Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht "Richard Gerstl" © Leopold Museum, Wien, Foto: Leni Deinhardstein

RICHARD GERSTL Die malerische Eruption von Dissonanz

Richard Gerstl, Bildnis Mathilde Schönberg als Halbfigur, Frühling/Sommer 1908 © Privatsammlung

Der erste österreichische Expressionist zwischen Zeitgenossen und späten Bewunderern

Der junge Mann hat sich im Alter von 25 Jahren das Leben genommen, und zwar gründlich, mit Messer und Strick; so zeigt es zumindest der Film von Otto Muehl mit dem Titel „Back to fucking Cambridge“. Mit Theo Altenberg als Richard Gerstl, Oswald Oberhuber in der Rolle des Arnold Schönberg und Judith Goldblat als Mathilde wird die Dreiecksbeziehung zwischen den Komponisten, dessen Frau und dem Maler im Kontext des Wiener Kultur- und Geisteslebens um 1900 in satirischer Weise aufgearbeitet. Dieser Streifen beschließt die Ausstellung „Richard Gerstl. Inspiration – Vermächtnis“ (bis 20. Jänner 2020), das die Bedeutung des ersten österreichischen Expressionisten für unmittelbar nachfolgende Künstler wie Oskar Kokoschka oder Egon Schiele und darüber hinaus bis zum Wiener Aktionismus und Arnulf Rainer deutlich macht. Gerstl hatte sich nur wenig Zeit gelassen, so ist auch sein Oeuvre eher klein. Er war jedoch seiner Zeit weit voraus. Das Credo: Emotionen und Gedanken stehen über der Realität.

Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04 © Leopold Museum, Wien

Es verschaffte ihm bereits zu Lebzeiten die Stellung eines Einzelgängers. Von seinen Malerkollegen weg zog es ihn zur Musik. Er geriet dabei in den Kreis um Arnold Schönberg, der neben seinem kompositorischen Schaffen auch als bildender Künstler tätig war. Die gemeinsame Basis für tiefe Gespräche und befruchtenden Gedankenaustausch war also gegeben. Bei Sommeraufenthalten am Traunsee entstehen Gemälde, die bereits einen hohen Abstraktionsgrad aufweisen. Modell stand ihm auch die Familie Schönberg, wobei irritierend erscheint, dass ausgerechnet Mathilde in den Porträts keine Spur von Erotik zeigt, viel mehr alt und hässlich erscheint. War es die Vertuschung des Liebesverhältnisses, das Gerstl mit dieser keineswegs unattraktiven Frau eingegangen war?

Richard Gerstl, Bauerngarten mit Zaun, 1907 © Leopold Museum, Wien

Arnold Schönberg ertappte Freund und Gattin in flagranti. Das Zerwürfnis war nicht aufzuhalten. Nachdem Mathilde nach einem kurzen Ausbruch aus der Ehe wieder zu Mann und Kindern zurückgekehrt war, sah Gerstl keinen anderen Ausweg mehr als sich umzubringen. Ein seltsames Licht wirft die überlieferte Reaktion von Arnold Schönberg auf das Verhältnis zum Künstlerfreund, der aus Angst vor einem Skandal Gerstls Bruder Alois bittet, als Motiv für den Selbstmord „etwa Kränkung über Misserfolge als Grund anzugeben“.

Diese Geschichte wird ewig über dem Leben und Werk von Richard Gerstl stehen, sie war aber mit Sicherheit nicht der Grund, dass er nach seinem Tod umgehend vergessen wurde. Er war schon zu Lebzeiten in seiner Radikalität nicht verstanden worden. Es dauerte bis 1928, dass sein Bruder Alois dem Kunsthistoriker und Galeristen Otto Kallir die eingelagerten Werke zeigte. Dieser war auf der Stelle fasziniert und setzte sich für deren Bekanntmachung und für deren Verkauf ein.

Um 1960 nahm der Kunsthistoriker Otto Breicha intensive Forschungen zu Gerstl auf und konnte noch mit zahlreichen Zeitgenossen erhellende Gespräche führen. Schließlich war es der leidenschaftliche Sammler Rudolf Leopold, der in Qualität und Umfang die weltweit bedeutendste Gerstl-Sammlung mit nunmehr 19 Werken von ca. 70 des Gesamtschaffens zusammentrug. Sie stehen im Zentrum dieser mit 226 Exponaten opulenten Schau des Leopold Museums, die den Besucher Zeiten überspannend an einem Dialog mit Arbeiten der klassischen Moderne wie Vincent van Gogh, Edvard Munch oder Lovis Corinth über internationale Kunst nach 1945 von Willem de Kooning, Francis Bacon oder Eugène Leroy bis österreichische Gegenwartskunst mit Günter Brus, Herbert Brandl und Martha Jungwirth teilnehmen lässt.

Francis Bacon, Study for Female Figure, 1971 © Heidi Horten Collection

Ausstellungsansicht „Olga Wisinger-Florian“, 2019 © Foto: Leopold Museum, Wien/Leni Deinhardstein

OLGA WISINGER-FLORIAN Blumenbilder mit „männlicher“ Kraft

OLGA WISINGER-FLORIAN, Hortensien © Privatsammlung, Wien Foto: Auktionshaus im Kinsky, Wien

Ohne Scheu vor schöner Malerei als Frau unter vielen Männern

Olga Wisinger-Florian (1844-1926) war bereits über 30 Jahre alt, als sie zur intensiven Auseinandersetzung mit der Malerei gefunden hat. Was blieb ihr also übrig, als privaten Unterricht zu nehmen. Sie konnte es sich finanziell leisten und war zudem vom Willen, eine professionelle Karriere als Malerin einzuschlagen, beseelt. Man kann sich vorstellen, dass dieses Ansinnen in ihrer Umgebung nicht gerade auf Begeisterung stieß. Eine Frau, noch dazu nicht mehr jung, wollte sich mit den Männern ihrer Zeit an der Staffelei messen – war doch lächerlich! Ab 1880 wurde sie Schülerin des um wenige Jahre älteren Emil Schindler, der längst als arrivierter Künstler galt und Olga in eine neue Dimension des Malens einführte. Darüber hinaus kam sie in Kontakt mit Leidengenossinnen, mit einer Malerinnengruppe. Sie selbst hatte aber bereits zu ihrer Selbständigkeit gefunden und erlangte erstaunlich rasch Anerkennung.

OLGA WISINGER-FLORIAN, Alter Friedhof in Goisern © Privatsammlung, Foto: Leopold M., M. Thumberger

Ausstellungen des Wiener Künstlerhauses waren nur für die Besten möglich. Olga Wisinger-Florian durfte dort ihre Werke zeigen. Nach nur acht Jahren ernsthafter Tätigkeit in diesem Metier zählte sie bereits zu den teuersten und damit meist gesuchten Landschaftsmalern in Österreich. Die Zweifler waren längst lügengestraft. Ihren Markwert konnte sie zeitlebens halten und immer wieder auch steigern. Heute zählen ihre Bilder zu den teuersten in der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts.

OLGA WISINGER-FLORIAN, Schmiede bei Bisamberg, 1894 © Privatsammlung Foto: Auktionshaus im Kinsky

Die Ausstellung „Olga Wisinger-Florian. Flower-Power der Moderne“ (bis 21. Oktober 2019) bringt es auf den Punkt, wenn Blumen in das Zentrum ihres Schaffens gestellt werden; an sich ein typisches Frauenthema, das von ihr aber selten kraftvoll umgesetzt wurde. Aus der lieblich romantischen Darstellung der Blumen, wie sie aus dem Biedermeier auf sie herübergekommen war, wurde in ihrem Pinselstrich eine expressionistisch anmutende und damit unabhängige innovative Malerei.

Sie trug die Farben unvermischt auf, nahm die Spachtel, um dem Bild Dynamik zu geben und ließ die Blüten damit aus der Bildfläche beinahe dreidimensional heraustreten. Den Horizont setzte sie extrem hoch, um den Blick über blühende Wiesen, Felder und Blumenbeete weit in die Tiefe wandern zu lassen, egal welches Wetter oder welcher Himmel sich darüber abspielte. Zum strahlenden Licht fand sie erst spät. Sind ihre frühen Werke wie beispielsweise die vier Jahreszeiten 1880 trotz eines meist freundlichen Inhalts eher von einer leisen Melancholie beherrscht, tritt bei der „Schmiede bei Bisamberg“ (1894) der genau umgekehrte Effekt ein.

Das trist herabgekommene Gebäude tritt mit seiner von der Sonne beschienenen Wand dem Betrachter nahezu fröhlich entgegen. Dass Olga Wisinger-Florian auch eine geniale Netzwerkerin war, verrät uns die Ausstellung mit Dokumentationsmaterial wie einem Gästebuch, in dem sich die Namen der Großen ihrer Zeit finden. Ihr Können hatte sich durchgesetzt und ist nach wie vor ein guter Grund, sich Landschaften von anno dazumal anzusehen, wie sie mit dem Blick einer in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Künstlerin in unverdorbener Schönheit verewigt wurden.

OLGA WISINGER-FLORIAN, Oktoberschnee © Privatsammlung Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger
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