Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Hermann J. Kogler, Randolf Destaller, Bernie Feit © Bettina Frenzel

DIE PHYSIKER und der geniale Wahnsinn der Wissenschaft

Radniolf Destaller, Melanie Flicker © Bettina Frenzel

König Salomo, du hältst besser deinen Mund! Sonst kreist unser Planet einsam verstrahlt durchs All.

Wer einmal versucht hat, mit einem Physiker ganz normal zu reden, wird möglicherweise gescheitert sein. Die Herrschaften, die ihre Kommunikation auf komplizierte Formeln aufgebaut haben, sind gar nicht gern bereit, sich in die unexakten Tiefen verbalen Austausches zu begeben. Damit bleiben ihnen als Gesprächspartner im Grund nur ihre Kollegen, mit denen sie aber in den seltensten Fällen Sympathie verbindet. Entweder sind es gefürchtete Rivalen, die sich in ähnlich unzugängliche Gefilde wie sie selbst vorgedacht haben, oder Gegner, die schlicht anderer Meinung sind und damit von Natur aus als akzeptiertes Gegenüber ausscheiden. Alle zusammen verbindet aber das Bewusstsein, mit ihren Erkenntnissen die Welt aus den Angeln heben zu können. Friedrich Dürrenmatt lässt in seiner Komödie „Die Physiker“ gleich drei von dieser Sorte aufeinander losgehen. Zeit der Uraufführung ist der Beginn der 1960er-Jahre, in denen sich Ost und West mit Atomraketen massiv bedroht haben. Die Existenz unseres Planeten stand ernsthaft auf einem Spiel, das wohl alle miteinander verloren hätten.

Karl Maria Kinsky, Christina Saginth © Bettina Frenzel

Wer den „Kalten Krieg“ mit der Möglichkeit, alles mit einem Knopfdruck zu vernichten, ermöglicht hatte, waren Physiker. Julius Robert Oppenheimer war es gelungen, auch ohne seinen ausdrücklichen Willen, die grausame Macht des Atoms gegen die Menschheit zu richten. Schauplatz dieser dramatischen „wissenschaftlichen“ Auseinandersetzung ist ein Sanatorium, oder etwas weniger fein gesagt, ein Irrenhaus als der wohl idealste Platz, um den genialen Wahnsinn dieser in unbegreiflichste Regionen schwebenden Geister zumindest für einen Theaterabend lang amüsant darzustellen.

Die Physiker Ensemble © Bettina Frenzel

Viel hat sich seit diesen Tagen nicht geändert. Man denke nur an Donald Trump, Kim Jong Un und Wladimir Putin, die mit ihren Atombomben wie andere mit ihren Brillianten bedenklich prahlen. So besehen, ist es immer hoch an der Zeit, „Die Physiker“ auf den Spielplan zu setzen, wie derzeit in der Scala Wien, die damit ihrem Ruf als „Theater zum Fürchten“ gerecht wird. Peter M. Preissler hat inszeniert und damit klar gemacht, wie schrecklich laut Dürrenmatt die Wissenschaft geworden ist.

Martin Gesslbauer hat den angeblich Geisteskranken mit der Bühne ein sehenswert nobles Heim geschaffen, in denen sie ihren mörderischen Umtrieben unbehelligt von der Kriminalpolizei nachgehen können. Der diesbezüglich Leidtragende ist Inspektor Richard Voß (Karl Maria Kinsky), der zwar über eine Bierruhe sondergleichen verfügt und zur Überzeugung gelangt ist, dass die Gerechtigkeit hier Ferien machen darf, aber dennoch ganz gerne bei seinen Erhebungen eine Zigarre rauchen würde. Das aber verbietet ihm streng Oberschwester Martha Boll (Susann B. Winter), die derlei Genüsse nicht einmal ihrer Chefin, der Ärztin Frl. Dr. Mathilde von Zahnd (Christina Saginth souverän sowohl im Rollstuhl als auch auf den beiden Gehstöcken) erlaubt. Ein wenig unbeschwertes Leben bringen die Angehörigen Frau Missionar Lina Rose (Eszter Hollósi), deren Mann Missionar Rose (Maksymilian Suwiczak) und die drei Kinder Emil Pristolic, Flora Pristolic und Nuno Fritz in das von subtiler Bösartigkeit durchtränkte Umfeld. Nachdem die Physiker ihre Pflegerinnen zu erdrosseln pflegen, hat man Gelegenheit, zumindest das letzte der drei Opfer kennenzulernen; die wirklich reizende Schwester Monika Stettler (Melanie Flicker). Sie wird von Johann Wilhelm Möbius (Randolf Destaller) ins Jenseits befördert, nachdem sie diesem ihre Liebe und den Glauben an dessen Wahnvorstellung erklärt hat. Es ist König Salomo, der Möbius das Geheimnis der Weltformel verraten hätte, deretwegen auch die beiden anderen „Irren“ interniert sind.

Alec Jasper Kilton, Begründer der Entsprechungslehre, alias Herbert Georg Beutler, genannt Issac Newton, hat mit Hermann J. Kogler seinen genial verrückten Darsteller ebenso gefunden wie Albert Einstein, dem Bernie Feit gekonnt die Zunge rausstreckt. Denn in Wirklichkeit heißt er Joseph Eisler und hat den Eisler Effekt entdeckt, muss aber als Ernst Heinrich Ernesti fleißig Violine spielen und glasklar machen, dass noch so g´scheite Wissenschaft nicht zwangsläufig salomonische Weisheit bedeuten muss.

Christina Saginth, Susann B. Winter © Bettina Frenzel
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