Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Tobias Voigt, Heike Kretschmer, Dominic Marcus Singer © Alexi Pelekanos

DER PARASIT oder Schillers Fazit zu politischen Aktualität

Petra Strasser, Emilia Rupperti, Tobias Artner, Rafael Schuchter, René Dumont © Alexi Pelekanos

Die Gerechtigkeit ist nur auf der (Lustspiel-)Bühne

Geschrieben wurde die Komödie „Der Parasit“ ursprünglich vom Franzosen Louis-Benoît Picard in den letzten Jahren der Revolution mit dem Titel Médiocre et rampant (armselig und kriecherisch), was bereits einiges über den Inhalt aussagt. Es geht um einen aalglatten Typen, der sich die Wirren dieser Zeit virtuos für den eigenen Aufstieg zunutze macht, indem er seine Mitbewerber mit Lügen und Intrigen kaltblütig zu beseitigen versucht. Der Freigeist Friedrich Schiller hat dieses Stück ins Deutsche übertragen, hat aus den spröden Alexandriner-Versen im Original leicht dahin gleitende Prosa gemacht und kurioserweise gerade mit diesem Kunstgriff den französischen Charme dieses Lustspiels spürbar werden lassen. In ein Ministerium ist Monsieur Narbonne als neuer Amtsinhaber eingezogen und beginnt väterlich umsichtig seinen Mitarbeiterstab auszuwählen. Er kennt die einzelnen Beamten noch kaum und muss sich auf Ratgeber verlassen. Selicour, so heißt der Bösewicht, macht sich erbötig, die geeignete Besetzung des Ministeriums zusammen zu stellen.

Raphael Schuchter, Tobias Artner © Alexi Pelekanos

Dazu lässt er sicherheitshalber vorher seinen Widersacher La Roche aus dessen Amt entfernen und glaubt mit dem braven und arbeitsamen Commis Firmin leichtes Spiel zu haben. Dass dessen Sohn Karl in die Tochter Narbonnes verliebt ist und diese in ihn, damit hat er zwar nicht gerechnet, weiß sich aber insofern zu helfen, als er dessen poetische Ader auf sich umlenkt und damit zumindest die Mutter seines neuen Chefs beeindruckt. Es sieht lange Zeit so aus, als wäre er damit erfolgreich, wenn es nicht den Glauben an das Gute gäbe, der zumindest auf der Bühne für ein Happy End sorgt. Schiller wusste aber besser, wie die Wirklichkeit aussieht und lässt Narbonne am Ende sagen: „Das Gespinst der Lüge umstrickt den Besten, der Redliche kann nicht durchdringen, die kriechende Mittelmäßigkeit kommt weiter als das geflügelte Talent: Der Schein regiert die Welt – und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.

Petra Strasser, Tobias Artner, Rafael Schuchter,  © Alexi Pelekanos

Wenn einem alles das nicht unbekannt erscheint, dann beruht diese Ahnung darauf, dass sich seit diesen Tagen in der hohen Politik nicht viel verändert hat. Man darf sich zwar amüsieren, schließlich schaut man einer Komödie zu, sollte aber nicht vergessen, das Bühnengeschehen auf das gegenwärtige Treiben umzulegen. Die Parallelen sind derartig zahlreich, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Der Schweizer Fabian Alder hat dazu im Landestheater Niederösterreich Regie geführt.

Bei ihm dreht sich ein Büroturm bis zum Schwindeligwerden (Bühne: Tommy Garvie). Minister Narbonne wurde zum sympathischen älteren Herrn, der mit René Dumont nicht zufällig an unseren Bundespräsidenten erinnert. Bei den übrigen Darstellern hat man auf kabarettistische Ähnlichkeiten verzichtet und trotzdem Aktualität geschaffen. Tobias Voigt als Firmin ist der kleine Beamte, der am Morgen die Akten austrägt und dabei den neusten Tratsch im Haus serviert bekommt. Sein Sohn Karl (Dominic Marcus Singer) ist der fröhliche Leutnant, der im Überschwang seiner Gefühle für die schöne Charlotte (Emilia Rupperti) zum Dichter wird. Madame Belmont (Petra Strasser), die Mutter des Herrn Minister, hat jedoch ein Auge auf Selicour geworfen. Er erscheint ihr der Richtige für die Enkeltochter, nicht ahnend, welche Laus sie sich damit in den Pelz setzen würde.

Der schlaksige Tobias Artner versteht sich zu drehen und zu wenden, erforderlichenfalls sogar in seinem breiten Anzug zu verschwinden (Kostüme: Johanna Lakner), um nur ja unangreifbar zu sein. Er hat jedoch nicht mit dem frustrierten La Roche (eine sehr laute Heike Kretschmer) gerechnet, der ihm an Schlauheit überlegen ist und seine Machenschaften auffliegen lässt. Aber was hilft´s, wenn es in diesem Fall gut ausgeht, es gibt ja noch so viele andere Ministerien und genauso viele Selicours, über die wir besser nicht reden wollen.

Heike Kretschmer, René Dumont, Tobias Artner © Alexi Pelekanos
Landestheater NÖ Logo 300

Wichtiger Hinweis

Der „Der Parasit“ ist eine Koproduktion mit dem Stadttheater Klagenfurt. Bis 20.02.2020 läuft er im Landestheater Niederösterreich – mit zwei Vorstellungen zu Silvester (16 Uhr und 20 Uhr); am 22. und 23.10. 2019 kommt er als Gastspiel an die Bühne Baden. Ab 09.01.2020 steht „Der Parasit“ am Spielplan des Stadttheaters Klagenfurt.

Statistik