Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ana Durlovski (Lucia), Albert Memeti (Lord Arturo Bucklaw), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

LUCIA DI LAMMERMOOR Große Stimmen im Anatomischen Theater

Ana Durlovski (Lucia), Pavel Petrov (Edgardo di Ravenswood) © Werner Kmetitsch

Wenn die Inszenierung eine neue Opernhandlung schreibt...

Die Wahnsinnsarie, auf was sonst wartet man zwei Drittel dieser Oper von Gaetano Donizetti!? Derart eingeschränkt könnte man aber zu leicht vieles andere überhören, was sich in dieser Musik voller wunderbarer Klänge an Schönheit verbirgt. Es kann auf der Bühne noch so düster und traurig zugehen, die Melodien und die Instrumentierung des Orchesters können ihre italienische Heiterkeit und Leichtigkeit nicht verleugnen. Besonders dann, wenn Andrea Sanguineti am Pult der Grazer Philharmoniker steht und den Belcanto eines Donizetti offenbar schon mit der Muttermilch eingesogen hat. So nützt Rodion Pogossov gleich zu Beginn die herrliche Gelegenheit, dem Widerpart Edgardo mit wohlklingendem Bariton die Pest an den Hals zu wünschen. Sein Cruda, funesta smania (Grausame, finstere Raserei) ist einer der ersten Höhepunkte dieser Oper und das verheißt nichts Gutes. Zumal seine Schwester Lucia ausgerechnet in diesen verhassten Kerl verliebt ist, was er mit allen Mitteln, ohne vor Lügen und gefakten Briefen zurückzuschrecken, zu hintertreiben versucht.

Ana Durlovski (Lucia) © Werner Kmetitsch

Wenn dann Edgardo persönlich erscheint, weiß man, warum die Tochter aus gegnerischem Hause leider nicht unsterblich, sondern am Ende sehr letal diesem Mann verfallen ist. Pavel Petrov ist ein Tenor, der keine Wünsche offen lässt. Er hat eine sichere Höhe, Schmelz und Kraft und sieht dabei noch gut aus, was in dieser Rolle alles andere als ein Fehler ist. Es müssen natürlich die Gräber der Ahnen sein, auf die er und Lucia sich mit dem Duett Sulla tomba che rinserra ewige Liebe schwören.

Alexey Birkus (Raimondo Bidebent), Ana Durlovski (Lucia) © Werner Kmetitsch

Freilich würde man sich eine schottische Umgebung wünschen, in der Eifersucht und Wahnsinn ihre prächtigsten Blüten treiben. Wenn man dazu noch weiß, warum die Ashtons (Protestanten) und die Ravenswoods (Katholiken) bittere Abneigung gegeneinander pflegen, stünde einem aufschlussreichen Opernabend nichts mehr im Wege. Regisseurin Verena Stoiber hat aber auf eine Verlegung des Schauplatzes in ein Anatomisches Theater, ein „operation theatre“, gesetzt.

Vorne wird mit Skalpellen operiert und gemordet, an der Rückseite des Podiums werden bei Zigarettenrauch Intrigen gesponnen und konspirative Treffen absolviert. Die Sitzreihen des Hörsaals sind praktisch, weil darauf Chor und Extrachor der Oper Graz bequem Platz finden und bestens einstudiert das Geschehen kommentieren können. Aus dem Erzieher und Vertrauten Lucias wird ein Geistlicher. Alexey Birkus verleiht mit seinem mächtigen Bass seinem Raimondo Bidebent die entsprechende Autorität, wenn er seinem Schützling gegenüber feststellt, dass eine Heirat gilt, wenn sie von einem Geistlichen abgesegnet ist. Dass er dann selber zum Messer greift, um den frisch angetrauten Lord Arturo Bucklav (Albert Memeti, ein schlanker Tenor, den man gern auch in einer Mozartoper hören möchte) abzumurksen, gibt dem Ganzen eine seltsame Wendung. Bisher war es immer Lucia di Lammermoor, die sich von dieser ungewollten Ehe durch Zustechen befreit hat. Sie hat dafür natürlich eine Entschuldigung. Sie ist verrückt geworden. Ana Durlovski hat den Sopran und das schauspielerische Talent, um diese Liebende und Wahnsinnige beeindruckend zu verkörpern.

Dass sie auch im Liegen und in Schräglage zur Begleitung einer Glasharmonika (Christa Schönfeldinger) in Il dolce suono und Spargi d’amaro pianto die höchsten Töne sicher trifft, ist ausschließlich ihrem Können zu verdanken, das auch mit einer solchen von der Regie erschwerten Pose fertig zu werden vermag. Das Publikum war sich in diesem Punkt durchaus einig. Applaus und Bravos für die Sänger waren gewaltig, aber auch Pfiffe und Buhrufe beim Erscheinen des Leading Teams.

Ana Durlovski, Rodion Pogossov, Albert Memeti, Martin Fournier, Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsc

Martha Ensemble © © Werner Kmetitsch

MARTHA Flotows Rosengabe aus dem Narrenhaus

Anna Brull, Ilker Arcayürek, Peter Kellner, Kim-Lillian Strebel © Werner Kmetitsch

Wenn die Romantik auch „tiefsinnigem“ Grau nicht entschwindet

Regisseur Peter Lund hat die Musik von Friedrich von Flotow zu einer gefühlsstarken, jedoch nicht leicht zugänglichen philosophischen Reflexion inspiriert. Bei den ersten Takten der Ouvertüre geht der Vorhang hoch. Nach einer kurzen Textprojektion weiß das Publikum, dass es sich nicht am – wie es in jedem Operführer nachzulesen ist – Marktplatz zu Richmond befindet, sondern im Bethlem Royal Hospital. In dieser bereits seit 1357 und heute noch existierenden Londoner Institution wurden Geisteskranke anfangs lediglich interniert, erforderlichenfalls angekettet, später auch behandelt und ab 1700 sogar als Patienten bezeichnet. In diese Zeit fallen auch die Regierungsjahre von Königin Anne Stuart (ab 1702), in denen die Handlung der Oper MARTHA angesetzt ist. Der Held, ein gewisser Lyonel, ist Insasse von Bedlam, wie die Engländer bald zu ihrem Narrenhaus sagten, um mit diesem Wort zu beschreiben, was beispielsweise heute im Zuge des Brexit in ihren Houses of Parliament unter angeblich vernünftigen Politikern passiert.

Anna Brull (Nancy), Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Warum der junge Mann dort einsitzt, wird nicht ganz klar. Aber nachdem er zu Flotows Klängen wunderschön tanzt (Frederico Alves de Oliveira im Kostüm des Sängers), nimmt man diese Denkaufgabe gerne an. Eisengitter sorgen dafür, dass die Verrückten nicht raus können, haben aber Tore, bei denen Nonnen und Besucher mit wohligem Gruseln eintreten. Man muss es einfach akzeptieren, dass sich eben dort auch die Mägde einfinden und für jeweils ein Jahr ihre Dienste anbieten. Hilfreich könnte eventuell der Portikus von Bedlam Asylum sein, auf dem sich die allegorischen Figuren von Melancholia und Mania räkeln. Darunter sitzen zwei ebenfalls nicht ganz normale Damen. Lady Harriet ist so fad, dass sie die Idee ihrer Zofe Nancy, sich als Mägde zu verdingen, auf der Stelle annimmt. Aus dieser eher unwahrscheinlichen Situation entwickelte der deutsche Schriftsteller Friedrich Wilhelm Riese ein Libretto, das Flotow eine Möglichkeit schuf, seine genial schöne Melodie zu „Letzte Rose“ mit einer Oper zu umkleiden.

Anna Brull, Kim-Lillian Strebel, Damenchor und Statisterie der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Freilich gibt es noch eine zweite Arie, mit der seither Tenöre glänzen können. Ilker Arcayürek, der sich als Schauspieler in der Rolle des geheimnisvollen Geisteskranken durchaus wohlfühlt, hat genügend Romantik und Schmelz in der Stimme, um mit „Ach so fromm“ nicht nur Herzen, sondern auch die Steinmauern finsterer Gelasse zu erweichen. Seine geliebte Lady Harriet, die sich als Magd Martha ausgibt (mit brillantem Sopran: Kim Lilian Strebel) ist ihm dennoch nicht sogleich zugetan.

Standesdünkel! Denn erst als sie erfährt, dass dieser Lyonel Sohn eines gewissen Grafen Derby ist, bekennt sie ihre Zuneigung. Solcherlei Kaprizen werden verständlicherweise zurückgewiesen und benötigen eine neuerliche Rose, um das gestörte Verhältnis einzurenken. Den beiden Protagonisten gegenüber stehen der an einen Bariton gemahnende Bass Peter Kellner als sympathischer Plumkett und Anna Brull. Sie lässt ihre Nancy alias Julia quirlig übermütig um die Herrin tanzen und diese mit ihrem reizenden Mezzo zu gemeinsamen Blödheiten anregen. Eine undankbare Aufgabe hat Lord Tristan Mickleford (Bass Wilfried Zelinka). Er kann trotz seines geckenhaften Kostüms (Daria Kornysheva) bei Lady Harriet keinen Stich machen. Ganz im Gegenteil, er muss die undankbare Angebetete ständig aus irgendeiner Bredouille retten.

 

Trotz des düsteren Schauplatzes wird nicht an Humor gespart. Wahre Gaudi gibt es, wenn Lyonel und Plumkett die widerstrebenden Damen auf ein Leiterwagerl zum Abtransport verladen, diese entgeistert das für sie als Fremdwort geltende „Arbeiten“ mit etlichen Fragezeichen versehen und die beiden Männer schließlich am Spinnrad „schnurr, schnurr“ werken lassen.

Eine Augenweise ist auch die weibliche Jagdgesellschaft ganz in Rosa, die einem Gemälde des französischen Hofes entstiegen sein könnte. Die Farbenpracht der Flotowschen Komposition entfaltet Dirigent Robin Engelen, der mit feiner Abstimmung die solistischen Bläser, so auch die anspruchsvollen offenen Stellen in der Basstuba und das romantische Waldhorn mit der Kennmelodie, in ein stimmiges Klangbild einbettet. Zu Recht wurde die Grazer Premiere am 12. Jänner 2019 bejubelt.

Kim-Lillian Strebel, Anna Brull, Wilfried Zelinka © Werner Kmetitsch

Polnische Hochzeit Ensemble © Werner Kmetitsch

POLNISCHE HOCHZEIT Missing Link zwischen Revue, Musical und Operette

Szabolcs Brickner (Graf Boleslav Zagorsky), Katharina Melnikova (Jadja) © Werner Kmetitsch

Eine „Polonaise“, die aufhorchen lässt

Die Handlung ist ungemein turbulent. Ein verbannter junger Graf kehrt unerkannt nach Hause zurück, um dort sein Erbteil anzutreten und seine große Liebe zu heiraten. Diesem Vorhaben steht allerdings sein Onkel im Weg, der seinerseits die junge Frau zu ehelichen gedenkt und nicht die geringste Bereitschaft zeigt, seinem Neffen das ihm zustehende Vermögen auszuzahlen. Wäre da nicht die kratzbürstige Verwalterin am herabgekommenen Hof des Brautvaters, ginge der perfide Plan des Alten glatt durch, denn der Junge muss sich hüten, nicht wieder eingesperrt zu werden. Es wird gesoffen, was das Zeug hält, wie es wohl auf einer zünftigen „Polnischen Hochzeit“ seit jeher zugegangen ist, bis sich herausstellt, dass Onkel nicht die sanfte, wenn auch darob unglückliche junge Frau, sondern die gewitzte Verwalterin geheiratet hat. Nachdem ihm diese den Honeymoon zur Hölle macht, gibt er sie frei und zeigt sich am Ende erstaunlich geläutert, was darin gipfelt, dass er nach nunmehr sechs Scheidungen auf die Frauen für den Rest seines Lebens freiwillig Verzicht zu leisten gedenkt.

Mareike Jankowski (Suza), Markus Butter (Graf Staschek Zagorsky) © Werner Kmetitsch

Happy End mit besinnlichen Tönen. Aber bis es soweit ist, geht wahrlich die Post ab. Es wird geküsst und getanzt, dass es eine Freude ist, und dabei großartig gesungen und vor allem Schmäh geführt, dass man herzlich lachen kann, wenn zum Beispiel der Junior des verarmten Barons beim Vorhaben, den heiratswütigen Grafen unter den Tisch zu trinken, selbst in die Knie geht, aber in seinem Rausch noch die Fähigkeit aufbringt, sich mutig mit der reschen Verwalterin zu verloben.

Polnische Hochzeit Ensemble © Werner Kmetitsch

Chapeau! vor der Oper Graz, die dieses voll Humor und wunderbaren Melodien steckende Stück Musiktheater dem Vergessen entrissen hat. Joseph Beer war bis zum Einmarsch der Nazis, vor denen er nach Frankreich flüchten musste, ein erfolgreicher Wiener Komponist. Seine „Polnische Hochzeit“ schlug mit der Uraufführung 1937 in Zürich mit Richard Tauber in der Hauptrolle wie eine Bombe ein. Das Libretto von Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald wurde in acht Sprachen übersetzt.

Man wollte sich europaweit an dieser mitreißenden polnischen Folklore delektieren. Im Exil wurde es um Beer still, auch um seine Werke, von denen bis zu seinem Tod 1987 noch etliche folgten, aber in keiner Weise an den Erfolg der „Polnischen Hochzeit“ anschließen konnten. Was das Publikum damals begeistert hat, war wohl die Mischung aus Revue, Operette und bereits ein Vorausfühlen in das Musical, wie man sie auch von Emmerich Kálmán und Paul Abraham bis heute schätzt. Die Musik pendelt zwischen der Fülle plüschiger Orchesterarrangements und rasanten Jazz-Elementen, das sich auch im Instrumentarium ausdrückt, das satte Streicherteppiche ebenso vorsieht wie Big Band-Sound mit Saxophon, Blech und zündenden Rhythmen.

Polnische Hochzeit Ensemble © Werner Kmetitsch

Sebastian Ritschel führt Regie und wird darin dem Wesen dieses Missing Link des Musiktheaters konsequent gerecht. Man hat den Eindruck, dass nichts wirklich ernst genommen und dennoch mit aller Ernsthaftigkeit ausgeführt wird. So sind die Bauern (Ballett und Chor der Oper Graz) auf dem Hof von Baron Oginsky (Josef Forstner) wandelnde Playmobil-Figuren (Kostüme: Andy Besuch), das von ihnen geerntete Gemüse ist überdimensional und das Anwesen selbst ein großer Früchtekorb.

Als solcher lässt er sich im Handumdrehen von der Tenne über den Festsaal bis zum Traualtar ummodeln (Bühne: Martin Miotk). Auf und vor diesem bukolischen Gebinde spielen sich die kleinen und großen Tragödien und Komödien ab, die am Ende zur glücklichen Paarung von Casimir (Ivan Oreščanin) und der Wildkatze Suza (Mareike Jankowski attraktiv als Peitsche schwingende Domina) führen, aber auch zur Bekehrung des dem Trunke ergebenen Staschek (Markus Butter).

Freilich findet auch das Traumpaar Boleslav (ein Operettentenor wie aus dem Bilderbuch: Szabolcs Brickner) und die reizende Jadja (mit zartem Sopran leidet und liebt Katharina Melnikova) zueinander. Sie alle schaffen erfreulich neue Hörerlebnisse mit „Lange war die Wanderschaft“, „Polenland, mein Heimatland“, „Das ist der Walzer der Liebe“ oder dem Hit verdächtigen „Katzenaugen“, die sie über stellenweise etwas zu mächtige Grazer Philharmoniker unter der Leitung von Marius Burkert schmettern.

Polnische Hochzeit Solisten-Ensemble © Werner Kmetitsch
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