Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Dana Proetsch, Pierre Gold, Stephanie Gmachl © Rolf Bock

MARLOWES ROMEO UND JULIA AUF KRETA und eine Art Happy End

Michaela Ehrenstein, Rudi Larsen © Rolf Bock

Gerechtigkeit für Marlowe! Marlowe! Marlowe!

Gerald Szyszkowitz vertritt mit Vehemenz die Theorie, die besagt, dass die Dramen, die nach wie vor William Shakespeare zugeschrieben werden, von Christopher Marlowe stammen. Dazu hat er bereits etliche Bücher verfasst, in denen er zum Teil mit Hinweisen auf seine Forschungsergebnisse und zum anderen Teil mit romanhaften Geschichten seine Meinung untermauert. Seine jüngste diesbezügliche Erkenntnis baut auf einer Liebesgeschichte auf, die Marlowe auf der Insel Kreta selbst erlebt haben soll. Sie sei die Inspiration für Romeo und Julia gewesen. Da die kretische Julia, Tochter eines venezianischen Gouverneurs, nach gelungener Flucht bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben sei, muss auch die Julia im Drama sterben. So also, meint Gerald Szyszkowitz, sei die größte Liebestragödie abendländischer Dichtung entstanden. Man kann ihm glauben oder nicht, aber ein solcher Zugang könnte durchaus reizvoll sein. Erstens wirft er alles über den Haufen, was Generationen von Theatergehern bis jetzt als wenig ernsthaft diskutierte Tatsache angenommen haben.

Christina Jägersberger, Pierre Gold © Rolf Bock

Zweitens hätte man den historischen Hintergrund der Personen, die auf der Bühne in Padua und Verona die beiden jungen Leute ins tödliche Verderben treiben. Julia ist auch hier ein blutjunges Mädchen, der Romeo allerdings ein des Lebens erfahrener Mann, der natürlich überleben muss, sonst hätte er ja die anderen Stücke nicht mehr schreiben können. Wir könnten weder in „Was ihr wollt“ lachen, noch mit „König Lear“ über sein Unglück weinen.

Gerhard Rühmkorf, Felix Kurmayer © Rolf Bock

Szyszkowitz setzt sein Stück als Probe an. Damit darf auch die Bühne vollkommen bar jeder Dekoration bleiben. Der Regisseur (Herbert Eigner) gibt mutig zu, den alten Text, gemeint ist der originale, neu geschrieben zu haben, um die Menschen von heute zu erreichen. Was aus diesem gutgemeinten Versuch geworden ist, darüber muss jeder im Publikum persönlich sein Urteil abgeben. Als Hauptdarstellerin steht dem Chef eine wirklich reizende Schauspielerin zur Verfügung. Christina Jägersberger hat den Charme und das Aussehen, das sie für jede Bühne als Julia empfehlen würde. Was ihr als Liebhaber vorgesetzt wird, ist jedoch ein glatte Fehlbesetzung. Pierre Gold ist ein netter Bursch, den man schon in verschiedensten passenden Rollen bewundert hat. Als Romeo besteht seine schwerste Aufgabe darin, überzeugend diese Fehlbesetzung zu rechtfertigen. Warum es der Regisseur sich und ihm so schwer macht, wird nicht verraten. Überraschender Fakt ist aber, dass sich die quirlige Julia nicht nur in den schwerfälligen Giacomo Coderino, sondern auch in dessen Darsteller verliebt.

Aus Mercutio wird eine als Mann verkleidete Jüdin (Dana Proetsch) und Benvolio zum Schiffsjungen (Stephanie Gmachl). Der Grund dafür, so heißt es, wäre wachsender Antisemitismus in der Gesellschaft. Als Beweis wird ein Gemeinderat von Maria Enzersdorf angeführt, der gesagt hätte, dass der Reigen nicht aufgeführt werden solle, weil Arthur Schnitzer ein Jude gewesen sei. Eine derart trottelhafte Bemerkung eines offenbar verwirrten Alten, der sicher nie ins Theater geht, ist jedoch ein zweifelhaftes Argument. Wollte man keine Stücke von Juden mehr spielen, müsste man die Häuser allesamt zusperren. Auf der gegnerischen Seite stehen der Vater Governatore Cicogna (Gerhard Rühmkorf), Wilhelm Seledec als mieselsüchtiger Claudio Cicogna (Onkel) und Rudi Larsen als Tybalt Cicogna (Cousin von Julia). Larsen ist nicht zu beneiden. Ihm wurden alle sattsam bekannten Klischees gegen schwarze und dunkelhäutige Einwanderer übertragen, um diese möglichst zornig und rassistisch von sich zu geben. Michaela Ehrenstein ist die gute Amme Maria Anna Trifaldi, die noch vor ihrem Milchkind dessen späteren Ehemann vernascht.

Wirklich aus dem Herzen spricht einem der verhinderte Bräutigam Conte Paris Avogadro (Felix Kurmayer), wenn er sich beim Regisseur beschwert, warum das Ensemble durch ewig wiedergekäute Probleme davon abgehalten würde, die Leute zu unterhalten. Das scheint aber auch trotz aller hier geäußerter Bedenken gelungen zu sein. Autor Gerald Szyszkowitz war in der Pause damit ausgelastet, seine Bücher zu signieren, und durfte sich mit den tapferen Darstellern einen anständigen Applaus abholen.

Marlowes Romeo und Julia auf Kreta Ensemble© Rolf Bock

Stefanie Gmachl, Gerhard Rühmkorf © Rolf Bock

REIGEN Hoheslied Schnitzlers auf die Promiskuität

Gerhard Dorfer, Michaela Ehrenstein © Rolf Bock

Betteln nach einer Liebe, von der niemand eine Ahnung hat

Zur unanständig schönen und dem Ohr noch lange nach der Vorstellung innehaftenden Melodie von Oscar Straus entwickeln sich zehn Dialoge, für die Arthur Schnitzler 1920 noch geprügelt wurde. Was die Menschen seinerzeit so aufgeregt haben mag, dass man bis heute von einem der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts spricht? Es geht im Grunde um nicht viel mehr als nach wortwitzigem Geplänkel möglichst bald miteinander im Bett zu landen. Die einzelnen Episoden sind kurz und genau betrachtet ganz alltäglich. Frauen und Männer, die noch halbwegs mit Libido ausgestattet sind, treffen einander und wollen Sex. So einfach ist die ewige Wahrheit unseres Fortbestandes. Wer nur ein bisschen ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass er sich selbst zumindest in einer der Szenen wiederfindet. „Reigen“ nannte Schnitzler das Stück und meint damit nichts anderes als das Liebeskarussell, auf dem wir uns alle mitdrehen, so uns nicht Impotenz oder Frigidität davon abhalten. Auf geht´s mit einer Hure, der warmherzigen Bordsteinschwalbe, die es dem Soldaten auch ohne Geld besorgen würde.

Dana Proetsch, Rudi Larsen © Rolf Bock

Nachdem es ordentlich rund gegangen ist, endet es auch mit ihr, wenn sie einem in die Jahre gekommenen Grafen über seine philosophischen Skrupel hinweghelfen möchte. Moral? Was soll diese Frage in einem solchem Zusammenhang!? Gesellschaftliche Schranken, eheliche Treue oder altersmäßige Unterschiede spielen keine Rolle, solange es ihr und ihm gefällt. Wie gut, dass das von Schnitzler über den „Reigen“ verhängte Aufführungsverbot 1982 abgelaufen ist und wir Nachgeborenen die Möglichkeit haben, einen sinnlichen Blick auf das Treiben in den Liebeslauben des Fin de Siècle mitzuerleben.

Wilhelm Seledec, Christina Jägersberger © Rolf Bock

Die Freie Bühne Wieden hat sich mutig über das ehemalige Skandalstück hergemacht. Regie führt Gerald Szyszkowitz, der mit fast leerer Bühne (sein Markenzeichen) und reduzierter Erotik jeder Schmuddeligkeit, die derlei Geschehen allzu oft immanent ist, vorbeugt. Die Besetzung sprengt beinahe das Fassungsvermögen des kleinen Theaters. Die gerade nicht auf der Bühne befindlichen Schauspieler werden jedoch zum „Umbau“ zwischen den Szenen als Bühnenarbeiter eingesetzt.

Also hat man das Vergnügen, auch die ganz am Anfang auftretenden Schauspieler wieder zu sehen, wenn sie eine Chaiselongue als einzige Ausstattung immer wieder so drehen, damit dahinter oder unter diversen Decken das Unaussprechliche ohne geile Aufdringlichkeit passieren kann.

 

Dana Proetsch wird als Dirne zur reizenden Moderatorin, die Szene für Szene Schnitzlers Regieanweisungen erzählt und dabei einen rührenden Striptease andeutet, bis sie in knielangen Unterhosen und Hemdchen neben dem im Anzug sehr würdig gewandeten Grafen (Gerhard Dorfer) nach einer durchsoffenen Nacht aufwacht. Dem Soldat gibt Rudi Larsen brutale Kälte, die einer Frage „Hast mich auch lieb?“ mit Unverständnis gegenübersteht. Seinem reschen Charme erliegt auch das Stubenmädchen (Elis Veit). Die aber tröstet sich kehr um die Hand mit dem in diesen Dingen noch unerfahrenen, aber sehr anlassigen jungen Herrn (Pierre Gold). Statt ihm eine Lehrstunde in Erotik zu geben, zeigt sich Christina Jägersberger in der Rolle der verheirateten Frau eher zickig, was sie aber nicht davon abhält, mit dem Adoleszenten einen Beischlaf zu versuchen.

Herrlich wie der sein mangelndes Stehvermögen mit G´schichterln zu begründen versucht und ständig von Liebe spricht, von der er ebenso wenig eine Ahnung hat wie der um seine ehelichen Pflichten herumschwafelnde Ehegreis (Wilhelm Seledec) oder das wahrlich süße Mädel (Stefanie Gmachl). Profis sind diesbezüglich Dichter (Gerhard Rühmkorf) und Schauspielerin (Michaela Ehrenstein), die beide die Schmähs des oder der anderen besten kennen und zum Begehr um so was wie Liebe nur milde lächeln.

Chrstina Jägersberger, Pierre Gold © Rolf Bock
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