Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Rudolf Pfister (Romeo), Dagmar Truxa (Julia) ©

ES WAR DIE LERCHE oder doch die Nachtigall? – Ein Ehestreit!

Es war die Lerche Ensemble © Komödie am Kai

Ein heiteres Trauerspiel über zwei legendäre, aber alt gewordene Liebende

So eine Ende hätte sich der Theaterdirektor seinerzeit gewünscht, als ihm Shakespeare den Ausgang von Romeo und Julia erzählt hat und er nur gallig bemerken konnte, dass sich das Publikum dabei aber vor Lachen biegen wird. Hunde und Spaßmacher hätte sich die Königin gewünscht, nicht zwei tote junge Leute, die so verliebt waren, dass heute noch bei guten Inszenierungen dieses Stücks der Taschentuchverbrauch sprunghaft ansteigt. Ephraim Kishon konnte sogar darüber lächeln, weil ihm eine großartige Idee gekommen war. Er ließ Julia einfach rechtzeitig erwachen und damit zwei tragische Selbstmorde in der Theatergeschichte ausfallen. Sein Stück beginnt einfach einige Jahrzehnte später. Romeo und Julia sind verheiratet und haben als alte Eheleute jede Romantik verloren. Täglich grüßt der Streit, ob es die Lerche war, die für Romeo an der nunmehrigen Misere schuld ist, oder nicht doch die Nachtigall, wie Julia behauptet. Im Grunde gibt es keine größere Tragödie als ein desillusioniertes Paar, das für Generationen von Menschen zum Inbegriff der Liebe geworden ist.

Rudolf Pfister (Romeo), Dagmar Truxa (Julia) ©

Der meisterhafte Satiriker Kishon versteht es aber dennoch, die Leute mit diesem Jammer zum Lachen zu bringen. Die Zuschauer finden sich verlässlich in den beiden Hauptgestalten. Lockenwickler auf dem Kopf der schlafenden Julia sind gerade so sexy wie die Ratlosigkeit Romeos, wenn sie eine morgendliche Umarmung von ihm begehrt. Er verdient zu wenig Geld, um ihr ein Hausmädchen anstellen zu können, sie kocht ihm zur Revanche ungenießbaren Kaffee. Wo geht´s denn anders zu als bei den beiden überwuzzelten Montagues?! Die Tochter ist auf Negativtrip und als Besucher kommen bestenfalls der senile Pater Lorenzo und die schwerhörige Amme. Aber halt! Überraschend erscheint der Geist von William Shakespeare persönlich, mit dem sich pointierte Streitgespräche über Sinn und Unsinn seiner Stücke entwickeln. Es gipfelt darin, dass er zugibt, nicht der Autor der großen Dramen zu sein. Geschrieben hätte sie in Mann gleichen Namens.

 

Spaß ist also garantiert, wenn unter der Regie der Prinzipalin Sissy Boran diese Farce in der Komödie am Kai gegeben wird. Von drei Schauspielern werden sechs Rollen bestritten. Rudolf Pfister ist Romeo und verwandelt sich in Windeseile zum steinalten Mönch Pater Lorenzo. Seine Julia (Dagmar Truxa) wird im Handumdrehen, beziehungsweise kurzem Abtreten zur eigenen Tochter mit blauen Haaren und zur Amme. Der einzige, der sich mit einer Figur bescheiden muss, ist Rafael Witak, der von Babsi Langbein (Kostüme) in ein perfekt sitzendes Outfit des 17. Jahrhunderts gesteckt wurde. Ort & Zeit der Handlung ist immerhin Verona anno 1623.

Zur Musikbegleitung von Kurt Gold-Szklarski wird gesungen, zum Beispiel das Meisterwerk einer Canzone d´amore auf den Thermophor, in den sich Romeo verknallt hat. Neben aller Unterhaltung gibt´s auch was zum Lernen, denn Kishon lässt bei jedem Satz sein ungeheures Wissen um Shakespeare aufblitzen, zwar augenzwinkernd, aber doch so deutlich, dass man selbst zum Schatzgräber im eigenen Gedächtnis wird, wenn die anderen bereits lachen, während man selbst noch über die Pointe nachsinniert.

Rudolf Pfister (Romeo), Dagmar Truxa (Amme) ©

Theater-Wahnsinn Ensemble © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

THEATER-WAHNSINN?! Revue für vier leidenschaftliche Komödianten

Theater-Wahnsinn Ensemble © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Hinter allem Lachen das emotionale Bekenntnis zu einem Leben für die Bühne

Wer einmal davon infiziert ist, bleibt von dieser „Krankheit“ lebenslang befallen. Gemeint ist das Theater, das bekanntlich keinen mehr loslässt, der sich unvorsichtig zu intensiv damit eingelassen hat. Das Gefühl, die Menschen da draußen im dunklen Zuschauerraum zu spüren, diese direkte Verbindung zum Publikum aufzubauen, ist rational schwer erklärbar. Und doch weiß der Schauspieler auf geheimnisvolle Weise, wie er unten ankommt. Der Applaus ist zwar die Bestätigung dafür, aber noch mehr ist er ein Suchtmittel, ohne das sich ein Leben nicht mehr lohnt. Einem Schauspieler kann man schonungslos alles sagen, aber nur das Beste, ist ein geflügeltes Wort in diesen Kreisen. Schließlich trägt er jeden Abend sein Haut zu Markte und ist dementsprechend empfindlich, zum Beispiel auf Kritik, und sei sie noch so gut gemeint. Daher ist auch in der schreibenden Zunft Vorsicht geboten, was man zu einem neuen Stück sagt. Aber noch schlimmer ist es, wenn der vom Theatervirus Befallene vielleicht gerade kein Engagement hat und zusehen muss, wie andere auf der Bühne stehen und spielen dürfen.

Peter Kuderna, Sissy Boran © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

„Theater-Wahnsinn?!“ schlägt genau in diese Kerbe. Sissy Boran, unerschütterliche Prinzipalin der Komödie am Kai, hat gemeinsam mit ihrer rechten Hand Andrea Eckstein eine Revue aus Chansons und bewährten Sketches zusammen gestellt, die hinter allem Lachen, das sie einen Abend lang bietet, ein emotionales Bekenntnis zu einem Leben auf der Bühne ist. Im Grunde ist es eine berührende Story, die das dennoch erfüllte Dasein einer Provinztruppe abseits der großen Bühnen erzählt.

Theater-Wahnsinn Ensemble © Komödie am Kai / Andrea Eckstein

Boran selbst als Luise Sommer schildert authentisch und sehr persönlich, was ihre Heldin bewegt, ein Theater zu führen. In feinen Zwischentönen lässt durchschimmern, dass ein solches Unterfangen alles andere als ein Honiglecken ist. Aber, so sagt sie an einer Stelle, „es ist wie ein Wunder“, das täglich passiert. Sie lernt ihren Waldemar kennen, alles andere als ein Traummann, doch, wie schon der alte Schlager sagt, liebt sie ihn. Hochachtung für Peter Kuderna, der als Waldemar Sommer tapfer die Mühen des Tingelns mit seiner Luise teilt.

Otto Hupfauf, ein Trafikant, lässt sich trotz garantierter Talentlosigkeit nicht davon abhalten, als Mitglied dieses Ensembles in Wirtshaussälen und Volksheimen aufzutreten. Victor Kautsch ist ein Komödiant ohne Rücksicht auf sich selbst. Mit zusammen gezwickten Beinen und einer Rolle Klopapier steht er vor dem besetzten Häusel und rezitiert in seiner Not wie einer vom Burgtheater den Monolog „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ aus Shakespeares Hamlet.

Ganz im Gegensatz zu Otto lässt Luna Soleil (Bernadette Mezgolits) keinen Zweifel offen, dass sie alles kann, was eine Schauspielerin braucht. Sie kann großartig tanzen, singen und spielen, dazu schaut sie noch ungemein verführerisch aus. Kein Wunder, dass es eine Weile dauert, bis die Chefin der Truppe einwilligt, dass man die junge Dame ins Ensemble holt. Wenn es dann aber so weit ist, dann steht einem vergnüglichen Abend voll „Theater-Wahnsinn“ nichts mehr im Wege.

Victor Kautsch © Komödie am Kai / Andrea Boran

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