazideutschland ging, in der besseren Lage. In die Schriebmaschine tippen konnte er überall. Aber auf der Bühne stehen, das erfordert eine Sprache, die eben nur in deutschen Landen gesprochen wird. Also entschied sich Hendrik Höfgen für den Kniefall vor den Schergen.

Nicholas Ofczarek  © Reinhard Werner/Burgtheater

Sie jubelten den Komödianten nach oben. Man verzieh ihm seine Homosexualität, das Verstecken eines Juden sowie seine ehemalige linke Einstellung und machte ihn zum Intendanten des Preußischen Staatstheaters in Berlin. Er behielt seine Rolle als Mephistopheles in Goethes Faust, wurde aber aus dem Geist, der stets verneint, ein unterwürfiger Ja-Sager, der sich seine Ausreden in der Ausübung der Kunst suchte, die schamlos von den Nazibonzen für ihre grausame Ideologie und Propaganda eingespannt wurde.

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Hinter „Mephisto“ steckt ein Roman von Klaus Mann, der von Regisseur Bastian Kraft für das Burgtheater in beeindruckender Weise dramatisiert wurde. Klaus Mann, im Stück Sebastian Bruckner, wird in aller Verwirrtheit, die aus dem Zerbrechen dieser ursprünglichen Männerfreundschaft resultiert, so umgesetzt, wie es eben nur ein Fabian Krüger schafft. Ihm zur Seite steht Dörte Lyssewski als seine Schwester Barbara Bruckner, die ihn inspiriert, das Leben seines Freundes aufzuschreiben.

Im ursprünglichen Schmierenensemble stehen einander der kämpferische Kommunist (Peter Knaak) und der Jungnazi Hans Miklas (Martin Vischer) gegenüber. Sie treffen wieder in dem Theater, in dem ihr einstmaliger erster Darsteller bereits Karriere gemacht hat, zusammen. Der eine fällt aber seiner Überzeugung zum Opfer, der andere verliert eben diese und wird von seinen „Kameraden“ erschossen. Erschreckend authentisch gibt Petra Morzé die gnadenlos deutsche Oberschauspielerin Lotte Lindenthal, die sich sicherheitshalber den Ministerpräsidenten (Martin Reinke) als Gatten geangelt hat. Diesbezüglich war sie vorausblickender als Nicoletta von Niebur (Sabine Haupt), die kurz dem Irrtum verfallen war, reich heiraten zu müssen, aber bald wieder reumütig auf die Bühne zurückkehrt. Dora Martin (Sylvie Rohrer), im Provinztheater noch der Star, muss ebenfalls davonrennen. Sie kann zwar umwerfend schön singen, ist aber Jüdin. Die Musikerin Judith Schwarz untermalt den Todesritt der apokalyptischen Reiter mit erstaunlich vielen Klangfarben ihres Schlagzeugs und schafft damit ein akustisches Bühnenbild, in dem sich auch die Tragödie einer großen Liebe abspielt. Julien (Simon Jensen) ist ein Stricher, in den Höfgen vernarrt ist, er kann aber nichts anderes für sein Herzblatt erwirken, als ihm das nackte Leben zu retten.

Seiner Karriere opfert dieser Mann alles, was ihm je etwas bedeutet hat. Meiste Zeit agiert er vor sich selbst versteckt hinter einer weißen Gesichtsmaske mit grell geschminkten Lippen. Nicholas Ofczarek lässt den eigentlichen Protagonisten in gespenstischer Realität wiederauferstehen. Gemeint ist Gustaf Gründgens, der damals wie viele Schauspieler nur zwei Möglichkeiten hatte: Entweder gehen und nicht spielen oder sich mit dem Bösen per se arrangieren und damit den Menschen dienen.

Fabian Krüger © Reinhard Werner/Burgtheater

Andrea Wenzl mit Statisten © Reinhard Werner/Burgtheater

GLAUBE LIEBE HOFFNUNG von Horváth interpretiert

Andrea Wenzl © Reinhard Werner/Burgtheater

Ein Spotlight auf alles Elend dieser Welt

„Bei uns liegen die Finger und Gurgeln nur so herum, dass es eine Freude ist“, sagt der Oberpräparator (Branko Samarowski) im Leichenschauhaus zum Präparator (Falk Rockstroh), als er diesen beim Taubenfüttern erwischt. Das ist einer dieser Sätze, die nur Ödön von Horváth so bitter treffend formulieren konnte. Er hat in seinen Dramen den Status quo seiner Zeit geschildert, also die wirtschaftliche Not vermengt mit menschlicher Unzulänglichkeit auf die Bühne gestellt, und hat damit dennoch das Publikum unterhalten, wie man in diesem Business über ein ansprechendes Theaterstück sagt. Das im Jahr 1932 erschienene „Glaube Liebe Hoffnung“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Gerichtsreporter Lukas Kristl und wurde von Horvàth selbst als „Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“ ausgepreist. Wie in den meisten seiner anderen Stücke steht eine junge Frau im Mittelpunkt. Sie heißt schlicht Elisabeth und beschreibt gleich am Beginn im grellen Spotlight eines Deckenscheinwerfers in einem ergreifenden Monolog die Situation, der sie gnadenlos ausgeliefert ist.

Irina Sulaver, Robert Reinagl © Reinhard Werner/Burgtheater

Sie hat keinen Job, damit kein Geld und ebenso wenig eine Wohnung wie ein paar Bissen zum Essen. Andrea Wenzl mit ihrer für diese Rolle idealen leicht heiseren Stimme ist in die Person dieser armen Haut geschlüpft. Sie lässt ihre Heldin anfangs tatsächlich daran glauben, dass alles wieder gut werden könnte. Elisabeth will den Kopf nicht hängen lassen, wird dabei aber zur Puppe, die wie an den Fäden einer Marionette durch ein Kaleidoskop mieser, schwacher, schräger und hilfloser Typen tanzt, um schlussendlich ins Wasser zu stolpern und nach einem Rettungsversuch Erlösung im Sterben zu finden. Sie hat den mit so vielen Hoffnungen angegangenen Kampf um eine eigene Existenz verloren.

Merlin Sandmeyer, Andrea Wenzl © Reinhard Werner/Burgtheater

Michael Thalheimer hat das Theaterstück gekonnt entdramatisiert. Abgesehen vom besagten Scheinwerfer gibt es kein Bühnenbild. In diesem leeren Raum agieren die auftretenden Personen scheinbar nur für sich allein, es kommt kaum zu Interaktionen mit den anderen Beteiligten, wenn es sich nicht gerade um eine drastisch ausgespielte Vergewaltigung seitens eines Herrn namens Eltz (Daniel Jesch) handelt. Gedrängt wie eine Schafherde steht das Ensemble im Licht gegenüber von Elisabeth.

Deren Arbeitgeberin Irene Prantl (Christiane von Poelnitz) unterhält sich zwar angeregt mit Frau Amtsgerichtsrat (Alexandra Henkel), alteriert sich aber dem Publikum gegenüber über den mangelnden Umsatz der jungen Vertreterin. Herr Amtsgerichtsrat himself ist Peter Matić, der Elisabeth herzlos zu zwei Wochen Arrest verurteilt, aber darüber nicht einmal mit seiner Gattin sprechen will. Immerhin war sie vorbestraft, da sie ohne Wandergewerbeschein gearbeitet und nun in offensichtlich betrügerischer Absicht den Präparator dazu verleitet hat, ihr das Geld für einen solchen vorzustrecken, obwohl sie damit die ausstehende Strafe bezahlen wollte. Hätte sie nur rechtzeitig den Mund aufgemacht und dem Mann, der sie unter Umständen sogar geheiratet hätte, nämlich der Schupo Alfons (Merlin Sandmeyer), die Wahrheit gesagt, vielleicht?

Aber Horváth lässt ihr keine Chance. Sie muss sich vom Oberinspektor (Michael Masula) begrapschen und vom tollkühnen Lebensretter (Tino Hillebrand) aus dem Wasser ziehen lassen. Sie alle, auch der Invalide (Hermann Scheidleder) und der feiste Baron mit dem Trauerflor (Robert Reinagl) haben eine Menge guter Ratschläge für die Sterbende, helfen kann und will aber keiner. Im finsteren Raum stehen bleibt das ewig gültige Credo der Pessimisten, dass es ein Jammer ist, in einer solchen Zeit leben zu müssen.

Christiane von Poelnitz, Alexandra Henkel © Reinhard Werner/Burgtheater
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