Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Bildtext unter dem Foto

Babrara Propst, Exposure #80: Munich studio 08 09 10, 12:58 pm 2010 © Barbara Propst/Bildrecht, Wien, Courtesy Galerie Sabine Knust, München

STILLLEBEN. EIGENSINN DER DINGE Einladung zur Beschaulichkeit

Andrea Witzmann, In der Fülle der Zeit 4, 2012, © Andrea Witzmann

Beispiele für die Entfernung der Fotokunst von der Angewandten

Ein Tableau mit Blumenstöckeln wurde einfach hochkant gestellt und, oh Wunder, die Töpferln mit ihrer bunten Pracht fallen nicht zu Boden. Hans-Peter Feldmann hat für die entsprechende Befestigung gesorgt und zieht mit den „Flower Pots“ (2008) gleich beim Eingang in die Ausstellung „Stillleben. Eigensinn der Dinge“ (bis 17. Februar 2019) die Besucherblicke auf sich. Es handelt sich ganz wie bei Daniel Spoerri um eine dreidimensionale Arbeit, zählt aber dennoch zum Œuvre dieses deutschen Konzeptkünstlers, der sich seit 1968 intensiv mit Fotografie beschäftigt. Die übrigen 25 Kunstfotografen beschränken sich dagegen auf die zwei Dimensionen eines Abzugs. Die Positionen sind unterschiedlichster Art. Sie reichen von still vor sich hindämmerndem Chaos (Annette Kelm mit Welcome aus 2016) über liebevoll komponierte Märchenbilder (Lucie Stahl hat 2016 in End of Tales raffiniert einen Totenschädel hinter Rosen verborgen) bis zu meditativen Fotos, deren winzige Motive bewusst in großen Formaten versteckt wurden (Laura Letinsky, die Weinbeeren auf weißem Tischtuch mit Untitelt #117 benamst).

Lucie Stahl, End of Tales 2017 © Lucie Stahl, Courtesy Freedman Fitzpatrick, Paris

Dennoch stehen sie alle in der Tradition des Stilllebens, das im 17. und 18. Jahrhundert von den Barockmalern entdeckt wurde und die in üppigen Arrangements erlegtes Wild, reich gedeckte Tafeln und prächtige Blumensträuße dargestellt haben. Den deutlichsten Bezug liefert dafür Andrea Witzmann auf „In der Fülle der Zeit 4“ mit ausgegessenen Muscheln und einer vertrockneten Grapefruit. Damals wie heute war und ist es der Stolz jedes Künstlers, Details bis zum Spiegeln eines Glases oder des vertrockneten Randes eines Stücks Obst mit Fliege darauf sichtbar zu machen. Stillleben erfordern vom Betrachter Zeit, um alle diese Feinheiten zu entdecken. Der Wille zur Beschaulichkeit sollte auch beim Besuch des Hundertwasserhauses mitgenommen werden, wenn auch ob des unebenen Bodens bald die Beine schmerzen.

Neben allen Betrachtungen kunstvoll abgelichteter Stillleben wird allerdings die Food-Photography sehr stiefmütterlich behandelt. Eine abgelegte Jacke wie bei Andrzej Steinbach oder ein alter Plattenspieler (Laura Letinski) mag tiefgründig wie nur was sein.

Bei einer meisterhaft fotografierten Käseplatte, wie sie in einem Video am Beginn des Rundgangs fürs Foto appetitlich angerichtet wird, läuft einem neben dem himmlischen Kunstgenuss ganz irdisch das Wasser im Mund zusammen. Ein solches Stillleben erfüllt damit nicht nur den Anspruch auf Information und technische Perfektion, sondern schafft auch auf der emotionalen Ebene Reaktionen und hat damit alles, was ein gestandenes Kunstfoto von einem Schnappschuss unterscheidet.

Andrzej Steinbach, Untitlet (wet jacket) Aus ordinary Stones 2016 © Andrzej Steinbach
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