Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Irina Sulaver, Caroline Peters, Steven Scharf, Mavie Hörbiger © Georg Soulek/Burgtheater

MEDEA Tödlicher Egoismus einer verzweifelten Frau

Medea Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

Heutige Familienauslöschung in klassischem Format

Medea ist der Urtyp aller der Frauen, die ihre Liebsten aus Liebe ermorden. Dass dabei auch Randfiguren ihr Leben lassen müssen, ist nur recht und billig. Schließlich tragen sie nach Ansicht dieser Medeas die Verantwortung für ihr Unglück. Bei Euripides sind das Glauke, die Geliebte ihres Mannes, und König Kreon, deren Vater, der die neue Beziehung forciert. Bei Simon Stone, einem australisch-schweizerischen „Stücke-Umschreiber“, wird aus dem Vater der Bruder. Die kolchische Königstochter und Zauberin Μήδεια, die ihren eigenen Vater und Bruder dem Tod ausliefert, um Jason mit dem Goldenen Vlies die Flucht zu ermöglichen, ist bei Stone eine Ärztin und Wissenschaftlerin in der Pharmaindustrie mit Karriereknick. Die Figuren tragen heutige Namen. Clara (Mavie Hörbiger) ist die Schwester des Chefs Christoph (Christoph Luser), der Anna (Caroline Peters) die verhängnisvolle Nachricht überbringt, dass sie nicht mehr in der Firma arbeiten darf. Immerhin hat sie versucht, Lucas (Steven Scharf), im Original Jason, mit Gift um die Ecke zu bringen.

Caroline Peters (Anna) © Georg Soulek/Burgtheater

Die Kinder, zwei Buben, sind auf die Namen Edgar und Georg getauft. Es soll ein realistischer Fall hinter dieser Version der Medea stecken, der mit einem Brand des Hauses und dem Ableben von Clara, Christoph, Edgar, Georg und Anna endet. Daran kann auch der neue Arbeitgeber von Anna, der Buchhändler Herbert (Falk Rockstroh) nichts ändern. Die stumme Fassungslosigkeit von Lucas ist die nachvollziehbare Reaktion eines Mannes auf Vorgänge, die ihm der Egoismus einer Frau eingebrockt hat, die seit dem klassischen Altertum und wohl auch seit der Erschaffung der Menschen der Meinung ist, dass die anderen ausschließlich ihr gehören, egal ob sie von ihr geliebt oder als Störfaktoren in ihren Lebenswünschen angesehen werden.

 

Simon Stone hat bei der Produktion dieses Stückes im Burgtheater persönlich Regie geführt. Die auf knapp eineinhalb Stunden komprimierte Tragödie ist auf weißen Hintergrund gesetzt (Bühne: Bob Cousins), der von der Ausdrucksfähigkeit der Schauspieler, auch der Kinder (Edgar: Sando Eder/Moritz Krainz/Wenzel Witura), Georg: Noah Fida/Lucas MacGregor/Quentin Retzl) allein durch die dichten Dialoge mit berührenden Bildern gefüllt wird. Der Tod ist schwarz.

Es schneit ihn gemächlich aus dem Schnürboden herab, bis der Haufen groß genug ist, um mit den Flocken sowohl den Boden als auch die Opfer zu bedecken. Die Amme, in diesem Fall eine von der Fürsorge zugeteilte Betreuerin mit dem für alle dämlich klingenden Namen Anne-Marie-Lou (Irina Sulaver), berichtet in amtlicher Distanziertheit über die erschütternden Ereignisse bei dem Brand des Wohnhauses, bei dem Medea und ihre Kinder ineinander verschmort umgekommen sind.

Steven Scharf und Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

Schöne Bescherungen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

SCHÖNE BESCHERUNGEN allein mit einer solchen Besetzung

Marie-Luise Stockinger, Dörte Lyssewski, Fabian Krüger © Reinhard Werner/Burgtheater

Die Feiertage müssen nicht, aber sie können „amüsant“ verlaufen

Weihnachten hat es verdient, verarscht zu werden. Was hat uns dieses Lichterlfest nicht schon alles angetan? Die Selbstmordrate schnalzt an Heiligabend in einsame Höhen, Ehekrisen wachsen sich vor der Bescherung zur Scheidungsreife aus und statt leuchtender Kinderaugen gibt´s angefressene G´frieser, weil das Handy nur Samsung und nicht iPhone ist. Insofern ist die Komödie „Schöne Bescherungen“ von Alan Ayckborn nichts anderes als ein ganz klein wenig überzogener Abriss der Wirklichkeit. Drei Ehepaare, ein fernsehsüchtiger Onkel und ein Buchautor, der von der überstandigen Schwester der Hausfrau als Weihnachtsmann und eventuell mehr eingeladen wurde, versuchen, die Feiertage gemeinsam zu verbringen. Man lacht, wenn nichts funktioniert, so auch gleich drei Verführungsversuche am ledigen Literaten und die Erfindungen des Hausherren, der mit einer raffinierten Fernsteuerung den Christbaum illuminiert, dabei aber laute Musik aufdreht und zum Leidwesen des Alten den Sender verstellt. Zum Desaster wird auch das Puppenspiel.

MARIA HAPPEL © Reinhard Werner/Burgtheater

Der kinderlose Arzt und Schwager des Hausherrn langweilt Jahr für Jahr die Gesellschaft und eine Schar von Kindern mit dürftigen Einfällen. Seine Frau besäuft sich bei der Herstellung des Lammbratens und bei einem der Gäste kommt zutage, dass er in seiner Selbständigkeit gescheitert ist. Dass sich die Dame des Hauses in den fremden Gast verliebt, ist in diesem ruinösen Umfeld nichts als eine erotische Auflockerung. Kurz, das Christkind meint es nicht gut mit diesen Leuten, die nichts anderes wollen, als sein Geburtsfest würdig zu begehen.

Scyhöne Bescherungen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Die Burg hat ihrem Publikum mit der Inszenierung von Barbara Frey bereits eine wahrhaft schöne Bescherung geliefert; und zwar im besten Winn des Wortes. Man darf sich beschenkt fühlen, wenn Nicholas Ofczarek den Neville, also den Hausherrn gibt und am liebsten mit Werkzeugtaschen gegürtet an kaputt gegangenen Spielzeugautos schraubt. Dessen Frau Belinda (Katharina Lorenz) bindet diesem Packerl sozusagen das hübsche Mascherl um, wenn sie virtuos den Weihnachtbaum schmückt.

Maria Happel als Phyllis, Schwester von Neville, zieht alle Register ihrer unvergleichlichen Komik, der Michael Mertens als ihr Mann um nichts nachsteht. Der alte Harvey, der vor der Glotze nicht gestört werden will, ist Falk Rockstroh, vor dem man sich in Acht nehmen und auf keinen Fall den Verdacht eines Diebstahls mit möglicher Todesfolge erregen sollte. Die bemitleidenswerte Rachel, die so gerne täte, aber auch dieses Mal nicht zum Zug kommt, weil ihr ihre Schwester Belinda zuvorkommt, erhält von Dörte Lyssewski selbstlose Altjungfernschaft als Präsent.

Eddie (Tino Hillebrand) und Pattie (Marie-Luise Stockinger) sind ein reizendes Paar, die so fleißig am Kindermachen sind, dass sie auch bei diesem Fest einen stattliche Babybauch gekonnt durch das Geschehen wuchtet. Das Ziel weiblicher Begehrlichkeit ist und bleibt aber Clive, der als Schriftsteller magisch auf die Frauen wirkt. Wenn ihn Fabian Krüger darstellt, wird daraus jedoch ein hinreißend zögerlicher Mann, der am wenigsten mit sich selbst im Klaren ist, ob er nun will oder nicht.

Schöne Bescherungen Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

MEPHISTO Der Geist, der sich dem Bösen nicht verneinte

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Nicholas Ofczarek als Hendrik Höfgen in der Wiederauferstehung von Gustaf Gründgens

Sie waren über lange Jahre Freunde, der Schriftsteller Sebastian Bruckner und der Schauspieler Hendrik Höfgen. So lange nur die Kunst zählte, schrieb der eine, Sohn eines berühmten Literaten, die Stücke, die vom anderen auf kleinen Bühnen irgendwo in Deutschland umgesetzt wurden. Man feierte den wieder gewonnenen Frieden und vergaß über ausschweifendem Amüsement die wirtschaftliche Notlage und die daraus resultierenden politischen Tendenzen der 1920er-Jahre. Was gehen einen Mimen, der nur das Theater kennt, die mehr und mehr erstarkenden Nationalsozialisten an? Anders der Schreiber. Er spürte bald die Gefährlichkeit der Situation, die sich nicht nur gegen Juden richtete, sondern für jedes andere Denken den sicheren Untergang bedeutete. Freilich war er, als es um die Flucht aus Nazideutschland ging, in der besseren Lage. In die Schriebmaschine tippen konnte er überall. Aber auf der Bühne stehen, das erfordert eine Sprache, die eben nur in deutschen Landen gesprochen wird. Also entschied sich Hendrik Höfgen für den Kniefall vor den Schergen.

Nicholas Ofczarek  © Reinhard Werner/Burgtheater

Sie jubelten den Komödianten nach oben. Man verzieh ihm seine Homosexualität, das Verstecken eines Juden sowie seine ehemalige linke Einstellung und machte ihn zum Intendanten des Preußischen Staatstheaters in Berlin. Er behielt seine Rolle als Mephistopheles in Goethes Faust, wurde aber aus dem Geist, der stets verneint, ein unterwürfiger Ja-Sager, der sich seine Ausreden in der Ausübung der Kunst suchte, die schamlos von den Nazibonzen für ihre grausame Ideologie und Propaganda eingespannt wurde.

Mephisto Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Hinter „Mephisto“ steckt ein Roman von Klaus Mann, der von Regisseur Bastian Kraft für das Burgtheater in beeindruckender Weise dramatisiert wurde. Klaus Mann, im Stück Sebastian Bruckner, wird in aller Verwirrtheit, die aus dem Zerbrechen dieser ursprünglichen Männerfreundschaft resultiert, so umgesetzt, wie es eben nur ein Fabian Krüger schafft. Ihm zur Seite steht Dörte Lyssewski als seine Schwester Barbara Bruckner, die ihn inspiriert, das Leben seines Freundes aufzuschreiben.

Im ursprünglichen Schmierenensemble stehen einander der kämpferische Kommunist (Peter Knaak) und der Jungnazi Hans Miklas (Martin Vischer) gegenüber. Sie treffen wieder in dem Theater, in dem ihr einstmaliger erster Darsteller bereits Karriere gemacht hat, zusammen. Der eine fällt aber seiner Überzeugung zum Opfer, der andere verliert eben diese und wird von seinen „Kameraden“ erschossen. Erschreckend authentisch gibt Petra Morzé die gnadenlos deutsche Oberschauspielerin Lotte Lindenthal, die sich sicherheitshalber den Ministerpräsidenten (Martin Reinke) als Gatten geangelt hat. Diesbezüglich war sie vorausblickender als Nicoletta von Niebur (Sabine Haupt), die kurz dem Irrtum verfallen war, reich heiraten zu müssen, aber bald wieder reumütig auf die Bühne zurückkehrt. Dora Martin (Sylvie Rohrer), im Provinztheater noch der Star, muss ebenfalls davonrennen. Sie kann zwar umwerfend schön singen, ist aber Jüdin. Die Musikerin Judith Schwarz untermalt den Todesritt der apokalyptischen Reiter mit erstaunlich vielen Klangfarben ihres Schlagzeugs und schafft damit ein akustisches Bühnenbild, in dem sich auch die Tragödie einer großen Liebe abspielt. Julien (Simon Jensen) ist ein Stricher, in den Höfgen vernarrt ist, er kann aber nichts anderes für sein Herzblatt erwirken, als ihm das nackte Leben zu retten.

Seiner Karriere opfert dieser Mann alles, was ihm je etwas bedeutet hat. Meiste Zeit agiert er vor sich selbst versteckt hinter einer weißen Gesichtsmaske mit grell geschminkten Lippen. Nicholas Ofczarek lässt den eigentlichen Protagonisten in gespenstischer Realität wiederauferstehen. Gemeint ist Gustaf Gründgens, der damals wie viele Schauspieler nur zwei Möglichkeiten hatte: Entweder gehen und nicht spielen oder sich mit dem Bösen per se arrangieren und damit den Menschen dienen.

Fabian Krüger © Reinhard Werner/Burgtheater
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