Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Liebesgeschichten und Heiratssachen Ensemble © Christina Kaufmann

LIEBESGESCHICHTEN UND HEIRATSSACHEN Nestroy einfach wie er g´hört

Edith Leyrer, Franz Suhrada © Christine Kaufmann

Erfolgreicher Auftakt für die „Musikalische Komödie Wien“

An sich sind es zwei ganz verschiedene Dinge, Liebesgeschichten und Heurathssachen, wie Johann Nestroy diese Posse mit Gesang in drei Akten benamst hat. Der Autor hat es aus eigener Erfahrung am besten gewusst, worin der große Unterschied besteht. Er hat nicht mit brutalen Pointen gespart, mit wahrlich wilden Formulierungen und Wortschöpfungen, die ihm bis heute keiner nachgemacht hat, wenn es wie in diesem Stück darum geht, die ehrliche Liebe von braven jungen Leuten gegen Geldgier, Standesdünkel und schmierige Durchtriebenheit der Alten zu setzen. Dass es dabei unglaubliche Verwechslungen gibt, die dem Ganzen einen prickelnden Schuss Spannung verleihen, hat schon mit der Uraufführung 1843 zum Erfolg geführt und bis heute kein bisserl nachgelassen. Wer schaut nicht gern zu, wenn ein feister gewester Fleischselcher und nunmehriger Particulier namens Herr von Fett auf der glitschigen Ölspur des mit allen dreckigen Wassern der Unschuldsbeteuerung gewaschenen Nebel ausrutscht. Schadenfreude ist bekanntlich die von allen Lustbarkeiten am wohltuendste.

Olivia Pflegerl, Benjamin Plautz © Christine Kaufmann

Wenn als Draufgabe ein Marchese Vincelli unter kläglicher Anrufung der Geister großer Ahnen zugeben muss, dass sein Sohn trotz Abstiegs ins untere Milieu eine gute Brautwahl getroffen hat, dann gibt´s eine wahre nestroyböse Hetz. Wenn am Schluss die Richtigen einander die Hand für ein Leben in Zweisamkeit reichen dürfen, ist das beinahe schon kitschig. So viel Warmherzigkeit hat man nach dieser Show sehenswerter Bösartigkeiten dem Dichter gar nicht zugetraut. Aber irgendwie dürfte auch Nestroy hinter einem Niedertrachtsgebirge von Himalayaausmaßen zumindest ein paar Sandkörndln von Gutem in seinen Mitmenschen vermutet haben.

Fritz Hammel, Christian Höller © Christine Kaufmann

Die neu gegründete Truppe „Musikalische Komödie Wien“ unter dem Prinzipal Gerhard Ernst hat diesen Nestroy – nomen est omen – ernst genommen. Die Bühne des Theater Center Forum ist zwar klein, die Kulissen von Friedrich Klein sind dagegen ganz groß. Schauplätze sind ein Wirtshausgarten und der mit Campbell´s Soup-Tapeten und dem bekannten Konterfei eines Hofstädter inmitten g´schmackiger Schinken und Würste behübschte Salon in der „Schlossvilla“ des neureichen Fett.

Dazwischen agiert ein wohl abgemischtes Ensemble aus „alten“ Haudegen der Komik und ehrgeizigen Jungschauspielern so gekonnt, dass es eine Freude ist, dieser Melange bei der Arbeit zuzuschauen. Fanny, die reizende Tochter von Fett, ist Olivia Pflegerl, deren entfernte und doch örtlich nahe Verwandte Ulrike die im Burgenland geborene und an den palmenreichen Stränden von Goa aufgewachsene Anú Anjuli Sifkovits. Die zwei Mädels sind absolut würdige Heiratskandidatinnen für die beiden anständigen Burschen Anton Buchner (Benjamin Plautz) und Alfred (Michael Perner), der in hochlöblicher Bescheidenheit seine adelige Abstammung von Marchese Vincelli verschweigt. Als sein Vater betritt Franz Suhrada die Bühne und schafft vom ersten Moment an Lacher im Publikum. Wenn ihm zu seinem Entsetzen die als angebliche Schwiegertochter vorgeschwindelte Lucia Distel vorgestellt wird, „tanzen“ zwei ganz Große des heiteren Fachs einen virtuos komischen Pas de deux. Edith Leyrer ist als resche Vierzigern – was ihr Vermögen an 40.000 Gulden betrifft – zwar in den Nebel, besser in den angeblichen von Nebelstern, verliebt, auf den aber letztendlich kein Verlass ist. Fritz Hammel spielt die Rolle, die sich Nestroy auf den Leib geschrieben hat, duckt sich gekonnt, wenn´s sein muss, und hat immer eine Ausrede für die von ihm implizierten Schändlichkeiten parat. Zudem singt er Couplets mit durchaus aktuellen Extempore, begleitet von Christian Höller auf dem Akkordeon.

Als ihn der aufrechte und um seine Zeche besorgte Gastwirt (János Mischuretz) vom Wachter (Charly Kotzina) abführen lassen will, kann er der Haft nur entkommen, weil ihn der zwar reiche, aber nicht gerade von Intelligenz strotzende Herr von Fett (who else than Gerhard Ernst) für was Besseres hält. Er und alle anderen geben Nestroy absolut recht, wenn dieser die Schwächen der Menschheit einer jeden Zeit von einem aus eben solchen Individuen bestehenden Publikum bejubeln lässt.

Fritz Hammel, Gerhard Ernst © Christine Kaufmann
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