Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Warteraum zur Ordination im SFM

SIGMUND FREUD MUSEUM wieder geöffnet!

Außenansicht mit Robert Longo, untitled (Hellion) (c) Hertha Hurnaus/Sigmund Freud Privatstiftung

Viel Platz für eine Begegnung mit der Psychoanalyse

Im Haus Nr. 19 in der Wiener Berggasse hat er also gelebt, bis der zu Lebzeiten bereits prominente, weltweit anerkannte und gleichermaßen umstrittene Seelenarzt Dr. Sigmund Freud sein Domizil nach London verlegen musste. Nazis, oder besser, Wiener, die keine Ahnung von seiner wissenschaftlichen Bedeutung hatten, dafür umso mehr Judenhass in sich trugen, hatten Freud vertrieben. Der alte und zudem schwer kranke Mann musste die Stadt wechseln, seine Umgebung sollte dabei aber so wenig wie möglich verändert werden. Er ließ großteils die Einrichtung übersiedeln und in seiner Londoner Wohnung möglichst gleich wieder aufbauen. Damit ist auch die berühmte Couch, das bequeme und mittlerweile allgemein bekannte Zentrum seines Behandlungszimmers ausgewandert. Geblieben sind leere Räume, die nach dem Ende des Wahnsinns und einer späten Einsicht der ehemaligen Landsleute als Gedenkstätte eingerichtet wurden. Von Einheimischen wurde kaum danach gesucht, aber Touristen erfragten sich immer wieder den Weg zu dieser Pilgerstätte der Psychoanalyse.

Spieletruhe von Sigmund Freud

Hier war der Blick auf das Unbewusste erstmals geöffnet worden, hier waren Werke wie „Die Traumdeutung“, „Totem und Tabu“ oder die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ verfasst worden. Wenn manches davon auch längst von neuem Wissen kritisch überholt ist, so ist Freud dennoch der meist zitierte Wissenschaftler. Es lässt sich einfach prächtig mit einem Ödipuskomplex oder dem noch berühmteren Freudschen Versprecher eine vorgetäuschte Fülle von Allgemeinwissen demonstrieren, ohne je eine Zeile seiner Bücher gelesen zu haben.

Granatmedaillon mit Fotos der Kinder Freuds (C) Günter König/Sigmund Freud Privatstiftung

Es schien hoch an der Zeit, das Sigmund Freud Museum dem Umfang des dort entstandenen Wissens anzupassen. Beauftragt wurden mit der Neugestaltung die Architekten Hermann Czech, Walter Angonese und ARTEC Architekten. Hermann Czech erinnert sich, wie er vor dem Problem stand, dass es außer nackten Mauern kaum etwas gab, das man zeigen konnte. Unter dem Motto „Auch wenn nichts da ist, hier war es“ wurde der „Mangel an Objekten“ zum eigentlichen Ausstellungsinhalt gemacht.

Man hat es geschafft, mit Vitrinen, Büchern und ein paar Versatzstücken aus dem persönlichen Besitz von Sigmund Freud diesen in seinem Wiener Domizil wieder spürbar zu machen. Versehen mit einem Kopfhörer kann man sich an Audiostationen anschließen und zuhören oder selbst die Texte studieren, Fotos betrachten und sich an deren Entstehungsort Gedanken über die Psychoanalyse machen. Mit 550 m² wurde die Ausstellungsfläche nahezu verdoppelt. Dem Besucher stehen damit mit dem gesamten Mezzanin sämtliche Wohnräume der Familie Freud und die Ordinationen von Dr. Freud offen. Vom wieder eingerichteten Warteraum mit gemütlichen Sitzmöbeln darf man sich aufrufen lassen, um – und da wird die Phantasie sehr gefordert – auf der nicht vorhandenen Couch neben dem fehlenden Fauteuil Platz zu nehmen. Die Stelle, wo die beiden Möbelstücke einst gestanden sind, markiert ein grauer Fleck an der Wand mit den Löchern der Nägel, an denen der legendäre Teppich aufgehängt war. Nach Offenlegung der Seele durfte der Patient durch eine Tapetentür abtreten, ohne von den Wartenden gesehen zu werden.

Im Stockwerk darüber wäre Gelegenheit, sich im Lese- und Vortragssaal Europas größter „Bibliothek der Psychoanalyse“ mit einem der in der Ausstellung angesprochenen Bücher vertraut zu machen, nachdem man in der ersten Sonderausstellung “Die unendliche Analyse. Psychoanalytische Schulen nach Freud“ bewundert, wenn auch nicht ganz verstanden hat. Ehemalige Ordinationsräume im Hochparterre gehören der Kunst, die mit Werken von John Baldessari, Pier Paolo Calzolari, Susan Hiller, Ilya Kabakov und Franz West einen emotionalen Zugang zu Freud bieten wollen. Wieder im Erdgeschoss und dem Foyer mit Ticketkassa und Museumsshop angekommen, lässt man im Café bei einem Getränk und einem angeregten Gespräch das Erlebte sickern, um schließlich draußen mit einem Blick zurück auf den „Schauraum Berggasse 19“ die Installation „Hellion“ des US-amerikanischen Künstlers Robert Longo an der Außenfront zu entdecken. Man ist also gerüstet, um den erwarteten Gästeansturm von 110.000 Personen, wichtig: auch Hiesige, bewältigen zu können.

Ausstellugnsansicht Sigmnd Freud Museum
SFM Museum Logo 250

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