Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Beate Gramer © Rolf Bock

DIE KAKTUSBLÜTE keineswegs stachelig zum Blühen gebracht

Michael Mischinsky, Beate Gramer © Rolf Bock

Die sehenswerte Bekehrung eines Weiberhelden zum Liebhaber eines Mauerblümchens

Wenn einer wie dieser Julien schon glaubt, ein Schmetterling zu sein und von einer Blüte zur nächsten flattern zu müssen, dann sollte er sich seinen Schmäh besser überlegen. Er ist Zahnarzt, ledig und der Weiblichkeit nicht abhold und fest der Meinung, dass ihm deren Eroberung mithilfe der Behauptung, verheiratet zu sein, besser gelingen könnte. Dass das junge Ding namens Antonia drauf abfährt, hat er lediglich ihrem Fanatismus zur Wahrheit zu verdanken. Irgendwann wird aus dem lockeren Flirt aber Ernst und schlägt sich auf das Gewissen von Antonia. Sie vermeint Julien zu lieben und schlittert in die ärgsten Skrupel, dass sie seine Familie zerstören könnte, wenn sie einer Frau und drei Kindern den Mann wegnimmt. Ein Selbstmordversuch ist die Folge, den der freundliche Nachbar Igor, ein Bursch in ihrem Alter, jedoch verhindert und Julien zu weiteren abenteuerlichen Lügen zwingt. An dieser Stelle setzt die Komödie „Die Kaktusblüte“ von Pierre Barillet & Jean-Pierre Grédy an, die nicht nur als Film, sondern auch als Erfolgsgarant für die Bühne zum Renner geworden ist.

Michael Mischinsky, Leonie Reiss © Rolf Bock

Der titelgebende Kaktus ist die Ordinationshilfe Stephanie, ein in die Jahre gekommenes Mädchen, dessen Herz dem Zahnarzt gehört, aber die ständige Zurückweisung seitens dieses Mannes mit Kratzbürstigkeit gegenüber der übrigen Männerwelt kompensiert. Ihr bevorzugtes Opfer diesbezüglich ist Norbert, ein Freund Juliens, dem es größten Spaß macht, an ihren Stacheln zu zupfen. Als ausgerechnet dieser Witzbold in das Lügengebäude von Julien eingebunden wird und den Liebhaber der angeblichen Ehefrau Stephanie spielen soll, beginnt sich allmählich eine Lösung dieser für alle Beteiligten verzwickten Situation abzuzeichnen...

Leonie REiss, Raphael Cisar © Rolf Bock

Erich Martin Wolf hat seinen Fans von der österreichischen Theatergemeinde und den verlässlichen Freunden des Theater Center Forum die Freude gemacht, dieses herrliche Stück Boulevard zu inszenieren. Der alte Profi Siegbert Zivny hat ihm dafür eine Bühne gebaut, die einen raffiniert raschen Wechsel von der Wohnung Antonias in die Zahnarztordination über den Schallplattenladen in einen Nachtclub ermöglicht. Für den Umbau reichen jeweils ein paar heiße Takte von Ravels Bolero.

Dazwischen ist ein Ensemble am Werk, das sichtlich seine Hetz dabei hat, die Kaktusblüte zum Blühen zu bringen. Der stets lustige Norbert ist Bernhard Dreisiebner, dessen Scherze wohl kaum eine Frau länger als eine Viertelstunde ertragen könnte. Kein Wunder, dass er Junggeselle ist. Der zweite Bursch ist ungemein sympathisch und wohl etwas zu natürlich, was den Umgang mit Mädchen betrifft. Raphael Cisar macht auch im kleinen Schwarzen, einer sportlichen Unterhose, bella figura. Sein Igor ist ebenfalls unbeweibt, aber als Lebensretter und Seelentröster unersetzlich. Mit seiner süßen Nachbarin Antonia (Leonie Reiss) hat er es alles andere als leicht. Zuerst ist sie in den um etliche Jahre älteren Julien verknallt, und auch nach dessen Entlarvung als patscherter Lügner will und will der Funken zwischen ihr und Igor nicht springen. Als Senior Lover Julien lässt Michael Mischinsky seine Komik und Vielseitigkeit zwischen Pappenschlossser, erbostem Großbuben, Möchtegernlebemann und verhindertem Charmeur glänzen.

Als letzterer wählt er zielsicher das falsche Geschenk für seine kleine Freundin aus, nämlich eine Louis Vuitton Tasche. Um wie viel besser würde dieses zwar sauteure, aber absolut für reifere Damen geschaffene Accessoire der zu lange vernachlässigten Stephanie anstehen. Beate Gramer ist zwar noch weit von diesem Alter entfernt, aber sie wandelt sich überzeugend vom grantigen Vorzimmerdrachen in eine verführerische Lady, an der auch ein Julien auf Dauer nicht vorbeikommt.

Beate Gramer, Bernhard Dreisiebner © Rolf Bock
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