Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Edda Szenenfoto © Mathias Horn

DIE EDDA Die Götterwelt zwischen Yggdrasil und Ragnarök

Die Edda Szenenfoto © Matthias Horn

Eine launig besinnliche Einführung in germanische Mythologie

Nebelig und düster ist die Tiefe, aus der die Stimme eines weiblichen Skalden (Dichter) beschwörend in die Gegenwart des Burgtheaters herauftönt. Eine Ruferin übersetzt das Altisländisch ins Deutsche und erzählt über die Entstehung der Welt, von der Weltesche Yggdrasil und all den Göttern, die um diesen Baum herum Midgard geschaffen haben, den Platz, auf dem die Menschen nun leben, umgeben von der Schlange, deren Schwanz Ragnarök einleiten kann, das Ende von allem, einschließlich der Götter und sogar des dazwischen vazierenden Loki, der durch seine List gleichermaßen Riesen, Zwerge und Asen an der Nase herumführt. Die drei Nornen weben am Schicksalsfaden und der zottelige Mimir fordert ein Auge von Ogin, um damit dem Oberasen den Blick in die Zukunft zu ermöglichen. Als er das Gewünschte bekommen hat, verwandelt er sich flugs in einen Sprecher, der das Publikum über „Die Edda“ aufzuklären beginnt. In diesem Moment wird aus dem an Wagner gemahnenden Pathos eine mit feiner Komik garnierte Reise durch die nordische Mytholgie.

Die Edda Szenenfoto © Matthias Horn

Sie gipfelt vor der Pause darin, dass überraschend Adam und Eva auftreten, gemeinsam durch den Zuschauerraum nach draußen gehen, während sie über die Vertreibung aus dem Paradies räsonieren, Eva sich bei Adam für die Verführung entschuldigt und von diesem zu hören bekommt, dass er ohnehin allergisch gegen Äpfel sei.

Die Edda Szenenfoto © Matthias Horn

Autoren dieser launigen Einführung in die Geisterwelt des alten Nordens sind die isländischen Theatermacher Mikael Torfason und Thorleifur Örn Arnarsson, der auch Regie geführt und im zweiten Teil sehr persönliche Einblicke in seine Beziehung zu dieser Art von Religion gibt. Im Mittelpunkt steht dabei sein Vater, ein schwerer Alkoholiker, der angeblich gesoffen hat wie die Wikinger und statt des protestantischen Christentums deren urtümlich heidnisches Bekenntnis für sich angenommen hat.

Aus dem anfänglichen Spaß wird durchaus hintergründiger Ernst. Das Ensemble lässt es sich dennoch nicht nehmen, auf der von Wolfgang Menardi großzügig eingerichteten Bühne mit dem Weltenbaum in der Mitte, begleitet von schlagkräftigen Musikern, mit sichtlichem Vergnügen als Freyja (Andrea Wenzel), Odin (Markus Hering), Thor (Marie-Luise Stockinger), Gabriskyr (Gabriel Cazes), Skuld (Mavie Hörbiger) oder sonniger Baldur (Jan Bülow) uralte Sagen vorzuspielen.

Von seinen Mitgöttern als Alufolie belächelt hat Florian Teichtmeister als Loki seine Hetz auf allen Ebenen; mit den Bewohnern von Asgard, bei den handwerklich hochbegabten, aber zu gutgläubigen Zwergen und mit einer Riesin (Dorothee Hartinger), der er drei hübsche Kinder anhängt: die zweigesichtige Todesgöttin Hel (Elma Stefanía Ágústsdóttir), den Fenriswolf (Stacyian Jackson) und Marta Kizyma als Midgardschlange, deren beachtlicher Schweif ohne Weiteres das Weltende einleiten kann.

Die Edda Szenenfoto © Matthias Horn

Franz Pätzold (Posa) © Matthias Horn / Burgtheater

DON KARLOS reduziert auf Text und (geistige) Finsternis

Nils Strunk (Don Karlos) © Matthias Horn / Burgtheater

Der breit angelegte Versuch, einem oft gespielten Klassiker neue Facetten abzugewinnen

„Geben Sie Gedankenfreiheit!“ schleudert Posa dem verstockten König Philipp II. entgegen. Ein solches Ansinnen stößt klarerweise auf taube Ohren. Im Spanien des 16. Jahrhunderts herrschte grausame Inquisition. Ausdrücke wie Freiheit oder Liberalität waren einfach nicht Bestandteil des Wortschatzes der Mächtigen. Sowohl Herrscher wie Kardinal waren überzeugt, dass politisch Aufmüpfige und Ketzer einem Autodafé und der dort verkündeten Hinrichtung mittels Scheiterhaufen auszuliefern waren. Nur so, dachten sie, sei der Liebe Gott zufrieden zu stellen. Friedrich Schiller hat sein großes Freiheitsdrama just in dieser Zeit angesiedelt, um der Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommenen Aufklärung (Uraufführung von Don Karlos am 29. August 1787) Ausdruck zu verleihen. Der große Dichter konnte nicht ahnen, wie visionär seine Ansichten waren. Sie führten erst weit mehr als 100 Jahre danach als Folge von Revolutionen und viel Blutvergießen europaweit zu Demokratien. Schiller führt sein Publikum bewusst in diese finstere Periode eines der diesbezüglich konsequentesten Länder.

Thomas Loibl (Philipp II.), Nils Strunk (Don Karlos) © Matthias Horn / Burgtheater

Aber so wenig Licht, wie Martin Kušej seiner Inszenierung des Don Karlos zugesteht, dürfte nicht einmal am spanischen Hof für permanente Verdunklung gesorgt haben. Waren da doch Lichtgestalten wie eben der warmherzige Infant Don Karlos, sein weltoffen denkender Freund Marquis von Posa und die unglückliche, aber durchaus pragmatische Königin Elisabeth, die der alte König seinem Sohn vor der Nase weggeheiratet hat. Dass solche aus der Zeit gefallene Typen keine Chance gegen Hardliner wie dem Dreinhauer Herzog Alba, dem hintertriebenen Geistlichen Domingo oder den mit gespenstischer Macht ausgerüsteten Großinquisitor chancenlos waren, ist keine Überraschung.

Marta Kizyma (Mondecar), Marie-Luise Stockinger (Elisabeth), Katharina Lorenz (Eboli) © Matthias Hor

Unter einem rechteckigen Kristallluster treffen sich die Protagonisten, um sich Freundschaft zu schwören (Nils Strunk als Don Karlos und Franz Pätzold mit markanter Stimme als Posa), Intrigen zu spinnen wie Katharina Lorenz als Eboli oder sich zu konspirativen Treffen zu versammeln (Alba: Marcel Heuperman, Domingo: Johannes Zirner, der hinkende Lerna: Bardo Böhlefeld). Ein praktisches Loch an der Seite der Bühne erlaubt das flotte Ersäufen ungeliebter Zeitgenossen in der Tiefe.

Benzin und eine brennende Zigarette erlauben sogar eine hoch auflodernde Flamme, um die damals geschätzten Verbrennungen auf Scheiterhaufen anzudeuten. Als Highlight der kargen Ausstattung gibt es noch eine Kabine, die bühnenseitig mit Schaumstoff schalldicht gemacht wurde, um unerwünschte Zuhörer zu vermeiden, wie beim Treffen der Königin (Marie-Luise Stockinger) mit Don Karlos oder beim missverständlich anberaumten Tête-à-Tête des Prinzen mit Eboli.

Wenn die Oberfundis Philipp II. (Thomas Loibl) und der Großinquisitor (Martin Schwab) aneinander geraten, dann geht die Post an Grausamkeiten ab. Die beiden alten Herren stolpern über Leichensäcke, ohne je zur Einsicht zu gelangen, dass die vielen Toten nichts als ihr Werk sind und dass es je so etwas geben könne wie Glaubensfreiheit oder überhaupt Freiheit von jeglicher Religion, die wohl auch für einen Freidenker wie Friedrich Schiller unvorstellbare Utopie gewesen sein mag.

Thomas Loibl (Philipp II.), Martin Schwab (Großinquisitor) © Matthias Horn / Burgtheater

Werner Wölbern, Bibiana Beglau, Andrea Wenzel © Matthias Horn

FAUST III Der ärmste Tor und das Böse ein Weib

Bibiana Beglau, Werner Wölbern © Matthias Horn

Der durchaus geglückte Versuch, in Goethes Fausten neue Tiefen auszuloten

Eine wahre Höllenmaschine dreht sich um das Treiben, das Faust mit seiner Sehnsucht nach der letzten großen Erkenntnis lostritt. Unten sind seine karg möblierte Studierstube und die vor Unschuld weiß gleißenden Gemächer Margaretes. Oben geht die Post ab, mit Walpurgisnacht, schießenden Kanonen und einem Ring, in dem wacker gerungen wird. Drüber erhebt sich noch ein Kran, der kurzfristig ein Pferd am Haken hängend einige Runden drehen lässt. Dort muss sich der Teufel einfach wohl fühlen. In diesem Fall ist es Bibiana Beglau, die als Mephisto dämonisch die Fäden zu allseitigem Verderben zieht. Als androgynes Wesen, nicht Mann, aber auch nur bedingt ein Weib, und das mit Hosenanzug ganz in Schwarz, aber auch in aggressiven Strapsen, ist sie die wahre Verkörperung eines von jedem Frommen gefürchteten Gottseibeiuns. Margarete (Andrea Wenzel) ist die einzige, die deren Bösartigkeit erkennt, aber zu spät, nämlich dann, wenn sie bereits geschwängert ist, nachdem sie ihre strenge Mutter (Barbara Petritsch) mittel satanischer Droge für ewig eingeschläfert hat.

Werner Wölbern, Max Gindorff © Matthias Horn

Von ganz anderem Schlage ist ihre mit anregendem Minirock gewandete Nachbarin Marthe (Alexandra Henkel). Sicht- und hörbar genießt sie den Sex mit Mephisto und hat überhaupt kein Problem damit, dass ihr Mann irgendwo in der Ferne verschieden ist. Als der vor Ehrgefühl platzende Valentin (Daniel Jesch) den Raub der Unschuld an seiner Schwester rächen will, lässt Mephisto die Kugel aus Gewehr und Revolver an Faust abprallen und sich von diesem ein Messer zwischen die Rippen rennen. Der Untergang von Margarete ist also beschlossene Sache, dem auch der ärmste Tor, als den Werner Wölbern seinen Faust angelegt hat, nur hilflos zuschauen kann. Recht ratlos sitzt er dem mit dem aus seiner Scham mit Blut überströmten Mädchen gegenüber. Da hilft auch die ihm von der sehenswert blonden Hexe (Marie-Luise Stockinger) verliehene Jugend nichts.

Werner Wölbern, Bühne © Matthias Horn

Es gibt also doch Teile von Goethes Faust I in dieser Inszenierung von Martin Kušej. Ein übliches Abspielen des klassischen Dramas wäre dem Direktor des Burgtheaters und davor des Residenztheaters in München, woher er diese Produktion mitgenommen hat, zu wenig gewesen. An den gängigen Zitaten aufgehängt, lässt er die Handlung der gewohnten Tragödie ablaufen, nicht ohne subtilen Humor. Bei Sätzen, die das Publikum mitsprechen kann, muss auch für hochwertige Schmiere Platz sein.

Die Darsteller beherrschen gekonnt übertriebenes Pathos und ernten schüchterne, aber dankbare Lacher. Dazwischen sind sowohl der Urfaust, zumindest in Spuren, und große Teile der Tragödie zweiter Teil eingewebt. Die Kombination, die mit dem Errichten eines Dammes zur Landgewinnung und dem Häuschen von Philemon und Paucis beginnt, schaukelt sich auf zu einer schwer bewaffneten Truppe und einem Kind, das mit Bombengürtel ausgerüstet sich selbst in die Luft jagt.

Die drei Gewaltigen bilden als Krieg, Handel und Piraten eine verhängnisvolle Einheit, was wiederum mit ohrenbetäubenden Geknalle bestätigt wird. Von einem Happy End, also der Erlösung, wie sie Goethe angedacht hat, ist allerdings keine Spur. Denn so lange das Böse eine Frau ist, gibt es kein Ewig-Weibliches, das uns hinan zieht, und auch der Wunsch „Augenblick verweile doch! Du bist so schön!“ ist nur ein Triumph für Mephisto in diesem als Faust III zu bezeichnenden Stück.

Bibiana Beglau, Werner Wölbern, Marie-Luise Stockinger © Matthias Horn

The Party Szenenfoto © Matthias Horn

THE PARTY Amüsant bösartige Heilung des Gesundheitssystems

Peter Simonischek, Dörte Lyssewski © Matthias Horn

Eifersucht findet auch in verschlungensten Verhältnissen ihre Opfer

Das große Ziel der aufstrebenden Politikerin ist erreicht. Janet wurde zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett des britischen Unterhauses ernannt. Eine Party muss steigen und eingeladen sind die engsten, pardon einige der besten Freunde. Es könnte ja sein, dass sich jemand übergangen fühlt und eine Politikerin muss auf jede Stimme achten. Zuhause ist die gute Frau ebenso tüchtig wie in ihrer Partei und kann während des Kochens virtuos das Handy bedienen, um Gratulationen und Liebesschwüre zu beantworten. Die Gesellschaft, die nach und nach eintrudelt, hat´s in sich. Die Zynikerin April gedenkt, sich von ihrem deutschen Freund Gottfried, einem esoterisch angehauchten Lebensberater, demnächst zu trennen. Dass er ihr mit seinem Getue auf die Nerven geht, stört am wenigsten ihn. Er glaubt an das Gute in Mensch und Welt und muss sich dennoch als Nazi verunglimpfen lassen. Die nächsten Gäste sind ein lesbisches Pärchen. Die in die Jahre gekommene Professorin Martha und das Mädchen Jinny sind in einem linksliberalen Kreis wie diesem durchaus normal.

Dörte Lyssewski, Regina Fritsch © Matthias Horn

Die Offenbarung, dass Jinny mit Drillingen schwanger ist, lässt gerade einmal die Sektkorken knallen. Niemanden wundert auch, wenn Tom ohne seine Frau Marianne erscheint, sich umgehend aufs Klo zum Koksen zurückzieht und fieberhaft einen Revolver zu verstecken versucht. Diskussionen flattern in gekonnter Oberflächlichkeit dahin und gewinnen erst an Tiefe, als Bill, Janets Ehemann, aus seiner Lethargie erwacht und verkündet, dass ihm das Ableben unmittelbar bevorsteht und er die letzten Tage noch mit Marianne verbringen will. Auf der Strecke bleibt Tom, der seine Frau an das Ehepaar Bill und, wie sich am Schluss herausstellt, auch an Janet verloren hat.

Katharina Lorenz, Barbara Petritsch © Matthias Horn

Die Engländerin Sally Potter ist die Autorin dieses Stücks, das von ihr ursprünglich als Filmdrehbuch geschrieben worden war. Es fehlt nicht an bösartigem Humor bester englischer Provenienz, mit dem sich die Beteiligten anzubeißen versuchen. Man darf durchaus von einer Komödie sprechen, die eineinhalb Stunden wunderbar unterhält und die allseitigen Mängel des Allzumenschlichen gerecht auf die Runde verteilt. Ernst genommen wird nur die jeweils eigene Befindlichkeit.

Diese verteilt sich auf diverse Räumlichkeiten des Hauses wie Toilette, Gang mit Eingangstür und Mistkübel, Küche und ein mit einer Langspielplatten-Sammlung tapeziertes Wohnzimmer. Regisseurin Anne Lenk hat mit der Bühnenbildnerin Bettina Meyer dieses Problem wunderbar gelöst. Da Licht aus, dort Licht an, und man weiß genau, wer gerade wo etwas zu verheimlichen hat.

 

Dörte Lyssewski lässt ihre Janet mit Allwetterfrisur und der Eleganz einer in ihrem persönlichen Ehrgeiz verfangenen Frau als perfekte Gastgeberin erscheinen. Am wenigsten scheint sie Bill zu interessieren, der mitten im Wohnzimmer hockt, Schallplatten auflegt und Wein trinkt.

Peter Simonischek wirkt in dieser Rolle als Fels in der Brandung sinnloser Debatten, den erst eine von Tom (Christoph Luser) gegen sein würdiges Patriarchenhaupt geschwungene Flasche zu Boden wirft. Ein köstliches Buffopaar sind Regina Fritsch als April und Markus Hering als betulicher Gottfried, die in aller Schrägheit ihrer Beziehung diese für einen Normalo durchaus nachvollziehbar erscheinen lassen. Martha (Barbara Petritsch) und Jinny (Katharina Lorenz) haben geheiratet und wollen eine Familie gründen. Dieses Unterfangen geht beinahe schief. Die Jungfeministin Jinny empfindet es als abscheulich ekelhaft, dass ihre Frau mit Bill, also einem Mann, in der gemeinsamen Studentenbude geschlafen hat, und das vor 30 Jahren! Janet hätte als Gesundheitsministerin also einiges zu tun, um die an krankhaften Verwicklungen leidenden Lieben in einem der teuren staatlichen Programme kurieren zu lassen, wäre sie nicht selbst von einer tödlichen Seuche befallen, von der Eifersucht gegen ihre Geliebte, die sie mit ihrem eigenen Mann betrogen hat.

Katharina Lorenz, Markus Hering, Peter Simonischek © Matthias Horn

Bakchen Chor © Andreas Pohlmann

DIE BAKCHEN mit der vollen Wucht des griechischen Dramas

Markus Meyer als Chorleiter © Andreas Pohlmann

Der archaische Kampf zwischen Götterwelt und Vernunft

Aus dem Dunkel erheben sich schiefe Ebenen, dumpfe Trommelschläge und ein flirrender Klangteppich, gewebt von einigen wenigen Streichern, stimmt ein auf ein schicksalhaftes Geschehen. Erst den aus dem Hintergrund langsam gegen ein Laufband nach vorne gehenden Dionysos zeichnet hartes Licht von der Umgebung ab. Mit durchschneidender Stimme beginnt er mit der Erzählung, wie es zu seinem Dasein als Gott gekommen ist. Gezeugt wurde er von Zeus. Seine Mutter war Semele, die Tochter des Kadmos. Seine Herkunft lässt ihn nun den Anspruch auf Verehrung als Olympier stellen. Als Geschenk bringt er den Menschen den Weinstock. Ob der Genuss von Wein zur Raserei seiner Jüngerinnen führt, wird zwar nicht ausdrücklich behauptet, aber immer wieder angesprochen. In dem von Kadmos gegründeten Theben herrscht mittlerweile König Pentheus, der von Götterkult wenig hält und das Treiben von Dionysos oder dessen sterblichen Vertreter missbilligt. Die Frauen dagegen laufen dem jungen Gott scharenweise zu und ziehen sich zu Orgien in das Kithairon-Gebirge zurück.

Franz Pätzold (Dionysos) © Andreas Pohlmann

Unter den so bezeichneten Mänaden befindet sich auch die Mutter von Pentheus. Sie soll mit ihren Gefährtinnen den eigenen Sohn im Rausch letztendlich zerreißen und erkennt erst nach Ermahnung ihres Vaters Kadmos das Ausmaß dieser Wahnsinnstat. Der griechische Dichter Euripides (* 480 v. Chr.; + 406 v. Chr.) hat diesen mythologischen Stoff als Parabel für die Verstocktheit der Athener gegenüber der aufkeimenden Aufklärung zu einer Tragödie verarbeitet. Er spart nicht mit drastischer Schilderung blutrünstigen Geschehens und hat damit mitreißendes Theater geschaffen, das die Jahrtausende in erstaunlicher Frische überlebt hat.

Sylvie Rohrer (Agaue), Martin Schwab (Kadmos) © Thomas Pohlmann

Was im antiken Theater die Persona, die Maske mit Verstärkertrichter, war, hat nun ein Wangenmikrophon übernommen. Aber anders wäre es nicht möglich, die von Regisseur Ulrich Rasche inszenierte Raserei zu verwirklichen. Er setzt dabei auf den Rhythmus der Füße und den Tanz auf der Stelle (© Euripides). An Seilen gesichert wird gegangen und gegangen, ohne jemals irgendwo anzukommen. Die Sprechweise ist abgehackt, damit aber sehr deutlich und mit viel Platz zum Mitdenken.

Dionysos (Franz Pätzold) tritt als fies grinsender und seines Sieges sicherer Fremder auf. Er verspricht Identität und zufrieden machende Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und erinnert dabei erschreckend an heutige Populisten. Nach ihm erscheinen Kadmos (Martin Schwab) und Hans Dieter Knebel als Teiresias, um über Sinn und Unsinn eines neuen Götterkults zu diskutieren. Der sehr modern wirkende Herrscher Pentheus (Felix Rech) erklärt seine Abneigung gegenüber allem Irrationalen und setzt auf ein von klarem Denken getragenes Staatsgefüge. Berührend ist der Auftritt von Agaue, die alternierend von Sylvie Rohrer und Katja Bürkle gespielt wird.

Sie vermag auch ohne den üblichen Schrei die Verzweiflung einer Mutter über ihre Tat spürbar zu machen. Als Unheilsverkünder und Erzähler schafft der Chor, angeführt vom Solisten Markus Meyer, Anschaulichkeit und Emotionen, die durch Projektionen mit Großaufnahmen der Gesichter verstärkt werden und gemeinsam mit der Musik diesen archaischen Kampf zwischen Götterwelt und Vernunft immer wieder zu beinahe unerträglicher Hochspannung aufzuschaukeln.

Das Miniorchester an der Seite der Bühne
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