Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

DIE RATTEN fressen kleine Kinder und deren Mütter

Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

Düster und desolat waren die Verhältnisse bei der Geburtstunde dieses Dramas

Gerhard Hauptmann gilt als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus und war einer der ersten, dier ohne groteske Verzerrung Vertreter der untersten Schichten der Gesellschaft in seinen Figuren auf die Bühne holte. Am tiefsten Punkt leben die Ratten, die den Menschen zwischen den Beinen herumlaufen, und, wie es der Schauspielschüler Käferstein erzählt, von ihm beinahe zertreten wurden. In dem 1911 uraufgeführten Drama sind sie zur Ehre des Titels aufgestiegen. „Die Ratten“ erzählt von Familien, die von den Umständen in einer miesen Zinskaserne, der „Wanzenburg“, zusammengeführt wurden. Das Ehepaar John, deren Kind vor einigen Jahren nach acht Tagen gestorben ist, wohnt dort ebenso wie die am Leben gescheiterte Frau Knobbe mit Tochter Selma und einem Neugeborenen, das aufgrund von Verwahrlosung ebenfalls noch im Lauf der Handlung stirbt. Der aus mittelständischem Milieu stammende Theaterdirektor Harro Hassenreuter, derzeit ohne Theater, lagert im Dachgeschoss zwischenzeitlich Kostüme und benutzt den Raum für seinen Schauspielunterricht.

Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

An wesentlichem Personal kommen dazu noch Bruno, der geistig minderbemittelte, aber brutale Bruder von Frau John, Pauline Piperka, ein ungewollt schwanger gewordenes Dienstmädchen, Frau Hassenreuter, deren Tochter Walburga und Erich Spitta, Kandidat der Theologie und Hauslehrer bei Hassenreuters. Hauptmann verknüpft deren Schicksale anhand der Babys. Frau John nimmt Paulines Kind bei sich auf und betrachtet es als ihr Eigentum, die junge Mutter will es aber zurück haben. Es kommt zum verzweifelten Kampf der beiden Frauen, der mit dem Tod von Pauline und letztlich auch dem von Frau John endet. Übrig bleibt allseitige Betroffenheit.

Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

Andrea Breth hat dem Dunkel des Geschehens in der Inszenierung für die Burg noch eins drauf gesetzt. Die Welt dieser Menschen, die ohnehin trist genug erscheint, wird in Grau gehüllt. Auf dem Boden liegen Papier, Geschirr und eine Menge Unrat, der offenbar den bedrohlich allgegenwärtigen Riesenratten als Nahrung dient. Durchscheinende Wände, bewegt von der Drehbühne, trennen die einzelnen Schauplätze und verbinden sie durch deren stets gleiches Erscheinungsbild dennoch wieder miteinander.

Die Regisseurin lässt ihren Schauspielern viel Zeit, die bedrückende Handlung zu entwickeln, um daraus am Schluss sogar einen spannenden Krimi zu machen, wenn ein sichtlich genervter Harro Hassenreuter (Sven-Eric Bechtolf) die Frage in den Raum stellt, ob das Baby noch lebt, und darauf keine wirklich schlüssige Antwort erhält. Einen soliden, aber doch in seiner Art ruppigen Maurerpolier John gibt Oliver Stokowski, der die wenigste Ahnung von den Umtrieben seiner Frau (Johanna Wokalek) hat. Er glaubt tatsächlich, es sei sein Kind, das sie ihm nach monatelanger Abwesenheit auf einer Baustelle bei seiner Rückkehr präsentiert. Ihr pragmatischer Umgang mit Problemen – sie arbeitet als Putzfrau und Pfandleiherin – ermöglicht es ihr, die ledige Pauline (Sarah Viktoria Frick) zu überzeugen, ihr das Kind für Geld zu übergeben. Andrea Eckert lässt ihre Frau Knobbe erschreckend versoffen zwischen den Anwesenden bedenklich taumeln und straucheln.

Christoph Luser und Marie-Luise Stockinger sind das unschuldige junge Pärchen Erich Spitta und Walburga, deren einzige Untat darin besteht, ineinander verliebt zu sein. Er taucht zwar nur selten auf, dann aber mit mimischer Urgewalt. Die Rede ist von Nicholas Ofczarek als dämonischer Idiot Bruno Mechelke, dem man wahrlich nicht allein des Nachts begegnen wollte, auch dann nicht, wenn er nur Fallen aufstellt, um der Rattenplage, die sich wie ein roter Faden durchzieht, Herr zu werden.

Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

Hiob Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

HIOB Ein großer Abend für Peter Simonischek

Peter Simonischek als Hiob © Reinhard Werner/Burgtheater

Wenn Gott für Glück und Pech, kurz, für alles voll verantwortlich ist

Der Sprache von Joseph Roth zuzuhören, zumal sie von Burgschauspielern präsentiert wird, wäre schon für sich gesehen ein Grund, das nach seinem Roman „Hiob“ dramatisierte gleichnamige Stück anzusehen. Wenn dazu noch ein Peter Simonischek die Hauptrolle spielt, wird der Abend zum tief berührenden Bühnenerlebnis. Im Grund geht einem der alte russische Jude Mendel Singer aus dem Städtchen Zuchnov nichts an. Er ist Tora-Lehrer, lebt mit seiner Familie in einfachsten Verhältnissen und befolgt penibel die Vorschriften seines Bekenntnisses. Dieser unbedingte Glaube an teils seltsame Regeln, die ein ominöser Gott angeblich seinem auserwählten Volk auferlegt hat, führt beinahe zur Katastrophe; seiner eigenen und die seiner Angehörigen. Dass sich seine Tochter Mirjam (Stefanie Dvorak) mit den Kosaken herumtreibt, ist allein schon ein untragbarer Zustand für einen orthodoxen Juden. Ebenso wenig kann er zustimmen, wenn Jonas (Oleg Tikhomirov), einer seiner Söhne, partout zum Militär, dann Bauer werden und Russisch schreiben und lesen, kurz, aus dieser engen Welt ausbrechen will.

Tino Hillebrand (Menuchim) © Reinhard Werner/Burgtheater

Sein Sündenfall passiert Mendel jedoch mit Menuchim, seinem letzen Sohn, der schwer behindert ist. Tino Hillebrand spielt diese erbarmungswürdige, von Epilepsie geschüttelte Kreatur ergreifend hilflos. Es gäbe Heilung, dazu müsste das Kind aber in ein Spital. Es kommt für den Vater nicht infrage, da er dort mit nichtjüdischen Kindern in Milch gesottenes Fleisch essen müsse, was für einen Juden wie ihn strengstens verboten ist. Sein Gottes Wille ist das Dahinvegetieren des Krüppels, den seine Geschwister am liebsten umbringen würden. Seine Mutter Deborah (Regina Fritsch) und Mendel lieben das Kind. Vielleicht spüren sie deswegen unbewusst den Wink Gottes, ihn allein zurückzulassen, als sie selbst dem anderen Sohn Schemarjah (Christoph Radakovits) nach Amerika folgen.

 

Regisseur Christian Stückl verwendet für russischen und amerikanischen Boden die gleiche dunkle Wellenlandschaft mit einem mächtigen Schriftzug AMERICA (Bühne: Stefan Hageneier).

Das Gesagte braucht sich nicht allein für sich zu entfalten, was es bestimmt könnte, denn über weite Strecken säuselt emotional gemeinte Hintergrundmusik unter dem Text (Tom Wörndl). Wirklich Bedeutung erhalten die Töne erst, wenn einer der drei amerikanischen Freunde von Mendel (Hans Dieter Knebel, Peter Matić, Stefan Wieland) auf einem Plattenspieler Menuchims Melodie auflegt und sich die Geschichte aus dem Buch Hiob an dem mittlerweile zum Gotteslästerer gewordenen Mendel wiederholt.

Oleg Tikhomirov, Stefanie Dvorak, Peter Simonischek, Regina Fritsch © Reinhard Werner/Burgtheater

Irina Sulaver, Caroline Peters, Steven Scharf, Mavie Hörbiger © Georg Soulek/Burgtheater

MEDEA Tödlicher Egoismus einer verzweifelten Frau

Medea Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

Heutige Familienauslöschung in klassischem Format

Medea ist der Urtyp aller der Frauen, die ihre Liebsten aus Liebe ermorden. Dass dabei auch Randfiguren ihr Leben lassen müssen, ist nur recht und billig. Schließlich tragen sie nach Ansicht dieser Medeas die Verantwortung für ihr Unglück. Bei Euripides sind das Glauke, die Geliebte ihres Mannes, und König Kreon, deren Vater, der die neue Beziehung forciert. Bei Simon Stone, einem australisch-schweizerischen „Stücke-Umschreiber“, wird aus dem Vater der Bruder. Die kolchische Königstochter und Zauberin Μήδεια, die ihren eigenen Vater und Bruder dem Tod ausliefert, um Jason mit dem Goldenen Vlies die Flucht zu ermöglichen, ist bei Stone eine Ärztin und Wissenschaftlerin in der Pharmaindustrie mit Karriereknick. Die Figuren tragen heutige Namen. Clara (Mavie Hörbiger) ist die Schwester des Chefs Christoph (Christoph Luser), der Anna (Caroline Peters) die verhängnisvolle Nachricht überbringt, dass sie nicht mehr in der Firma arbeiten darf. Immerhin hat sie versucht, Lucas (Steven Scharf), im Original Jason, mit Gift um die Ecke zu bringen.

Caroline Peters (Anna) © Georg Soulek/Burgtheater

Die Kinder, zwei Buben, sind auf die Namen Edgar und Georg getauft. Es soll ein realistischer Fall hinter dieser Version der Medea stecken, der mit einem Brand des Hauses und dem Ableben von Clara, Christoph, Edgar, Georg und Anna endet. Daran kann auch der neue Arbeitgeber von Anna, der Buchhändler Herbert (Falk Rockstroh) nichts ändern. Die stumme Fassungslosigkeit von Lucas ist die nachvollziehbare Reaktion eines Mannes auf Vorgänge, die ihm der Egoismus einer Frau eingebrockt hat, die seit dem klassischen Altertum und wohl auch seit der Erschaffung der Menschen der Meinung ist, dass die anderen ausschließlich ihr gehören, egal ob sie von ihr geliebt oder als Störfaktoren in ihren Lebenswünschen angesehen werden.

 

Simon Stone hat bei der Produktion dieses Stückes im Burgtheater persönlich Regie geführt. Die auf knapp eineinhalb Stunden komprimierte Tragödie ist auf weißen Hintergrund gesetzt (Bühne: Bob Cousins), der von der Ausdrucksfähigkeit der Schauspieler, auch der Kinder (Edgar: Sando Eder/Moritz Krainz/Wenzel Witura), Georg: Noah Fida/Lucas MacGregor/Quentin Retzl) allein durch die dichten Dialoge mit berührenden Bildern gefüllt wird. Der Tod ist schwarz.

Es schneit ihn gemächlich aus dem Schnürboden herab, bis der Haufen groß genug ist, um mit den Flocken sowohl den Boden als auch die Opfer zu bedecken. Die Amme, in diesem Fall eine von der Fürsorge zugeteilte Betreuerin mit dem für alle dämlich klingenden Namen Anne-Marie-Lou (Irina Sulaver), berichtet in amtlicher Distanziertheit über die erschütternden Ereignisse bei dem Brand des Wohnhauses, bei dem Medea und ihre Kinder ineinander verschmort umgekommen sind.

Steven Scharf und Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

Schöne Bescherungen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

SCHÖNE BESCHERUNGEN allein mit einer solchen Besetzung

Marie-Luise Stockinger, Dörte Lyssewski, Fabian Krüger © Reinhard Werner/Burgtheater

Die Feiertage müssen nicht, aber sie können „amüsant“ verlaufen

Weihnachten hat es verdient, verarscht zu werden. Was hat uns dieses Lichterlfest nicht schon alles angetan? Die Selbstmordrate schnalzt an Heiligabend in einsame Höhen, Ehekrisen wachsen sich vor der Bescherung zur Scheidungsreife aus und statt leuchtender Kinderaugen gibt´s angefressene G´frieser, weil das Handy nur Samsung und nicht iPhone ist. Insofern ist die Komödie „Schöne Bescherungen“ von Alan Ayckborn nichts anderes als ein ganz klein wenig überzogener Abriss der Wirklichkeit. Drei Ehepaare, ein fernsehsüchtiger Onkel und ein Buchautor, der von der überstandigen Schwester der Hausfrau als Weihnachtsmann und eventuell mehr eingeladen wurde, versuchen, die Feiertage gemeinsam zu verbringen. Man lacht, wenn nichts funktioniert, so auch gleich drei Verführungsversuche am ledigen Literaten und die Erfindungen des Hausherren, der mit einer raffinierten Fernsteuerung den Christbaum illuminiert, dabei aber laute Musik aufdreht und zum Leidwesen des Alten den Sender verstellt. Zum Desaster wird auch das Puppenspiel.

MARIA HAPPEL © Reinhard Werner/Burgtheater

Der kinderlose Arzt und Schwager des Hausherrn langweilt Jahr für Jahr die Gesellschaft und eine Schar von Kindern mit dürftigen Einfällen. Seine Frau besäuft sich bei der Herstellung des Lammbratens und bei einem der Gäste kommt zutage, dass er in seiner Selbständigkeit gescheitert ist. Dass sich die Dame des Hauses in den fremden Gast verliebt, ist in diesem ruinösen Umfeld nichts als eine erotische Auflockerung. Kurz, das Christkind meint es nicht gut mit diesen Leuten, die nichts anderes wollen, als sein Geburtsfest würdig zu begehen.

Scyhöne Bescherungen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Die Burg hat ihrem Publikum mit der Inszenierung von Barbara Frey bereits eine wahrhaft schöne Bescherung geliefert; und zwar im besten Winn des Wortes. Man darf sich beschenkt fühlen, wenn Nicholas Ofczarek den Neville, also den Hausherrn gibt und am liebsten mit Werkzeugtaschen gegürtet an kaputt gegangenen Spielzeugautos schraubt. Dessen Frau Belinda (Katharina Lorenz) bindet diesem Packerl sozusagen das hübsche Mascherl um, wenn sie virtuos den Weihnachtbaum schmückt.

Maria Happel als Phyllis, Schwester von Neville, zieht alle Register ihrer unvergleichlichen Komik, der Michael Mertens als ihr Mann um nichts nachsteht. Der alte Harvey, der vor der Glotze nicht gestört werden will, ist Falk Rockstroh, vor dem man sich in Acht nehmen und auf keinen Fall den Verdacht eines Diebstahls mit möglicher Todesfolge erregen sollte. Die bemitleidenswerte Rachel, die so gerne täte, aber auch dieses Mal nicht zum Zug kommt, weil ihr ihre Schwester Belinda zuvorkommt, erhält von Dörte Lyssewski selbstlose Altjungfernschaft als Präsent.

Eddie (Tino Hillebrand) und Pattie (Marie-Luise Stockinger) sind ein reizendes Paar, die so fleißig am Kindermachen sind, dass sie auch bei diesem Fest einen stattliche Babybauch gekonnt durch das Geschehen wuchtet. Das Ziel weiblicher Begehrlichkeit ist und bleibt aber Clive, der als Schriftsteller magisch auf die Frauen wirkt. Wenn ihn Fabian Krüger darstellt, wird daraus jedoch ein hinreißend zögerlicher Mann, der am wenigsten mit sich selbst im Klaren ist, ob er nun will oder nicht.

Schöne Bescherungen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

MEPHISTO Der Geist, der sich dem Bösen nicht verneinte

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Nicholas Ofczarek als Hendrik Höfgen in der Wiederauferstehung von Gustaf Gründgens

Sie waren über lange Jahre Freunde, der Schriftsteller Sebastian Bruckner und der Schauspieler Hendrik Höfgen. So lange nur die Kunst zählte, schrieb der eine, Sohn eines berühmten Literaten, die Stücke, die vom anderen auf kleinen Bühnen irgendwo in Deutschland umgesetzt wurden. Man feierte den wieder gewonnenen Frieden und vergaß über ausschweifendem Amüsement die wirtschaftliche Notlage und die daraus resultierenden politischen Tendenzen der 1920er-Jahre. Was gehen einen Mimen, der nur das Theater kennt, die mehr und mehr erstarkenden Nationalsozialisten an? Anders der Schreiber. Er spürte bald die Gefährlichkeit der Situation, die sich nicht nur gegen Juden richtete, sondern für jedes andere Denken den sicheren Untergang bedeutete. Freilich war er, als es um die Flucht aus Nazideutschland ging, in der besseren Lage. In die Schriebmaschine tippen konnte er überall. Aber auf der Bühne stehen, das erfordert eine Sprache, die eben nur in deutschen Landen gesprochen wird. Also entschied sich Hendrik Höfgen für den Kniefall vor den Schergen.

Nicholas Ofczarek  © Reinhard Werner/Burgtheater

Sie jubelten den Komödianten nach oben. Man verzieh ihm seine Homosexualität, das Verstecken eines Juden sowie seine ehemalige linke Einstellung und machte ihn zum Intendanten des Preußischen Staatstheaters in Berlin. Er behielt seine Rolle als Mephistopheles in Goethes Faust, wurde aber aus dem Geist, der stets verneint, ein unterwürfiger Ja-Sager, der sich seine Ausreden in der Ausübung der Kunst suchte, die schamlos von den Nazibonzen für ihre grausame Ideologie und Propaganda eingespannt wurde.

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Hinter „Mephisto“ steckt ein Roman von Klaus Mann, der von Regisseur Bastian Kraft für das Burgtheater in beeindruckender Weise dramatisiert wurde. Klaus Mann, im Stück Sebastian Bruckner, wird in aller Verwirrtheit, die aus dem Zerbrechen dieser ursprünglichen Männerfreundschaft resultiert, so umgesetzt, wie es eben nur ein Fabian Krüger schafft. Ihm zur Seite steht Dörte Lyssewski als seine Schwester Barbara Bruckner, die ihn inspiriert, das Leben seines Freundes aufzuschreiben.

Im ursprünglichen Schmierenensemble stehen einander der kämpferische Kommunist (Peter Knaak) und der Jungnazi Hans Miklas (Martin Vischer) gegenüber. Sie treffen wieder in dem Theater, in dem ihr einstmaliger erster Darsteller bereits Karriere gemacht hat, zusammen. Der eine fällt aber seiner Überzeugung zum Opfer, der andere verliert eben diese und wird von seinen „Kameraden“ erschossen. Erschreckend authentisch gibt Petra Morzé die gnadenlos deutsche Oberschauspielerin Lotte Lindenthal, die sich sicherheitshalber den Ministerpräsidenten (Martin Reinke) als Gatten geangelt hat. Diesbezüglich war sie vorausblickender als Nicoletta von Niebur (Sabine Haupt), die kurz dem Irrtum verfallen war, reich heiraten zu müssen, aber bald wieder reumütig auf die Bühne zurückkehrt. Dora Martin (Sylvie Rohrer), im Provinztheater noch der Star, muss ebenfalls davonrennen. Sie kann zwar umwerfend schön singen, ist aber Jüdin. Die Musikerin Judith Schwarz untermalt den Todesritt der apokalyptischen Reiter mit erstaunlich vielen Klangfarben ihres Schlagzeugs und schafft damit ein akustisches Bühnenbild, in dem sich auch die Tragödie einer großen Liebe abspielt. Julien (Simon Jensen) ist ein Stricher, in den Höfgen vernarrt ist, er kann aber nichts anderes für sein Herzblatt erwirken, als ihm das nackte Leben zu retten.

Seiner Karriere opfert dieser Mann alles, was ihm je etwas bedeutet hat. Meiste Zeit agiert er vor sich selbst versteckt hinter einer weißen Gesichtsmaske mit grell geschminkten Lippen. Nicholas Ofczarek lässt den eigentlichen Protagonisten in gespenstischer Realität wiederauferstehen. Gemeint ist Gustaf Gründgens, der damals wie viele Schauspieler nur zwei Möglichkeiten hatte: Entweder gehen und nicht spielen oder sich mit dem Bösen per se arrangieren und damit den Menschen dienen.

Fabian Krüger © Reinhard Werner/Burgtheater
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