Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Zelt Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

ZELT Das seltsame Ballett der AlleSauberGmbH

Zelt Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

Viel Zeit für einen absurd poetischen Campingurlaub

Wenn ein Medienkünstler im Bereich Foto- und Videotechnik in seinem zweiten Beruf als Regisseur an eine Sache herangeht, ist Ungewöhnliches, vor allem schräg Humoriges zu erwarten. Herbert Fritsch hat es in der Burg bewiesen, mit Molières „Der eingebildete Kranke“ und mit „Die Komödie der Irrungen“, in denen er den vorhandenen Witz ohne Überheblichkeit den eigentlichen Schöpfern gegenüber zu steigern versteht. Wie er auf die Idee gekommen ist, als Autor das Theater metaphorisch mit einem Zeltaufbau zu vergleichen, könnte vielleicht er selbst schlüssig beantworten, den Zuschauern gibt er dafür herzlich wenig Hinweise. Mit „Zelt“ lässt er sie allerdings in sein solches eintreten und serviert ihnen gute eineinhalb Stunden surreale Unterhaltung ohne Worte. Auf die jeweiligen Gemütsverfassungen des Publikums legt er keinen Wert. Es hat zu schauen und sollte vor allem schweigen, wenn über 20 Minuten der Boden vom Ensemble aufgewaschen wird. Es passiert tatsächlich nichts anderes als Wischen, Fetzen auswringen und wieder Wischen.

Matthias Jakisic für die Musik verantwortlich © Reinhard Werner/Burgtheater

Der eigentliche Spannungspunkt liegt irgendwo in der Mitte der Bühne, auf den Kommandant Hermann Scheidleder böse hinweist. Aber niemand von der leuchtend grünen Partie der AlleSauberGmbH fühlt sich bemüßigt, just diese Stelle zu putzen. Was es damit auf sich hat, wird nicht verraten.

Zelt, das Ensemble bei Musizieren © Reinhard Werner/Burgtheater

Nach dem Abgang der schweigsamen Putztruppe kommt das Zelt ins Spiel. Eingespielt wird es von Matthias Jakisic, der in grauer Perücke und mit E-Geige bewaffnet für die musikalische Untermalung verantwortlich ist. Es ist eine Wonne, dem Vollblutkomiker Scheidleder dabei zuzusehen, wie er mit einer Greifzange und dem in einer Rolle verpackten Trekkingzelt zurande zu kommen versucht. Dass dabei wieder sehr viel Zeit vergeht, ist also kein Fehler. Dem einzelnen folgen nun viele Zelte.

Diese werden von einem in kuriosen Kostümen gewandeten Ensemble in ebenso umständlicher Weise errichtet. Dass das wieder die Zeiger der Uhr, auf die man mittlerweile immer öfter schaut, langsam aber stetig vorrücken lässt, versteht sich von selbst. Es wird dabei hemmungslos geblödelt, Grimmassen werden geschnitten und toll übertriebene Verrenkungen ausgeführt, was für die Schauspieler sichtlich eine Hetz´ ist. Als Zuschauer vertreibt man sich die Zeit damit, indem man herauszufinden versucht, wer da oben wer sein könnte. Immerhin sind Florian Appelius, Ruth Brauer-Kvam, Stefanie Dvorak, Dorothee Hartinger, Sebastian Wendelin oder Markus Meyer neben vielen anderen Größen der Burg beteiligt. Wenn nun alle diese mit Gitarren und Akkordeons zu werken anheben, wundert man sich, dass mit so vielen Instrumenten so wenig Musik gemacht werden kann und lässt sich dennoch von der rhythmischen Kakophonie mitreißen.

Ruhe kehrt erst ein, wenn in den Zelten die Lichter angehen, sich deren Bewohner darin verkriechen und schlafen legen, um zu einem berührenden sphärischen Tanz hoch gehoben zu werden. Irgendwann ist der Moment gekommen, dass sich der Vorhang vor einem bedenklich dezimierten Publikum schließt, um die letzten 15 Minuten mit dem Applaus und immer neuen Gags zu ungewollten Standing Ovations der verbliebenen, nunmehr aber ebenfalls aufbrechenden Besucher zu füllen.

Herman Scheidleder beim Aufbau seines Trekkingzelts © Reinhard Werner/Burgtheater

Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

DIE RATTEN fressen kleine Kinder und deren Mütter

Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

Düster und desolat waren die Verhältnisse bei der Geburtstunde dieses Dramas

Gerhard Hauptmann gilt als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus und war einer der ersten, dier ohne groteske Verzerrung Vertreter der untersten Schichten der Gesellschaft in seinen Figuren auf die Bühne holte. Am tiefsten Punkt leben die Ratten, die den Menschen zwischen den Beinen herumlaufen, und, wie es der Schauspielschüler Käferstein erzählt, von ihm beinahe zertreten wurden. In dem 1911 uraufgeführten Drama sind sie zur Ehre des Titels aufgestiegen. „Die Ratten“ erzählt von Familien, die von den Umständen in einer miesen Zinskaserne, der „Wanzenburg“, zusammengeführt wurden. Das Ehepaar John, deren Kind vor einigen Jahren nach acht Tagen gestorben ist, wohnt dort ebenso wie die am Leben gescheiterte Frau Knobbe mit Tochter Selma und einem Neugeborenen, das aufgrund von Verwahrlosung ebenfalls noch im Lauf der Handlung stirbt. Der aus mittelständischem Milieu stammende Theaterdirektor Harro Hassenreuter, derzeit ohne Theater, lagert im Dachgeschoss zwischenzeitlich Kostüme und benutzt den Raum für seinen Schauspielunterricht.

Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

An wesentlichem Personal kommen dazu noch Bruno, der geistig minderbemittelte, aber brutale Bruder von Frau John, Pauline Piperka, ein ungewollt schwanger gewordenes Dienstmädchen, Frau Hassenreuter, deren Tochter Walburga und Erich Spitta, Kandidat der Theologie und Hauslehrer bei Hassenreuters. Hauptmann verknüpft deren Schicksale anhand der Babys. Frau John nimmt Paulines Kind bei sich auf und betrachtet es als ihr Eigentum, die junge Mutter will es aber zurück haben. Es kommt zum verzweifelten Kampf der beiden Frauen, der mit dem Tod von Pauline und letztlich auch dem von Frau John endet. Übrig bleibt allseitige Betroffenheit.

Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

Andrea Breth hat dem Dunkel des Geschehens in der Inszenierung für die Burg noch eins drauf gesetzt. Die Welt dieser Menschen, die ohnehin trist genug erscheint, wird in Grau gehüllt. Auf dem Boden liegen Papier, Geschirr und eine Menge Unrat, der offenbar den bedrohlich allgegenwärtigen Riesenratten als Nahrung dient. Durchscheinende Wände, bewegt von der Drehbühne, trennen die einzelnen Schauplätze und verbinden sie durch deren stets gleiches Erscheinungsbild dennoch wieder miteinander.

Die Regisseurin lässt ihren Schauspielern viel Zeit, die bedrückende Handlung zu entwickeln, um daraus am Schluss sogar einen spannenden Krimi zu machen, wenn ein sichtlich genervter Harro Hassenreuter (Sven-Eric Bechtolf) die Frage in den Raum stellt, ob das Baby noch lebt, und darauf keine wirklich schlüssige Antwort erhält. Einen soliden, aber doch in seiner Art ruppigen Maurerpolier John gibt Oliver Stokowski, der die wenigste Ahnung von den Umtrieben seiner Frau (Johanna Wokalek) hat. Er glaubt tatsächlich, es sei sein Kind, das sie ihm nach monatelanger Abwesenheit auf einer Baustelle bei seiner Rückkehr präsentiert. Ihr pragmatischer Umgang mit Problemen – sie arbeitet als Putzfrau und Pfandleiherin – ermöglicht es ihr, die ledige Pauline (Sarah Viktoria Frick) zu überzeugen, ihr das Kind für Geld zu übergeben. Andrea Eckert lässt ihre Frau Knobbe erschreckend versoffen zwischen den Anwesenden bedenklich taumeln und straucheln.

Christoph Luser und Marie-Luise Stockinger sind das unschuldige junge Pärchen Erich Spitta und Walburga, deren einzige Untat darin besteht, ineinander verliebt zu sein. Er taucht zwar nur selten auf, dann aber mit mimischer Urgewalt. Die Rede ist von Nicholas Ofczarek als dämonischer Idiot Bruno Mechelke, dem man wahrlich nicht allein des Nachts begegnen wollte, auch dann nicht, wenn er nur Fallen aufstellt, um der Rattenplage, die sich wie ein roter Faden durchzieht, Herr zu werden.

Die Ratten Szenenfoto © Bernd Uhlig

Hiob Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

HIOB Ein großer Abend für Peter Simonischek

Peter Simonischek als Hiob © Reinhard Werner/Burgtheater

Wenn Gott für Glück und Pech, kurz, für alles voll verantwortlich ist

Der Sprache von Joseph Roth zuzuhören, zumal sie von Burgschauspielern präsentiert wird, wäre schon für sich gesehen ein Grund, das nach seinem Roman „Hiob“ dramatisierte gleichnamige Stück anzusehen. Wenn dazu noch ein Peter Simonischek die Hauptrolle spielt, wird der Abend zum tief berührenden Bühnenerlebnis. Im Grund geht einem der alte russische Jude Mendel Singer aus dem Städtchen Zuchnov nichts an. Er ist Tora-Lehrer, lebt mit seiner Familie in einfachsten Verhältnissen und befolgt penibel die Vorschriften seines Bekenntnisses. Dieser unbedingte Glaube an teils seltsame Regeln, die ein ominöser Gott angeblich seinem auserwählten Volk auferlegt hat, führt beinahe zur Katastrophe; seiner eigenen und die seiner Angehörigen. Dass sich seine Tochter Mirjam (Stefanie Dvorak) mit den Kosaken herumtreibt, ist allein schon ein untragbarer Zustand für einen orthodoxen Juden. Ebenso wenig kann er zustimmen, wenn Jonas (Oleg Tikhomirov), einer seiner Söhne, partout zum Militär, dann Bauer werden und Russisch schreiben und lesen, kurz, aus dieser engen Welt ausbrechen will.

Tino Hillebrand (Menuchim) © Reinhard Werner/Burgtheater

Sein Sündenfall passiert Mendel jedoch mit Menuchim, seinem letzen Sohn, der schwer behindert ist. Tino Hillebrand spielt diese erbarmungswürdige, von Epilepsie geschüttelte Kreatur ergreifend hilflos. Es gäbe Heilung, dazu müsste das Kind aber in ein Spital. Es kommt für den Vater nicht infrage, da er dort mit nichtjüdischen Kindern in Milch gesottenes Fleisch essen müsse, was für einen Juden wie ihn strengstens verboten ist. Sein Gottes Wille ist das Dahinvegetieren des Krüppels, den seine Geschwister am liebsten umbringen würden. Seine Mutter Deborah (Regina Fritsch) und Mendel lieben das Kind. Vielleicht spüren sie deswegen unbewusst den Wink Gottes, ihn allein zurückzulassen, als sie selbst dem anderen Sohn Schemarjah (Christoph Radakovits) nach Amerika folgen.

 

Regisseur Christian Stückl verwendet für russischen und amerikanischen Boden die gleiche dunkle Wellenlandschaft mit einem mächtigen Schriftzug AMERICA (Bühne: Stefan Hageneier).

Das Gesagte braucht sich nicht allein für sich zu entfalten, was es bestimmt könnte, denn über weite Strecken säuselt emotional gemeinte Hintergrundmusik unter dem Text (Tom Wörndl). Wirklich Bedeutung erhalten die Töne erst, wenn einer der drei amerikanischen Freunde von Mendel (Hans Dieter Knebel, Peter Matić, Stefan Wieland) auf einem Plattenspieler Menuchims Melodie auflegt und sich die Geschichte aus dem Buch Hiob an dem mittlerweile zum Gotteslästerer gewordenen Mendel wiederholt.

Oleg Tikhomirov, Stefanie Dvorak, Peter Simonischek, Regina Fritsch © Reinhard Werner/Burgtheater
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