Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Höllenangst Ensemble © Bettina Frenzel

HÖLLENANGST teuflisch schwarzer Nestroy zum Fürchten

Philipp Stix, Bernie Feit © Bettina Frenzel

Dumm genug, wenn einer sich beinah´ zu Tode fürchtet

Es gibt bei Nestroy selten wirklich Gute. Wenn sie nicht gerade ausgewiesene Bösewichter sind, dann sind sie entweder Saufbolde, bis zur Narretei unglücklich Verliebte, abgedrehte Dienstleut´ oder lautere Dummköpfe. Ein Prachtexemplar aus der letzten der vier Gattungen harmlos schräger Gestalten ist Wendelin, Sohn des Flickschusters Pfrim. Es genügen ein Gewitter und die Red´ vom Teufel, und schon ist er da, hinterlässt ein Säckchen mit Golddukaten und einen Mantel, der mit seinem roten Futter so ganz ins Schema passt. Dass er dafür nicht die Seele, sondern nur Jacke und Hut von Wendelin geliehen hat, um unerkannt entkommen zu können, entgeht dem Burschen. Das muss der Teufel persönlich gewesen sein, ist Wendelin überzeugt und fängt an, sich höllisch zu fürchten. Sein durchaus arbeitsscheuer Vater sieht die Sache eher pragmatisch. Endlich ist Geld im Haus, mit dem er seine Saufereien finanzieren kann. Außerdem, so glaubt er zu wissen, schließt der Teufel immer befristete Kontrakte. Wenn es zehn Jahre sind, dann haben sie neun davon noch vor sich.

Matthias Tuzar, Magdalena Hammer © Bettina Frenzel

In denen schwimmen sie im Reichtum und im zehnten pilgern sie eben nach Rom, wo man Wendelins Seelenheil schon retten wird. Wenn wir heute darüber in Lachen ausbrechen, dann bleibt dieses im Halse stecken, wenn man nur etwas genauer hinschaut. Geschrieben hat Johann Nestroy diese Posse mit Gesang im Jahr 1849, also unmittelbar nach der niedergeschlagenen Revolution. Man hat ihn dafür nicht geliebt, das Stück wurde von der Kritik vernichtet und vom Publikum, das sich dadurch verspottet sah, abgelehnt. Dazu kommt, dass hinter der Angstgeschichte bei aller Gaudi politische Zustände gezeichnet werden, die frappant an unsere jüngste Vergangenheit erinnern, die nun Stück für Stück, Pücherei um Pücherei zu Tage gefördert wird.

Leopold Selinger, Peter Fuchs, Philipp Stix © Bettina Frenzel

An diese Aktualität knüpft sehr deutlich auch die Inszenierung von Bruno Max in seinem Theater zum Fürchten an, ohne sich vom Original aus dem Nachmärz feige in die Gegenwart zu flüchten. Bühne (Bruno Max), Kostüme (Anna Pollack) und Maske (Gerda Fischer) sind sanft an die damalige Zeit angelehnt und ersparen damit dem Zuschauer den oft mühsamen Einsatz eigener Phantasie, um Nestroys Texte mit der Umgebung, in der sie gesprochen werden, in Einklang bringen zu können.

Dazu kommt ein Ensemble mit vielen dieser Bühne treuen Gesichtern. Als rechtschaffener Freiherr von Reichenthal ist Georg Kusztrich auf der Flucht vor dem mit allen schmutzigen Wassern gewaschenen Baron von Stromberg (Leopold Selinger) und dessen politischen Handlager, dem Staatssekretär von Arnstedt. Peter Fuchs hat sich als erschreckend ähnliches Abbild eines einstigen Innenministers für den Auftritt auch ohne Pferd den Szenenapplaus wahrlich verdient, wenngleich er eine Hausdurchsuchung Marke BVT anordnet. Der Oberrichter von Thurming wird taxfrei zum Teufel ernannt, wobei Matthias Tuzar das seine durch diabolisches Grinsen dazu beiträgt, diese Illusion zu vertiefen. Er hat in geheimer Hochzeit das Mündel von Stromberg, Baronesse Adele (Magdalena Hammer), geheiratet, kann die Ehe aber nur bei Nacht und mittels halsbrecherischem Ersteigen einer Strickleiter vollziehen. Er gerät dabei in die Behausung der Familie Pfrim, in der Eva (Sibylle Kos) mit dem Reparieren von Schuhen und ihr Gatte mit dem Ausschlafen seines Rausches beschäftigt sind. Bernie Feit läuft in der Rolle des Pfrim zur Höchstform auf. Er klopft auch ohne Schusterhammer die Umgebung samt Teufel weich, um seine Forderungen an höchster bzw. tiefster Stelle durchzusetzen. Als sein Sohn Wendelin beherrscht Philipp Stix neben anderen Tänzen den Moonwalk und hat mit Ketten und Kugel, die ihm vorübergehend angelegt wurden, mit den Gefängniswärtern (auch als Gendarmen und geheimnisvolle Erscheinungen: Michael Werner, Leonhard Srajer, Philipp Schmidsberger, Valentin Ivanov) außerordentlich viel Spaß.

Aber in seiner Dummheit ist er stur und lässt sich die peinigende „Höllenangst“ auch von dem ungemein backschierlichen Dienstmädchen Rosalie (Johanna Rehm) nicht ausreden. Verständlich daher, dass er beim Heiratsversprechen ihre Ansage „Auf ewig!“ vorsichtshalber einschränkt: „Nein, vor der Hand nur auf Zeitlebens, das ,ewig´ mahnt mich an die Teufelskontract. Bis jetzt hab´ ich mir´s nur eingebild´t, dass ich dem Satan zugehör´, ich hoffe nicht, dass du es zur Wirklichkeit machst.

Bernie Feit, Johanna Rehm, Matthias Tuzar © Betinta Frenzel
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