Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ich bin alles zugleich Ausstellungsansicht © Christian Redtenbacher

LANDESGALERIE NÖ Sehnsuchtsräume für die Kunstsammlung

Landesgalerie NÖ Außenansicht © Faruk Pinjo

Ein Prachtbau beherrscht ab jetzt Krems Und Stein als Leuchtturm an der Donau

Man wird sich an den architektonisch gewagten Pyramidenstumpf gewöhnen. Den Schöpfern dieser mächtigen, undurchdringlich scheinenden Mauern wird freilich Harmonie aus Tradition und Moderne zugestanden. Die Vorarlberger Architekten Bernhard und Stefan Marte haben, so heißt es seitens der Bauherren, an die Leistungen der vergangenen Jahrhunderte angeknüpft und ihr Werk kühn in das Stadtbild eingefügt. Von einem sich in die Höhe schraubenden Monolithen ist die Rede, der sich vom historischen Stadtkern zur Donau streckt. Das monumentale Äußere ist freilich wichtig, um der vis-à-vis liegenden Kunsthalle in der ehemaligen Tabakfabrik und dem benachbarte Karikaturmuseum den eigentlichen Rang zuzuweisen, den sie nun gegenüber der landesherrlichen Galerie einzunehmen haben.

 

Auf fünf Ebenen stehen 3.000 m2 Ausstellungsfläche zur Verfügung, die aufgrund offener weiter Räume zeitgemäße Präsentationsformen ermöglichen; das heißt: perfektes Licht und die entsprechende Technik.

Egon Schiele, Selbstporträt mit Pfauenweste, 1911, Ernst Ploil, Wien

Auf der obersten Etage öffnet eine Terrasse den Blick zur Donau, zu dem auf seinem Berg thronenden Stift Göttweig und durch eine Glaskonstruktion auf die Dächer der historischen Stadt Stein. Der Begriff „Tor zur Wachau“ erhält damit eine neue Bedeutung. Für die Radfahrer ist es, wenn sie flussabwärts pedalieren, die Ausfahrt aus dieser einzigartigen Gegend, für die bequemeren Besucher der Eintritt in das von pittoresken Weinterrassen begleitete Engtal, das sich der Strom in Jahrmillionen gegraben hat.

Ekaterina Sevrouk, Blick auf Weissenkir-chen, 2018, Privatbesitz © Ekaterina Sevrouk

Dieses Bedürfnis diskutiert eine der ersten Ausstellungen anlässlich der Eröffnung am 25. Und 26. Mai 2019. Es geht um „Sehnsuchtsräume“, die mit „berührter Natur und besetzten Landschaften“ (bis 19. April 2020) kritisch ausgeleuchtet werden. Landschaftswahrnehmung und –darstellung gelten als Projektionsfläche von Sehnsüchten und Wünschen, Träumen oder auch Albträumen, wird dem Betrachter als Gebrauchsanweisung zum großartigen Schauerlebnis mitgegeben.

Kurator Günther Oberhollenzer war bei der Auswahl der vorhandenen Bilder, die sich zu diesem Thema in der Sammlung des Landes Niederösterreich befinden, vor einem gewaltigen Angebot gestanden. Er konnte dem Angebot nicht widerstehen und hat, um möglichst viel unterzubringen, auf die Petersburger Hängung zurückgegriffen. Das heißt, Gemälde hängt an Gemälde und stellt sich dem Blick im ersten Moment als Gesamtbild dar. Erst mit dem Nähertreten öffnen sich die einzelnen Darstellungen.

Ich bin alles zugleich Ausstellungsansicht ©  	Christian Redtenbacher

Durch die Pappelallee nach dem Gewitter von Emil Jakob Schindler (1892) betritt man die „romantische Landschaft“, ergeht sich in der Idylle, die in die vier Jahreszeiten eingeteilt ist und einfach das Bedürfnis erzeugt: Dort möchte ich hin! Frühling an der Donau, Sommer in Dürnstein, Waldweg bei Plankenberg im Herbst und Weißenkirchen im Winter wurden von den seinerzeit erstmals in die Natur ausrückenden Malern derart anziehend wiedergegeben, dass sie bis heute auf´s Gemüt mächtig wirken.

Im Grund heißt es dasselbe, wenn im nächsten Teil von „malerischer Landschaft“ die Rede ist. Angesichts der „Zerfallenden Mühle“ oder dem (hier erstmals öffentlich gezeigten) „Wildbach“ von Egon Schiele bemerkt man jedoch sofort den Unterschied, der zwar von einer „Partie aus dem Kremstal“ von Olga Wisinger-Florian oder der „Ernte in Niederösterreich“ von Josef Dobrowsky abgemildert wird. „Kulturlandschaft“ rückt den Begriff der unberührten Natur zurrecht. Ohne „die Plackerei“, wie sie im Katalog angesprochen wird, wäre unser Land von undurchdringlichen Wäldern überzogen und wenig reizvoll. Fotos von Franz Hubmann laden in blühende Mohnfelder ein, unspektakuläre Aufnahmen von Werner Huthmacher zeigen das Land in seinem jeweiligen Status quo. Dieser kann leicht zur „konditionierten Landschaft“ werden, wie sie beispielsweise Robert F. Hammerstiel in seiner Serie „Make Yourself at Home VII“ mit leiser Ironie abgelichtet hat.

Die „grenzenlose Landschaft“ genießen wir seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Dieses Kapitel ist mit etlichen zeitgenössischen Positionen besetzt, unter anderem mit der Frage von Iris Andraschek und Hubert Lobnig in ihrer Installation „Wohin verschwinden die Grenzen?“ Zuletzt geht es um die „fremde Landschaft“, die aus Reisemitbringseln von Michael Wutky oder Anton Faistauer besteht, aber von der Fotografin Ekaterina Sevrouk in „Fremd bin ich eingezogen“ mit von unseren schönsten Orten irritierten Flüchtlingen auf den Punkt gebracht wird.

Heinz Cibulka, Fotografische Bildgesichte aus dem südl. Wiener Becken 1977

Mit weiteren vier Ausstellungen ist die Landesgalerie NÖ in ihr Bestehen gestartet. Im Erdegeschoß hat Renate Bertlmann unter dem Motto „Hier ruht meine Zärtlichkeit“ Platz für ihre von kämpferischem Feminismus geprägten Arbeiten gefunden. Darüber gibt es unter „Ich bin alles zugleich“ Selbstdarstellungen von Schiele bis heute, die der Frage nachgehen, wie weit sich die Individualität des Menschen überhaupt einfangen lässt. Ähnliches fragt sich der einstige Aktions- und Objektkünstler bei den Wiener Aktionisten, jetzt Fotograf, Heinz Cibulka im obersten Stock, wenn er seine poetischen Fotogedichte mit „Bin ich schon ein Bild?“ tituliert. Seit den 1990er-Jahren hat er sein Schaffensspektrum erweitert. Er konzentriert sich auf Bildcollagen, die nun elektronisch mittels eines Tabletts seitens der Besucher in spannender Weise aufgelöst werden können.

Auf dem Weg von der Kunsthalle in die Landesgalerie trifft man unter der Erde auf den Sammler Franz Hauer. 1867 in Weißenkirchen geboren, wuchs er in Armut auf und überlebte als Hotelknecht in Krems. Eine glückliche Fügung bescherte ihm das Griechenbeisl in Wien, mit dem er schließlich ein Vermögen machte. Dieses wiederum setzte er in Gemälde um. Beherrschend sind Schlüsselwerke von Albin Egger-Lienz, der ihn beim Kauf beriet. Dass dabei Oskar Kokoschka das Missfallen des Tiroler Meisters fand, störte Hauer nicht. Er kaufte und schuf damit eine Sammlung, die eindrucksvoll den österreichischen Expressionismus dieser Tage spiegelt und einen nicht zu überschätzenden Teil der Kunstsammlung und damit der Landes Galerie Niederösterreich darstellt.

Oskar Kokoschka, Portrait Franz Hauer, ca. 1914 © Rhode Island School of Design
Lndesgalerie Niederösterreich Logo 350

Statistik