Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


UNterm Strich Jahrmarkt der Eitelkeit Ensemble © Anna Stöcher

UNTERM STRICH: Im Grund genommen sind wir alle Loser

Georg Schubert, Petra Strasser © Anna Stöcher

Was sonst steigert deinen Marktwert mehr als die Eitelkeit?!

Margit Mezgolich, bewährte Autorin für das TAG, vergreift sich in „UNTERM STRICH Ein Jahrmarkt der Eitelkeit“ ausgerechnet an den Damen und Herren, die ihre Stücke auf der Bühne umsetzen sollen. Fünf Schauspieler, die 1989 gemeinsam ihre Lehre abgeschlossen haben, vereinbaren 29 Jahre danach ein Klassentreffen. Was ist aus dieser oder jenem geworden? Die Neugier ist groß, aber größer das Bedürfnis, gegenüber den anderen nicht als Verlierer dastehen zu müssen. Die Initiative dazu ist von Stefan ausgegangen, einem richtig crazy Typen, der irgendwo in ländlicher Einsamkeit mit improvisierten Möbeln und einem Haus ohne Fenster zu leben vorgibt. Er empfängt seine Gäste im selben barocken Kostüm, das er bei einer Abschlussvorstellung der Schauspielschule getragen hat. Er stellt sich, nachdem sich alle zusammengedoodelt haben und erschienen sind, als Spielleiter vor. Er versteht es, die Zeit zurück zu drehen und die vier anderen durch die zurückgelegten Jahre ihre Rollen bis in die Gegenwart herauf mit ihren durchwegs verpfuschten Leben durchspielen zu lassen.

Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Sie sind, und er macht daraus kein Hehl, seine Marionetten, denen er ihr Ende mit dem Satz „Kommt lasst uns die Puppen in die Kiste stecken, denn unser Spiel ist aus“ klarmacht. Er ist der geheimnisvolle Magier, dem alle, wenn auch murrend, den ganzen Abend lang brav gehorchen und nichteinmal groß maulen, als der Gruß aus Küche leider nicht serviert werden kann, weil er verbrannt ist.

Jens Claßen, Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Raphael Nicholas ist Spielleiter Stefan, der seine Besucher mit dem Akkordeon und einem Saxophon blendend unterhält, wenn er nicht gerade im viktorianischen Pathos Selbstverständlichkeiten aus dem „Jahrmarkt der Eitelkeit“ von William Makepeace Thackeray (erschienen 1849) deklamiert, um damit das Spiel der Betroffenen zu lenken. Der einzige, der es als Schauspieler wirklich zu was gebracht hat, ist nicht erschienen. Dafür aber der goscherte und längst glatzerte Martin (Georg Schubert).

Seinerzeit hat er mit blonder Mähne die Mädels reihenweise nur so umgelegt, auch die aus gutem Hause stammende Emma (Lisa Schrammel). Wegen einer Schwangerschaft hat sie ein Engagement am Volkstheater sausen lassen und aufgrund seelischer Aufgewühltheit nach einem entdeckten Seitensprung Martins einen Unfall gebaut, der ihr ein steifes Bein eingebracht hat. Einer, der nie zu Wort kommt, weil der denkt, bevor er redet, ist Richard (Jens Claßen). In seinem erlernten Beruf hat er es zu nichts gebracht, jedoch als Unternehmer, da hat er Millionen gescheffelt. Aber was bringt das ganze Geld, wenn er die Frau, die er heimlich liebt, eben Emma, nicht bekommt. Am ehesten kommt die bestens gestellte Becky (Petra Strasser) mit ihrer Erfolglosigkeit zurande. Bei jeder der Lebensstationen, in die das Ensemble in die Vergangenheit zurück geschickt wird, hat sie ein neues Projekt oder eine andere Partnerschaft, unter anderem auch einen Geschäftsmann, der sein Büro in den Twin Towers hatte, als die Flugzeuge reinkrachten, und just an diesem Tag mit einem Flittchen an einem Strand sicher in der Sonne gelegen ist.

 

Weltgeschichte von 1989 bis 2018 wird also aufgerollt, mit Humor und in der schrägen Weise, wie man sie am TAG, dem Theater an der Gumpendorfer Straße, seit der Aera Gernot Plass schätzt.

Sehr viel tragen dazu auch die damit beschäftigten Schauspieler bei, die keinerlei Problem haben, mit Perücken und ein paar Vintage-Klamotten virtuos durch die Lebenszeit ihrer Figuren zu springen. Jede und jeder von ihnen kommt authentisch rüber, ob als Zwanzigjähriger Aufreißer oder als eine vom Dasein geprügelte Fünfzigjährige. Was sie alle vereint, die Spieler und die Gespielten, ist Eitelkeit, ohne die kein Schauspieler halbwegs überzeugend vor ein Publikum treten könnte.

Lisa Schrammel, Raphael Nicholas © Anna Stöcher

Julian Loidl (Macbetz © Anna Stöcher

MACBETH Unterhaltsames Blutbad in den Highlands

Julian Loidl, Elisa Seydel © Anna Stöcher

Bereit und fit geht es zu dritt – alte Hexenweisheit

Was haben sich Zuschauer schon abgegruselt, wenn der tyrannische Macbeth und seine blutrünstige Lady Macbeth als Herr und Frau König über Schottland herfallen! William Shakespeare hat diese Gestalt aus grauer heidnischer Vorzeit in seinem Drama zum mordlustigen Leben erweckt, um sie am Ende zu allseitiger Beruhigung selbst ableben zu lassen. Es gibt wahrsagende Hexen, gespenstische Erscheinungen, finstere Burgen und wandelnde Wälder. Solche Highlands sind also alles andere als einladend und hätten als touristische Destination bestenfalls auf den Seiten Abenteuer-Urlaub eine Chance. Gernot Plass, Prinzipal des TAG, Meister der respektlosen Bearbeitung klassischer Dramen, konnte einem solchen Stoff natürlich nicht widerstehen. Er hat einen Macbeth auf die Bühne gestellt, der mit seinem Wortwitz und der Neuninterpretation britischer Vergangenheitsbewältigung das Publikum neben der getreulichen Vermittlung des originalen Inhalts des Dramas sogar zum Lachen verführt und die Zeit damit wie im Flug vergehen lässt.

Elisa Seydel als wahnsinnige Lady Macbeth © Anna Stöcher

Für Unterhaltung ist also gesorgt. Vor allem mit den drei Hexen. Sie werden zu Tussis, ganz zeitgemäß teils mit Vollbart. Der Grund dafür ist, dass sämtliche Rollen, und es sind bei Shakespeare nicht wenige, dazu der Hofstaat und ganze Heere mit und ohne Tarnung von einer Handvoll von Schauspielern im Schottenrock bewältigt werden müssen. Da wäre Elisa Seydel, die neben ihren Einsätzen als Lennox, Fleance und einem Clown als überzeugende Lady Macbeth ihren Gatten zu allerlei Morden überredet. Jens Claßen begleitet Macbeth als treuer Banquo, springt als Pförtner ein, versucht, angetan mit Zylinder und ausgestattet mit geschraubten psychologischen Statements, die dem Wahnsinn verfallene Lady Macbeth zu heilen und darf als Clown mit feiner Ironie blödeln. Moira, Ross, Lennox, Soldat, zweiter Mörder, Sohn und Clown schafft locker Raphael Nicholas, ebenso wie Lisa Schrammel Imke, Malcolm, Lady Macduff, Lennox, einen Möchtegernmörder, die Zofe und ebenfalls einen Clown. Als erstes Opfer kommt Georg Schubert als alter König Duncan zu Tode, lebt aber weiter in Hether, Macduff und einem köstlich g´scherten Mörder. Julian Loidl ist der einzige, der sich mit nur einer Rolle begnügen muss.

Aber schließlich ist Macbeth die Titelfigur, die Plass in vielen Facetten, vom unbezwingbaren Heerführer über den Zauderer, wenn´s um das Erstechen des Königs geht, bis zum verzweifelt an seine Grausamkeit gefesselten Tyrannen gezeichnet hat. Loidl macht jeden dieser an sich grundverschiedenen Charakterzüge nachvollziehbar und schafft damit ein neues, differenziertes Bild von einem Mann, den man aus der Literatur- und Operngeschichte meistens nur als mörderische Bestie kennt.

Lisa Schrammel, Georg Schubert, Raphael Nicholas als die drei Hexen © Anna Stöcher
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