Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Wien im Spiegel der Literatur Ausstellungdsansicht

WIEN erlesen im k.k. Hofkammerarchiv

Heimito von Doderer: „Die Dämonen“, Manuskriptbuch, o. D.

Eine Stadt im Spiegel der Literatur, abseits von Walzer- und Heurigenseligkeit

Eigentlich zwangsläufig kommt auch der Schauplatz zu Sprache, wenn Literaten ihre Geschichten und Gedanken in Worte fassen. Wenn es sich um Wien handelt, kann auch der Leser mitreden, wie es dem jeweiligen Autor in dieser Stadt ergangen ist und mit welchem Blick er diese seine äußere Haut beschreibt. Sie kann als Traumlandschaft und Erinnerungsraum erscheinen, als Utopie und als Tatort. Das Literaturmuseum als Teil der Nationalbibliothek zeigt diesbezüglich eine lockere Sammlung von literarischen Äußerungen aus der Zeit nach 1945 und will damit der Stadt einen Spiegel vorhalten, in dem sie ihre kleinsten hässlichen Fältchen erkennen muss, da diese von den jeweiligen Schreibern schonungslos aufgezeigt werden. Material ist freilich mehr als genug vorhanden. Manuskripte, Typoskripte, persönliche Dokumente, Fotos und Zeichnungen von über 40 Autoren standen zur Verfügung. Ilse Aichinger, Heimito von Doderer, Thomas Bernhard, Peter Handke, Josef Haslinger, Frederic Morton, Julian Schutting, Friedrich Achleitner oder Hilde Spiel sind nur eine kleine Auswahl.

Layout (Detail) für den Band: Friedrich Achleitner, Gerhard Rühm © Österr. Nationalbibliothek

Es konnte also ins Volle gegriffen werden, als es darum ging, in den historischen Regalen des ehemaligen k.k. Hofkammerarchivs Wien als eine Stadt zum Lesen zu präsentieren. Filmausschnitte und selten zu hörende poetische Darbietungen beispielsweise von Ernst Jandl lassen, so die Ausstellungsmacher, das exklusive Literaturerlebnis auch sinnlich erfahrbar werden.

Aus: Bodo Hell: „Stadtschrift. Fotos und Texte.“ © Österreichische Nationalbibliothek

Eingeteilt ist dieser Gang durch die Literaturgeschichte der jüngeren Zeit mit dem Titel „Wien Eine Stadt im Spiegel der Literatur“ (bis 16. Februar 2020) in fünf Kapitel. Es beginnt damit, die Stadt zu „erschreiben“ und zu „erlesen“. Das bedeutet nicht zuletzt, den „Wortwegen“ der Autoren ins Zentrum und wieder hinaus in die Peripherie zu folgen und dabei an Orte zu gelangen, die in keinem Stadtplan verzeichnet sind. Mit Ingeborg Bachmann und ihrer Erzählung „Besichtigung einer alten Stadt“ wird dieser „Wienblick“ ebenso bereichert wie mit dem nicht realisierten „Mahnmal auf dem Weg des Friedens“ von Bogdan Bogdanović. Literaten teilen sich offenbar „Kopfgänger und Fußgänger“. Denen, die nicht nur in ihrer Phantasie, sondern mit den Beinen unterwegs sind, ist dieser Teil gewidmet. Peter Handke und Thomas Bernhard waren so unterwegs, um „Gehtexte“ zu verfassen, über Bemerktes, das nur ein sensibel aufmerksamer Beobachter wahrnehmen kann. Der nächste Teil mit der Bezeichnung „Tatort Wien“ führt unter anderem hinab in das Kanalsystem.

Graham Green hat ihn in Roman und Film „Der dritte Mann“ für die Blicke der Oberweltbewohner zugänglich gemacht. Ein Mord im Wurstelprater ist Thema von Dorothea Zeemanns unveröffentlichtem Kriminalroman „Die Geschiedenen“ als eines der Beispiele, die belegen, dass Wien durchaus auch Schauplatz zahlreicher krimineller Machenschaften ist. Zwischen Floridsdorf bis Favoriten öffnet sich mit der „Gstettn“ ein literarisches Feld, das Christine Nöstlinger und Trude Marzik reichlich bearbeitet haben und von Peter Henisch in seinen „Peripheriegeschichten“ abgeerntet wurde. Als „Vergessenshauptstadt“ hat Peter Schindel Wien in einem Gedicht bezeichnet. Es geht um autobiographische Erinnerungsbücher von Überlebenden des Nationalsozialismus.

Ruth Klüger hat in ihrem in viele Sprachen übersetzten Buch „weiter leben, Eine Jugend“ schonungslos beschrieben, wie es einem Kind mit jüdischen Wurzeln in dieser angeblich so freundlichen Stadt ergangen ist, die es zugelassen hat, dass es in einem Konzentrationslager gelandet ist. Damit unterscheidet sich der Tenor des Geschriebenen über Wien denn doch gewaltig von dem Bild, das der Wiener selbst, sofern er nicht ein kritischer Literat ist, von seiner Heimatstadt im Spiegel sehen will.

Frederic Mortons Schreibmaschine © Österreichische Nationalbibliothek
Österreichische NaNationalbibliothek Logo 300

Statistik