Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Garderober Ensemble © Herwig Prammer

DER GARDEROBER König Lear und sein Gefolge im Bombenhagel

Martina Stilp, Michael König © Herwig Prammer

Man lacht über etwas, das in Wirklichkeit gar nicht lustig ist

Ronald Harwood (*1934) ist erfolgreicher britischer Drehbuchautor und Filmproduzent. Seine wahre Liebe ist aber die Theaterbühne, auf der er in jungen Jahren selbst gestanden ist und für die er eine ganze Reihe von Stücken geschrieben hat. Für die Komödie „Der Garderober“ hat er besonders viel Herzblut vergossen. Teils, weil er selbst in den 1950er-Jahren das Faktotum eines der letzten englischen „actor-manager“ war, teils auch, weil ihn die Sprache des englischen Dramas begeistert. Er macht keinen Hehl daraus, dass William Shakespeare sein großes Idol ist und lässt seinen Prinzipal samt Garderober in der Zeit des Zweiten Weltkriegs „King Lear“ spielen. Sirenen heulen, Bomben fallen, die meisten Menschen suchen Zuflucht in Lustschutzkellern, aber das theaterbegeisterte Publikum lässt sich nicht davon abhalten, seinen Star, den Sir, in der Hauptrolle zu sehen. Allein, dieser Sir ist alles andre als in Hochform. Unter Tags hat man ihn von der Straße aufgelesen und in ein Spital gebracht, um ihn dort von seinem Zusammenbruch zu kurieren.

Michael König, Martin Zauner © Herwig Prammer

Er aber hat sich von der Ärzteschaft losgerissen und kommt ins Theater. Seinetwegen musste noch nie eine Aufführung abgesagt werden. Sein Zustand wäre hoffnungslos, gäbe es nicht den Garderober, der ihn mit allen möglichen Tricks für den Auftritt fit macht. Da es bei Sir nicht an Eitelkeit und der Überzeugung, der beste Schauspieler seiner Zeit zu sein, fehlt, wird der Abend ein Erfolg...

Elfriede Schüsseleder, Martina Stilp, Martin Zauner © Herwig Prammer

In den Kammerspielen (Premiere am 26. April 2018) spielt Martin Zauner die Hauptrolle. Damit kein Irrtum aufkommt. Er ist nicht der Sir, der den Lear gibt, sondern der Garderober, der seine Not hat, den Prinzipal bühnengerecht anzukleiden und ihm die richtige Schminke anzusagen. Schließlich wird Lear gegeben und nicht Othello, nachdem sich Sir das Gesicht schwarz anmalt. Dazu braucht man schon einen Flachmann mit Brandy, der dem Garderober am Schluss den Vorwurf einbringt, besoffen zu sein.

Zauner lässt immer wieder seine stille Komik durch im Grunde todernste Situationen blitzen. Allein sein Kurzauftritt vor dem Vorhang, wenn er das Publikum vor den Bombenangriffen warnt, indem er sagt, dass diejenigen, die leben wollen, gehen können, macht diese Hilfskraft hinter der Bühne zum unersetzbaren Mitglied eines immer mehr schrumpfenden Ensembles auf irgend einer englischen Tourneebühne. Sein Schützling, eben der Sir, ist Michael König als Verkörperung des sympathischen Tyrannen dieser Truppe. Offenbar konnten in diesen harten Zeiten nur solche Typen, die keinen Widerspruch zuließen und sich über die Menschen in ihrer Umgebung einfach hinwegsetzten, den Theaterbetrieb einigermaßen am Laufen halten. Milady (Martina Stilp) ist die Frau von Sir, die wie ein Hund an der Ignoranz ihres Mannes leidet und dennoch stets tapfer als Cordelia stirbt, ebenso wie die altjüngferliche Madge, die Inspizientin (Elfriede Schüsseleder), die ihre Liebe zu Sir unter resolutem Kommandoton hinter der Bühne verbirgt. Zwei der weniger begabten Schauspieler, wie sie wohl jederzeit in einem Theater zu finden sind, werden von Alexander Strobele und Wojo van Brouwer exzellent charakterisiert. Strobele ist ein gewisser Geoffrey Thornton, der als Hofnarr einspringt und sich dem Sir gegenüber für größere Aufgaben empfiehlt.

Mr. Oxenby hingegen lehnt es sogar ab, ersatzweise die Windmaschine im großen Sturmmonolog zu drehen. Die junge Irene (Swintha Gersthofer) wäre zu allem bereit, auch zu einem Verhältnis mit dem greisen Sir, wäre da nicht der Garderober, der sie unsanft von seinem Herrn fernhält. Der Italiener Cesare Lievi lässt diese großartigen Schauspieler in seiner Regie als einen rührenden Haufen theaterbesessener Individuen aufspielen, dass das Publikum zugleich berührt und trotz des an sich gar nicht lustigen Hintergrundes auch unverschämt lacht.

Martin Zauner, Swintha Gersthofer © Herwig Prammer

All About Eve Szenenfoto © Sepp Gallauer

ALL ABOUT EVE und das gnadenlose Treiben hinter der Bühne

All About Eve Szenenfoto © Sepp Gallauer

Eine himmlisch böse Hymne auf das Theater

„Hüte dich vor Rehen!“ ist eine alte Weisheit, die der Bühnenstar Margo Channing jedoch nicht befolgt. Als ein scheues Mädchen namens Eve als ihre bedingungslose Bewunderin auftaucht, fällt sie auf deren Unterwürfigkeit herein und bringt sie am Schluss einfach nicht mehr los, solange, bis sie selbst beinahe unter die Räder kommt. Am Ende ist Eve selbst der Star, auf dessen Türschwelle aber bereits ein neues Rehlein in Gestalt von Phoebe wartet. Der britische Dramatiker Christopher Hampton hat für „All About Eve“ einfach nur zuschauen müssen, wie sich wohl tagtäglich in diesem Business die Krähen trotz gegenteilig lautender Metapher die Augen aushacken. Ein Theatermensch trägt bei jeder Vorstellung seine Haut zu Markte, in der allabendlichen Hoffnung, endlich den großen Erfolg einfahren zu können. Er spielt für das Publikum, nicht selten aber auch für den einen Kritiker, der hoffentlich im Dunkel des Zuschauerraumes sitzt und seine Premierenleistung in den nächsten Tagen zwischen positiv und hymnisch hervorhebt.

All About Eve Szenenfoto © Sepp Gallauer

Dieser Schreiber, der entspannt zuschauen darf, wie die sich da oben die Seele aus dem Leib spielen, hat bei Hampton den Namen Addison DeWitt. As Kritiker der News York Times hat er natürlich Einfluss en masse und bildet sich nicht ganz zu Unrecht ein, dass er ein Stück oder einen Darsteller leben oder sterben lassen kann – und er beweist eindrucksvoll seine Behauptung, indem er Eve nach oben bringt, während die in die Jahre gekommene Margo eine mühsame Tournee anzutreten hat.

Sandra Cervik, Raphael von Bargen © Sepp Gallauer

Herbert Föttinger, Direktor des Theaters in der Josefstadt und damit auch der Kammerspiele, hat persönlich die Regie übernommen. Das Ergebnis ist eine gewohnt elegante und technisch perfekte Umsetzung dieser von Selbstkritik strotzenden Nabelschau von Theaterleuten. Zwischen den Szenen wird die Bühne zu einem Scherenschnitt, der von Mario Pecoraro mit Musik bemalt wird. Dazwischen fliegen die Fetzen, die allerdings sehr fein gewebt sind, nämlich aus den unzerreißbaren Fäden der Bösartigkeit.

Das alles ist natürlich ein Verdienst der Schauspieler, die dabei bis zu einem gewissen Grad sich selbst spielen. Beeindruckend ist der Psychokrieg, den Martina Ebm als Eve gegen Sandra Cervik als Margo Channing lostritt. Die beiden Frauen ziehen so überzeugend jedes Register an Schauspielkunst, um die andere in den Griff zu bekommen, dass man sich wundert, wie sie sich am Schluss mit einem Lächeln gemeinsam verbeugen können. Die Männer wie Bill, der junge Freund von Margo (Raphael von Bargen), oder der Dramatiker Lloyd Richards (Alexander Pschill) können dabei nur hilflos zuschauen und die Damen bestenfalls besänftigen. Eine geheimnisvolle Rolle spielt Martina Stilp. Ihre biedere Karen Richards ist an sich die Freundin von Margo, begeht an dieser aber einen unverzeihlichen Verrat, indem sie mit List einen viel beachteten Auftritt von Eve ermöglicht.

Eine, die von Anfang Eve durchschaut hat, ist Birdie, die Garderobenfrau von Margo, der Susa Meyer einen humorigen Touch Männlichkeit verleiht. Der wahre Maître de Plaisir ist Addison DeWitt. Joseph Lorenz gibt den souveränen Herrscher über das Theater, vor dem auch Stars knien müssen. Er darf die wohl beneidenswerteste Figur dieses Stücks spielen, zumindest aus der Sicht des Theaterkritikers, von denen die wenigsten darüber befinden können, wen und was sie in der nächsten Produktion auf der Bühne sehen wollen.

Martina Stilp, Sandra Cervik, Susa Meyer © Sepp Gallauer

Sona MacDonald (Hedwig) © Herwig Prammer

Ist das Leben nur im SUFF erträglich?

Suff Ensemble © Herwig Prammer

Zweifelhafte Antworten auf eine Frage, die so alt ist wie die Menschheit

Vier nicht mehr ganz junge Damen stoßen auf ihr Alter an. Dass sie dabei gewaltig über die Stränge schlagen, geht eigentlich nur sie etwas an – sollte man denken. Aber Hedwig hat einen Sohn, der so gar nichts vom regelmäßigen lustigen Besaufen seiner Mutter hält. Er hat Kinder, aber keine Mutter dafür. Diese hat mit einem trinkfesten Liebhaber ein Leben gesucht, das ihr abenteuerlicher erscheint als an der Seite eines biederen Gesundheitsapostels. Mit gutem Zureden bringt er seine Mutter dazu, mit dem Trinken aufzuhören. Jeder, der einmal mit Alkoholikern näher zu tun gehabt hat, weiß, dass eine solche Mission normalerweise zum Scheitern verurteilt ist. Alkoholismus ist eine der zähesten Suchtkrankheiten, die kaum heilbar sind, schon gar nicht ohne therapeutische Hilfe. Die beiden Theaterautoren Thomas Vinterberg und Mogens Rukov sind diesbezüglich anderer Ansicht. In ihrem Stück „Suff“ (Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel) schwört Hedwig tatsächlich dem Alkohol ab.

Marianne Nentwich (Marion) © herwig Prammer

Was ihr umso schwerer fällt, als ihre drei Freundinnen Irma, Constance und Marion alles daran setzen, Hedwig wieder auf Promille zu bringen. Das feuchtfröhliche Trio schafft es sogar, Jacob, den Antialkoholiker, mit einigen Martinis und den Behauptungen, dass alle Großen dieser Welt ihre Werke nur im Vollrausch geschaffen hätten, so weit aus seiner Verschanzung zu locken, dass er in seinem Schwips, mehr ist es nicht, seinen Nebenbuhler verdrischt und so die Ehefrau wieder zurück bekommt. Ob den Beteiligten daraus irgendein Vorteil erwächst, ob irgend eine Sache in Ordnung kommt, egal ob das eigene Leben, die Beziehung zu Sohn und Enkelkindern oder die Ehe von Jacob, wird seltsamerweise offen gelassen.

Martin Niedermair (Jacob), Therese Lohner (Constance), Marianne nentwich (Marion) © Herwig Prammer

Wenngleich beim Publikum, abgesehen von ein paar verlegenen Lachern, eher Ratlosigkeit herrscht, ist es doch ein Erlebnis, Sona MacDonald als Hedwig, Elfriede Schüsseleder als Irma, Therese Lohner in der Rolle der Constance und Marianne Nentwich als Marion zu erleben. Diese vier Frauen schaffen Unterhaltungsmehrwert, der weit über die Diskussion >Saufen oder nicht< hinausgeht. Organisatorin des Gelages ist die deutsche Regisseurin Alexandra Liedtke.

Gemeinsam mit Raimund Orfeo Voigt (Bühne) hat sie eine Botschaft in den Raum gestellt, indem die Bühne auf den Kopf gestellt und damit eine für die illuminierten Oldies mühsame verkehrte Welt geschaffen wurde. Ein riesiger Berg von leeren Flaschen lässt auf gehabte Genüsse schließen. Im Verlauf des Kampfes um einen harmonischen Weihnachtsabend wird er zwar weggeräumt. In diversen Laden und anderen Verstecken finden sich dennoch genügend Reserven an vollen Flaschen, um Jacob (Martin Niedermair) und seinem Fahrradhelm was vorzusaufen.

Dass auch er, der so ernsthafte und durchtrainierte Typ, am Leben zu scheitern droht, aber sich nach ein paar Drinks in einen Mordskerl verwandelt, der sogar eine am Stock gehende ehemalige Ballerina ficken würde, ist ebenso wenig tröstlich wie die Demenz, die Hedwig am Ende dieses gemeinsamen Besäufnisses ganz offensichtlich an den Tag legt. Der überzeugende Applaus nach der Premiere galt mit Gewissheit nicht dem Stück, sondern den großartigen Darstellern.

Suff Ensemble © Herwig Prammer

Terror Ensemble © Erich Reismann

TERROR Ein Prozess mit dem Publikum als Laienrichter

Pauline Knof als Lara Koch © Erich Reismann

Urteilen ist gar nicht so einfach, vor allem, wie macht man es richtig?

Ferdinand von Schirach hat mit dem Stück „Terror“ einen unglaublichen Erfolg auf den Bühnen dieser Welt gelandet. Abgesehen davon, dass die Thematik mehr als aktuell ist, wird das Publikum in die Rechtsfindung miteingebunden. Es macht Spaß, in der Pause über Moral und Recht zu diskutieren, die vielen Für und Wider abzuwägen und am Schluss ein Urteil zu fällen, indem man eine Münze in eine der Urnen mit der Aufschrift „schuldig“ oder „unschuldig“ wirft. Wen ein solches Spiel an sein letztes Seminar in „Teamfindung“ oder ähnliche gut gemeinte Veranstaltungen seitens des Arbeitgebers erinnert, der liegt nicht ganz falsch. Auch dort geht es um fiktive Geschichten, die in der Sicherheit eines Seminarraumes unter der Leitung des Trainers aus einer Gruppe eine Gemeinschaft formen wollen, in der jedes Mitglied auch mit den Argumenten der anderen Mitarbeiter umzugehen lernt. In diesem Fall ist es der Abschuss eines Passagierflugzeuges, das ein Terrorist in seine Gewalt gebracht hat und auf ein vollbesetztes Stadion zusteuern lässt. Das Grundgesetz verbietet ein solches Vorgehen.

Julia Stemberger als Vorsitzende © Erich Reismann

Was aber, wenn der Kampfpilot sich anders entscheidet. Er steht dann vor Gericht, angeklagt des Mordes an mehr als hundert Zivilisten, die durch sein Geschoss zu Tode gebracht wurden. Immerhin hat er damit Tausende Besucher des Stadions gerettet. Sie als Teil des Publikums haben nun darüber zu entscheiden, aber erst nachdem Sie dem Prozess beigewohnt haben.

Silvia Meisterle als Franziska Meiser © Erich Reismann

Erstaunlich wie schludrig Ferdinand von Schirach mit dem Gericht umgeht. Neben seiner Berufung zum Schriftsteller ist er nämlich Strafverteidiger, der eigentlich die Strafprozessordnung, die sich in Deutschland nicht so sehr von Österreich unterscheidet, kennen müsste. Allein die Bezeichnung Schöffe für die Laienrichter ist in diesem Fall ein Unsinn. Die Kampfpilotin wird wegen eines Deliktes mit einem Strafrahmen von mehr als fünf Jahren bis lebenslänglich angeklagt.

Da sitzen schon ein Schwurgerichtshof und dazu Geschworene vor ihr, die mit absoluter Mehrheit über die Schuldfrage entscheiden. Dann fällt auf, dass wesentliche Zeugen nicht vorgeladen werden. Es gibt einen Minister als höchstes Entscheidungsorgan, der aufgrund des Gesetzes den Abschuss der Passagiermaschine nicht erlaubt hat. Weiters fehlt der Oberkommandierende, von dem eine Vorgesetzte der Pilotin erzählt und dem diese laufend Rapport erstatten musste. Wo ist der Verantwortliche, der es verabsäumt hat, sofort bei Bekanntwerden des Vorfalls das Stadion räumen zu lassen? Von den beiden Piloten der Verkehrsmaschine ist nur am Rande die Rede. Von der Richterin wurde weder deren Charakterprofil oder sonst noch was angefordert, um vielleicht daraus ersehen zu können, wie die beiden Herrn im Cockpit letztendlich reagiert hätten. Die Möglichkeit, dass die zwei Piloten angesichts ihres sicheren Todes das Flugzeug in ein Feld davor gesetzt hätten, wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Statt dessen wird Kant zitiert und auf historische Beispiele wie der „Weichensteller“ verwiesen, was diese Causa aber wenig voranbringt.

 

Trotzdem ist es einen Abend wert, den sieben Damen dabei zuzuschauen, wie sie unter der Regie von Julian Pölsler auf sehr spannende Weise Gericht spielen. Vorsitzende Julia Stemberger hat das Geschehen stets fest in ihrer Hand. Pauline Knof könnte man sich tatsächlich gut als Jetpilotin vorstellen, so entschieden vertritt sie die Meinung von Lara Koch, der Angeklagten.

Martina Stilp-Scheifinger gibt die selbstbewusste Strafverteidigerin, die nicht nur eine Richterin, sondern auch ein Publikum von der Unschuld ihrer Mandantin zu überzeugen hat. Ihr gegenüber sitzt Susa Meyer in der Rolle der Staatsanwältin, die rechtshistorisch ungemein großes Wissen aufblitzen lässt, neben juristisch profunder Fachkenntnis, die nichts anderes als ein „schuldig“ für die Angeklagte zulässt. Ihnen zugeteilt ist Gioia Osthoff, die als Wachtmeisterin genügend Autorität an den Tag legt, um das Publikum bei Eintreffen der Vorsitzenden ehrfürchtig aufstehen zu lassen. Christine Lauterbach ist die Vorgesetzte, der Alexandra Krismer die militärische Knappheit einer Soldatin verleiht, die weiß, wie Befehlsstrukturen funktionieren und wie diese auch befolgt werden. Berührend ist Frau Franziska Meiser (Silvia Meisterle), die ihren Mann bei diesem fragwürdigen Abschuss verloren hat und nun nichts anderes will als das Handy, auf dem sein letztes SMS zu lesen ist. Wie sie entschieden hätte, das steht allerdings hier nicht zur Debatte.

Pauline Knof als Lara Koch © Erich Reismann

Ruth Brauer-Kvam, Alexander Pschill © Rita Newman

DIE 39 STUFEN Hitchcock hätte sehr gelacht

Die 39 Stufen Ensemble © Rita Newman

Eine grausame Verfolgungsjagd, die schrecklich Spaß macht

Vier Schauspieler mit ungeheurem komischen Talent, mehr sind gar nicht nötig, um einen klassischen Thriller von Alfred Hitchcock auf die Bühne zu stellen. Ruth Brauer-Kvam, Markus Kofler und Boris Pfeifer bestreiten die gesamte Palette von Nebendarstellern des Streifens „The Thirty-Nine Steps“, der 1935 in den Kinos dem Publikum Gänsehaut über den Rücken jagte. Lediglich Alexander Pschill ist von Anfang bis Ende Richard Hennay, der als Folge eines Theaterbesuchs in ein Spionagenetzwerk gerät und um Freiheit und Leben laufen muss. Die Langeweile, unter der bis dahin der reiche Schnösel gelitten hat, hat sich mit einem Schlag verflüchtigt. Er steht über Nacht unter Mordverdacht, balanciert über eine schmale Brücke, rennt durch schottische Sümpfe, schaut in die Mündung eines Pistolenlaufs und flüchtet in Handschellen, gekettet an die schöne, aber unwillige Pamela, in ein abgefracktes Hotel, bevor er am Ende die Machenschaften der Bande mit der (deutschen) Bezeichnung „Die 39 Stufen“ aufdecken kann.

Boris Pfeifer, Markus Kofler © Rita Newman

Spannung pur also, ganz Hitchcock, und trotzdem wird wesentlich mehr gelacht als gefürchtet. Schuld daran ist nicht nur der englische Stückeschreiber Patrick Barlow. Er hat das Drehbuch, das nach einem Roman von John Buchan entstanden ist, für Theater mit kleinen Besetzungen umgearbeitet und daraus ungeniert eine Slapstick-Comedy gemacht.

Der Zuschauer darf raten, wie viele Zitate aus anderen Hitchcock-Filmen eingebaut wurden. Genauso verantwortlich für den genialen Unernst ist aber auch die jeweilige Regie, für die in den Kammerspielen Regisseur Werner Sobotka verantwortlich zeichnet, dazu die Kostüme (Elisabeth Gressel), die den Darstellern den Rollentausch auf offener Bühne erlauben, und eben ein Ensemble, das diese Hetz mit Hitchcock mit entsprechendem Können über die Rampe zaubert.

Die 39 Stufen Ensemble © Rita Newman

An Gags wird nicht gespart. Am Arsch von zwei Statisten (alternierend Robert Hager oder Johannes Kemetter und Felix Krasser) leuchten die Scheinwerfer eines Autos in die Nacht. Der schottische Bauer spricht einwandfrei Tirolerisch, weil der einfach nicht Schottisch kann. In der Station Edinburgh entwickelt sich am Zugfenster ein hinreißender Word-Rap zwischen Reisendem, Zeitungsverkäufer, Bahnhofsvorstand und Polizisten. Ausführende sind wie in den meisten Fällen maximal zwei Personen. Eine Blasmusik marschiert als Marionettentruppe über die Bühne, in die sich unser Held als Triangelspieler einklinkt.

Das Messer im Rücken von Annabella lässt sich praktisch als Steuerung des leblosen Körpers verwenden und so weiter und so fort. Aber wie bei allen guten Witzen, wenn man sie aufzuschreiben versucht, verlieren sie ihre erheiternde Wirkung. Man muss „Die 39 Stufen“ einfach selbst erleben, um sich 2 ¼ Stunden (mit Pause) köstlich zu amüsieren. Man wird dazu bestimmt noch oft Gelegenheit dazu haben, denn diese Parodie auf Hitchcock hat eindeutig Kultcharakter.

Die 39 Stufen Ensemble © Rita Newman

Shakespeare in Love Ensemble © Astrid Knie

Shakespeare in Love: Der große Theaterdichter ganz normal als Mensch

Dominic Oley, Swintha Gersthofer © Astrid Knie

Eine Liebesgeschichte, die Historiker zum Glück nicht widerlegen können

Freilich könnte man sich jederzeit eine DVD ausborgen und sich zuhause den Film „Shakespeare in Love“ unter der Regie von John Madden aus dem Jahr 1998 bei Chips und einem Glas Wein gemütlich reinziehen. Aber was einem da entgeht, weiß man erst, wenn man die gleiche Geschichte in den Kammerspielen gesehen hat. Offenbar wirkt die Person des wohl bedeutendsten Bühnenautors genau so stark wie seine Stücke nur auf den Brettern, die ihm die Welt bedeutet haben. Man weiß sehr wenig über den Mann aus Stratfort-upon-Avon, man kennt nicht einmal sein Gesicht, denn das überlieferte Porträt ist erst Jahre nach seinem Ableben entstanden. Unbegreiflich für ein Genie, das einen Hamlet oder die Königsdramen gleichermaßen wie umwerfend komische Komödien geschrieben hat. Vielleicht war es dieses Loch in der Überlieferung, das Marc Norman & Tom Stoppard dazu bewogen hat, in die paar blutleeren Dokumente, die sein Dasein bezeugen, Leben hinein zu schreiben und den Poeten unvergleichlich lyrischer Sonette als ganz normal kindisch Verliebten zu zeigen.

Shakespeare in Love Ensemble  © Astrid Knie

Was eignet sich dazu besser als die Entstehungsgeschichte von „Romeo und Julia“, dieses in seiner Dramatik unübertroffene Poem auf die Liebe, das alle die Jahrhunderte bis heute noch jedes Herz gerührt hat ohne rührselig zu sein. Dazu kommen noch ein paar Zutaten wie das Verbot von Frauen auf der Bühne, was in unseren Tagen, abgesehen von Transvestitenshows, ausnahmslos für Heiterkeit sorgt, das Faible der herben Königin Elisabeth für Hunde auf der Bühne und eine Schreibblockade des Dichters, die natürlich durch einen Kuss umgehend behoben wird.

Siegrfried Walther, Dominic Oley © Astrid Knie

Fabian Alder hat für die Kammerspiele die Bühnenfassung von Paddy Cunneen (Deutsch von Corinna Brocher) zwar sehr nah am Film, also gemäß dem Drehbuch, und dennoch unglaublich eigenständig inszeniert. Das Bühnenbild von Ines Nadler erlaubt flotte Schnitte und Überblendungen ohne den Zuschauer zu verwirren. Die Kostüme (Frank Lichtenberg) sind üppig und bemühen sich historisch zu erscheinen. Abgesehen von Bierflaschen, die es damals sicher noch nicht gegeben hat, gibt es kaum einen Anachronismus.

Aber wie gesagt, Historiker haben bei einer solchen Produktion zum Glück nichts mitzureden. Die Musik nimmt sich, gespielt von Jörg Reissner auf der Gitarre und Lubomir Gospodinov auf den Reeds, durchaus authentisch aus, so könnten zwei Musikanten im Elisabethanischen Zeitalter geklungen haben.

Therese Lohner, Swintha Gersthofer © Astrid Knie

Das pralle Leben liefern aber die Darsteller; wie es sich für einen Shakespeare eben gehört. Dominic Oley ist der verliebte Dichter, seine Viola De Lesseps Swintha Gersthofer, die auch als Bursch verkleidet eine gute Figur macht. Kit Marlowe (Oliver Rosskopf) wird zwar erstochen, darf aber wieder auferstehen, um seinem Freund William beim Schreiben zur Seite zu stehen – eventuell ein leiser Hinweis auf eine der zahllosen Theorien, dass Shakespeare gar nicht der Autor all dieser Stücke war.

Ein originelles Paar sind Königin Elisabeth (Ulli Maier) und der garstige Wessex (Nikolaus Barton), die trotz ihrer „ernsten“ Rollen wundersam komisch wirken. Ebenso freut man sich, wenn Markus Kofler als Haushofmeister Tilney so richtig den bösen Hofschranzen heraushängen lässt. Sehenswert ist das Ensemble an sich, gemeint sind damit die Schauspieler aus Shakespeares Zeit, die durchwegs erlesen besetzt sind und mit gekonntem Gewurl einen Eindruck vom ganz normalen Chaos hinter einer Bühne vermitteln.

Zusammengehalten wird die Truppe von Henslowe, einem bis zum Eier zwicken geschundenen Theaterdirektor, der schon einiges mitzumachen hat, bevor eine Premiere zustande kommt. Siegfried Walther ist der duldsame Prinzipal, der den Sonderapplaus verdient hat, wenn er als Antwort auf das Ende des als Komödie geplanten „Romeo und Julia“ sarkastisch feststellt: „Da wird sich das Publikum aber biegen vor Lachen.

Shakespeare in Love Ensemble © Astrid Knie

Arsen und Spittzenhäubchen Ensemble © herwig Prammer

ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN Standing Ovations für Marianne Nentwich

Elfriede Schüsseleder, Christian Futterknecht, Marianne Nentwich © Herwig Prammer

Ein Mordsspaß kehrt zurück zur Komödie

Mörderinnen können reizend sein, so nett, dass kein Polizist ihnen eine Untat zutrauen würde. Joseph Kesselring hat sich zwei solche Damen erdacht und daraus ein köstliches Theaterstück gemacht. „Arsen und Spitzenhäubchen“ oder wie es im Original heißt „Arsenic and Old Lace“ wurde als Film weltweit ein Kassenschlager und lebte trotz Schwarz Weiß noch Jahrzehnte im Farbfernsehen weiter. Es ist einfach ein Riesenspaß, dem jungen Mortimer, einem harmlosen Theaterkritiker, dabei zuschauen zu können, wie er fassungslos der offenbar genetisch bedingten Mordlust seiner Familie gegenübersteht. Seine beiden Tantchen Abby und Martha Brewster sind passionierte Giftmörderinnen, die allerdings Stil haben. Erstens werden nur einsame Herren mit entsprechend präpariertem Holunderwein vom traurigen Leben erlöst und zweitens wird ihnen ein würdiges Begräbnis ausgerichtet – im Keller, wo der verrückte Bruder Teddy trotz der Würde als Präsident Roosevelt beim Ausheben von Schleusen für den Panamakanal beschäftigt ist.

Arsen und Spitzenhäubchen, Polizisten und Jonathan (quer) © Herwig Prammer

Der zweite Bruder, das schwarze Schaf in der Familie – er wird wegen seiner Morde von der Polizei gejagt – ist Jonathan. Er musste sich deswegen – welche Schande für eine solche Familie – ein neues Gesicht schnitzen lassen, wobei ihm der windige Dr. Einstein – nicht der Einstein – blöderweise die Visage von Borris Karloff als Frankenstein verpasst hat. Bei den Morden steht es zwischen den Tanten und Jonathan unentschieden: zwölf zu zwölf. Ein tödlicher Einstand in einer mehr als schrägen Competition, die auf jeden Fall entschieden werden muss. Mit derart kriminellen Anlagen kann Mortimer natürlich nicht heiraten, wenngleich der Anreiz dazu in Gestalt von Elaine Harper, der ebenso hübschen wie resoluten Pfarrerstochter von nebenan, durchaus gegeben wäre. Kesselring schafft es, in diesen Berg von Leichen ein Happy End hinein zu zaubern und für Mörderinnen eigene Moralgesetze zu schaffen, die sie von jeder Schuld an ihrem grausigen Tun reinwaschen.

Marianne Nentwich, Martin Niedermair, Elfriede Schüsseleder © Herwig Prammer

In den Kammerspielen ist Regisseur Fabian Alder gemeinsam mit dem Dramaturgen Matthias Asboth vom Film wieder zur Komödie zurückgekehrt. Schwarz ist ein Hilfsausdruck für den Humor, der in dieser Version den Abend beherrscht. Dazu gehört natürlich auch ein entsprechendes Ensemble. Aber bekanntlich gibt es in der Josefstadt keinen Mangel an großartigen Schauspielern, weshalb die doch zahlreichen Rollen (14 Stück) durchwegs erstklassig besetzt werden konnten.

Als Mortimer hat Martin Niedermair einiges durchzumachen, besonders in dem Moment, in dem ihm sein Bruder Jonathan in Gestalt des in seiner Bösartigkeit ungemein komischen Markus Kofler den Garaus machen will. Teddy Brewster (Alexander Pschill) hat als Verrückter natürlich jede Möglichkeit, auch so zu agieren. Seine artistische Tanzeinlage gleich zu Beginn, die rasenden Auftritte mit Trompete oder Schaufel und das Köpfen seiner Puppen und Bären sind Wahnsinn der Extraklasse. Dr. Einstein wird mit Ljubiša Lupo Grujčić tatsächlich ein Arzt keines Vertrauens: schmierig, versoffen und dem aggressiven Jonathan hundemäßig unterworfen.

Das nette Mädel Elaine Harper ist Salka Weber, deren umwerfender Natürlichkeit auch ein von Skrupeln geplagter Mortimer nicht widerstehen kann. Ihr Vater Dr. Harper, der Pastor, ist Félix Kama und die durchwegs geistig unterbelichteten Polizisten sind Oliver Rosskopf, Patrick Seletzky, Oliver Huether und Alexander Strobele. Es gibt auch Kurzauftritte zweier würdiger Herren: Bernd Ander als Mr. Gibbs und Christian Futterknecht als Mr. Witherspoon.

Elfriede Schüsseleder , Marianne Nentwich, Markus Kofler © Herwig Prammer

Als stets fein lächelnde Martha Brewster gewinnt Elfriede Schüsseleder ebenso die Sympathien sowohl der Polizei als auch die der Zuschauer wie Marianne Nentwich in der Rolle von Abby Brewster. Nach der Vorstellung wurde ihr noch auf der Bühne gratuliert.

Man glaubt´s nicht, aber die Nentwich wird demnächst 75. Direktor Herbert Föttinger entschuldigte seine Abwesenheit, indem er eine Laudatio auf diese lang dienende Josefstadtschauspielerin verlesen ließ, als Würdigung für ein Lebenswerk auf den beiden Bühnen dieses Hauses. Der Blumenstrauß war stattlich, die Dankesrede der Gefeierten kurz, aber umso länger der Applaus des Publikums, das seine Nentwich mit Standing Ovations hoch leben ließ.

Ljubiša Lupo Grujčić, Alexander Pschill, Leiche © Herwig Prammer
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