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Figaro lässt sich scheiden Ensemble © Rolf Bock

FIGARO LÄSST SICH SCHEIDEN Emigration bekannter Operngestalten

Figaro lässt sich scheiden Ensemble © Rolf Bock

Ein Stück aus Zeiten, in denen die Leute wichtiger sind als die Menschen

Figaro ist ein Tausendsassa. Wenn es sein muss, kann er alles, auch Friseur spielen. Sein Herr, der berühmte Graf Almaviva, wusste diese Vielseitigkeit schon zu Zeiten Mozarts und Rossinis zu schätzen. Wenn nun aber gerade in diesem Land, in dem ein Adeliger wie Almaviva ungestraft jedem Rock nachsteigen darf, plötzlich die Revolution des Proletariats ausbricht? Dann muss der Graf fliehen. Als Fluchthelfer bringt ihn Figaro über die Grenze und mit dem hochwohlgeborenen Herrn auch dessen Standesdünkel, seine Anlassigkeit und die Sucht zum Geldverschwenden. Ödön von Horváth hat das ohnehin bereits sehr bösartige Stück „Der tolle Tag“, besser bekannt als „Figaros Hochzeit“, noch um einiges schwärzer als Lorenzo da Ponte weiter gedacht. Die Gestalten sind großteils aus der Oper bekannt, lediglich ihr Umfeld hat sich radikal verändert. Nachdem der Graf pleite zu gehen droht, sieht sich Figaro, von Zukunftsängsten geplagt, um eine selbständige Beschäftigung um und findet diese in einem Nest, in dem ein Friseurladen zum Verkauf steht. Es kommt wie es kommen muss.

Michael SChefts, Adriana Zartl © Rolf Bock

Die Ehe mit seiner Susanne ist zu einem tristen Nebeneinander geworden, von Kindern will er nichts wissen und aus dem goscherten Aufmüpfigen ist ein Buckler geworden, der es nur seiner Kundschaft recht machen will. Da dabei auch unangenehme ZeitgenossInnen sein Geschäft betreten, die Susanne den Hof machen oder ihr eine List vonwegen vorgetäuschter Schwangerschaft einreden wollen, ist die Scheidung offenbar unausweichlich.

Figaro lässt sich scheiden Ensemble © Rolf Bock

Martin Gesslbauer, der diesen Horváth für die Sommerspiele Schloss Sitzenberg inszeniert hat, hat mit dem Bühnenbild die Tristesse unterstrichen, denen die bei Mozart noch so lebenslustige Gesellschaft im Falle einer Flucht unterworfen ist. Ein Bretterverschlag, garniert mit Munitionskisten und Koffern, ist Schauplatz dieser bitteren Komödie, der allerdings auf raffinierte Weise mit etwas Phantasie sowohl als finsterer Wald, als Hotel Esplanade oder als Friseursalon eingesetzt werden kann.

Seinen guten Teil zur Illusion trägt, das muss auch gesagt sein, der wunderschöne, ungemein stimmungsvolle Innenhof von Schloss Sitzenberg bei. Alles in allem, die Premiere am 1. Juni 2018 war ein würdiges Gedenken an den 80. Todestag von Ödön von Horváth.

 

Das Ensemble, bestehend aus wesentlich weniger Schauspielern als es Rollen gibt, spielt sich mit ungeheurem Einsatz durch die verschlungenen Wege dieser Emigration der bekannten Operngestalten. Graf Almaviva ist Johannes Terne, der seinen adeligen Schlingel auch in den widrigsten Umständen ein Augenzwinkern verleiht. Als Figaro macht Stefan Rager die Wandlungen dieses Mannes, zuerst vom listigen Kammerdiener zum biederen Friseur und wieder zurück zum durchtriebenen Schlossverwalter, stets neu glaubhaft. Dann gibt es noch Adriana Zartl, die mit einer voll Leben sprühenden Susanne ebenfalls nur eine Person zu verkörpern hat. Die anderen schaffen mit virtuoser Verwandlungskunst tolle Sprünge durch die diversen gesellschaftlichen Ränge. So wird mit Anke Zisak aus der Gräfin unter anderem eine Hebamme und schließlich Fanchette, die Tochter des alt gewordenen Schlossgärtners, den Michael Schefts ebenso tattrig selbstverständlich gibt wie einen forschen Offizier und einen etwas füllig gewordenen Cherubin als Chef einer Emigrantenbar.

Zwei reizende Findelkinder (Moritz Mörtl alternierend mit Noah Siebenhütter und Alma Dressler) erinnern Figaro an sein eigenes Schicksal, weil er nicht einmal sagen kann, wie alt er ist. Michael Duregger, Felix Kurmayer und Toni Öllerer bestreiten die übrigen Rollen und sorgen mit gekonnter Komik, dass der Weg aus diesem Jammertal in Zeiten, in denen die Leute wichtiger sind als die Menschen (© Ödön von Horváth) doch zu einem überraschenden, fast zu melodramatischen Happy End führen kann.

Figaro lässt sich scheiden Ensemble © Rolf Bock
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Schloss Sitzenberg  Foto:© Peter Bors

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