Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Sandra Cervik, Roman Schmelzer © Herwig Prammer

MARY PAGE MARLOWE Das Leben einer Frau als unvorhersehbarer Quilt

Eine Frau Mary Page Marlowe Ensemble © Herwig Prammer

Man kann sich selbst verloren gehen und auf der Suche danach selbstbewusst scheitern

Der US-amerikanische Dramatiker Tracy Letts kennt die Frauen offenbar besser als seine Geschlechtsgenossen. In „Eine Frau Mary Page Marlowe“ zeigt er uns das Leben einer Durchschnittsamerikanerin. Er lässt sie es selbst erzählen und schafft damit das bunte Bild einer Patchworkdecke oder noch zutreffender eines Quilt, das textile Ergebnis einer Handwerkskunst, mit der Mädchen seit der amerikanischen Pionierzeit schon früh bekannt gemacht wurden. Nichts ist daran wirklich aufregend, aber jeder Stoffteil, der nicht entsprechend mit dem anderen vernadelt ist, würde das Ganze unfertig aussehen lassen. Mary Page weiß genau, was sie aus ihrem 90jährigen Leben weitergeben will und verschweigt dabei keineswegs ihre Niederlagen, die sich mit außerehelichen sexuellen Abenteuern und einem fast normalen Familienleben abwechseln. Man erfährt auch, dass sie Alkoholikerin geworden ist, einen Unfall mit 3,2 Promille im Blut gebaut hat und deswegen ins Gefängnis gehen muss. Ihr Sohn Louis, von wem immer der Kleine gezeugt wurde, reißt als Sechzehnjähriger vor ihr aus.

Sandra Cervik © Herwig Prammer

Er versteht sich auch mit dem vermeintlichen Vater nicht, der ihm vorhält, dass er in die Suchtgiftszene geraten ist. Der Psychiater, zu dem Mary Page in ihrer Zerrissenheit Zuflucht nimmt, sitzt ratlos vor einer nach sich selbst Suchenden und hört von ihr Sätze wie: „Ich bin nicht die, die ich bin.“ Aber irgendwie lassen sich die einzelnen Fetzen doch vernähen und zu einem einzigen, im Grund brauchbaren Stück verarbeiten, zu einem Quilt, den man wie übers Bett auch über das gehabte Leben breiten kann.

Gioia Osthoff, Swintha Gersthofer, Johanna Mahaffy © Herwig Prammer

Alexandra Liedtke hat Mary Page mit vier Schauspielerinnen ausgestattet. Abgesehen vom Kind (alternierend Livia Ernst oder Lilly Krainz) spielt das Alter der jeweiligen Darstellerinnen keine Rolle. Sandra Cervik führt die anderen Marys immer wieder in das Geschehen ein. Babett Arens und Johanna Mahaffy machen dank des guten Texts auf der Stelle klar, welche Rolle sie gerade in der Vita dieser Frau übernehmen. Lisa-Carolin Nemec kann sich auf die Rolle der Tochter Wendy konzentrieren.

Abwechselnd sind Johannes Brandweiner und Jona Schneeweis der zehnjährige Louis. Swintha Gersthofer und Gioia Osthoff sind fröhliche Teenager, die mit Mary Page Karten legen und von den Burschen träumen. Der frisch gebackene Kammerschauspieler Martin Zauner ist als Andy ein wahrer Kumpel, der Mary Page Halt verleiht, mehr zumindest als die Ehemänner, die sich von ihr scheiden lassen oder ihr lautstark Vorhaltungen machen wie der biedere Ray (Marcus Bluhm), der nicht begreifen kann, warum seine geliebte Frau nicht mit dem Saufen aufhören will.

Zu ihrem Therapeuten Raphael von Bargen könnte man durchaus Vertrauen haben. Weniger hilfreich ist diesbezüglich ihr Chef, dem Roman Schmelzer mit einem heißen Striptease herrlich komischem Narzissmus verleiht. Ihre Eltern Ed und Roberta sind Nikolaus Barton und Silvia Meisterle; rührend kümmert sich als Krankenschwester Martina Ebm um den Tropf der Neunzigjährigen. Sie alle sind aber nicht mehr als Farbtupfen in einem Quilt, der diese Frau Mary Page Marlowe begleitet hat.

Silvia Meisterle, Nikolaus Barton © Herwig Prammer

Ladykillers Ensemble © Jan Frankl

LADYKILLERS Reizende Neuauflage eines Schmunzel-Klassikers

André Pohl (Professor Marcus), Marianne Nentwich (Mrs. Margaret Wilberforce) © Erich Reismann

Die traurige Geschichte von fünf Gangstern, die blöder sind als die Polizei erlaubt

Selbstverständlich kann keiner von den vieren ein Musikinstrument spielen. Weil es dem Superhirn Prof. Marcus aber eingefallen ist, unter der Deckung eines Streichquartetts einen Geldtransport zu überfallen, werden die Burschen mit Violinen, Bratsche und Cello ausgerüstet. Das Playback besorgen ein Plattenspieler und eine Aufnahme des Ohrwurm-Menuetts von Luigi Boccherini. „Geprobt“ wird hinter verschlossener Tür im furnished Bedroom, der extra für diesen Coup bei Mrs. Margaret Wilberforce gemietet wurde. Deren windschiefes Haus liegt strategisch äußerst günstig. Der Bahnhof ist keine 200 Meter weit weg und die Sicht vom Fenster auf den späteren Tatort phänomenal. Die alte Dame ist von den Musikdarbietungen angetan und lädt sogar ihre Freundinnen zu einem Konzert ein. Wie man aber seit den Filmen und zahlreichen Produktionen auf Theaterbühnen weiß, stellt sich das geniale Konzept als zu kompliziert heraus. Spätestens dann, wenn es darum geht, die Alte zu beseitigen, versagen die Kleinkriminellen kläglich und bringen sich um Lohn und Leben.

Alexander Strobele (Mr. Thomson) Marianne Nentwich (Mrs. Margaret Wilberforce) © Erich Reismann

Nachdem Mrs. Wilberforce die örtliche Polizei bereits zuvor mit UFO-Sichtungen geplagt hat, will auch die nichts davon wissen und der Schatz bleibt einzig und allein der netten Witwe. Ob sie den stattlichen Haufen Geld mit ihrem geschwätzigen Vogel teilt, ob sie mit ihrer Damenrunde eine Kreuzfahrt macht oder was sie sonst damit anfängt, lässt William Rose, der Autor dieser Komödie, im Dunkeln.

Ladykillers Ensemble © Erich Reismann

Wenn „Ladykillers“ in den Kammerspielen angesagt ist, sind die Erwartungen entsprechend hoch – und werden mehr als erfüllt. Cesare Lievi schafft es in seiner Inszenierung, dem alten Stoff eine ganze Menge Neues zu entlocken. Gespielt wird auf einer Ebene. Lediglich die Deckenlampen lassen den Zuseher wissen, ob er sich im Wohnzimmer herunten oder im „Musikzimmer“ im ersten Stock befindet. Sie blinzeln bedenklich, wenn der fahrplanmäßige Güterzug unter dem Haus durchdonnert.

Ein mutiger Gag ist auch die Lifedarbietung, mit der gekonnt der täglich ab 23.05 Uhr bis Mitternacht die Ohren von Radio Ö1 nervende Zeitton verarscht wird. Nach einer bewegenden Erklärung des Professors, warum es sich bei dieser Kakophonie um Musik handelt, wird auf Teufel komm raus auf den Geigen geschruppt, ohne den bemitleidenswerten Instrumenten auch nur einen geraden Ton zu entlocken.

Ladykillers Ensemble © Erich Reismann

Das Ensemble ist nicht weniger ein Best of der komischen Könner der Josefstadt. Alexander Strobele gibt den überaus hilfsbereiten Polizisten Mr. Thomson, der seinem Schützling Mrs. Wilberforce regelmäßig den Regenschirm nachbringt, dafür ein Glas Portwein serviert bekommt und erforderlichenfalls für die als Geldbotin eingesetzte alte Dame sogar den Koffer mit der Beute ins Haus transportiert. Sein Job ist offenbar Freundlichkeit. Als Verdachtschöpfer ist er unbrauchbar.

Wenn ihm die Gang unter der Leitung des „Kapellmeisters“ Professor Marcus (André Pohl) gegenübersteht, kommt ihm nicht im Entferntesten die Idee, dass es sich bei diesen schrägen Herren um Verbrecher handeln könnte. Es gäbe dazu allerdings eine Menge guter Gründe, zum Beispiel Siegfried Walther. Sein Major Courtenay lässt jede militärische Erscheinung vermissen und ist dennoch ein nicht unsympathischer „Bratschist“, der es liebt, in Frauenkleidern zu tanzen. Der beim Überfall als Eisenbahner verkleidete Harry Robinson (Martin Zauner) ist die solide Umsetzung eines Ganoven, wie man ihm in den Hinterzimmern eines guten Kaffeehauses beim Stoß begegnen könnte. Eine elementare Naturerscheinung der besondern Art ist der bärenstarke One-Round, dem ein ausgestopfter Wojo van Brouwer in rührender Weise gottgeschenkte Dummheit angedeihen lässt.

Markus Kofler, einer der großen Komiker, dessen gewaltiges Talent lediglich noch nicht ganz entdeckt ist, webt als messerscharfer Louis Harvey durch das Geschehen. Sie alle scheitern in ihrem Vorhaben, auf die krumme Tour reich zu werden, an Mrs. Wilberforce. An Marianne Nentwich kommt man bei dieser Rolle auch nicht vorbei. Wer sonst, als diese Grande Dame des Theaters, könnte so bescheiden und hilflos wirken wie sie und es dennoch faustdick hinter den Ohren zu haben.

Alexander Strobele (Polizist), Schatten von Mrs. Wilberforce © Erich Reismann

Acht FRauen Ensemble © Jan Frankl

ACHT FRAUEN und trotzdem ein herrlicher Abend

Silvia Meisterle (Louise) © Sepp Gallauer

Soviel Schändlichkeit im trauten Verband einer einzigen Familie?!

„Verraten Sie bitte nicht das Ende des Stückes...“ ersucht Robert Thomas in einem offenen Brief die Zuschauer. Dieser Wunsch ist bestimmt gut gemeint, aber sein Bühnenkrimi „Acht Frauen“ ist zu gut bekannt, um noch eine Überraschung zu bieten. Gemeint ist dabei natürlich nur die Handlung, die bei der Premiere am 8. November 2018 in den Kammerspielen als bekannt vorausgesetzt werden durfte. Das Stück wird oft gespielt und war als Film ein vielgesehener Streifen. Spannender war da schon die Inszenierung. Was kann der einzige Mann, Regisseur Herbert Föttinger, diesen acht Damen noch Neues abgewinnen? Das Bühnenbild ist das geräumige Wohnzimmer einer eleganten Villa (Ece Anisoglu) und damit zwar ungemein stimmig, aber nicht sonderlich originell. Das Gleiche gilt für die Kostüme (Birgit Hutter), die sauber passend den einzelnen Charakteren angemessen sind. Für einen bitter kalten Wintertag in der Einsamkeit verschneiter Wildnis bewegen sich die Trägerinnen erstaunlich sicher mit High Heels ohne auszurutschen von draußen nach drinnen und umgekehrt.

Sandra Cervik (Augustine) © Sepp Gallauer

Dabei vergessen sie ganz darauf, die in solch luftig duftiger Fußbekleidung normalerweise frierenden Zehen warm zu reiben. Aber das sind Kleinigkeiten, die man gerne übersieht. Ein klangvoller Beitrag dazu ist zweifellos die Musik von Christian Frank. Er hat jeder Darstellerin ein Chanson maßgeschneidert und dazu gruselige Klänge kreiert, die im richtigen Moment für Gänsehaut sorgen sollen.

Acht Frauen Ensemble © Sepp Gallauer

Die Damencrew lässt nichts zu wünschen übrig. Bekanntlich könnte jede von ihnen die Mörderin von Marcel sein. Was tut sich der Mann auch acht Frauen an?! So ein Harem muss erst verwaltet werden. Gut, Mamy (Marianne Nentwich) scheidet schon aus Altersgründen als Bettgenossin ihres Schwiegersohnes aus. Ihre subtile Komik, mit der sie sich vom Rollstuhl aufgrund eines Weihnachtswunders zur flotten Geherin wandelt, ist große Schauspielkunst einer Grand Dame des Theaters.

Ihrer Heldin verzeiht man gern, dass diese ihre Lieben mit Geiz und Giftmischerei an den Rand des Abgrunds bringt. Susa Meyer ist als Gaby die souveräne Gattin des Mordopfers. Zum treu sein ist sie einfach zu attraktiv und überrascht mit sexuellen Anlagen, die man nie in dieser Dame vermutet hätte. Bei der Wandlung behilflich ist ihre Schwägerin Pierrette (Pauline Knof), eine Lebedame, die ein bisschen Bi mit der biederen Köchin Madame Chanel (Isabella Gregor) genießt.

Dass soviel Freizügigkeit die Jungen verderben könnte, ist aufgrund mehrerer Umstände zu vernachlässigen. Eine burschikose Anna Laimanee als pubertierende Catherine hat damit das geringste Problem und deren Schwester Susanne (Swintha Gersthofer) ist ohnehin von ihrem Ziehvater schwanger. Als wahre Sexbombe erweist sich Silvia Meisterle als Dienstmädchen Louise, die es in jeder Beziehung drauf hat, Männer wie Marcel narrisch zu machen. Reizwäsche unter dem braven schwarzen Kittel einer dienstbaren Angestellten ist zwar auch Klischee, aber anregend und hübsch. Sandra Cervik ist kaum wieder zu erkennen. Als alte Jungfer Augustine, Gabys Schwester, ist sie unübertroffen, wenn es darum geht, Lacher einzusammeln. Mit Nerd-Brille, altmodischer Kleidung und einer Frisur, für die jedem Figaro die Konzession entzogen werden müsste, lebt sie zwangsläufig ihre unerfüllten Leidenschaften im Kreise einer Familie, die eine derart trockene und dabei erfrischend witzige Kommentatorin allgemeiner Schändlichkeiten im Grunde gar nicht verdient hat.

Swintha Gersthofer (Susanne) © Sepp Gallauer
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