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Natascha Mair (Swanilda), Denys Cherevychko (Franz) & Ensemble  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

COPPÉLIA als kompromisslos romantisches Märchen

Natascha Mair (Swanilda), Denys Cherevychko (Franz) & Ensemble  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Wahrlich staatsballettisch getanzte Eifersucht auf das Mädchen mit den Glasaugen

Die Geschichte stammt vom Meister der düsteren Erzählungen aus der Nachtwelt jenseits der vorhersehbaren Wirklichkeit. In E. T. A. Hoffmanns wirren Träumen erscheint auch eine Puppe, ein weiblicher Homunkulus, die in der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ als Olympia von einer Sängerin zum Leben erweckt wird. Charles Nuitter und Arthur Saint-Léon haben sie im Libretto des Balletts „Coppélia“ zur starren „Hauptdarstellerin“ gemacht. Léo Delibes hat die Musik dazu komponiert und damit den Tanzensembles der großen Opernhäuser die Gelegenheit geschaffen, ihr ganzes Können zu zeigen. 1870 fand die Uraufführung in Paris statt, also in einer Zeit, in der man für Plüsch und Romantik noch genügend Sinn hatte. Tempora mutantur, sollte man meinen. Nicht aber in der Volksoper, wo man mutig die Pariser Originalentwürfe der Ausstattung auf die Bühne stellt und damit eine Art Inszenierungs-Archäologie betreibt. Das Premierenpublikum schien dieser Salto rückwärts kaum zu irritieren, abgesehen von ein paar Matschkerern, die sich leise über diese „Ausgrabung“ mokierten.

Natascha Mair (Swanilda)  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Nach herzerwärmenden Takten der Ouvertüre in den Hörnern öffnet sich der Vorhang zu einer galizischen Ortschaft und einem Rosen umrankten Fensterl, aus dem die holdreizende Swanilda herausschaut, um ihren Verlobten Franz dabei zu ertappen, wie er mit verliebten Blicken zur jungen Dame im Haus des Sonderlings namens Coppélius hinaufschaut. Dass diese stets mit einem Buch in der Hand, ohne darin einmal umzublättern, hinter dem Fenster sitzt, stört den jungen Mann offenbar nicht, ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie überhaupt nicht auf sein Winken regiert. Die Verlobung mit der lebensvollen Braut platzt darob und es dauert noch zwei ganze turbulente Akte, bis die beiden jungen Leute endlich vom Bürgermeister im Park eines herrschaftlichen Schlosses getraut werden können.

Alexis Forabosco (Coppélius), Denys Cherevychko (Franz)  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Das Wiener Staatsballett kann wunderbar romantische Märchen erzählen ohne kitschig zu werden. Pierre Lacotte konnte also ins Volle greifen, um sowohl Solisten als auch die Ensembles für diverse „Volkstänze“ wie Mazurka und Pas de Bottes (Stiefeltanz), aber auch Brautpaare und „Die zwölf Stunden“ bestens besetzen zu können. Auf Befehl beginnen Chinese (Nicola Barbarossa), Perser (Marat Davletshin) und Beckenspieler (Hanno Oppermann) mit ihren mechanischen Darbietungen. Sie sind wie Coppélia, das Puppen-Mädchen mit den Glasaugen, Werke des Schmieds Coppélius (Alexis Forabosco).

Der steht hinkend und verzweifelt dem Unverständnis seiner Zeitgenossen gegenüber. Er ist ja wirklich sehr nahe dran, die von ihm gebaute Puppe zum Leben zu erwecken. Franz (Denys Cherevychko) kommt ihm dabei sehr gelegen. Er macht ihn betrunken und glaubt, dessen Leben auf Coppélia übertragen zu können. Dabei übersieht er allerdings, dass die lebendig gewordene Puppe niemand anderer ist als Swanilda (Natascha Mair), was ihm insofern nicht gut bekommt, als diese ihn nach ein paar ungelenkten Schritten charmant, aber resolut nach ihrer Pfeife tanzen lässt.

Aber warmherzig wie das Mädchen nun einmal ist, ersetzt sie ihm den von ihr und ihren reizenden Freundinnen angerichteten Schaden mit dem Geld, das sie vom Bürgermeister (Franz Peter Karolyi) anlässlich der Hochzeit bekommt. Sowohl Mair als auch Cherevychko, der die Schwerelosigkeit erfunden zu haben scheint, ernten mit ihren Soli und harmonischen Pas de deux Bravorufe. Begleitet werden sie dabei vom Orchester der Volksoper Wien unter Simon Hewett, der teils die zarten Klänge von Holz, Harfe und Streicher genießt, aber es im tiefen Blech stellenweise bedenklich krachen lässt. Vielleicht wäre ohne knurrende Tuba und schmetternde Posaunen das Ganze wirklich ein wenig zu süßlich und zu wenig Hoffmann, der uns damit ja das Fürchten lehren wollte.

Natascha Mair (Swanilda), Denys Cherevychko (Franz)  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
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