Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Quentin Desgeorges (Hoffmann) © Herwig Prammer

L´ENFANT / OLYMPIA Hoffmann in den Trümmern seiner Träume

Quentin Desgeorges (Hoffmann), Ilona Revolskaya (Feuer), Tatiana Kuryatnikova © Herwig Prammer

Eine fantastische Paarung: Maurice Ravel & Jacques Offenbach

Das Libretto zu „L´enfant et les sortilèges“ (Das Kind und der Zauberspuk) kann nur eine Frau geschrieben haben, nämlich Sidonie-Gabrielle Colette. Es geht in dieser von Maurice Ravel 1824 komponierten Kurzoper um die nicht gewaltlose Erziehung eines richtigen Rotzbuben. Der Kleine quält mit sadistischer Lust Tiere und zerreißt in grenzenloser Wut Polster und Bücher. Seine Mutter scheitert mit ihren Versuchen, ihn zum Schreiben der Hausaufgaben zu bewegen. Seine trotzige Reaktion: „Ich bin böse und frei!“ Erst als die von ihm malträtierten Kreaturen und Gegenstände die Initiative ergreifen und zum Leben erwachen, können sie dem Kind Angst und Respekt abnötigen. Möbel, Uhr, Tasse und Teekanne, Feuer und Katzen klagen es an und bedrängen es. Der Bub flieht in den Garten. Dort warten allerdings in einem Teich mit beleidigtem Baum Frosch, Libelle und Fledermaus auf ihre Revanche. Eigenartigerweise beginnen die Tiere untereinander zu raufen. Das Eichkätzchen wird bei dem Handgemenge verletzt. Spontan verbindet das Kind dem verletzten Tier die wunde Pfote.

Ilona Revolskaya (Olympia), Johannes Bamberger (Spalanzani) © Herwig Prammer

Eine solche Reaktion hat offenbar niemand erwartet. Nach einer kurzen Nachdenkpause singt das bunte Ensemble den erlösenden Satz: „Es ist gut, das Kind, es ist artig.“ Dass der Fratz ausgerechnet E.T.A. Hoffmann ist, und zwar in drei Größen (Quentin Desgeorges als Erwachsener, Tatiana Kuryatnikova als Kind, Samuel Wegleitner als kleines Kind), ist dem zweiten Teil des Abend geschuldet. Aus Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach wurde der zweite Akt ausgegliedert und mit L´enfant zu einer fantastischen Kombination aus Orchesterklängen des beginnenden 20. Jahrhunderts und der französischen Romantik.

Tatiana Kuryatnikova, Ghazal Kazemi, Johannes Bamberger © Herwig Prammer

Die Kammeroper ist der ideale Ort für solcherlei Experimente, zumal sie von einer großartigen Schar von Sängern und einem zwar kleinen, aber klangvollen Wiener Kammerorchesters unter Raphael Schluesselberg ausgeführt werden. Inszeniert hat Barbora Horásková Joly mit einer guten Portion Humor. Sie behilft sich bei einer Chorszene mit dem Zuschauerraum, aus dem sich, zur Überraschung des Publikums, die Gäste Spalanzanis (Johannes Bamberger) stimmgewaltig erheben.

Wäre da nicht der finstere Coppélius (Dumitru Mădărășan), der zuerst dem schmelzend schwärmerischen Dichter mit dem strahlenden Tenor statt einer der Brillen oder eines der anderen optischen Geräte, die er anpreist, ein Mittelchen verkauft, um ihn in seiner Täuschung zu bewahren, aber letztlich aufgrund eines geplatzten Wechsels das mechanische Wunderwerk zerstört, Hoffmann hätte endlich seine Liebe und sein Glück gefunden. Man versteht ihn gut.

Olympia hat alles, was eine begehrenswerte Frau ausmacht. Ilona Revolskaya ist bildhübsch und hat vor allem eine bestechende Koloratur, die sie schon im ersten Teil als Prinzessin aufblitzen lässt. Auch die anderen Sänger bewältigen eine ganze Reihe von Rollen. So veranstalten Ghazal Kazemi, Juliette Mars und Jenna Siladie mit den übrigen ein reizendes Konzert aus Tierstimmen, das aus dem PEEP O RAMA tönt, das Hoffmann besucht, um in den „Trümmern seiner Träume“ (Colette) Erfüllung zu finden.

L´enfant / Olympia Ensembe © Herwig Prammer
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