Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Bühne mit dem Drachen und Ensemble © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

DAS LAND DES LÄCHELNS wo der Drache tanzt

Maximilian Mayer, Harald Serafin © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Eine hörens- und sehenswerte Reise vom Wiener Prater in das Reich der Apfelblüten

Die Bühne der Seefestspiele ist allein von ihren Dimensionen prädestiniert für Revuen aus der silbernen Operettenära. Zwischen Schilfgürtel und Besuchertribüne ist genug Platz, um ausgedehnte Weltreisen anzutreten. Franz Lehar und Konsorten haben um das Fernweh ihres Publikums gewusst und entführen dieses mit ihren Stücken in exotische Traumfernen. Das Libretto muss sich diesem Wunsch beugen und wie im Fall vom „Das Land des Lächelns“ auch die Chinesen Deutsch sprechen lassen. Wer sich darüber wundert, hat eben keinen Humor. Es ist die Musik, wie sie Meister Lehar dazu komponiert hat, die Brücken über alle Sprachbarrieren schlägt. Ein paar Akkorde und schon weiß man, dass man sich im Reich der Mitte befindet, dort, wo die Klänge auf pentatonischen Tonleitern (bestehend aus fünf Tönen, die immer problemlos zusammenpassen) aufgebaut sind. Unglaublich, wie gut sich dieses System mit dem Wienerischen mischen lässt und eine berückende Klangfülle schafft, die den Zuhörer einlullt oder mitreißt, je nachdem worum es gerade geht.

Elissa Huber als Lisa und Won Whi Choi als Sou-Chong © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Ob Walzer oder chinesisches Liebeslied, große Arie oder launiges Duett, immer wieder klingen beide Welten durch. Es ist kein Wunder, dass die Operette bis heute dauerhaft auf den Spielplänen steht; trotz einiger Anlaufschwierigkeiten. Als „Die gelbe Jacke“ musste sie bald abgesetzt werden. Erst nachdem Ludwig Herzer und Fritz Löhner das ursprüngliche Libretto von Victor Léon bearbeitet haben, erlebte deren Vorlage als Land des Lächelns einen fulminanten und anhaltenden Erfolg. Es gibt kaum einen Freund dieses Genres, der den Inhalt nicht kennt und sich trotzdem immer wieder wundert, wie diese verwöhnte Wienerin entgegen aller guten Ratschläge einem chinesischen Prinzen nach Fernost folgen kann, um an einem Cultur Clash des 19. Jahrhunderts zu zerbrechen.

Koichi Okugawa, Katerina von Bennigsen, Gernot Kranner © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Intendant Peter Edelmann war nach der Premiere am 11. Juli 2019 überglücklich, mit gutem Recht. Seine Crew hat diese Operette tatsächlich so umgesetzt, wie es sich der Liebhaber solcher Werke wünscht. Leonard Prinslo zeigte in Inszenierung und Choreografie keine Scheu vor ausladenden Bildern, vor Romantik und vor dem feinen Plüsch, der einfach dazu gehört, wenn sich der Adel aus Wien und China ein Tête-à-Tête gibt. In Wien war das Bühnenbild noch eher konventionell gestaltet.

In Peking ließ Walter Vogelweider aber die Sau, pardon, den Drachen raus. Lóng, wie er dort genannt wird, ist kein schreckliches Monster, sondern eine helfende Gottheit, die vom Publikum heftig beklatsch und mit tausenden Handys fotografiert wurde, als sie mit brennend roten Augen und Feuer schnaubend in der Szene auftauchte. Das hat schon was, so ein Auftritt eines exotischen Fabelwesens, das im Hinterkopf als praktische Auftrittmöglichkeit benutzt werden kann. Freilich gibt es noch viel mehr zum Schauen und Staunen. Vertikalakrobaten zeigen ihr artistisches Können und ein Ballett beim Walzer Gold und Silber was Schwung und Präzision in Schwarz und Blau/Weiß bedeutet .

Das Ballett bei Gold und Silber © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Das Festival Orchester Mörbisch unter Thomas Rösner lässt Lehar mit viel Gefühl erklingen und begleitet behutsam die Solisten, unter denen Elissa Huber als Lisa und Won Whi Choi als Sou-Chong mit eminentem Tonumfang und breiten opernhaften Phrasen konfrontiert sind und diese Herausforderung bravourös bestanden haben. Mi ist die kleine Schwester des großen Prinzen.

Sie wäre so gern europäisch. Die zierliche Katerina von Benningsen hat die dazu passende feine Stimme. Voll Aufmüpfigkeit wirbelt sie durch die alten Traditionen ihrer Heimat. Dabei sollte sie aber mit dem Spucken aufpassen und zumindest den Buddha damit verschonen. Das könnte für die ganze Produktion ins Auge gehen. Gustl, der so vergeblich liebt, behält mit Maximilian Mayer auch dann seinen Charme, wenn ihm von seiner Traumfrau ein Chinese vorgezogen wird, und er zuletzt sogar der Zuneigung zu Mi aufgrund der geografischen Entfernung entsagen muss. Benno Schollum ist ein eleganter Ferdinand Lichtenfels und Koichi Okugawa ein böser Onkel Tschang, der von seinem Sekretär Fu-Li (Gernot Kranner) willfährig begleitet wird. Lore (Katharina Kovar), Toni (Ioanna Papaioannou) und Fini (Olivia Pflegerl) sind die drei Grazien, die sich mit Vergnügen vom verliebten Prinzen einen Korb abholen. Was wäre der Kaiserhof Chinas ohne Eunuchen.

Diese armen entmannten Burschen stehen unter der Leitung des Obereunuchen, für den sensationeller Weise Mister Wunderbar gewonnen werden konnte. Harald Serafin nimmt genussvoll ein Bad in der Zuneigung seines Publikums. Wenn er das von ihm selbst und Felix Dvorak getextete Couplet singt und dann hemmungslos blödeln kann, spätestens dann ist klar, wie er einst diese Festspiele am Neusiedlersee zum Magneten für Menschen, egal ob nahe oder fern solcher Musik, aufgebaut hat.

Elissa Huber als Lisa, Maximilian Mayer als Gustl © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

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