Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Macht der Gewohnheit. Enesmble © Bettina Frenzel

Thomas Bernhard DIE MACHT DER GEWOHNHEIT

Glenna Weber (Enkelin), Thomas Kamper (Caribaldi) © Bettina Frenzel

Mitmenschen – die lebenslängliche Nervenprobe

Zirkusdirektor Caribaldi ist ein einsamer Kämpfer um das Forellenquintett. Aus irgendeinem Grund hat er sich in den Kopf gesetzt, mit seinem Ensemble, einem windigen Jongleur, dem patscherten Spaßmacher, einem Alkoholiker als Neffen, der als Dompteur seine Tage bei ihm verbringt, und seiner Enkeltochter, die das Erbe ihrer verunglückten Mutter auf dem Seil angetreten ist, als große Kunstdarbietung zu verwirklichen. Thomas Bernhard, der selten einen guten Blick auf seine Umgebung geworfen, aber von Musik sehr viel verstanden hat, muss bei der Idee sehr gelacht haben, als er jedem der fünf jammervollen Existenzen ein Musikinstrument zuwachsen ließ. Ausgerechnet der Rettich fressende und Bier saufende Dompteur soll die halsbrecherischen Klavierpassagen spielen. Die Violine ist dem Jongleur zugedacht, aber nur deswegen, weil er in einer stillen Stunde verraten hat, dass er diese irgendwann als Kind gelernt hat. Der Spaßmacher hat seine größte Hetz dabei, in einer Hand den Kontrabass zu halten und dazwischen zum Gaudium der für die Bratsche verdammten Enkelin seine Kappe vom Kopf fallen zu lassen.

Thomas Kamper (Caribaldi), Florian Lebek (Spaßmacher) © Bettina Frenzel

Immer und immer wieder, sehr zum Missfallen seines Direktors. Keiner von denen hat die geringste Ahnung, was in den Noten dieses ominösen Franz Schubert steht und wie man diese in so etwas wie Musik umsetzen könnte. Caribaldi selbst ist ein Cello-Gourmet. Er besitzt davon zwei Stück, eines für den Vormittag und eines für den Abend, aber abhängig davon, ob man sich südlich oder nördlich der Alpen befindet. Mit dem Kolophonium hat er so seine Probleme. Es gleitet ihm ständig aus der Hand und muss von Jongleur unter dem Garderobekoffer hervorgeholt werden. In der allgemeinen Disziplinlosigkeit hilft auch sein stereotyp wiederholter Ausruf „Morgen Augsburg!“ wenig. Es bleibt bis zum letzten versuchten Ton eine verunglückte Probe.

Florian Lebek (Spaßmacher), Régis Mainka (Dompteur) © Bettina Frenzel

Thomas Kamper ist ein beeindruckender Zirkusdirektor Caribaldi, der seine Mitarbeiter drangsaliert und selber daran beinahe zugrunde geht. Bernhard hat dieser Rolle den meisten Text zugedacht, beinahe einen durchgehenden Monolog, der lediglich vom Jongleur (Dirk Warme) unterbrochen wird, wenn er von einem in Aussicht stehenden Engagement beim Circus Sarrasani faselt, um seinen Marktwert in die Höhe zu treiben. Die reizende Enkelin Glenna Weber dagegen ist ihrem Opa treu ergeben.

Sie bringt ihm das Lavoir fürs Fußbad, übt auf dessen Geheiß unverdrossen die richtige Verbeugung und zeigt, dass auch für Seiltänzerinnen gekonnter Spitzentanz möglich ist. Der Dompteur hat mit Régis Mainka seine sehr menschliche Verkörperung gefunden. Zuerst ist er der durchaus sympathische Bursch, der sich vorm Tastenklopfen mit einer Gipshand entzieht, um am Schluss voll besoffen vor dem Piano umzufallen und so dem Musizieren entgeht.

Der Spaßmacher (Florian Lebek) ist die armseligste Kreatur in dieser Wander-Manege. Das Publikum lacht eben nur, wenn der Clown besonders ungeschickt hinfällt, hilflos über den Boden kullert und seine bunte Haube zu Boden fällt. Sie alle, also das ganze Ensemble, lassen in der SCALA Wien dieses Stück in der Regie von Rüdiger Hentzschel zum Erlebnis werden, das ungeniert auch eine durchaus humorige Seite des als Misanthropen verschrienen Thomas Bernhard zu Tage fördert.

Glenna Weber (Enkelin), Dirk Warme (Jongleur) © Bettina Frenzel
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