Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Liliom Ensemble © Alexi Pelekanos

LILIOM Traurige Figur aus dem Vergnügungsviertel

Josephine Bloéb, Tim Breyvogel © Alexi Pelekanos

Begnadet als Hutschenschleuderer, als Mensch ein Totalversager

Im Grund genommen ist Liliom konsequent. Wenn er nicht gerade das Publikum zum Ringelspielfahren animiert, hat er nur die Sprache der Gewalt. Er haut hin, auf seine Arbeitgeberin und Geliebte Frau Muskat, auf seine Frau Julie und auf Luise, seine Tochter, die er nach sechzehnjähriger Läuterung im Fegefeuer bei einem kurzen Erdenbesuch sehen darf. Er ist auch mit sich selber nicht zimperlich. Als der geplante Raubmord auf einen Geldboten schief geht, rammt er sich selber das Küchenmesser ins Herz. Ferenc Molnár hat diesem Loser mit dem Stück „Liliom“ ein berührendes Denkmal gesetzt. Molnár führt uns darin einen Menschen vor, der eben nicht anders kann, weil sein Denken über die beiden Dimensionen Schmäh führen und Prügeln nicht hinausreicht. Bei den anderen Figuren aus der Vorstadt entschuldigt sich der Autor quasi, indem er sie zwar naiv, aber als brave Leutchen darstellt. Die schwangere Julie will nur ein halbwegs geregeltes Leben, das ihr Liliom aber nicht bieten kann und will, weil er zu herkömmlichem Broterwerb einfach nicht das mindeste Talent hat.

Hanna Binder, Tim Breyvogel © Alexi Pelekanos

Deren Freundin Marie angelt sich mit Wolf Beifeld einen soliden Ehegespons und Frau Muskat wäre zu jeder Verzeihung bereit, wenn dieser offenbar potente Liliom wieder zu ihr zurückkehrte. Der aber muss nach seinem Selbstmord vor einen Polizeikonzipisten treten und die dort ausgesprochene Strafe annehmen. Keine rächenden Engel und kein oberster Richter, sondern ein ganz gewöhnlicher Beamter, der hienieden Verwaltungsstrafen ausspricht, steht auch drüben für das ewige Gericht. Schöne Aussichten, möchte man denken, weil es einen jeden von uns irgendwann trifft und es keine Garantie gibt, dass Molnár nicht auch in diesem Punkt Recht gehabt haben könnte.

Liliom Ensemble © Alexi Pelekanos

Es gibt also eine Menge Ansatzpunkte, um eine Inszenierung von „Liliom“ zu einem ergreifenden Erlebnis zu machen. Regisseur Rudolf Frey, der auf die Übersetzung von Alfred Polgar setzt, hat sich aber auf einige wenige Punkte beschränkt und hat in dieser Reduktion der Hutschen etwas den Schwung genommen. Vor der Pause will das Fahrgeschäft nicht wirklich anreißen und wird erst im zweiten Teil unterhaltsam, wenn Liliom nach seinem Ableben  jenseitigem Zynismus begegnet.

Es fehlt die Prater- bzw. Stadtwäldchen-Stimmung, obwohl sich „Die Strottern“, Klemens Lendl und David Müller sind großartige Musiker, und der Drehleierspieler Matthias Loibner alle Mühe dabei geben, die schrägen Melodiemischungen aus diversen Schaugeschäften mit ihren Instrumenten als Soundbett der Handlung zu unterlegen. Das Bühnenbild (Vincent Mesnaritsch), bestehend aus roten und weißen Streifen, ist einfach zu kühl, um darin Autodrom fahren und Langos essen zu wollen. Als Vertreter für die bizarren Schießbudenfiguren fungiert lediglich ein (Tanz?)Bär, der ohne weitere Aufgabe in zweiter Reihe auf und ab wandelt. Wirklich ans Herz geht die Sache erst, wenn Liliom neben seiner Tochter (Gemma Vannuzzi) sitzt, sich nichts mit ihr zu reden weiß und nicht anders kann, als auf ihre Hand zu schlagen.

 

Frau Muskat (Patrizia Pfeifer) im flotten blauen Hosenanzug ist die richtige Bissgurn, wenn es darum geht, ihren Gschamsterer gegen weibliche Begehrlichkeiten abzuschotten. Sie kann ja nicht damit rechnen, dass der sich in Julie (Hanna Binder) verliebt und seinen Posten als Hutschenschleuderer aufgibt. Alle reden Julie zu, diesen Nichtnutz in die Wüste zu schicken, auch die Polizisten in platinblonden Perücken, gestellt von den Strottern. Die erste ist Marie (Josephine Bloéb) und ihr Angetrauter, der steife Wolf Beifeld (Tilman Rose), die ihre Überzeugungskraft einsetzen, aber an der Kombination Liebe braucht Hiebe scheitern. Wiltrud Schreiner ist Fotografin Hollunder, die auf Erden fröhlich blitzt und ihr Küchenmesser vermisst und im Jenseits als Putzfrau neugierig um den ätzenden Polizeikonzipisten Sven Kaschte herumwuselt.

Der wirklich Böse ist Ficsur (Dennis Cubic), der Liliom zum Raubüberfall verleitet und ihm mit einem Kartenspiel noch das letzte Geld abgewinnt. Linzmann (wieder sehr zynisch: Sven Kaschte), der ohne Geld auf dem Rückweg ist, hat mit den beiden patscherten Räubern aber leichtes Spiel. Tim Breyvogel schafft es in überzeugender Manier, zwischen dem seinen Aggressionen ausgelieferten Praterstrizzi und der bemitleidenswerten Kreatur die Gefühle des Publikums unentschlossen pendeln zu lassen.

Die Strottern als Polizisten im Einsatz © Alexi Pelekanos

Wichtiger Hinweis

 

Bei Liliom handetl es sich um eine Koproduktion mit den Vereinigten Bühnen Bozen. Deswegen wandert die Produktion nach Südtirol und wird am 9., 10., 14. und 15. Februar 2019 an den Vereinigten Bühnen Bozen gespielt. Für das traditionelle Gastspiel an der Bühne Baden am 26. und 27. März 2019 kehrt Liliom wieder nach Österreich zurück.

 

Um die Wette Ensemble © Alexi Pelekanos

UM DIE WETTE oder wer angibt, hat mehr vom Leben

Um die Wette Ensemble © Alexi Pelekanos

Französischer Humor kann auch auf Deutsch ungemein lustig sein

Man möchte es nicht glauben, aber die mit ihrem Dasein tragisch zerstrittene Elfriede Jelinek ist eine Meisterin, wenn es darum geht, Komödien französischer Dramatiker ins Deutsche zu übersetzen. Dabei sind es gar nicht die ganz Großen, deren Stücken zumindest ein trauriger Tiefgang nachgesagt wird, sondern einfache Lustspieldichter, die ihr Publikum mit Possen und Vaudevilles, eine Vorform des Musicals derzeitiger seichter Prägung, köstlich unterhalten haben. Jelinek hat das sichere Gefühl für den Wortwitz, den sie virtuos aus der melodiösen Sprache beispielsweise eines Eugène Labiche ohne Verlust seines federleichten Dahinfließens in teutonische Sätze verwandelt. Sie macht damit den Schauspielern die Aufgabe, das Publikum zum Lachen zu bringen, bereits um einiges leichter, was aber nicht besagen will, dass es einfach ist, eine rasante französische Komödie vom Schlag „La poudre aux yeux“ (Das Puder in den Augen) mit dem strammen deutschen Titel „Um die Wette“ ernsthaft lustig über die Bühne zu bringen. Es lauern darin ungeahnte Gefahren, die es zu entdecken und zu entschärfen gilt.

Um die Wette Ensemble © Alexi Pelekanos

So liegt zwischen punktgenauer Komik und Blödeln nur ein schmaler Grat, dessen Überschreitung eine Laune des Moments oder eine begreifliche Begeisterung über die Lacher im Publikum auslösen kann. Schon ist ulkiger Slapstick aus dem geworden, das ursprünglich als messerscharfe Satire gedacht war. Wenn aber penibel darauf geachtet wird, alles das zu verwirklichen, was der Autor mit seinem Augenzwinkern sagen wollte, dann steht einem großen Komödienabend mit frankophilen Anklängen nichts mehr im Wege.

Um die Wette Ensemble © Alexi Pelekanos

Der junge Allrounder Philipp Moschitz hat mit seiner Regie im Landestheater Niederösterreich gezeigt, wie man Labiche inszenieren kann, dass allgemeine Begeisterung aufkommt. Er hat das Lizitieren um die größere Angeberei zwischen den Familien Malingear und Ratinois auf ein Fauteuil reduziert. Im Lauf der Vorstellung wächst diese an sich bequeme Sitzgelegenheit ins Monströse. Mehr braucht es eigentlich nicht, um den Inhalt des Stücks mit einem einzigen Requisit auszudrücken.

Kann am Anfang noch drauf herumgelümmelt werden, ist es am Schluss eine Kletterpartie, die zur Herausforderung für alle Beteiligten wird. Im Grund geht es nur darum, dass Emmeline, die Tochter des von Patienten gemiedenen Arztes Malingear, mit dem reizenden jungen Mann Frédéric Ratinois verheiratet werden soll. Laura Laufenberg ist eine ganz liebe Emmeline und Anton Widauer der nette Bursch, der ihr Klavierunterricht erteilt und obendrein als Countertenor in „La Donna È Mobile“ bella figura macht. Cathrine Dumont und Tilman Rose sind Madame und Monsieur Ratinois, die brutal aus ihrem bescheidenen Dasein durch die Begegnung mit Blanche und Dr. Malingear gerissen werden. Hat doch Madame Malingear, die ihre Statur von der ungeheuer präsenten und ohne Rücksicht auf die eigene Person komischen Gisa Flake erhält, die verhängnisvolle Idee, dem anderen Elternpaar Reichtum und Wichtigkeit vorzuflunkern. Nolens volens macht ihr Gatte dabei mit, obgleich er unter anderem als Dörrobst (überzeugend verkörpert von Michael Scherff) beschimpft wird. Sie geraten aber an die Falschen. Diese halten nämlich kräftig dagegen.

Die für die Mitgift ausgehandelten Geldsummen, über die weder die einen noch die anderen verfügen, steigen ins Astronomische, bis als Deus ex machina Onkel Robert erscheint und allen den Kopf zurecht richtet. Martin Brunnemann ist der Mann für alle Fälle und wahrer Meister der Verwandlung. Er spielt ganze zehn Rollen, angefangen vom Dienstmädchen über diverse Diener bis zum Maître d'hôtel, bevor er als einzig wirklich Betuchter dem jungen Paar zu seinem Glück verhilft.

Um die Wette Ensemble © Alexi Pelekanos

Wichtiger Hinweis

Bis 22.01.2019 und auch zu Silvester (16 u. 20 Uhr) wird UM DIE WETTE im Niederösterreichischen Landestheater in St. Pölten gespielt und am Di., 29. und Mi., 30.01.2019 als Gastspiel an der Bühne Baden.

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