Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Vorname Ensemble © Herwig Prammer

DER VORNAME und andere Streitthemen unter guten Freunden

Der Vorname Ensemble © Herwig Prammer

Witzig-pointiertes Kramen in den verborgenen Ecken des Lebens

Matthieu Delaporte und Alexandre de La Patellière sind Franzosen. Wenn beide auch erst 1971 geboren sind, so ist ihnen dennoch der Vorname Adolf der Inbegriff für das Böse schlechthin. Dass es sich bei Adolphe auch um den Helden eines nach ihm benannten französischen Romans handeln könnte, kommt bestenfalls einem Literaturexperten in den Sinn. Aber um genau einen solchen handelt es sich bei Pierre Garaud (Marcus Bluhm), der seine Lieben zu einem orientalischen Essen zu sich eingeladen hat. Zubereitet wird der Schmaus natürlich von seiner Gattin Elisabeth (Susa Meyer). Claude Gatignol (Oliver Rosskopf) ist der erste, der mit Posaune und im Frack erscheint, denn er kommt direkt von einem Konzert. Er ist durch eine Herzensfreundschaft mit Elisabeth verbunden. Sie, ihr Mann und Claude kennen einander schon seit der Kindheit, entsprechend vertraulich ist der Umgang miteinander. Nach ihm hat der Bruder der Hausfrau seinen großen Auftritt. Vincent Larchet (Michael Dangl) ist ein Spaßvogel, dessen Witze für einen ganzen Abend Grund zu Streitereien geben.

Susa Meyer (Elisabeth) © Herwig Prammer

Seine erste Enthüllung betrifft seinen noch ungeborenen Sohn, der ausgerechnet Adolphe heißen soll. Was in einer österreichischen Runde bestenfalls zu Kopfschütteln führen würde, ist in Paris die absolute Verletzung eines Tabus. Vincent treibt seine fiesen Scherze auch dann noch weiter, als Anna Caravati (Michaela Klamminger), die Mutter seines Kindes, zur Gesellschaft stößt. Durch dieses Treiben werden nach und nach Geheimnisse gelüftet, die absolut nicht so köstlich munden wie die wohlgeratene Rindfleisch-Tajine und der sorgfältig dekantierte Rotwein und zu sehenswert emotionalen Ausbrüchen aller Beteiligten führen.

Marcus Bluhm (Pierre Garaud), Michael Dangl (Vincent Larchet) © Herwig Prammer

Regisseur Folke Braband hat diese Komödie für die Kammerspiele in erfrischend französischer Leichtigkeit umgesetzt. Er lässt die Zuschauer quasi erste Reihe fußfrei über nicht wirklich ernsthafte Konflikte lachen. Dass es ernsthaft Spaß macht, dafür sorgen die Darsteller aus bestem Josefstadtstall. Man vergisst, dass man im Theater sitzt, so natürlich bewerfen sich die Diskutanten mit ihren Problemchen, über die man sich im eleganten Wohnzimmer der Familie Garaud (Bühnebild: Tom Presting) allzugerne amüsiert.

Sandra Cervik, Roman Schmelzer © Herwig Prammer

MARY PAGE MARLOWE Das Leben einer Frau als unvorhersehbarer Quilt

Eine Frau Mary Page Marlowe Ensemble © Herwig Prammer

Man kann sich selbst verloren gehen und auf der Suche danach selbstbewusst scheitern

Der US-amerikanische Dramatiker Tracy Letts kennt die Frauen offenbar besser als seine Geschlechtsgenossen. In „Eine Frau Mary Page Marlowe“ zeigt er uns das Leben einer Durchschnittsamerikanerin. Er lässt sie es selbst erzählen und schafft damit das bunte Bild einer Patchworkdecke oder noch zutreffender eines Quilt, das textile Ergebnis einer Handwerkskunst, mit der Mädchen seit der amerikanischen Pionierzeit schon früh bekannt gemacht wurden. Nichts ist daran wirklich aufregend, aber jeder Stoffteil, der nicht entsprechend mit dem anderen vernadelt ist, würde das Ganze unfertig aussehen lassen. Mary Page weiß genau, was sie aus ihrem 90jährigen Leben weitergeben will und verschweigt dabei keineswegs ihre Niederlagen, die sich mit außerehelichen sexuellen Abenteuern und einem fast normalen Familienleben abwechseln. Man erfährt auch, dass sie Alkoholikerin geworden ist, einen Unfall mit 3,2 Promille im Blut gebaut hat und deswegen ins Gefängnis gehen muss. Ihr Sohn Louis, von wem immer der Kleine gezeugt wurde, reißt als Sechzehnjähriger vor ihr aus.

Sandra Cervik © Herwig Prammer

Er versteht sich auch mit dem vermeintlichen Vater nicht, der ihm vorhält, dass er in die Suchtgiftszene geraten ist. Der Psychiater, zu dem Mary Page in ihrer Zerrissenheit Zuflucht nimmt, sitzt ratlos vor einer nach sich selbst Suchenden und hört von ihr Sätze wie: „Ich bin nicht die, die ich bin.“ Aber irgendwie lassen sich die einzelnen Fetzen doch vernähen und zu einem einzigen, im Grund brauchbaren Stück verarbeiten, zu einem Quilt, den man wie übers Bett auch über das gehabte Leben breiten kann.

Gioia Osthoff, Swintha Gersthofer, Johanna Mahaffy © Herwig Prammer

Alexandra Liedtke hat Mary Page mit vier Schauspielerinnen ausgestattet. Abgesehen vom Kind (alternierend Livia Ernst oder Lilly Krainz) spielt das Alter der jeweiligen Darstellerinnen keine Rolle. Sandra Cervik führt die anderen Marys immer wieder in das Geschehen ein. Babett Arens und Johanna Mahaffy machen dank des guten Texts auf der Stelle klar, welche Rolle sie gerade in der Vita dieser Frau übernehmen. Lisa-Carolin Nemec kann sich auf die Rolle der Tochter Wendy konzentrieren.

Abwechselnd sind Johannes Brandweiner und Jona Schneeweis der zehnjährige Louis. Swintha Gersthofer und Gioia Osthoff sind fröhliche Teenager, die mit Mary Page Karten legen und von den Burschen träumen. Der frisch gebackene Kammerschauspieler Martin Zauner ist als Andy ein wahrer Kumpel, der Mary Page Halt verleiht, mehr zumindest als die Ehemänner, die sich von ihr scheiden lassen oder ihr lautstark Vorhaltungen machen wie der biedere Ray (Marcus Bluhm), der nicht begreifen kann, warum seine geliebte Frau nicht mit dem Saufen aufhören will.

Zu ihrem Therapeuten Raphael von Bargen könnte man durchaus Vertrauen haben. Weniger hilfreich ist diesbezüglich ihr Chef, dem Roman Schmelzer mit einem heißen Striptease herrlich komischem Narzissmus verleiht. Ihre Eltern Ed und Roberta sind Nikolaus Barton und Silvia Meisterle; rührend kümmert sich als Krankenschwester Martina Ebm um den Tropf der Neunzigjährigen. Sie alle sind aber nicht mehr als Farbtupfen in einem Quilt, der diese Frau Mary Page Marlowe begleitet hat.

Silvia Meisterle, Nikolaus Barton © Herwig Prammer
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