Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 Ausstellung „Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird“ © NHM Wien / A. Schumacher

ABLAUFDATUM Wider leichtfertigen Umgang mit Lebensmitteln

 Ausstellung „Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird“ © NHM Wien / A. Schumacher

Von Miststierlern lernen und mit Masthühnern leiden

Sie ist eine der wichtigsten Ausstellungen, die noch im heurigen Jahr klammheimlich im Naturhistorischen Museum Wien eröffnet wurde. „Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird“ (bis 16. Mai 2021) hätte sich den großen Tusch verdient, die ungeteilte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, denn sie zeigt uns unbarmherzig die engen Grenzen unserer Vernunft auf. Wir als Gesellschaft sind offenbar radikal verblödet, wenn es um den Umgang mit den elementaren Dingen unseres Daseins geht. Über Jahrtausende war Essen und Trinken vom Mangel gekennzeichnet. Hungersnöte rotteten immer wieder Teile der Bevölkerung aus, oder sie fiel Seuchen wie Typhus- und Ruhrepidemien, die meistens einem verseuchten Trinkwasser geschuldet waren, zum Opfer. Dagegen nimmt sich Covid19 wie eine lächerliche Schnupfenwelle aus. Wie auch immer ist es in den letzten Jahrzehnten einem kleinen Teil der Menschheit gelungen, die Nahrungsnot in einen unvorstellbaren Überfluss umzukehren, der zwangsläufig zu sinnloser Verschwendung dieser einst wertvollen Güter geführt hat.

Eine Mülltonne zur Begrüßung

Wegschmeißen hat System. Was und wie viel von unserer Nahrung mittlerweile im Müll landet, lässt sich leider nur schätzen, aber die dennoch erhobenen Zahlen sind erschreckend. So wird angenommen, dass ein einziger großer Supermarkt jährlich an die 500-600 Tonnen noch durchaus brauchbare Lebensmittel im Abfall entsorgt. Wie viel vom Konsumenten dazu beigetragen wird, kann sich jeder einzelne leicht vorstellen, wenn er einem Supergünstigangebot auf den Leim gegangen ist und die berühmte Doppelpackung zum Preis von einem erworben hat und ihm dann das zweite Bündel Jungzwiebel oder die Tiefkühlpizza aufgrund mangelnden Appetits verdorben ist.

Hier geht es um Wunderlinge, die Opfer strenger Verpackungspolitik © NHM / A. Schumacher

Der Blick auf das Ablaufdatum ist zwar empfehlenswert, letztlich verlassen sollte man sich aber auf das eigene Sensorium. An der Station, die der Wiener Tafel gewidmet ist, einer segensreichen Einrichtung, die überschüssige essbare Ware aus dem Handel gezielt bedürftigen Menschen zuführt, ist das Sensorik Labor eingerichtet. Die Besucher erhalten hier die Möglichkeit, Bewusstsein zu bilden, indem Sinneswahrnehmung als ihre eigene angeborene „Laborausstattung“ verstehen.

Hier lernt man spielerisch, Frische, Qualität und Verträglichkeit von Lebensmitteln einzuschätzen. Damit wird der aufgedruckte Zeitpunkt auf einem Becherl Rahm oder einem Stück Wurst zum relativen Begriff, der überdies zwischen Mindesthaltbarkeit (MHD) und Verbrauchsdatum (VD) unterscheidet. MHD ist lediglich die Garantie des Herstellers für die Genießbarkeit eines Lebensmittels, ist VD überschritten, ist die Ware nicht mehr verkäuflich und muss entsorgt werden.

Eine Verbeugung vor der Wiener Tafel © NHM Wien / A. Schumacher

Das alles kümmert die Mülltaucher wenig. In Wien wird das international als Dumpster Diving bekannte Phänomen liebevoll als Miststierln abgetan. Dessen Betreiber leben recht gut von ihrer Profession. Was sich in den Mülltonnen alles an Delikatessen findet, übertrifft nicht selten den bestens gefüllten Kühlschrank des Normalbürgers. Dass derlei Verwertung ohnehin aufgegebener Wertsachen illegal und Diebstahl sein soll, ist schwer verständlich, aber leider verhält es sich genau so.

Tierquälerei wird hingegen nicht an den Pranger gestellt, sofern sie volle Regale mit billigst Fleischaktionen garantiert. Bei dieser Gelegenheit erzählt das Masthuhn eine derart erschütternde Lebensgeschichte, dass man auch als selbsternannter Fleischtiger nahe dran ist, auf das geliebte Grillhenderl zu verzichten. Das nächste ökologische Übel steht damit in enger Verbindung: Gefüttert wird mit Mais, für dessen Anbau hemmungslos die grüne Lunge unserer Erde gerodet und darüber hinaus die dünne Humusschicht durch Kunstdünger, Fungizide und Pestizide nachhaltig allen bakteriellen Lebens beraubt wird. Trotz allem gibt es aber auch Lichtblicke: So lässt sich z.B. Food Wasting durch Food Sharing (Näheres unter www.TooGoodToGo.at) ersetzen.

Dazu finden sich Anregungen zum Überdenken unserer Ess- und Konsumgewohnheiten und abschließend eine Prüfung, wie es diesbezüglich um unser ganz persönliches Verhalten bestellt ist. Wer die am Bildschirm gestellten Fragen möglichst ehrlich beantwortet, bekommt unter dem bewusst zynischen Logo „Immer. Alles. Sofort.“ die Rechung präsentiert, mit Note und einer Beurteilung, wie wichtig es dem Getesteten ist, woher seine Lebensmittel kommen und wie sie produziert werden.

Raffinierte Videos im Einsiedglas © NHM Wien / A. Schumacher
NHM Logo 300

Statistik