Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Tag an dem mein Großvater... Szenenfoto © Alexi Pelekanos

PAULUS HOCHGATTERER mit Erinnerungen anderer

Elena Wolff, Anton Widauer, Cathrine Dumont © Alexi Pelekanos

Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war und andere bittere Geschichten aus den letzten Kriegstagen

Sie nennen das Mädchen Nelli, das aufgrund eines traumatischen Erlebnisses weder seine Herkunft, noch seinen Geburtstag kennt, sie könnte dreizehn Jahre alt sein, oder andere persönliche Erinnerungen an vorher hat. Vorher, das ist in diesem Fall wahrscheinlich ein Bombenangriff auf die Wohnsiedlung neben einer Firma, die Kriegsgerät hergestellt hat. Bis auf das Mädchen wurde die Familie, nach Westen geflüchtete Donauschwaben, ausgerottet. Aber nicht einmal das ist sicher. Tatsache ist nur, dass Nelli nun auf einem Bauernhof im Mostviertel lebt und sich dort ihre Vergangenheit baut und wie zur eigenen Bestätigung und Wahrmachung in ein Heft schreibt. Mit ihr leben noch vier Schwestern, deren Mutter und der alte Laurenz im Haus. Der Zweite Weltkrieg geht seinem Ende entgegen, aber noch passieren in den Märztagen des Jahres 1945 auch in diesem von der Front fernen Landesteil die grausamsten Dinge seitens der noch immer siegesgewissen Nazis. Die einzelnen Episoden werden erzählt, wie sie auch dem Autor von seinen Eltern geschildert wurden.

Der Tag an dem mein Großvater... Szenenfoto © Alexi Pelekanos

Sie können verschiedene Ausgänge haben, wie beispielsweise die Sache mit dem amerikanischen Offizier, der sich per Schleudersitz aus seiner brennenden Maschine abgesetzt hat und nun von den Ortsleuten entweder an Ort und Stelle gehängt oder doch im letzten Moment gerettet wird. Den Titel verdankt der Roman dem couragierten Einschreiten von Lorenz, der sich einem Oberleutnant der Wehrmacht entgegenstellt, als dieser einen jungen Russen standrechtlich erschießen will.

Josephine Bloéb © Alexi Pelekanos

Der junge Regisseur Moritz Beichl hat den Roman für die Bühne bearbeitet und damit ein düsteres Kaleidoskop der Ereignisse in den letzten Kriegstagen geschaffen, ohne sich vom Text eines Paulus Hochgatterer zu entfernen. Beichl hat auch Regie bei der Uraufführung dieses Stückes in der Theaterwerkstatt des Landestheaters am 8. März 2019 geführt. Er begnügt sich mit einigen Versatzstücken, um die Atmosphäre eines Bauernhofes zu schaffen, und mit lediglich fünf Schauspielern.

In den Mittelpunkt stellt er Nelli (eine mächtig präsente Josephine Bloéb). Sie liebt es, Geschichten zu erzählen oder solche zu hören. Ihre Zuhörer und gleichzeitig Erzähler sind die vier Schwestern Antonia (Tobias Artner), Annemarie (Catherine Dumont), Grete (Anton Widauer) und Roswitha (Elena Wolff). Mit winzigen Änderungen in der Kostümierung, einem Ledermantel, einem Kopftuch oder einer Perücke, schon wird aus jedem und jeder einzelnen der Gefreite Schwertfeger, die Bäuerin, ein Nazi, die Hutmacherin Isolde Kleinschmidt, der Apotheker oder eben Laurenz.

Hart und unerbittlich geht Elena Wolff als Oberleutnant Gollwitz gegen den sympathischen Burschen Michail Levjochin (Anton Widauer) vor. Die Szene des Verhörs, bei dem Gollwitz dahinter kommt, dass Levjochin als Maler im Stil des Suprematismus den Führer für seinen Geschmack entartet dargestellt und sich damit sein eigenes Todesurteil heraufbeschworen hat, ist beinahe unerträglich realistisch und geht über einfaches Geschichtenerzählen weit hinaus. Aber es ist Erinnerung, wenn sie auch schmerzt.

Cathrine Dumont, Tobias Artner, Josephine Bloéb, Elena Wolff © Alexi Pelekanos
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