Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen © Mumok

PATTERN AND DECORATION Der Pendelschlag zurück

Ausstellungsansicht mit der Pagode Kim McConnel © Mumok

Lautes Schreien für eine „niedere Kunst“

Hätten Peter und Irene Ludwig nicht in den 1970er-Jahren eine in den USA damals soeben geborene Kunstströmung entdeckt und diese, wie es ihre Art war, gesammelt, wüssten wir heute vielleicht gar nicht, dass es „Pattern & Decoration“ überhaupt gegeben hat. Man staunt, wenn man im MUMOK zur Ebene -3 und -1 hinabsteigt und mit den freundlich bunten Hervorbringungen bislang hierzulande eher unbekannter Künstler wie Joyce Kozloff, Thomas Lanigan-Schmidt oder Robert Kushner konfrontiert wird. Ihr Wirken war ein Pendelschlag in die Gegenrichtung zum Purismus der 1960er-Jahre, die „High Art“ lediglich in einem Minimalismus der Formen und Emotionen anerkennen wollte. Alles andere wurde als „Low Art“ und „promisk“ abgetan. Die oben genannten Herrschaften rückten gegen diese Tyrannei menschenferner Kunst vor und überschritten selbstbewusst die Grenze zum Kitsch und waren stolz auf das Prädikat, „promisk“ zu sein. „Wir weigerten uns, Kunstformen einer Hierarchie zu unterwerfen“, schreibt Kozloff. Ins selbe Horn stößt Kushner:

Valerie Jaudon Hattiesburg , 1979 Photo:  Carl Brunn / Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen

„Wir wollten das Spektrum dessen, was im offiziellen Kunstlexikon zugelassen war, erweitern. Textilien, großartig. Quilts – ja. Keramik – aber sicher. Teppiche – warum nicht. Wir schauten uns all diese Objekte im Hinblick auf ihren ästhetischen Wert und ihre reichen visuellen Vorzüge an und wollten, dass andere sie auch als Kunst wahrnahmen.“ Noch anschaulicher drückt es Robert Zakanitch aus, wenn er sagt: „Die strikten Parameter der Moderne verloren ihre Bedeutung, und jenseits davon gab es prächtige Dinge zu erfühlen und zu malen – feine Muster, Ornamente, Designs aus allen Kulturen der Welt, Volkskunst – Dinge und Themen, die als zu feminin erachtet worden waren und daher als trivial galten.“

Brad Davis Night Cry , 1979 Photo: mumok ©  Brad Davis

Die Ausstellung „Pattern and Decoration Ornament als Versprechen“ spielt im zweiten Teil des Titels auf eine Retourkutsche an, die dem österreichischen Architekten Adolf Loos gilt. Seine Maxime lautete „Ornament und Verbrechen“ und konnte nicht genug gegen alles Schöne in Kunst und Bau polemisieren. Seine Forderung um Abschaffung des Dekors wurde, wie man leider allzu oft sehen muss, fehl gedeutet und auf kahle Betonwände als seelenlose Fassaden verwirklicht. Vielleicht haben wir uns an die „neue Sachlichkeit“ bereits so gewöhnt, dass wir eine überladene Ikonostase oder das letzte Abendmahl in Plastikfolie eingeschweißt und damit haltbar gemacht fröhlich befremdlich empfinden.

Eine Pagode aus Stoff, Acryl und Karton, wie sie Kim McConnel dreidimensional erbaut hat, wirkt hübsch, aber nicht mehr. An Art Brut gemahnen die Arbeiten von Brad Davis oder Tina Girouard mit ihrem unbedingten Bekenntnis zum farbenfrohen Ornament. Wäre aber schade, wenn man dieses farbenfrohe Treiben nicht einmal im Leben gesehen hätte, dank den Sammlungen Österreichische Stiftung Ludwig, der Peter und Irene Ludwig Stiftung und dem Ludwig Múzeum Budapest, die bis 8. September 2019 im Mumok den gesamten damaligen Ankauf des Sammlerpaares präsentieren.

Ernst Caramelle Video-Ping-Pong 1974 © Ernst Caramelle

ERNST CARAMELLE neben nostalgischer „Malerei mit Kalkül“

Ernst Caramelle Spiegelbild 1991 © Ernst Caramelle

Wahlverwandtschaften museumswürdiger moderner Kunst auf vier Etagen

Den „Meister des semiotischen und medialen Vokabulars“ findet man in fast allen Werken von Ernst Caramelle (*1952, Hall in Tirol). Was heißt nun „Semiotisch“? Semiotik ist die Wissenschaft, die sich mit Zeichensystemen aller Art befasst. Caramelle hat seine Ausdrucksweise auf verschiedenste, oft witzige, ironische und paradoxe Zeichen reduziert, sowohl in seinen Zeichnungen als auch in der Malerei, in der er den Gesso, also den Kreideuntergrund eines Gemäldes, zur eigentlichen malerischen Oberfläche erhebt. Dabei genügen ihm aber die Möglichkeiten des Tafelbildes oder des Blattes keineswegs. Er erweitert sein „Arbeitsmaterial“ um Tonaufnahmen, Fotos und Videos. Ein humoriges Beispiel dafür ist das Video-Ping-Pong, bei dem vor einem realen Tischtennis-Tisch zwei Bildschirme stehen. Der eine zeigt einen jungen Mann, der gegen ein Mädchen auf der anderen Seite spielt. Beiden ist der Spaß anzusehen, den sie offensichtlich beim Aufnehmen dieser Kunstaktion gehabt haben. In diese Rubrik fallen auch die Faces. Sie reihen sich auf Gesso nebeneinander.

Ernst Caramelle Postconeptualrealism 1983 © Ernst Caramelle

Im nächsten Schritt werden sie dreidimensional umgesetzt. Der Mund ist weiterhin ein dünner Strich, aber die Augen werden zu winzigen TV-Geräten, auf denen jeweils ein anderes „Programm“ abläuft, das man erst erkennt, wenn man diesem „Face“ tief ins Auge schaut. Ernst Caramelle, der gemeinsam mit der Kuratorin Sabine Folie die Ausstellung „Ein Résumé“ (bis 28. April 2019) eingerichtet hat, freut sich, dass seine Kunst als Kleine im Großen (teils winzige Formate an weiten weißen Wänden) genauso wirkt wie das Große im Kleinen, das jedes einzelne Objekt, und sei es noch so unscheinbar, zu einer für sich allein bestehenden Sehenswürdigkeit erhebt.

Ernst Caramelle unitilted 1980 © Ernst Caramelle

Dass der Tiroler in Wien bis jetzt eher wenig bekannt war, liegt daran, dass Ernst Caramelle zwar hier an der Hochschule für angewandte Kunst studiert und 1976 mit der multimedialen Arbeit „Resümee“ bei Oswald Oberhuber abgeschlossen hat. Doch schon davor war er in Cambridge Research Fellow am Center für Advanced Studies und trat bereits in frühen Jahren die Lehrtätigkeit als Gastprofessor an der Städelschule in Frankfurt am Main an, um für vier Jahre (1986-1990) als Lehrender an die Angewandte nach Wien zurück zu kehren. Aber schon 1992 folgte die Gesamthochschule Kassel und die Jan van Eyck Academie in Maastricht.

Von 2012 bis 2018 war er schließlich Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, wo er bereits seit 1994 seine persönliche und vielfältige Art zeitgenössische Kunst zu machen seinen Studenten weitergegeben hatte.

Richard Kreische Enviroment © Malerei mit Kalkül

Um den Fortschritt in der Kunst geht es auch in „Malerei mit Kalkül“ (bis 28. April 2019), das Positionen der Neoavantgarde aus der mumok-Sammlung dem Vergessen entreißt. Kurator Rainer Fuchs verortet die radikalen „Traditionsbrüche und der Neubestimmung von Gestaltungsweisen und künstlerischen Medien“ in den 1960/70er-Jahren. Es ist die Technik und die Farbe, die für ihn seit den 1950er-Jahren mit einem „Reflexionsprozess über das Medium Malerei verbunden“ war.

Es ging nun nicht mehr darum, was auf dem Bild erzählt wird, sondern um die Befreiung von der figurativen Darstellung. Minimal Art und Konzeptkunst irritierten zwar die Kunstliebhaber, nicht aber die Kritik, die beispielsweise in Gestalt von Clement Greenberg den abstrakten Expressionismus und die Colorfield Malerei schon um 1950 als die wahren Träger bildnerischer Kunst postulierten. Hierzulande waren es die Konstruktivisten (u.a. der Bildhauer Kurt Ingerl), die das Geometrisch Zeichnen als künstlerische Möglichkeit in diese Richtung verwirklichten, und die Aktionisten (Otto Mühl oder Hermann Nitsch), die mit ihren „Kunstwerken“ das Publikum zu schockieren versuchten.

In dieser Sammlung befinden sich auch Arbeiten aus Osteuropa, wo es die Protagonisten dieser Avantgarde alles andere als leicht hatten, den Diffamierungen und Nachstellungen des politischen Systems, kurz, des Kommunismus, zu entgehen. Locker gehängt laden alle diese Werke zu einem nostalgischen Rundgang durch eine aufregende Kunstzeit ein, die aber wie das Werk von Ernst Caramelle längst museumswürdig geworden ist.

Helen Frankenthaler Salome 1978 © Kunst mit Kalkül
mumok Logo 250

Statistik