Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Diorama einer Schokoladenfabrik © Technisches Museum Wien

Diorama einer Schokoladenfabrik © Technisches Museum Wien

FOODPRINTS Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme

tasteLAB © Technisches Museum Wien

tasteLAB © Technisches Museum Wien

Eine aktive Reise durch Geschichte, Gegenwart und Zukunft unserer Lebensmittel

Kaum zwei Jahre war ich alt, als mein Genussspektrum rigoros eingeschränkt wurde. Meine Mutter hatte entdeckt, dass ich Bremsen, also die dicken Brummer, am Fenster fing, sie eine Zeit lang in meinen Fingern summend gefangen hielt und dann plötzlich Stille eintrat. Sie beobachtete mich und musste zu ihrem Entsetzen feststellen, dass ich die feisten Insekten zuerst in meinen Kakao tauchte und dann – schwups – in meinem Mund verschwinden ließ. Sie dürften mir geschmeckt haben. Mutter fiel über mich her, schrie etwas von „Grauslich! Pfui gack! Spuck´s wieder aus!“ Sie hatte leider keine Ahnung, was vielleicht in ein Paar Jahren das Trendfood schlechthin sein könnte: Garnierte Kerbtiere, geröstet, mit Schokolade überzogen oder zu Burgerlaibchen faschiert. Ich ließ mir den Grausen einreden und verzichte seither dankend auf noch so appetitliche Snacks, die von fantasievollen Küchenchefs aus Ameisen, Mehlwürmern oder Fliegenmaden kreiert werden. Dabei wären sie so gesund! Wer´s nicht glaubt, braucht sich dazu nur in der aktuellen Ausstellung des Technischen Museums Wien umzuschauen. Freilich sind sie dort nur ein Seitenthema, auf den Plakaten aber die Stars von „FOODPRINTS Technik geht durch den Magen“. Es handelt sich tatsächlich ums Essen, also um unser Food, wie es im Englischen heißt. Mit den „Prints“ könnten Spuren gemeint sein oder auch der Druck, wie man ihn in Zeitungen und Büchern findet. Aber dafür ist diese Technik der Vervielfältigung längst überholt. Denn es geht um aktuell brennende Fragen im Zusammenhang mit dem Grundbedürfnis des Menschen, nicht zu verhungern.

Ausstellung_FOODPRINTS © Technisches Museum Wien

Ausstellung FOODPRINTS © Technisches Museum Wien

Ausstellung_FOODPRINTS © Technisches Museum Wien

Ausstellung_FOODPRINTS © Technisches Museum Wien

Den Anfang machen die 15 SDGs (Sustainable Development Goals), die von der UNO für ein gedeihliches Weiterbestehen unserer Spezies auf einem von uns gequälten Planeten definiert wurden. So heißt das zweite der Ziele bereits „Kein Hunger!“. Setzt man sich mit der Ernährung aber näher auseinander, fallen etliche andere der Goals ebenfalls in diese Sparte. Werden die Lebensmittel fair produziert, nachhaltig oder gesund? Die Frage an dieser Stelle der Ausstellung lautet daher: Wie können Innovationen zu nachhaltigen Lösungsansätzen für unsere derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen beitragen? Die Antwort wird offen gehalten und sollte zu einem Nachdenkprozess bei den Besuchern führen. Hilfreich sind dabei Stationen wie „Was gibt´s? Kann ich mir das leisten?“ Am Beginn des ersten Lockdowns waren nicht nur die Regale für das Klopapier leer, sondern auch diejenigen mit Teigwaren, haltbar gemachtem Brot und anderen Grundnahrungsmitteln. Wir haben vielleicht das erste Mal in unserem Leben geahnt, dass unsere sonst so reich bestücken Supermärkte einmal ausverkauft sein könnten und darob der Mittagstisch zuhause allzu karg ausfallen müsste. Mittlerweile sind die Läden aber wieder bestens bestückt mit Früchten, die zur absoluten Unzeit von weißichwoher geliefert werden, wie beispielweise Erdbeeren oder Kirschen mitten im Winter. „Ist das gesund?“ scheint in diesem Zusammenhang ebenso wie „Wo kommt es her? Was ist drin?“ eine müßige Frage zu sein. Abgesehen vom gewaltigen CO2-Fußabdruck kann es gar nicht gut tun, gegen den natürlichen Lauf unserer Jahreszeiten zu speisen. Dank Alchemie und Hightech, die für entsprechende Ausstattung der Esswaren mit Vitaminen, Spurenelementen und leicht verdaulichen Ingredienzien sorgen, ist unser Wohlsein dennoch gesichert. „Wer hat´s gebacken?“ geht der Herkunft einer frischen Semmel nach. An diesem unscheinbaren Beispiel des täglichen Genusses wird erörtert, welche Arbeitsschritte, Technologien und Akteure an der Herstellung dieser Köstlichkeit beteiligt sind. Über den Blick auf das Ablaufdatum hinaus führt „Ist das noch gut?“. Einmal die Wurst anriechen und nicht gleich wegschmeißen, lautet die Devise. Unsere Müllberge bestehen ohnehin zum guten Teil aus Lebensmitteln, die noch ohne Weiteres verzehrt werden könnten.

Vierkant-Glasflasche „Spiritus Vitrioli“, Mitte 18. Jh. © © Technisches Museum Wien

Glasflasche „Spiritus Vitrioli“, M. 18. Jh. © Technisches Museum Wien

Semmelkerbmaschine Ringl, Baujahr 1930   © Technisches Museum Wien

Semmelkerbmaschine Ringl, Bj. 1930 © Technisches Museum Wien

Den krönenden Abschluss dieser mit Wissen vollgepackten Expedition durch unser tägliches Futter bietet das „tasteLAB“. Bäuerliche Produkte sind in Workshops und Vorführungen an dieser Bar mit allen Sinnen zu erleben. Das heißt, es wird mit den Ohren geschmaust, mit der Nase verkostet und dem Gemüse in einer vertikalen Farm beim Wachsen zugesehen. Das Spannungsfeld reicht hier vom steirischen Apfel über Schwammerln, gewachsen auf Kaffeesud, bis zu den Insekten, die alle in heimischen Landen 365 Tage im Jahr produziert werden. Dank dieser ausgezeichnet funktionierenden Landwirtschaft dürfen wir uns das Federl an den Hut stecken, im Feinkostladen Europas zu leben. Wir sollten uns nur ein wenig bewusster werden, was wir wann in den Mund stecken. Es darf ruhig ein Paradeiser sein, der von einem Roboter gepflückt wurde. Die Maschine erkennt, so heißt es hier, den idealen Reifezustand und kann uns so mit wirklich wohlschmeckenden Früchten aus heimischen Gefilden versorgen.

Sujet der Ausstellung „Künstliche Intelligenz?“ © Technisches Museum Wien

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ? Zum Staunen und Gruseln

Flötenspielautomat „Automa suonatore di flauto“, 1849 © Sebastian Weissinger / TMW

Fakten und Mythen zu einem (Alb-)Traum der Menschheit

Waren es vor ein, zwei Jahrhunderten noch (aus heutiger Sicht) einfache mechanische Erfindungen, die als Sensationen ganze Theatersäle füllten, ist das Betriebssystem der Kybernetik mittlerweile unsichtbar geworden. Für die meisten von uns sind diese von Algorithmen gesteuerten Errungenschaften neuester Technik unbegreifbar, ganz einfach, weil man das Geschehen, das in hochkomplizierten Computerprogrammen abläuft nicht angreifen kann. Dennoch hat sich das Technische Museum Wien über dieses Thema gewagt und dazu die Sonderausstellung „Künstliche Intelligenz?“ gestaltet. Kurator Christian Stadelmann ist es gelungen, diesem Phänomen, das mehr und mehr Beklommenheit und Angst erzeugt, die Aura einer weit jenseits unserer Begriffsfähigkeit liegenden Existenz zu nehmen und in unseren Alltag herüber zu führen. Empfangen wird der Besucher von Cruzr, einem Serviceroboter, der auf seinem Display Fragen freundlich beantwortet. Er ist die jüngste Schöpfung von Humanoiden, deren ältester Vertreter ein Flötenspieler aus dem 19. Jahrhundert ist.

Das gläserne Gehirn © Technisches Museum Wien

Es sind – vereinfacht gesagt – Roboter, die zwar dem Menschen von weitem ähnlich sehen, mit dessen eigentlichen Wesen aber wenig gemeinsam haben. Künstliche Intelligenz hat keine androide Gestalt. Näher kommt man der Wahrheit bereits an der Station, in der man sich von Sensoren umfassend vermessen lassen kann. Erhoben werden in dieser stillen Kammer nicht nur biometrische Daten, sondern auch Verhaltensweisen. Das Ergebnis ist nicht selten eine Überraschung und möglicherweise bereits der Anfang einer maschinellen Psychoanalyse.

Neuronale Netze, Ausstellungsansicht © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Vorbild ist und bleibt für die Künstliche Intelligenz, kurz KI, das menschliche Gehirn. Forscher ließen sich vom Gespinst der neuronalen Netze inspirieren. Sie kopierten die Eigenschaften sowie die Struktur und trainierten sie mit Unmengen von Daten. Noch ist der Erfolg überschaubar. An einer Wand mit handlichen Tafeln aktiviert man einen Teil durch Druck, indem man beispielsweise eine Zahl formt, die am Ende eines Gewirrs von Drähten über der richtigen Zahl eine Bildsäule aufleuchten lässt.

Leichter zu kapieren ist die Entwicklung von KI bei Wachmaschinen, die von einer einfachen Trommel aus dem 18. Jahrhundert über die noch in jüngster Zeit verwendeten Lochkarten bis zum Vollautomaten die Entwicklung dieser Haushaltshilfe zeigen. Es wird auch der Frage, ob KI kreativ sein kann, anschaulich nachgegangen und die Frage gestellt, ob es sich um einen genialen Akt handelt, wenn eine programmierte Maschine eine ganze Symphonie komponieren kann.

Die Künstler unter uns dürfen beruhigt weiterschaffen. Herauskommt am Ende bei der Maschine nur das, was vom Programmierer eingegeben wurde. Aber inspirieren kann man sich an der in der dort aufgestellten Klaviatur lassen. Ist man ganz oben angekommen, auf gleicher Höhe mit den vom TMW ausgestellten Flugapparaten, geht es um „Mobilität im Wandel“. Schon in der 1930er-Jahren wurde stolz ein selbstfahrendes Auto präsentiert. Seither wurden zig Prototypen dieser lenkerlosen Fahrzeuge konstruiert. Vergessen wurde dabei aber auf das Bedürfnis des Menschen, beim Autofahren auch Spaß zu haben, wenn man auf das Gaspedal steigt, um ein anderes Auto zu überholen oder ein Gegenüber hat, dem man den Scheibenwischer bzw. Stinkefinger zeigen kann. Ernsthafter wird es abschließend in einer Videoinstallation, in der Wissenschaftspublizist Florian Aigner die Auswirkungen dieser und andere Zukunftsszenarien unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit evaluiert.

Kybernetische Maschine „MM7, Selektor“, 1961 © Technisches Museum Wien
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